Posts mit dem Label Sportswriting werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sportswriting werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

23. Mai 2008

Mr. Jordan hat den Blues

Der amerikanische Journalist Pat Jordan ist ein guter Schreiber. Wenn auch einer, der zunehmend mit den Macken der Zunft hadert. Was nicht nur an seinem Alter liegen kann. Eher schon an seinen Idealvorstellungen von einer Welt, in der Magazinautoren viel Geld dafür bekamen, relativ wenig zu schreiben, und bei ihren Ausflügen in den Alltag des Profisports viel Zeit zugestanden und alle Spesen erstattet bekamen. Das funktionierte solange wie Magazine wie Sports Illustrated mit ihren langen Porträts das Image von Athleten nachhaltig geprägt haben und stark und unabhängig auftraten und sich Autoren suchten, die Lesestoff ablieferten, dem man anderswo nicht finden konnte.

In Deutschland hat man dieses Paradies nur ein paar Jahre gehabt. Damals, als das Monatsmagazin Sports existierte und seinen Lesern eine ungewöhnliche Wundertüte aus Reportagefotografie und abgelegeneren Themen servierte. Es war wirtschaftlich nie tragfähig und wanderte irgendwann auf den Zeitschriftenfriedhof. In den USA hingegen enstand im Magazinsektor eine ganze Ära, die obendrein noch ein anderes Medium belebte: Sportswriting in Buchform - die Idolisierung von Athleten zu kulturellen Meilenstein durch das gedruckte Wort.

Aus der Halbdistanz konnte man so etwas einfach nur bewundern. Genauso wie man es bedauert, wenn es sich überlebt und nur noch ein paar sentimentale Gedanken abwirft, die der besagte und begabte Pat Jordan jetzt in Slate abgeliefert hat. Sein Fazit: das Fernsehen hat die Athleten zu einer Art von Hollywood-Stars gemacht, weil es einerseits die extrem hohen Gehälter finanziert und andererseits durch seine Quickie-Interview-Kultur die Aktiven in dem Gefühl bestärkt: Es gibt nur ein relevantes Medium. Die vielen Jungs von der Print-Karawane sind nur Schmeißfliegen oder Kamele. Ihrer Kunst misst niemand mehr einen besonderen Wert zu.

Mal abgesehen von der Sentimentalität, die solche Entwicklungen bei jenen auslösen, die sich gerne daran erinnern, dass alles mal viel schöner und besser war: Jordan hat mit seinem Blues ungewollt eine Erklärung dafür geliefert, weshalb Sportblogs so populär sind. Tatsächlich hat das geschriebene (vormals gedruckte) Wort nämlich überhaupt nicht seine Bedeutung im Kontext des Medienalltags verloren. Es kommt einfach ohne direkten Zugang zu den nicht mehr zugänglichen Sportlern daher. Es entsteht in den Köpfen der Leute, die sich ihren Teil denken, wenn sie Fernsehübertragungen und Nachrichten verfolgen. Und es hält sich nicht auf mit dem Problem, dass man Spiele live in der Arena sehen muss, wo sie doch im Fernsehen viel informativer abgehandelt werden. Es ist auch keine ausgiebige, langwierige, analytische Betrachtungshaltung mehr, die sich darum bemüht, eine ohnehin nur beschränkte Zahl von Archetypen des Sports so hautnah wie möglich zu beschreiben (Archetypen wie den Sieger, den Verlierer, den Aufsteiger, den Comeback-Meister, den Durchgeknallten, den Philosophen oder den Clown). Sondern es handelt sich um spontane, improvisierte, vergnügte, inspirierte Einmischung. Eine, die sich im optimalen Fall schamlos und rücksichtslos über diese Einschränkungen hinwegsetzt, über die ein Mann wie Pat Jordan zu Recht klagt: Dass man nicht mehr an die Stars herankommt (wie früher). Und dass sie einem wenn überhaupt, nur wenig Zeit schenken.

Zu diesem Thema wird es sicher immer mal wieder etwas zu Schreiben geben. Für heute sollte der Hinweis auf den Jordan-Text genügen (via The Big Lead). Über Jordan kann man natürlich auch etwas lesen, nämlich hier.

4. April 2007

Pilgerstätten für eine banale Sehnsucht: Einmal dabei sein

Ich habe nicht die Absicht, das Geld für das neue Buch von Jim Gorant auszugeben, das bereits in seinem Titel verrät, um was es geht: Fanatic: Ten Things All Sports Fans Should Do Before They Die. Erstens, weil ich gar nicht in die Verlegenheit kommen möchte, seine Liste von Veranstaltungen, die man allesamt einmal im Leben besucht haben sollte, mit meinen eigenen Eindrücken abzugleichen. Zweitens, weil ich etwas gegen das Konzept habe, alles und jedes auf eine übersichtliche Zehn-Punkte-Liste zu reduzieren. Drittens weil die amerikanische Sicht der Welt einfach sehr beschränkt ist und nur bedingt als Vorlage für Handlunganweisungen jedweder Art taugt. So hat Gorant als einzigen Ort außerhalb der USA, der vor ihm bestehen kann, die Anlage der All-England-Championships in Wimbledon für sein Kompendium berücksichtigt. Und viertens weil der Erlebniswert des Besuchs einer Prestige-Sportveranstaltung zum Besuch eines Rummelplatzes ausgeartet ist. Überall wird gehökert - T-Shirts. Kappen. Hot Dogs. Bier. Man kann sonntags mit ebenso viel Vergnügen seine Hartplatzhelden genießen und erlebt dort viel unmittelbarer, was Sportbegeisterung ist.

Gorants Buch-Idee entspringt einer typisch amerikanischen Vorliebe für die Überhöhung des Banalen, verbunden mit einer heimlichen Sehnsucht nach Pilgerstätten, wie sie etwa im Islam verankert ist. Das kommt davon, wenn man Profiligen organisiert, in denen Mannschaften achtzigmal pro Saison spielen (Basketball und Eishockey) oder 160mal (Baseball). Und wenn man dauernd Hallen und Stadien abreißt und neue luxuriöse Entertainment-Schuppen baut, die wieder gesprengt werden, ehe sie auch nur Patina ansetzen können.

Ganz abgesehen davon: Zu einer Veranstaltung wie dem Masters in Augusta haben Normalsterbliche (pardon the pun) gar keinen Zugang (Es sei denn sie bezahlen auf dem Schwarzen Markt ein horrendes Geld, was die Erwartungen auf das Erlebnis zwar steigert, aber nicht vor der einsetzenden Enttäuschung angesichts der Realität schützen kann.) Das Masters besuchen tausende von Dauerkartenbesitzer, die sich wie eine besondere privilegierte Kaste fühlen. Leider wird das in dem Ausschnitt aus seinem Buch, das golf.com publiziert hat, nicht mal erwähnt (danke an foremenblog für den Hinweis auf die Fundstelle)

Übrigens: Das Turnier beginnt morgen. Tiger Woods ist Favorit. Phil Mickelson hat wieder zwei Driver im Bag. Und der neue Mann an der Spitze des ausrichtenden Clubs, der berühmt dafür ist, keine Frauen als Mitglieder aufzunehmen, ist ein bekanntes Gesicht. Billy Payne hat übernommen. Das ist der Mann, der die Olympischen Spiele 1996 nach Atlanta geholt und geleitet hatte. Eine Jubiläumsveranstaltung, gewiss. Aber wenn man heute nach Atlanta kommt, findet man in den Straßen der Stadt nicht mal Spuren von ihr (abgesehen von einer Freifläche mit einem Springbrunnen).

30. Dezember 2006

Zeit zum Lesen: Geschichten mit dem Siegel "Erste Sahne"

Bevor wir hier nostalgisch werden (es ist Jahresende und da kommen einem alle möglichen Dinge in den Sinn) und zu irgendwelchen Reminiszenzen an das vor langer Zeit verblichene Magazin namens Sports anheben: Es gibt sie immer noch, die Medienoutlets, die feine Lesegeschichten publizieren. Nur nicht in Deutschland, wo man vermutlich nirgendwo eine Reportage über einen Sportler in Auftrag geben würde, der vor 15 Jahren zu den größten Talenten gehörte, aber dann im dunklen Tann verschwand. Oder einen Schriftsteller bitten würde, sein Porträt eines der besten Tennisspieler aller Zeiten zu schreiben.

Zum Glück entstehen solche Texte aber immer noch in den USA, wo man eine Tradition im Sportjournalismus pflegt, in der sich Nachdenken, Beobachten, Recherchieren und stilvoll Schreiben zu einem eigenen Genre vermischt haben, das man sportswriting nennt. Seit geraumer Zeit widmet der Buchverlag Houghton Mifflin diesem Genre einen alljährlichen Sammelband, der jeweils von einem anderen prominenten Autoren zusammengestellt wird. Man kann die Bücher bei amazon finden. Obwohl: die Liste scheint nicht komplett.

Wer weniger Interesse oder weniger Zeit hat, sich auf diesem Wege einzulesen, sollte mal auf folgende Website der Online-Ausgabe des Wall Street Journal klicken. Die Überschrift - The Best Sports Columns of 2006 - ist irreführend. Tatsächlich haben die beiden Kollegen aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Texte ausgewählt. Sehr gut ausgewählt, muss man sagen. Besonders die Geschichte von Wayne Coffey in der New York Daily News über den ehemaligen Pitcher Brien Taylor ragt heraus. Wenn man sie liest, erfährt man nicht nur ein ordentliches Stück über die amerikanische Gesellschaft (um Baseball geht es nur am Rande) und über das Leben in einem armseligen Teil von North Carolina, wo Hautfarbe noch immer ein wichtiger Faktor für Erfolg und Misserfolg sind, sondern auch über die Melancholie, die um Spitzensport herum mitschwingt und die von den hektischen Berichten im Fernsehen und in den Tageszeitungen ständig und beharrlich konsequent weggefegt wird. Es würde mich wundern, wenn dieser Text nicht im nächsten Sammelband von Houghton Mifflin auftaucht.

Aber das ändert nichts an der Frage: Weshalb werden solche Geschichten nicht rund um den deutschen Sport entdeckt, geschrieben und publiziert? Ich habe schon oft über eine Antwort nachgedacht. Im Moment fällt mir nur eine Gegenfrage ein: Vielleicht weil sie niemand lesen will? Dass es die Geschichten nicht gibt, soll mir keiner erzählen.