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12. November 2009

Kluge Bekenntnisse auf Lettermans Couch

Das bislang beste Interview mit Andre Agassi seit der Veröffentlichung seiner Autobiographie (Titel: Open) hat David Letterman auf die Beine gestellt. Weil die Enthüllungen – Drogenmissbrauch und künstliche Haare – keine Nachrichtenwert mehr haben, schlägt der Showmensch eine andere Route ein, um den ehemaligen Tennisspieler zum Reden zu bringen. Das Resultat: kleine, aber kluge Bekenntnisse zur Psychologie des Sports und den Tennisspiels im besonderen: "Da musst du nicht gut sein, sondern nur besser als der Gegner. Das ist wie bei einem Wettbewerb, bei dem man sich gegenseitig anstarrt." Agassi wäre, so sagt er, lieber Mannschaftssportler geworden, um in etwas mitwirken zu können, dass größer ist als er selbst. Sein Vater, der ihn früh in die Misere trieb, aus der er sich erst nach der großen Selbstbefragung nach der Leistungskrise der neunziger Jahre herausarbeiten konnte, hat sich über die in dem Buch enthaltene familieninterne Abrechnung nicht weiter aufgeregt. Der allzu geldfixierte Erzeuger sagte seinem Sohn: "Ich würde alles genauso machen. Mit einer Ausnahme: Ich hätte dich Baseball oder Golf spielen lassen sollen. Da ist man länger im Geschäft."
Blick zurück: Die Ankündigung der Memoiren im Jahr 2007 mitsamt den Angaben zum Autorenhonorar und einer Fehleinschätzung: Agassi hatte tatsächlich noch ein paar interessante Details aus seinem Leben auf Lager

24. September 2009

Der Klingelbeutel: Mach mal 'nen Punkt

Eine bestürzende Zahl: Seit dem Jahr 2000 wurden insgesamt 458 NFL-Profis von der Polizei festgenommen. Festnahme bedeutet nicht Verurteilung, aber zumindest einen Anfangsverdacht. Eine Zeitung in Kalifornien, die San Diego Union-Tribune, archiviert die einzelnen Fälle (via The Big Lead).

• Die drohende Aussperrung der NBA-Schiedsrichter, deren Gewerkschaft sich nicht mit der Liga einig wird, produziert eine kuriose Form der Anspruchslosigkeit. Zu den Referees, die als Ersatzkräfte eingesetzt werden sollen, gehört ein Mann, der vor Jahren wegen Unfähigkeit gefeuert wurde.

• Boxer Floyd Mayweather jr. schuldete der amerikanischen Steuer vor ein paar Tagen noch 5,7 Millionen Dollar für das Jahr 2007. Weil er das Geld auftreiben konnte, wurde seine Börse vom Wochenende nicht gepfändet. Mayweather siegte in einem einseitigen Kampf.

• Eine Geschichte, wie man sie gerne häufiger lesen würde: über das 25jährige Jubiläum eines Ballwechsels im Tennis, der 29 Minuten dauerte und bei dem Punkt erst entschieden wurde, als die beiden Frauen den Ball 642mal über das Tennis geschlagen hatten. An die Namen der Spielerinnen kann sich kein Mensch mehr erinnern. Dafür dank der New York Times nun an das Rekordereignis selbst.

13. September 2009

Serena Williams rastet aus


Es lohnt sich, diese sechs Minuten Zeit aufzubringen, um die Entwicklung und den Ausgang des bizarren Geschehens bei den US Open in Flushing Meadows am Samstagabend nachzuvollziehen. Das simple Faktum: Serena Williams verliert das Match gegen Kim Clijsters, als der Schiedsrichter der Belgierin den Matchball zuspricht, weil die Amerikanerin eine Linienrichterin beschimpft hat. An dieses Match werden sich vermutlich noch lange viele Leute erinnern. Nicht nur die Zuschauer im Arthur-Ashe-Stadion, die zunächst gar nicht nachvollziehen konnten, welches Drama sich auf dem Platz abspielt. Die Erinnerung wird mit dem Namen Serena Williams gekoppelt sein und kaum mit dem von Clijsters, die an diesem Abend auf jeden Fall die bessere Spielerin war. Das Verhalten von Williams war deshalb so teuer, weil sie bereits im Verlaufe der Begegnung eine Verwarnung erhalten hatte. Die nächste Eskalationsstufe der Disziplinarstrafen im Tennis ist der Punktverlust. Wobei Verlust in dem Fall nicht wörtlich zu nehmen ist. Denn dem zu bestrafenden Spieler wird nichts abgezogen, sondern dem Gegner wird der Punkt gut geschrieben.

Auslöser der Konfrontation war ein Fußfehler von Serena Williams beim zweiten Aufschlag zum Punkt davor. Diese Entscheidung provozierte die 27-jährige dazu, auf die Linienrichterin zuzugehen und in einer drohenden Haltung zu beschimpfen. Was sie rief, wollte sie in der Pressekonferenz nicht wiederholen. Zunächst tat sie so, als habe sie die Worte vergessen. Später weigerte sie sich, den wartenden Journalisten die Details zu zu schildern. Die Begründung: Sie habe das bereits hinter sich gelassen.

Tennis.com vermochte zumindest, den Kernsatz der Tirade von Williams aufzuschnappen und nahm in der Berichterstattung hinterher nach amerikanischer Manier die Schimpfwörter heraus (vermutlich benutzte sie zweimal das Wort "fucking"): "I swear to God, I'll [expletive] take this ball and shove it down your [expletive] throat, do you hear me?"

Der ganze Beitrag jedoch bestand aus einer umfangreichen Rechtfertigung ihres Verhaltens. Williams habe jedes Recht gehabt, wütend auf die Fußfehler-Entscheidung zu reagieren. "Das war eine schreckliche, dumme, grauenhafte, alberne Entscheidung." Eine solche Solidaritätserklärung
wirkte so, als habe das Fachorgan ein Interesse daran, sich mit der Williams-Familie gut zu stellen. Das Argument, dass ein Linienrichter in einer solchen Situation nicht die Regeln konsequent anwenden soll, ist aburd und entspringt einer in den USA oft gepflegten Betrachtungsweise des Ablaufs von sportlichen Wettbewerben. Danach gelten die letzten Punkte oder Treffer gegen Ende eines Spielabschnitts oder gegen Ende einer Begegnung als bedeutungsvoller als all die anderen. Diese Einschätzung ignoriert die Prinzipien der Arithmetik. Denn tatsächlich zählt jeder Punkt und jedes Tor exakt genausoviel – auch in einer Sportart mit einer altertümlichen Art des Zählens (15:0, 30:0, 40:0). Ihr Ursprung dürfte der in Amerika gepflegte und vom Fernsehen gespeiste Highlight-Kult sein, der ausschließlich von ausgewählten Momenten lebt und sich keinen Deut um Abläufe, Entwicklungen, Strategie und Taktik schert.

Kein Wunder, dass anlässlich eines solchen Moments die Argumentation gegen das Regelelement "Fußfehler" im Tennis hervorgekramt wird. Die Beschwerde geht so: Der Profi habe keinen wirklichen Vorteil, wenn er von einem Punkt ein paar Zentimeter näher am Netz zum Aufschlag abspringt. Das wirkt logisch, macht aber keinen Sinn. Denn die Linie ist die Linie ist die Linie. Sie ist Teil des Spiels und wird auch in anderen Situationen immer wieder Meinungsverschiedenheiten produzieren. Die eigentliche Frage in diesem Zusammenhang wäre eher: Warum setzt man nicht hier, wie auch bei anderen Konstellationen im Tennis die Technik ein. Denn niemand weiß bis heute ganz genau, ob es überhaupt ein Fußfehler war.

Blick zurück: Lieber essen und meckern

9. September 2009

US-Open-Sensation Oudin flog aus ihrem Hotel

Die 17-jährige Tennisspielerin Melanie Oudin lebt trotz ihrer Erfolge noch immer so wie einst. Bei ihren Hotelbuchungen in einer Turnierstadt plant sie nicht mit langen Aufenthalten. Und für die Bedürfnisse in der knapper werdenden Freizeit hat sie einen boyfriend, der zwei Jahre jünger ist. Oudin, die nacheinander in überraschender Manier bei den US Open die russische Eliteliga mit Spielerinnen wie Jelena Dementjewa, Maria Scharapowa und Nadja Petrowa aus dem Weg räumte, spielt heute abend im Achtelfinale Viertelfinale in Flushing Meadows gegen die Dänin Caroline Wozniacki. Die Amerikanerin musste sich kurz zuvor ein neues Hotel suchen. Sie hatte sich ins Marriott am Times Square eingebucht, wurde dort aber auf die Straße gesetzt. Eine solche Behandlung passiert nur wenigen aufstrebenden Sportstars und hat der Hotelkette schlechte Public Relations eingehandelt. Oudin kam trotzdem unter - im International (vermutlich ohnehin das bessere Haus). Bei genauem Hinsehen würde man eher dem Manager des Teenagers einen blauen Brief schreiben. Um was kümmert sich der eigentlich den ganzen Tag lang? Mehr über den frischen Ruhm der kleingewachsenen Defensivkünstlerin gibt es hier (auch mehr über den boyfriend).

Nachtrag: Oudin verlor heute abend das Spiel klar in zwei Sätzen. Trotzdem werden die Zeitungen morgen sich morgen erneut mit ihrem Umfeld beschäftigen: Das Ehescheidungsverfahren ihrer Eltern bringt so viele saftige Details ans Licht. Ihre Mutter soll ein Affäre mit ihrem Trainer gehabt haben.

31. August 2009

Der Klingelbeutel: Wenn die guten Geister ausbleiben

Nach einer Schulteroperation und einer langen Pause hat Maria Scharapowa Mühe, den Ball ins Spiel zu bringen. Mehr Doppelfehler denn je. Ihre Probleme haben mit einem veränderten Bewegungsablauf beim Aufschlag zu tun. Der soll gesünder sein für die lädierte Schulter. Das Wall Street Journal hat eine Statistik zum Thema und vergleicht die Werte unterschiedlicher Tennis Ladies miteinander. Der Name Lisicki steht auch auf der Liste. Ach, ja: Heute beginnen die US Open.

• Die Eigentümer der New York Giants haben ein Loch in der Tasche, durch das ihnen 300 Millionen Dollar abhanden gekommen sind. Sie gehören zu den Gläubigern der Konkurs gegangenen New Yorker Investmentbank Lehman Bros., mit deren Hilfe sie Geld zur Finanzierung des neuen Stadions (1,6 Milliarden Dollar) auftreiben wollten. Lehman ging in den ersten Tagen der Finanzkrise unter (und pumpte dadurch die akuten Ängste der Anleger weltweit in nervöse Höhen, während andere Finanzinstitute von der amerikanischen Regierung und der Bundesbank mit enormen Mitteln über Wasser gehalten wurden. Die finanzielle Unterstützung tröpfelt mittlerweile wieder in den Staatshaushalt zurück. Die New York Times berichtet, dass sich der Gewinn für den Steuerzahler bislang auf 4 Milliarden Dollar beläuft. Was aus der angeschlagenen CitiBank (Namensgeber für das neue Stadion der New York Mets) und der noch krankeren Versicherung AIG wird, muss man abwarten. Dort könnte der amerikanische Staat weiter mehr verlieren, als er bisher gewonnen hat.

Das Stadion der Giants ist übrigens kein mit guten Geistern ausgestattetes Projekt. Man erinnere sich an die Episode rund um die Namensrechte für die deutsche Firma Allianz. Selbst mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs, werden Unternehmen, die einst vom Holocaust profitiert haben, nicht den Schattender Vergangenheit los.

• Nach ein paar Wochen der Twitter-Lektüre des geistigen Outputs von Sportlern wie Ian Poulter, Brad Ocho Cinco, Shaquille O'Neal und Shawn Marion zeigt sich: je extrovertierter desto nichtiger. Spannend ist es nur bei Leuten, bei denen nicht klar ist, ob sie's wirklich sind oder ob jemand unter ihrem Namen dummes Zeug fabriziert.

10. Juli 2009

Lieber essen und meckern

Glücklicherweise schrieb er nur: "Sie ist möglicherweise der begabteste weibliche Athlet unserer Zeit." Betonung auf "Athlet" – von Tennisspieler war nicht die Rede. Denn sonst hätte man Jason Whitlock vielleicht mal einen Vortrag über die Feinheiten dieser Sportart und die mangelnden Fähigkeiten jener Dame halten müssen, um die es in seinem jüngsten Traktat geht. Um Serena Williams. Und natürlich hätte man ihm Vorhaltungen darüber machen müssen, dass eine Frau, die sehr viel mehr rohe Kraft (und Energie und Ausdauer) hat als ihre Gegnerinnen, durchaus gegen technisch bessere Spielerinnen Erfolg haben kann. Dass es also gar kein Wunder ist, dass sie die anderen von der Platte putzt. Aber zum Glück hat er sich nicht darauf versteift, sondern nur auf die Behauptung, dass Serena Williams in ihrer Karriere viel zu wenig aus ihren Möglichkeiten gemacht hat. Und auf der Basis dieser Hypothese gibt er ihr ordentlich Saures. Zitat:

"Sie würde lieber essen und halbärschig unbedeutende Turniere abspulen und sich darüber beschweren, dass sie wegen ihrer elf Grand-Slam-Titel nicht genug Respekt erhält. Sie beschwert sich darüber, dass sie auf Platz zwei der Weltrangliste steht, wenn sie nicht auf Twitter oder ihrem Blog über die die neuen Regeln in Wimbledon herummeckert, die es Spielern untersagen, in der Umkleidekabine zu essen. Ernsthaft: Wie könnte Serena auch ihre Shorts in Grösse 44 ausfüllen, ohne zwischen Spielen vor ihrem Spind zu sitzen und zu futtern?"

Blick zurück: Wenn Jason Whitlock den Mund voll nimmt, dann richtig
Blick zurück: Was Serena schon vor langer Zeit in einem ausgelöst hat und Was Leute beim Googlen suchen

23. Juni 2009

Der Klingelbeutel: Musik drin

Die Sängerin Gloria Estefan übernimmt eine kleine Tranche der Miami Dolphins. Ist da wirklich Musik drin? Immerhin gelang ihr etwas, was Celine Dion nicht gelungen ist. Die Montreal Canadiens gingen an Molson.

• Michael Stich hat in London zu Beginn des Wimbledon-Turniers, das er immerhin schon mal gewonnen hat, eine Mini-Kontroverse angezettelt. Es geht um Frauen und Tennis und um die Frage, weshalb sich Menschen wohl ernsthaft für deren Spiel interessieren. Stich, der (anders als Jermaine Jones) hervorragend Englisch spricht, wird etwas mysteriös aus dem Zusammenhang gerissen zitiert und wirkt dabei doch nur so, als ob er eine Urerkenntnis des Kapitalismus zitiert: Sex sells. Aber wer das sagt, der bekommt heutzutage gleich was vor den Koffer.

• Eishockey-Dinosaurier Chris Chelios ist 47 und hat wohl auch deshalb von den Detroit Red Wings keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Verständlich auch deshalb: Im Stanley-Cup-Finale saß er nicht mal auf der Bank. Trotzdem will er weitermachen. Irgendwo in der NHL.

• Irgendjemand bei den Boston Celtics ist nicht mit dem Kader zufrieden. Nehmen wir mal an, es handelt sich dabei vor allem um Manager Danny Ainge. Sonst wäre nicht neulich folgendes Tauschgeschäft ins Gespräch gebracht worden: Ray Allen und Rajon Rondo für Tayshaun Prince, Richard Hamilton und Rodney Stuckey von den Detroit Pistons. Aus der Sache wurde nichts.

• Der Chef der mächtigen Baseballspieler-Gewerkschaft gibt seinen Posten auf. Donald Fehr geht nach nach 26 Jahren im Amt. Er ist 61 und wird den Leuten wegen drei Dingen im Gedächtnis bleiben: Der Streik in den neunziger Jahren, dem eine World Series zum Opfer fiel, dem beharrlichen Verhindern eines brauchbaren Anti-Dopingreglements und den extrem gestiegenen Gehältern der Profis. ESPN hat eine Liste mit der Entwicklung der Durchschnittssummen.

13. Juni 2009

Altmetall von besonderem Wert

Es gibt einen Mannschaftswettbewerb, für den im Jahre 1900 von einem Harvard-Studenten namens Dwight Filley Davis ein Pokal gestiftet wurde. Genau genommen ist es eine Schüssel. Das passierte acht Jahre, nachdem der damalige Generalgouverneur von Kanada den Dominion Hockey Challenge Cup auslobte. Der Herr hieß Lord Stanley of Preston. Und wie sah seine Hinterlassenschaft aus? Wie eine Schüssel.

Gefäße aus Silber mit und ohne Deckel, mal bauchig, mal gertenschlank, die sich gut in Glasvitrinen machen, sind so etwas wie die mysteriösen Legate an uns aus jener Zeit, als sich Mannschaftsportarten formierten und Leute Regeln in praktische Handhabungen auf den Sportplätzen umgossen. Man könnte auch sagen: Lang ist's her. Aber immer mal wieder wird man durch schnell hingeworfene Aussagen wie "die älteste Mannschafts-Trophäe der Welt" daran erinnert, das sie noch mit uns sind – die "Trophäen" von einst. Wobei die Schüssel von Lord Stanley womöglich dieses Etikett gar nicht verdient hat. Nicht nur, weil die Übersetzung des Wortes trophy extrem daneben geht. Ein Umstand, an den wir dank Wikipedia erinnert werden: Demnach versteht man im deutschen Sprachgebrauch unter "Trophäe" zumindest seit 1905 Dinge wie im "Kampf eroberte Fahnen, Standarten und Geschütze, auch Zusammenstellungen von Waffen" und feindliche Besitztümer aller Art, natürlich auch Geweihe und Schrumpfköpfe. Pokale im Sport sind nicht darunter. Und abgesehen davon: Der Stanley Cup gehört jeweils ein Jahr lang dem Gewinner der NHL-Playoffs. Dann muss er ihn wieder herausrücken.

Das Problem mit dem Superlativ "älteste" wäre allerdings noch etwas größer. Denn so gab es ab 1872 zumindest den FA Cup, der 1895 aus dem Schaufenster eines Schuhgeschäftes in Birmingham gestohlen wurde und auf immer verschwand und mit einem Nachfolgeexemplar ersetzt wurde. FA steht übrigens für Football Association und demnach für eine Mannschaftssportart. Man darf annehmen, dass Lord Stanley die Idee für die Schüssel für die Eishockeyspieler in der Kolonie Kanada aus dem Mutterland kopiert hat.

Jetzt könnte natürlich jemand argumentieren und sagen: Weil der Pokal von Lord Stanley (verlängert um einen massiven Sockel) noch existiert und keiner weiß, wo der alte FA Cup abgeblieben ist (vielleicht wurde er sogar eingeschmolzen), ist er älter. Aber das ist natürlich ein Scheineinwand. Denn die Information darüber wie alt ein Pokal ist, ist ziemlich unerheblich im Vergleich dazu, wie alt der Wettbewerb ist, in dessen Rahmen er ausgespielt wird. Also zum Beispiel wie beim America's Cup, dem von vielen Rechtshändeln bestimmten Segelwettbewerb. Dessen Pokal stammt aus dem Jahr 1851 und ist damit die "oldest active trophy in international sport". Ich überlasse es mal anderen, diese Sprachkonstruktion vernünftigt zu übersetzen. Genauso wie ich mir eine Entscheidung darüber spare, ob das Segeln mit mehr als zehn Mann an Bord, die alle perfekt aufeinander abgestimmt synchron arbeiten müssen, wenn sie gewinnen wollen, eine Einzelsportart oder eine Mannschaftssportart ist.

Übrigens ist die NHL und ihr System, den Meister zu ermitteln, nicht so alt wie der Cup. Die Liga ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts und hat den Pott in den zwanziger Jahren einfach ursupiert und kam damit auch juristisch durch, als man 1947 den Umgang mit dem Ding in ein rechtsverbindliches Papier goss.

1. Juni 2009

Das schreiende Kind geht Zuschauern auf die Nerven

Die French Open haben einen Namen aus dem Frauensegment nach oben gespült, den man sich nicht so einfach merken kann: Michelle Larcher de Brito aus Portugal via Nick Bollettieris Knüppelschule in Florida. Aber was man sich durchaus merken kann, sind die seltsamen Schreie, die dieses 16-jährige Tenniskind bei jedem Schlag aus sich herauspresst. Es handelt sich um eine Zumutung, die nicht nur den Gegnerinnen auf die Nerven geht. Die Londoner Times berichtet von Zuschauerreaktionen an den Fernsehapparaten in Australien. Da wurden von verständnislosen Zuschauern gleich reihenweise die Apparate abgeschaltet. Die Zeitung berichtet aber auch über das eigenartige Regelverständnis des Hauptschiedsrichters von Roland Garros, der trotz mehrerer Proteste einer Gegnerin nichts unternahm, um den Lärm abzustellen. Gegen die Portugiesin ist übrigens die ebenfalls unerträgliche Maria Scharapowa ein Waisenkind. Hier ein Larcher-Fund von einem Turnier in Montreal im letzten Jahr, der das Problem klar und vernehmlich einfängt.).

31. Mai 2009

"I mean, I go for it"

Zum langen Wochenende mal ein Schnipsel vom Tennis in Paris, der einen faszinierenden Ballwechsel zwischen dem Franzosen Gaël Monfils und dem Österreicher Jürgen Melzer zeigt (und nicht die Williams-Schwestern oder Roddick oder Kohlschriber oder Haas). Artistik und Fairplay in einer Sequenz und ein Breakball, der dem Stretchmeister den Weg zum Sieg ebnete.

Nach dem Match erklärte Monfils in der Pressekonferenz auf Englisch seine Einstellung mit den Worten:
"I mean, for me, like the point is never over. I mean, the ball is a little bit far, but I have to find a solution to jump or to dive or slide or whatever, I mean, to reach it. And when I think I can, I will try to ‑‑ I mean, to do like the magic is coming. So I try to do whatever, and more important point like very ‑‑ I mean, it was like break point, so you have to jump or dive. I mean, I go for it."

15. Mai 2009

Der Klingelbeutel: Game Set Match-Fix

• Es handelt sich nicht um eine Enthüllungsgeschichte der ersten Kategorie. Aber um einen sehr illustrativen Einblick in das Hirn von Menschen, die professionell auf den Ausgang von Tennisspielen wetten und darüber nachdenken, Spieler zum Manipulieren zu bewegen. Hauptfigur: ein Russe, der sich aufs Frauentennis spezialisiert hat (via the Big Lead).

• Michael Phelps war wegen der Marihuana-Posse ein paar Monate offiziell gesperrt. Jetzt ist er wieder da. Er sieht fit aus, sagen die Experten.

• Dreh dich nicht um, denn der Plumpsack geht rum: Nike streicht massiv Stellen. adidas nicht.

20. April 2009

Wenn die Musik in Charleston spielt...

Dies ist einer dieser seltenen Tage, an denen man sich fragt: Warum weißt du eigentlich nie vorher, was passiert? Es wäre doch so hilfreich. Dann wärest du rechtzeitig nach Charleston in South Carolina geflogen, um dort ein gut besetztes Tennisturnier der Frauen zu verfolgen. Und dann hättest du die Gelegenheit gehabt, ausführlich mit Sabine Lisicki zu reden. Und sicher auch mit ihren Eltern, die am Sonntag dabei waren, als die 19jährige ihren ersten großen Erfolg eintütete. Vermutlich hätten das andere auch gerne kommen sehen. Zumindest in Deutschland, wo man seit Jahren auf einen Spieler wartet, der das Zeug hat, sich bei Grand Slams wenigstens bis in die Halbfinale zu spielen. Aber wer das voraussehen will, muss den jungen Talenten auf ihren Reisen zu fernen Spielstätten folgen. Das Tennisgeschäft von heute ist mehr denn je ein nervöses Unterwegssein, das, wäre da nicht der Computer, der jedoch Woche die Weltrangliste neu ausspuckt, überhaupt keinen Sinn ergäbe.

Lisicki, das Mädchen mit dem Monster-Aufschlag, hat zumindest nunmehr jenen Teil des Geschäfts mit Bravur gemeistert, der solche Fragen regelt wie: Wer qualifiziert sich direkt für ein Teilnehmerfeld bei einem Grand-Slam-Turnier? Wer geht wem in den ersten Runden dank der Setzliste aus dem Weg? Sie kletterte im WTA-Computer von Platz 63 auf 43. Wer mehr über die Stimmung in Charleston wissen will, sollte übrigens diesen Artikel lesen. Wer mehr über die Grundlagen des Spiels von Sabine Lisicki wissen will, sollte sich vielleicht ein ganzes Traktat besorgen: Die Dissertation des Vaters Richard, eines promovierten Sportwissenschaftlers, der damals das Thema "Powertennis mit Präzision" abhandelte.

28. März 2009

Nicht ganz ohne?

Wir sollten davon ausgehen, dass die Diskussionen um die Tennisspielerin Sarah Gronert erst angefangen haben. Erstens, weil sie noch sehr weit unten in der Weltrangliste steht. Und zweitens, weil sie noch nicht so stark von internationalen Medien wahrgenommen wurde. Obwohl: Das scheint sich in diesen Tagen gerade zu ändern. Da war neulich diese Geschichte in der New Yorker Boulevardzeitung Daily News, in der solche Wörter die Überschrift bestimmten: "embroiled" (verwickelt), "controversy" (Kontroverse) und "German" (Deutsch) – wie aus einem Rezept aus dem Kochbuch des schlechten und anrüchigen Geschmacks. Dabei hat die WTA, die den Profitennissport der Frauen organisiert, ganz offensichtlich bereits die Frage beantworten können und sinngemäß gesagt, dass Gronert in die einst von Nina Hagen benannte Kategorie gehört: "unbeschreiblich weiblich". Übrigens so und so und so sehen Frauen im Tennis aus, bei denen niemand auf die Idee käme, den Chromosomensatz in Frage zu stellen.

16. September 2008

Serenas Memoiren gehen ins Geld

Wenn man die Memoiren von Pete Sampras gelesen hat, die der sehr geschätzte Tennis-Fachmann Pete Bodo in eine gute und intelligente Form gebracht hat, liegt die Latte für Selbstbespiegelung von Tennisspielern eigentlich ziemlich hoch. Solche Bücher kosten schließlich gebunden mehr als 20 Dollar. Sie sollten also Inhalte bieten, die das Geld wert sind. In Kürze: Der Mann, der noch immer den Rekord für die meisten Grand-Slam-Einzelsiege hält (knapp vor Roger Federer), war nie ein Showtyp und Blender und hat auch ein paar Jahre später Anhängern der Sportart eine Menge zu sagen. Weshalb es sehr viel Vergnügen bereitet hat, für das Schweizer Fachmagazin Smash eine ausführliche Betrachtung zu schreiben. Sie wird in der Oktoberausgabe erscheinen (die Zeitschrift stellt kaum Content online).

Irgendeine Stimme tief in einem drin sagt einem, dass das Buch auch nach dem Erscheinen der Serena-Williams-Autobiographie im kommenden Jahr als das gehaltvollere Werk dastehen wird, das mehr Einsichten in den amerikanischen Tennissport vermittelt, als die Bemühungen der Familie Williams. Aber Serenas Geschichte wird ganz bestimmt besser vermarktet werden. Das muss sie auch. Der Verleger hat bei einer Auktion 1,3 Millionen Dollar für das Manuskript ausgelobt. Um das Geld einzuspielen, müssen mehr als 500.000 Exemplare verkauft werden.

15. September 2008

"Die schönste Sportart, die es gibt"

Es gibt diesmal einen traurigen Grund, den Text von David Foster Wallace in der New York Times über Roger Federer noch einmal zu lesen. Es war ein grandioses Stück, das sich jeder sports writer mit Ambitionen hinter den Spiegel stecken darf. Der amerikanische Schriftsteller hat sich vor ein paar Tagen im Alter von 46 Jahren in seinem Haus in Kalifornien das Leben genommen. Wallace verstand eine Menge von Tennis, weil er es in jungen Jahren selbst intensiv gespielt hatte. Der Globe and Mail in Toronto, Kanadas beste Tageszeitung, hat dazu in seiner informativen Würdigung sehr viel mehr geschrieben und ein Zitat von ihm gefunden, dass seine Einschätzung gegenüber dem Spiel einfängt. Tennis sei "die schönste Sportart, die es gibt und die anspruchsvollste". Mehr über Wallace und den Roman Infinite Jest, der ihn auf die Landkarte katapultierte, hat Wikipedia. Auch in diesem Buch spielt Tennis eine Rolle. Das Buch ist fast so unverdaulich wie Ulysses von James Joyce. Aber manche Leute haben sich durchgearbeitet und ihn in die Reihe der besten 100 in den USA geschriebenen Romane der letzten 80 Jahre aufgenommen. Wallace's Buch über den Wahlkampf von John McCain des Jahres 2000, in dem er gegen George W. Bush verlor, war das letzte Stück, das im Juni publiziert wurde. Es war der Reprint eines Artikels für Rolling Stone von damals. Den Text hatte er nicht geändert, wohl aber seine Ansicht von McCain.

25. August 2008

Witze beim Tennis: Wer lacht am letzten?

Wenn man liest, was sie in diesem Jahr aufgeboten haben, um eines der bedeutendsten Tennisturniere der Welt zu lancieren, fällt einem nichts mehr ein: Box-Promoter Don King bei einer Art von Wiegen mit Roger Federer und Rafael Nadal und eine Wrestling-Parodie für einen Werbespot, den man sich bei YouTube reinziehen kann. Was kommt als nächstes?

Hatten wir neulich nicht in Wimbledon eines der besten und spannendsten Tennisfinale aller Zeiten? Ach so, die allgegenwärtige Firma Nike ist verwickelt und bezahlt diesen Spaß – Titel Grapple in the Apple – mit dem einstigen Knacki Don King, der seine Boxer regelmäßig wirtschaftlich über den Tisch gezogen hat und berühmt ist für ein kreatives Idioten-Englisch und seine Beziehung zu Mike Tyson. Die Rolle der Ausrüsterfirma erklärt die Sache natürlich schon sehr viel besser. Denn die Marketing-Leute dieser Firma interessieren sich nicht für Tennis, sondern nur für den Verkauf von Paraphernalia. Das angesprochene Turnier, die US Open, hat übrigens heute angefangen.

via Awful Announcing

5. Mai 2008

Scharapowa: 300.000 Dollar Strafe?

Für Maria Scharapowa scheint die Welt aus zwei Sorten von Leuten zu bestehen. Die eine Sorte, das ist sie. Und die andere, das sind die nützlichen Idioten, die ihr bei ihrem Versuch helfen, so viele Tennisturniere wie möglich zu gewinnen (und die dazugehörigen lukrativen Werbeverträge). So vermag sie denn auch nicht einzusehen, dass eine Untergruppe der Nützliche-Idioten-Fraktion - die WTA - von ihr hin und wieder ein paar Gegenleistungen verlangt. Die WTA sorgt für die Turniere und braucht dafür Werbefilme, um das Rad in Schwung zu halten. Offensichtlich können sich Spielerinnen, die einen WTA-Aufnäher auf dem Oberteil tragen, aus dieser Verpflichtung herausmanövrieren. Denn auch das ist Werbung. Aber Scharapowa trägt den nicht. Dafür nörgelt sie auf ihrer Webseite herum, dass sie ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit abtreten soll oder andernfalls laut den Regeln der WTA 300.000 Dollar abdrücken muss. Sie hätte gerne ein paar Ratschläge von den Fans, was sie tun soll. Dass sie sich für Hinweise von Nicht-Fans interessiert, braucht man nicht anzunehmen.

Noch eine Anmerkung: Scharapowa nennt einen Fototermin einen "shoot". Das ist die korrekte Form. Selbst wenn man in Deutschland denkt, so etwas hieße "Shooting" und das Wort pausenlos - falsch - benutzt (via SportsByBrooks)

28. März 2008

Nassgemacht

Das Ganze hieß mal Royal Tennis oder auch Real Tennis und wurde in engen Höfen gespielt. Dann kam die leisure class im viktorianischen England auf die Idee, das Spiel auf Gras umzutopfen, und nannte es lawn tennis. So weit so gut. Schon schlimm genug, dass daraus irgendwann die Varianten auf Asche und auf Bitumen entstanden und der Rasen von Forest Hills und der von Melbourne aus dem Kalender genommen wurden. Aber neuerdings reicht auch das nicht mehr. Rafael Nadal und Roger Federer haben neulich auf einem Platz gespielt, der zur Hälfte aus Sand und zur Hälfte aus Rasen bestand. Jetzt standen sich Serena Williams und Rafael Nadal auf einem Swimmingpool in Miami Beach gegenüber. Es sollte der Eindruck entstehen, die beiden spielten auf der Wasseroberfläche. Unsereins wurde dabei eigentlich nur klar, dass Wasserball auch eine schöne Sportart ist. Und niemand bisher auf die Idee gekommen ist, sie in einem anderen Milieu auszutragen.

11. März 2008

Lohn für Gartenarbeit am Abend: Kappe in schwarz

Roger Federer, Teil 2: Der Bericht über die gestrige Abendveranstaltung im Madison Square Garden in der FAZ wurde online gestellt. Der Text erscheint gedruckt in der Mittwochausgabe. Tennis hat es im Garden schon viele Jahre nicht mehr gegeben. Nachdem die WTA-Tour abwanderte, weil das Jahresabschlussturnier der Besten beim anspruchsvollen New Yorker Publikum kaum noch Stimmung entfachte, wirkte die Showveranstaltung fast schon wie eine Wiedergeburt. Montags bei einem Spiel, in dem es um nichts geht. Und 19.000 Zuschauer pilgern in die Halle - das ist schon bemerkenswert. Die wurden dann auch noch in ihrer Lust auf Prommis bedient. Tiger Woods war da und sah meistens in die Tiefe des Raumes. Donald Trump wurde gesichtet, genauso wie Anna Wintour, die Chefredakteurin der Vogue. Ich sah den Medien-Tycoon Barry Diller und verwickelte dann noch den ehemaligen Bürgermeister David Dinkins beim Herausgehen in ein Gespräch. "Das ist der beste, den es je gab", sagte der ehemaliger Politiker, dem es die Stadt verdankt, dass nicht auch die US Open irgendwann abgewandert wäre, über Federer, den die New Yorker sicher irgendwann als einen der ihren adoptieren werden. Diese Eloquenz bei den Pressekonferenzen, ständig bereit zu einem Lächeln, ein gut aussehender Metrosexueller mit einer eigenen Parfümserie, der diesmal ganz in Schwarz spielte - das gab es noch nicht. Dagegen wirkt sogar ein Ur-New Yorker wie John McEnroe, der als Kommentator fürs Fernsehen dabei war, wie ein abgewetzter Stein. Später in der U-Bahn fand ich in der Tüte mit den Gastgeschenken eine schwarze Kappe mit dem Schriftzug, den ich am Morgen nicht auf Anhieb gedeutet hatte. Dessen Magie will ich demnächst mal antesten. In unserem Country Club gibt es sechs Tennisplätze und Mitglieder, die leidenschaftlich gerne dem gelben Ball hinterherlaufen. Die sollten zumindest neugierig werden.

10. März 2008

Logo raten

Roger Federer sah heute morgen bei der Pressekonferenz in einem Restaurant am Central Park ziemlich fit aus. Aber am fittesten wirkte die rote Kappe auf dem Kopf. Die sah aus, wie angeschmiedet. Man schaut die ganze Zeit drauf und denkt: Was soll dieses Logo, das aus einer Andeutung von zwei Buchstaben besteht bloß sagen? Ist das eine neue Sache von Nike? Und dann geht einem plötzlich ein Licht auf: Es sind die Anfangsbuchstaben von dem Mann unter der Kappe: RF. Und ja. Nike steckt dahinter. Federer sah nicht nur fit aus, sondern war auch locker drauf, was das Antworten von Fragen angeht. Pete Sampras, sein Gegner heute abend im Madison Square Garden, wirkte ebenfalls extrem gut gelaunt. Die Halle ist übrigens ausverkauft - 19.000 Leute wollen den Schaukampf sehen. Mehr darüber in umfangreichen Berichten in der Mittwochausgabe vom Tages-Anzeiger und von der FAZ.