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11. Mai 2009

Red Sox: Doping-Tipps vom Doktor?

Wir hatten das bereits in anderen Sportarten: Dopende Sportler sind gewöhnlich nicht nur Einzelgänger und Hasardeure, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, weil sie Angst haben, andernfalls ihren Job zu verlieren. Hinter massenhaftem Doping steckt meistens eine gut verschleierte, verharmloste und verharmlosende Kompetenzstruktur, die sich nur selten einmal zu rechtfertigen oder gar Konsequenzen zu tragen hat (Warten wir mal ab, wie sich die Causa rund um die Freiburger Ärzte noch entwickelt).

Natürlich dauert es manchmal Jahre, bis irgendjemand einen Beitrag leistet, um den Schleier zu lüften. Den Fall haben wir jetzt im Baseball in Boston (dem ehemaligen Club von Manny Ramirez), wo man immer so tut, als besäße man keine schmutzige Unterwäsche. Interessant: Nicht, dass (wie jetzt herauskommt) ein Arzt den Spielern der Red Sox ganz offensichtlich Informationen gegeben hat, wie sie mit Nadeln und Spritzen umgehen müssen, wenn sie sich Anabolika geben. Sondern mit welcher Wucht vom ehemaligen Red-Sox-Chefmanager zurückgeschlagen wird. Statt darum zu bitten, dass die Sache gründlich untersucht wird, um angesichts einer nicht von der Hand zu weisenden Doping-Epidemie weitere Belege dafür zu sammeln, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen konnte, wird einfach so getan, als könnte es das nicht gegeben haben: Doping-Beratung von Ärzten. Man kann davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine Vorneverteidigung von Leuten aus den oberen Abteilungen der Baseball-Hierarchie handelt, die ganz gewiss immer genau gewusst haben, was los war, die aber damals alles getan haben, um die Seuche zu beenden, und jetzt Angst vor etwaigen harschen Reaktionen aus der Öffentlichkeit haben.

14. Februar 2008

Wählt den besten Sport-Blog-Beitrag des Jahres 2007

Dies ist ein Experiment. Aber, eins, für das die Zeit schon länger reif war. Denn die kleine Welt der deutschen Sport-Blogs, die nach der Gründungsbegeisterung rund um die Fußball-Weltmeisterschaft etwas müde zu werden drohte, hat im letzten Jahr effektiv zugelegt. Und damit ist nicht Quantität gemeint, sondern Qualität.

Wie kann man das dokumentieren? Am besten so: In dem man ganz unterschiedliche Highlights aus dem riesigen Topf von tausenden von Beiträgen fischt, herausputzt und noch einmal serviert. Damit aber die Sache wirklich interessant wird, entstand vor ein paar Tagen spontan diese Idee: Blog-Leser stimmen darüber ab, welchen Beitrag der deutschen Sport-Blogosphäre aus dem Jahr 2007 sie am besten/einfallsreichsten/stärksten finden. Jeder kann mitmachen. Je mehr desto besser. Der Zählapparat oben rechts im Layout läuft eine Woche (jeder kann nur einmal klicken, also bitte erst die Geschichten genau lesen). Dann wird abgerechnet.

Gut möglich, dass bei dieser Vorauswahl (getroffen mit Hilfe von ein paar kundigen Kollegen) ein paar gute und einfallsreiche Sachen unter den Tisch gefallen sind. So etwas passiert selbst den Leuten in Hollywood, die das mit den Oscars seit mehr als 70 Jahren machen und es noch jedes Jahr schaffen, gute Filme zu übersehen. Hier, in diesem Theater, gibt es zumindest eine Auffangstation: Wer seine Favoriten vermisst, sollte sich aktiv einschalten und sie in den Kommentarspalte nennen und verlinken.

Und noch ein Hinweis: American Arena versteht sich als neutraler Ausrichter dieser Abstimmung, die normalerweise von Instituten für publizistische Bildungsarbeit oder ähnlichen Einrichtungen auf die Beine gestellt werden. Da wir nicht warten wollten, bis die aufwachen und sich mit Sport-Blogs beschäftigen, probieren wir es erst einmal auf diesem Weg. Wenn eine unabhängige Stelle demnächst die Veranstaltung übernehmen möchte: nichts dagegen.

1.
dogfood belegt mit Hilfe seiner Leser am Beispiel der spektakulären Beichte des Ex-Radprofis Bert Dietz beim Fernseh-"Beckmann" den defensiven Umgang des NDR mit seiner eigenen Doping-Aufklärung.

Die ARD-Tonstörung namens Godefroot
(Blog: allesaussersport)

"Gestern gab es den wellenschlagenden Auftritt des Ex-Profiradsportlers Bert Dietz der bei Reinhold Beckmann über seine Zeit beim Team Telekom sprach. Dabei redete er ziemlich offen darüber dass er selber gedopt war und Team-Telekom-Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid seit Mitte der Neunziger Jahre recht systematisch EPO verabreicht hätten. Inzwischen hat auch der Sportchef von Team Gerolsteiner und bis 1999 Telekom-Fahrer Christian Henn gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger die Mitwirkung der Teamärzte am Doping bestätigt. Um die Sendung wurde im Vorfeld nicht sehr viel Wind gemacht um möglicherweise juristischen Tingeltangel wie im Vorfeld der Jan-Ullrich-Sendung zu vermeiden. Rein zufällig gab es dann gestern bei Ausstrahlung der Sendung eine Tonstörung in Form eines hohen Pfeiftons. Und rein zufällig steht die gestrige Sendung auch nicht als Video on Demand zur Verfügung...

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2.
Seitdem Dülp geheiratet hat, läuft vieles in seinem Leben als Fußball-Fan ganz anders als früher.

Hochzeitstag
(Blog: Bolzplatz)

Comic (Link)


3.
Oliver Fritsch sieht bereits im Oktober 2007 voraus, was wenig später eintrifft: Wie Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld zum Auslaufmodell degradiert werden wird.

Ein Trainer, der nichts zu gewinnen hat
(Blog: Direkter Freistoss)

"Ottmar Hitzfeld wird in dieser Saison vermutlich einen oder mehrere Titel erringen; zu gewinnen hat er nicht viel. Der Anteil des Trainers an dem derzeitigen Erblühen der Bayern wird von der Fachwelt gering geschätzt, sein Name taucht in Zeitungen als Randnotiz ab, in Fernsehsendungen sind meist andere gefragt. Die Stuttgarter Zeitung Hitzfeld degradiert sogar zum "Übungsleiter"– als würde er nicht mehr tun, als Hütchen aufstellen; als gehörte zum modernen Profil eines Trainers nicht Menschenführung; als müsste dem bayerischen Millionensturm nicht eine taktisch geschulte Abwehr in den Rücken gestellt werden. Alle Hurra-Rufe gelten Luca Toni, Miroslav Klose oder Franck Ribéry. Der natürlich eine Belebung für die Bundesliga ist. Aber, nebenbei gefragt: Muss man, wie einige Kollegen von Premiere oder Steffen Simon von der ARD, wirklich jeden seiner Pässe und selbst Kullerbälle preisen wie eine Erscheinung, eine Erlösung? Liebe Bayern-Fans, ist Euch das ständige "Weltklasse!" nicht wenigstens ein Stück weit peinlich? Falls nein, es ließe tief blicken..."

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4.
Herr Wieland weiß: Im Ruhrgebiet prallen Fußball und die Leidenschaft der Anhänger von Bundesliga-Clubs schon mal ganz unvermittelt aufeinander.

Das Problem der Straßenbahnderbys...

(Blog: Drei Ecken, ein Elfer)

"Das Problem an Straßenbahnderbys... ist die Straßenbahn. Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bedeutet für Fußballfans normalerweise eine Anreise mit dem Zug. Gegnerische Fans werden dann im Gelsenkirchener Hauptbahnhof zu einem anderen Ausgang geleitet und mit gesonderten Bussen zum Stadion gebracht. Das klappt meistens tadellos.

Bochumern reicht der Dienst der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (BOGESTRA). Mit der Linie 302 geht’s direkt auf Schalke. Dies ist allerdings genau die Linie, die auch von Schalke-Fans für den Weg vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof zum Stadion genutzt werden muss..."

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5.
Als Fan muss man auch den schlechten Zeiten ein wenig Humor abgewinnen können.

Idolwechsel
(Blog: Fan-Faktor)

"Ruhm und Zuneigung der Massen sind in diesen Tagen eher kurzlebig..." - Foto-Beitrag (Link)


6.
Die Champions League hätte soviel Potenzial. Aber statt dessen reduziert sie es, hat fred ermittelt.

CL Reloaded
(Blog: Fooligan)

"Als ich vor einiger Zeit bemerkte, die (auch marketingorientierten) Überlegungen Anfang der 90er hätten es nötig gemacht,

'einige Wettbewerbsänderungen durchzusetzen, wie beispielsweise die Gruppenspielphase: Damit ließ sich das Risiko, dass ökonomisch wertvolle Clubs, deren Spiele große Zuschauermassen vor den Fernseher lockten, frühzeitig aus dem Wettbewerb ausschieden, minimieren.'

hab ich das höchstens mit dem Fernrohr überprüft. Zitate genug gabs, dass die CL zur Melkkuh großer Fußballclubs taugte: die Faktenlage war mir nicht bis in letzte Konsequenz bewußt. Jetzt schon.

Es gibt zwei Möglichkeiten, ein frühes Ausscheiden fantechnisch relevanter (und deswegen auch finanziell potenterer) Clubs zu verhindern, und beides ließ sich mit Einführung der Gruppenphase locker bewerkstelligen:
Möglichkeit eins: Vermehrung der Spiele, bevor überhaupt jemand ausscheidet. Wenn man momentan drin is in der CL, hat man garantierte 6 Spiele, davon garantierte drei Heimspiele, was garantiert jedesmal dreimal so viel is wie früher..."

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7.
nolookpass berichtet über seine Redaktionserfahrung als Praktikant bei einer Boulevard-Zeitung und gibt seinem unsensiblen Vorgesetzten in dessen Urteil über den Fußballprofi Sebastian Deisler nur ungern Recht.

Wie ich einmal Mitleid mit Sebastian Deisler bekam
(Blog: Nachspiel)

"Ich habe mal ein Praktikum in der Sportredaktion eines Berliner Boulevardblatts gemacht. Und wie das so ist mit Praktikanten, machen die erstmal Fleißarbeit. Meine erste Aufgabe, überbracht von einem grummeligen Redakteur, der offenbar froh war, die lästige Arbeit losgeworden zu sein:

'Hier ein Janzkörper-Bild von Basti. Such ma die janzen Fahletzungen ausm Aaachif und machn schwuppigen Einstieg. Aber dalli, dit muss morgen noch mit!'

Sebastian Deisler spielte damals bei Hertha BSC, ein großes Gladbacher Talent sollte bei der Alten Dame zu einem Weltstar reifen. Doch außer einem phänomenalen Freistoß gegen Hansa Rostock hatte man noch nicht viel von Deisler gesehen, gerade war er wieder verletzt. Dieter Hoeneß und sein launiger Verein sollten ihre Illusionen schnell verlieren: Wenn Deisler nicht an irgendwas laborierte, spielte er so gut, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Wursthändler von der Isar zuschnappen würde..."

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8.
Kurtspaeter betrachtet die eigenartige Wechselbeziehung zwischen einem Fußballverein, der hoch hinaus möchte und einer Ortszeitung, die diese Ambitionen mit einem anderen Maß misst.

Provinz voll Leben (oder eine Provinzposse)
(Blog: Pfostenschuss)

"Selbsternannte Provinz voll Leben ist die Stadt Siegen.

Unistadt, Heimatstadt. Zum ansässigen Verein Sportfreunde Siegen hatte ich schon immer ein zurückhaltendes Verhältnis. Über Niederlagen konnte ich mich in den 80ern köstlich amüsieren, der Versuch, zu einer überregionalen Größe zu werden endete dilettantisch in einem Abstiegsspiel aus der damaligen Verbandsliga im Geisweider Hofbachstadion.
Später übernahm Ingo Peter den Trainerposten und die Sportfreunde wurden sportlich salonfähig. Dessen Abgang, eine Mischung aus Entlassung, Re-Inthronisierung und erneutem Abgang war dann wieder typisch Sportfreunde. Semi-Professionelles Komödienkino.

Das Provinznest Siegen stieg vor drei Jahren unter dem Trainer Ralf Loose und mit Top-Torjäger Patrick Helmes völlig überraschend in die zweite Fußball-Bundesliga auf.
Loose ging in die Schweiz, Helmes nach Köln, Jan Kocian übernahm und im Laufe der Saison machte der Verein zweifelhafte überregionale Schlagzeilen, weil man die Verpflichtung Werner Lorants als fix meldete, während dieser lieber in der Türkei blieb.

Am Ende stieg man relativ sang- und klanglos wieder ab..."

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9.
Trainer Baade nutzt eine erneute Gelegenheit, sich mit seinem Serienhelden Franz Beckenbauer zu beschäftigen, dem er ein Etikett angeheftet hat, das kleben bleiben wird.


Wenn der Dummschwätzer mal nicht Erster ist (XVII)
(Blog: Trainer Baade)

"Es gibt da diesen Newsletter. Eigentlich mache ich nicht gerne Werbung für solche Produkte und erst recht schreibe ich nicht gerne einfach etwas ab. Da ich das mit dem Kaiser aber ohnehin schon wusste, könnte ich das jetzt auch als „selbst recherchiert“ verkaufen, was ja im Endeffekt dann ohnehin wieder nur abgeschrieben wäre, nämlich von der eigenhändig gefundenen Quelle. Also schreibe ich einfach ab und gebe es zu, auch wenn ich es sonst, wie gesagt, äußerst ungerne mache, wie man auch an der äußerst geringen Zahl an externen Links in diesem Blog erkennt.

Besagter Newsletter liefert dem geneigten Abiturienten Abonnenten jedenfalls freitäglich einen kleinen Appetithappen aus dem Buch „Fast alles über Fußball“ von der Fußballberichterstattungskoryphäe Christoph Biermann, der mir alleine schon deshalb sympathisch ist, weil er a) Fan des VfL Bochum ist und b) sich heute noch darüber ärgert, bei einem Auswärtsspiel in Gladbach zu früh das Stadion verlassen zu haben und deshalb den Ausgleich verpasste. Letztens ereilte mich aber auch bei ihm das tödliche Schicksal, dass ich sein Gesicht sah..."

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1o.
Rob Alef zeigt, wie man Fußball und das bisschen Rest der achtziger Jahre auf 30 Höhepunkte reduziert.

30 mal wertvoller Sekundenschlaf

(Blog: Volk ohne Raumdeckung)

1. Mal wieder die alten Falco-Platten rausgekramt. War schon eine verwegene Zeit damals.
2. Die Leute fingen an darüber zu reden, wie wild und gefährlich sie lebten.
3. Wer sonst nichts wußte, schrieb sicherheitshalber eine Liste.
4. Focus macht das heute noch so.
5. Damals war Helmut Markwort beim Gong.
6. Aber auch die meisten anderen Publikationen waren wild und gefährlich.
7. Bayern wurde sechsmal Deutscher Meister.
8. Angela Merkel ließ sich scheiden.
9. Thomas Häßler wurde Fußballer des Jahres.
10. Was die DDR damals wirklich gebraucht hätte: Eine bewaffnete Befreiungsbewegung aus den Reihen der FDJ...."

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11.
Anmerkungen von Marc zum System Doping und dem Tanz und Getue der Beteiligten.

Scheinheiligkeiten, Blindheit und Systemzwänge » Dopingarrangements im Spitzensport I
(Blog: Wissenswerkstatt)

"Doping hat System. Wer sich in diesen Tagen beim Lesen der Berichte über die Dopingbeichten geläuterter Ex-Radprofis darüber wundert, daß einige der alljährlich gefeierten Radhelden offenbar zu unterstützenden Mitteln gegriffen haben, hat leider immer noch nichts verstanden. Die manipulative, leistungssteigernde Medikamenteneinnahme ist wesentlicher Bestandteil aller (Ausdauer-)Sportarten. Es muß klar sein: wenn sich die Nation über den positiven Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen freut, dann ist die Erfolgsbilanz immer auch der effizienten Arbeit der medizinischen Abteilungen zu danken. Der Spitzensport hat sich längst mit Doping arrangiert..."

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9. März 2009

Doping: Chambers erzählt, wie's war

Nachdem in der vergangenen Woche der Meineid-Prozess gegen Barry Bonds auf unbestimmte Zeit vertagt wurde, werden wir uns in Geduld üben müssen, wenn wir herausfinden wollen, wie es wirklich damals bei BALCO zuging. Auch das Buch von BALCO-Chef Victor Conte hängt noch in der Luft. Von ihm erhoffen wir uns noch ein paar hübsche Enthüllungen. Es gibt Anzeichen dafür, dass der Bonds-Prozess wie das Horneberger Schießen ausgeht. Eines der Indizien sind die Signale aus Washington, wo mit Präsident Obama und seinem neuen Justizminister Eric Holder zwei Männer an der Steuerseilen sitzen, die in Sachen Doping nichts von der starken Hand des Staates halten. Dazu mehr in einem Radiobeitrag im Deutschlandfunk, der am Sonntag über den Sender ging.

Einer der gedopten Sportler aus Contes Kundenkreis, der britische Sprinter Dwain Chambers, hat inzwischen sein eigenes Buch publiziert und erzählt davon, wie er sich vollpumpte. Chambers wurde gesperrt und musste seine Siegprämien zurückzahlen. Am Wochenende in Turin wurde er Europameister in der Halle über 60 Meter. Aber der Fall geht in die zweite Runde. Chambers hat in dem Buch zugegeben, was ihn die Doping-Mast kostete: 30.000 Dollar im Jahr. Ein happiger Kostenansatz in der Kalkulation, aber wiederum nicht so hoch, als dass er sich angesichts der Erfolge nicht auch wirtschaftlich rechtfertigen ließe. Angeblich will der Internationale Leichtathletikverband IAAF sich noch mal mit der Akte Chambers beschäftigen.

24. Mai 2007

Doping-Tsunami brandet an...als leichtes Geplätscher

Der Rest der Welt ist heute endlich aufgewacht und hat den Doping-Tsunami in Deutschland zur Kenntnis genommen. Auslöser war eine AP-Meldung und eine Reuters-Nachricht mit den Namen Zabel und Aldag und einem Verweis auf die beiden Freiburger Ärzte. Für eine Beurteilung darüber, wie die amerikanischen Medien etwa die Geständnisse einordnen, ist es noch zu früh. Vor allem, weil da mal wieder die alten Kameraden Unkenntnis, Ignoranz und Desinteresse aufeinandertreffen. Bis die ihren Platz am Tisch räumen, wird noch etwas Zeit vergehen. Leider.

Die Crux ist wirklich kaum zu erklären und doch typisch Medienalltag (und gilt so auch für andere Länder): Wenn kein Amerikaner unmittelbar verwickelt ist, muss die Geschichte extrem spektakulär sein, sonst wird kaum berichtet. Es tut nichts zur Sache, dass man in diesen Tagen in Deutschland einen weiteren mächtigen Mosaikstein inspizieren kann (mehr Fahrer, Betreuer, Ärzte qua Selbstanzeige entlarvt als Mitglieder einer organisierten mafiösen Bewegung, die eine ganze Sportart unterwandert hat), um sich mit dem langjährigen Lügengebäude des internationalen Radsports zu beschäftigen und um die üblen Attacken von erwischten Sportlern Richtung Wada, Usada, Richard Pound und andere Ritter der ehrenwerten Tafelrunde zu entlarven. Nein, hier in Amerika seziert man lieber phasenklein den Fall Landis - und zwar geistig auf dem Stand vom Anfang der neunziger Jahre - wo man wirklich noch so tun konnte, als sei Doping die absolute Ausnahme. Hier in Amerika tut man noch immer so, als wäre die gute alte Unschuldsvermutung im juristischen Neuland "Sportbetrug" eine Heilige Kuh und dürfe nicht angetastet werden. Und alles nur, weil die Tests nicht gut und genau genug sind und in den Labors ein paar Schlamper sitzen, die nicht peinlich genau arbeiten.

Demnächst - hoffentlich - mehr. Wenn amerikanische Reporter mal richtig rangehen, sind sie ziemlich ergiebig und gut.

21. Mai 2008

Dem Redakteur ist nichts zu schwör

Es gibt Leute in der Medienbranche, die haben einen Hang zur Vorverurteilung. Sie wollen Klarheit und Eindeutigkeit. Und solche Wörter wie "mutmaßlich" oder "angeblich", "Verdacht" oder "Vorwurf" stehen ihnen dabei im Weg. Es gibt auch welche, die keine Ahnung haben. Und trotzdem geradewohl drauf los schreiben. Was meistens auf das gleiche herauskommt.

Aktuelles Beispiel: In San Francisco läuft ein Prozess gegen den Leichtathletik-Trainer Trevor Graham, der einen bemerkenswerten Kader an Sprintern betreut hat: Sie haben Medaillen gewonnen und Rekorde aufgestellt. Bis irgendwann.....

Marion Jones und Tim Montgomery, das einstige Liebespaar, landete vor Gericht. Sie sitzt im Gefängnis. Er muss noch. Ein weiterer Sprinter, Justin Gatlin, ist gesperrt. Alle drei sind über die Dopingbestimmungen gestolpert. Und alles nur weil sie so wie andere auch glaubten, die könnten das existierende System aus Urinkontrollen, Tests und Strafen austricksen.

Graham hat nach eigenen Angaben 2003 jene Injektionsspritze an das Doping-Labor in Los Angeles geschickt, in der sich das bis dahin noch nicht identifizierte THG befand, das ein gewisser Patrick Arnold in Illinois entwickelt hatte und ein gewisser Victor Conte über seine Firma BALCO unter dem Namen "the clear" unters Volk brachte. Das war eine gute Tat. Denn es war eine entscheidende Hilfe im Kampf gegen die Doping-Epidemie in der amerikanischen Leichtathletik.

Graham steht NICHT wegen Doping vor Gericht oder weil er allem Anschein nach den Stoff besorgt und verteilt hat, mit dem sich seine Sprinter aufpumpt haben. Die Ermittler, die ihn im Jahr 2004 vernommen haben, sicherten ihm etwas zu, was es im amerikanischen Strafrecht gibt, wo man viele Verfahren aus einem Tauziehen zwischen Anklagevertreter und Verteidiger bestehen und Zeugen mitunter Immunität, sprich Straffreiheit erhalten, damit sie mit der Staatsanwaltschaft kooperieren. Denn zur Aussage zwingen kann man in den USA niemanden. Einzige Bedingung in solchen Situationen: Sie müssen bei ihren Aussagen bei der Wahrheit bleiben.

Graham soll allerdings bei seiner Vernehmung gelogen haben (was er bestreitet) und dadurch die Behörden in ihrer Aufklärungsarbeit behindert haben. Das hat zu diesem Prozess geführt, in dem die Anklage auf uneidliche Falschaussage in drei Fällen lautet. Uneidlich, wohlgemerkt. Kein Meineid, wie Die Zeit online publiziert. Der Unterschied? Er ist so groß, dass es im deutschen Strafgesetzbuch dafür zwei unterschiedliche Paragraphen gibt: 153 und 154. Dazu kommt ein Rattenschwanz an Variablen und Abwägungen, jede schön in einen eigenen Paragraphen verpackt.

Unbedeutend? Ganz sicher nicht. Und in einem Prozessbericht aus Deutschland würde das sicher auch korrekt wiedergegeben. Aber diesmal geht um die USA. Und da nimmt man es schon mal bei der Übersetzung von relevanten Begriffen nicht so genau. Aber das ist noch nicht alles: Der Text beginnt mit einer hammerartigen Feststellung: "Die Beweislage ist eindeutig." Nicht "sieht eindeutig aus", "wirkt überwältigend", "dürfte schwer vom Tisch zu wischen sein". Nein glasklar: IST eindeutig. Was weiß der Autor, was wir nicht wissen? Oder ist er ein Meinungsmacher? Ein Kampagnenjournalist im Stil der BILD-Zeitung?

Der Autor redet dabei offensichtlich von den vielfältigen Dopinganschuldigungen an die Adresse von Graham (die er abstreitet). Von denen sind bereits vor dem Prozess eine ganze Reihe an die Öffentlichkeit gesickert. Aber Graham steht in San Francisco NICHT wegen Verstößen gegen das amerikanische Arzneimittelgesetz vor Gericht. Das heißt: Wenn es überhaupt um Beweislage geht, dann um die Frage: Kann ihm die Staatsanwaltschaft wirklich nachweisen, ob er gelogen hat? Der Nachweis muss so überzeugend sein, dass die Geschworenen "beyond a reasonable doubt" (jenseits eines jeden begründeten Zweifels) die Überzeugung gewonnen haben, dass die Vorwürfe stichhaltig sind. Und nicht nur das: Sie müssen bei ihren Beratungen zu einem einstimmigen Resultat kommen. Die Anklagevertreter brauchen ein 12:0 gegen Graham. Sonst gewinnt der Angeklagte den Prozess.

Weiß das der Autor? Weiß das der Online-Redakteur, der den Text beim Tagesspiegel abgegriffen hat, wo die Spur dann zum Mitarbeiter einer großen deutschen Nachrichtenagentur führt und mit etwas Googelei zu anderen Seiten, die alle bei diesem Falschmünzer-Spiel mitgemacht haben?

Trevor Graham muss damit rechnen, dass er im Gefängnis landet. Genauso wie die Bahnradsportlerin Tammy Thomas (die neulich als erste aus dem BALCO-Komplex einen Prozess riskierte und wegen Meineid (!) verurteilt wurde). Es kann sein, dass er gelogen hat. Aber das können wir auch noch schreiben, wenn die Geschworenen ihre Entscheidung bekannt gegeben haben.

26. Juli 2007

Doping im Golf: Pöbeln und Quäken

Der Südafrikaner Roy Sabbatini war noch nie mehr als ein Großmaul und ein hässliches Beispiel für die beachtliche Toleranz im Golfpiel. Dort kann man als Golfprofi auch dann mitmachen, selbst wenn man wie ein hergelaufenes Brechmittel auftritt. Ausgerechnet in Hamburg bei einer Pressekonferenz vor dem Turnier in Alveslohe hat er den alten Gary Player verbal angerempelt, der vor einer Woche bei den British Open das virulente, aber allseits bestrittene Dopingproblem im Profigolf deutlich angesprochen hat. Player solle Namen nennen oder lieber gar nichts sagen, pöbelte Sabbatini herum, der sich mittlerweile als Amerikaner fühlt und die unangenehmeren Eigenschaften einer Reihe von Einwohnern seiner neuen Heimat angenommen hat.

Die Technik, lieber auf den Überbringer von schlechten Nachrichten zu zielen, als sich mit dem Thema zu beschäftigen, ist so alt wie der Rhetorik-Unterricht im Hause Cicero. Das bedeutet nicht, dass der Weltranglistensechzehnte Dreck am Golfschläger hat. Aber es ist schon verblüffend, dass ausgerechnet er und ein weiterer Südafrikaner, der zweifache US-Open-Sieger Retief Goosen, am lautesten quäken und gegen Player anstänkern. Player kommt ebenfalls aus dem ehemaligen Apartheid-Paradies und hatte angedeutet, dass er von zumindest zwei PGA-Profis ganz konkret wisse, dass sie Anabolika nähmen. Kann man aus den schrillen Reaktionen also vielleicht doch ein paar Schlüsse ziehen?

Als das Thema vor ein paar Wochen hochkochte und bei allesaussersport aufkam, hatte ich diesen Kommentar abgeliefert, der meine Einschätzung der Person Player enthält:
"Gary Player ist einer der glaubwürdigsten Zeugen der Anklage. Erstens hat er schon früh im Leben angefangen, mit Gewichten zu trainieren, und weiss, welche Muskeln beim Golfen welche Arbeit leisten. Zweitens hat er einen enormen Abstand zum heutigen Geschehen, man kann ihm aber gleichzeitig als einem der besten und erfolgreichsten Spieler der Geschichte (Stichwort “Career Grand Slam”) nicht nachsagen, er sei missgünstig oder schlecht drauf. Und drittens dürfte er zu den analytisch und geistig begabtesten Golfprofis gehören. Zumindest war das mein Eindruck, den ich von einem ausführlichen Interview vor zwei Jahren mitgebracht habe. Dass er jetzt das Thema anpackt, dürfte das wirklich interessante an der Entwicklung sein. Er hätte damit auch schon früher herausrücken können - ehe die Diskussion über Doping-Tests für Profigolfer begann und alle so taten, als gäbe es kein Doping im Golf. Wir werden es vielleicht noch erfahren…"

15. Dezember 2009

Advent, Advent, die Doping-Kerze brennt

Weil die New York Times und die New York Daily News gestern abend im Wettbewerb miteinander das Thema nach ganz oben gezogen und mit sehr vielen Hintergrundinformationen ausgestattet haben, gehen kurz vor Weihnachten erstmals ein paar Kerzen an, die Einblick in eine noch nicht besonders gut ausgeleuchtete Zone des Dopings geben. Wir reden von Doping mit zentrifugiertem und angereichertem Eigenblut. Und von einem Mittel namens Actovegin, das man aus Kalbsblut gewinnt und das den Sauerstofftransport im Körper stimuliert. Und von Wachstumshormonen.

Das ganze Reden zielt ab auf eine neue Figur im Zentrum des von Medizinern unterfütterten Athleten-Komplotts: auf den kanadischen Arzt Dr. Anthony Galea. Die ausführliche Darstellung der ihm zur Last gelegten Vorwürfe, die ihm eine Festnahme und eine Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft in Toronto eingehandelt haben, findet man auf faz.net und am Mittwoch in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstands wird heute abend im Deutschlandfunk zu hören sein. Interessante und vielleicht auch pikante Note: Die Querverbindungen zwischen Galea, seinem Praxispartner in Kanada, einem Chiropraktiker und dessen einstige Beziehungen zu BALCOs-Doping-Bemühungen um den ehemaligen 100-Meter-Weltrekordler und Lebensgefährten von Marion Jones: Tim Montgomery. Der war übrigens der erste Athlet, der lange vor Claudia Pechstein auf der Basis von Indizien und ohne Geständnis und ohne Testresultate gesperrt wurde. Inzwischen sitzt er eine fünfjährige Strafe wegen Heroinhandel ab.

Man sollte zwar nicht gleich so etwas wie "guilt by association" kreieren. Weder was Tiger Woods betrifft, der ohnehin schon ziemlich tief in der Tinte sitzt, nachdem sich die ersten Sponsoren von ihm distanzieren, weil ihnen das Medienecho auf seine außerehelichen Eskapaden nicht gefällt. Noch was den Chiropraktiker Mark Lindsay angeht. Aber die Informationen daüber, wer eigentlich wen kennt und wer wen fit macht, sind wertvolle Hilfen, um das Koordinatensystem zu verstehen, in dem Sportler (und Doper) wandeln.

In dem Zusammenhang als Lektüre ebenso zu empfehlen: Neue Hinweise zur Wiener Blutbank und den Ermittlungen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen – auch nach Norden. Thomas Kistner hat den letzten Stand für die Süddeutsche zusammengetragen.

26. Februar 2008

Washington und Doping: Wird Sportbetrug gesetzlich definiert?

Es ist nicht ganz leicht, die Umstände und Entwicklungen rund um die Doping-Anhörungen im amerikanischen Kongress in einem Atemzug zusammenfassend und en detail zu beschreiben. Denn derzeit steht vor allem ein Mann im Schaufenster: Pitcher Roger Clemens, der damit rechnen muss, sich eine Anklage wegen Meineids einzufangen. In seinem Fall geht es weniger um die Frage, wie verbreitet war (und ist) Doping im Baseball, sondern um die moralische Dimension: Wer lügt? Clemens? Oder sein ehemaliger Fitnesstrainer, dessen Aussagen im Mitchell-Report eine großen Stellenwert erhalten haben?

Die Dynamik dieses Einzelfalls überschattet leider - ganz nach typischer Medienlogik - jede andere wichtige Facette des Themas. Selbst die großen amerikanischen Zeitungen werden in solchen Momenten von der alten Krankeheit befallen. Man möchte eher die Neugier anregen und lenken, anstatt sie durch vernünftige Sachinformationen zu befriedigen. Dabei brütet Bobby Rush, Demokrat aus Chicago und Vorsitzender eines Unterausschusses für Handel, Wirtschaft und Verbraucherschutz, derzeit einen Gesetzentwurf aus, dessen Einzelheiten nicht bekannt sind, die aber logischerweise nur in eine Richtung weisen können: dass Sportbetrug in den USA rechtlich definiert und gleichzeitig in den Stand eines Offizialdelikts erhoben wird.

Das nächste Hearing am morgigen Mittwoch wird uns vielleicht etwas mehr Einblick in die Rush'sche Gedankenarbeit geben. In Washington vorgeladen sind die Chef-Manager der großen Sportligen und ein paar Figuren aus der Ecke der Olympischen Sportarten. Zur Einstimmung sollte man vielleicht die Geschichte lesen, die in der gedruckten Ausgabe der FAZ erscheinen wird.

24. Juli 2008

Ein Schimmer im dunklen Strom

Die Dopingnachrichten um die amerikanische Brustschwimmerin Jessica Hardy haben einen interessanten Sachverhalt ans Tageslicht gebracht, der noch einmal bestätigt, dass den Aufsichtsgremien des Sports in den USA gar nicht an einer Aufklärung des Leistungsbetrugs gelegen ist. Die Regeln besagen, dass der Name eines Athleten erst dann öffentlich bekannt gegeben werden darf, wenn eine Anhörung mit ihm/ihr stattgefunden hat und die zuständige Sportgerichtsbarkeit einen Verstoß festgestellt hat. So wurde auch diesmal die Information über die positiven Laborwerte von Hardy nur über anonyme Quellen bekannt. Und wieder regen sich Leute auf, dass damit ein Sportler in Verdacht gerät, der ja – theoretisch – aus Versehen Hustensyrup eingenommen haben könnte, also nur ein leichter Fall von Doping sei.

Es wird also nicht ex ipso facto argumentiert (da war eine verbotene Substanz im Urin oder Blut, der Sportler ist für seinen Körper verantwortlich, ein anderer Teilnehmer der Olympia-Qualifikation hat mithin einen Anspruch auf den Startplatz in Peking), sondern auf der Basis der alten ausgeleierten Unschuldsvermutung. Noch besser: Offiziell darf das Testresultat erst dann bekannt gemacht werden, wenn der Sportler de jure als Doping-Täter gesperrt wird.

Die Kuriosität an dieser Behandlung von Dopingtätern ist vor allem der Kontrast zum Rechtsalltag in den Vereinigten Staaten. Da werden ständig Informationen über Verdächtige mit Polizei-Foto und Namen publiziert und nicht nur zu Fahndungszwecken. Die Polizei inszeniert gerne Überstellungen von Beschuldigten ins Gericht auf eine Weise, dass die mit Handschellen an einer Galerie von Fotografen und Fernsehkameraleuten vorbeilaufen müssen (der sogenannte perp walkperp ist kurz für perpetrator, auf Deutsch "Täter"). In den Gerichtssälen der meisten Staaten laufen Fernsehkameras, die es ermöglichen, Prozesse live oder in Auszügen zu übertragen. In jedem dieser Verfahrensabschnitte geht es um einen Menschen, der nicht verurteilt ist und eventuell sogar freigesprochen wird. Die Debatte über dieses Kulturphänomen hat man in den USA schon vor langer Zeit beendet. Die Öffentlichkeit hat das Recht, informiert zu sein, und zwar über fast alles, was die Behörden und die Justiz tun.

Da wäre es doch nur logisch, auch des Dopings verdächtigte Sportler ganz offiziell namhaft zu machen und die Bekanntmachungen mit dem dicken Stempel "verdächtig", "beschuldigt", "nicht verurteilt" zu versehen. Aber nein, dazu ist man nicht in der Lage. Weshalb? Weil man im Zweifel noch immer am liebsten dem Athleten und seinen Unschuldsbeteuerungen und Theorien über die zufällige, ungewollte, unerklärliche Einnahme von Substanzen glaubt und nicht den Tests. Fast die gesamte Sprinterelite in den USA war gedopt und hatte Lieferanten für den Stoff. Die Baseballspieler haben sich wie blöd gemästet. Und einige haben sogar eigene Bluttests organsiert, um herauszufinden, wo die Werte liegen und wie man dosieren sollte. Das soll alles vorbei sein? Nur weil ein paar Lügner erwischt wurden?

Man kann über die Indiskretion nur froh sein, denn Hardy, die mit Clenbuterol erwischt wurde, hatte drei Startplätze für Peking. Nun sind die Verbandsfunktionäre gezwungen, sich noch vor den Spielen zu überlegen, wie sie die besetzen wollen. Die sollten sich aber auch schon mal mit anderen Namenslisten vertraut machen. Wenn das der einzige Doping Fall im US-Schwimmgeschäft in diesem Jahr war, wäre das ein Wunder.

9. Juli 2008

Schwimmen im Dunst

Die Fragezeichen um die Legitimität der Leistung von Dara Torres werden immer größer. In den Kommentaren zum Beitrag vom Montag stapeln sich die Hinweise, die alle den Verdacht erhärten, dass eine Frau mit 41 nicht schneller schwimmt als mit 21, wenn sie einfach immer nur fleißig trainiert und einen Stab von Masseuren beschäftigt. So ein Athletenkörper braucht mehr. Zum Beispiel illegale Substanzen. In den USA hat seit dem Ende der Trials in Omaha ein Eiertanz um die Frage begonnen: Dürfen und müssen wir als Journalisten jede ungewöhnliche Leistung anzweifeln? Brauchen wir nicht einen Rest an Naivität, um uns den Spaß am Sport zu erhalten? Und so was wird dann noch angereichert über dümmliche Beiträge wie den von Gwen Knapp im San Francisco Chronicle, wonach angeblich nur die Frauen im Sport stark in Verdacht geraten, Männer aber nur dann kritisch angegangen werden, wenn die Testresultate bereits vorliegen. Diesen Unsinn hat Steroid Nation auf hervorragende Weise ad absurdum geführt.

Was in diesem Zusammenhang zu erwähnen wäre, ist nicht nur die Tatsache, dass mit Amy van Dyken auch eine Schwimmerin als BALCO-Kundin enttarnt wurde (aber davon kam, weil sich die investigativen Journalisten auf andere Sportler konzentrierten). Es gibt da ein Zitat in der Washington Post aus dem Jahr 2004, dass einen aufhorchen lässt. Danach musste Dara Torres vor Sydney keinerlei Doping-Tests absolvieren, konnte sich also theoretisch ungestört ein schönes Fundament an Leistungsreserven einpfeifen, mit dem sie bei den Spielen stark genug war, um ein paar Medaillen einzufahren. Damals hat ihr eigener Trainer sich zwar über den Mangel an Tests beschwert, aber dass Trainer nicht allesamt sauber sind, wissen wir mittlerweile auch. Siehe der ehemalige Coach von Marion Jones und Justin Gatlin.

Der bislang größere Skandal ist allerdings, dass es keine Informationen über die Aussage von Amy van Dyken bei den BALCO-Ermittlungen gibt. Die kotzfreche Schwimmerin, die einst einer Gegnerin provokativ in die Bahn spuckte, um ihre Abneigung deutlich zu machen, war auch damals in San Francisco kein Freudenspender, als sie Journalisten vor dem Gerichtsgebäude, die sie nicht erkannten, ihren Namen nicht nennen wollte. So als habe sie etwas zu verheimlichen. Als dieser Name jetzt von Gary Hall im Rahmen seiner Tirade gegen Doping im Schwimmen genannt wurde, schoss sie giftig zurück: Vorwürfe, sie habe leistungssteigernde Mittel genommen, seien "verleumderisch, unerhört und entbehren jeder Grundlage". Nun würde man sich angesichts solcher Retourkutschen einen Zivilprozess wünschen, durch den die Öffentlichkeit endlich Akteneinsicht erhält. Vielleicht hat van Dyken ja den Mut, Hall zu verklagen.

22. März 2007

Die Dopingliste für Golferinnen

Ein Anfang ist gemacht: die amerikanische Frauengolftour LPGA hat den Spielerinnen die Liste von Substanzen übermittelt, nach denen ab dem nächsten Jahr bei Dopinguntersuchungen gefahndet wird. Darauf befinden sich laut einer AP-Meldung 33 Anabole Steroide, 29 Stimulanzien und 20 Beta-Blocker sowie eine Reihe von nicht weiter aufgeschlüsselten Produkten. Die Aufstellung enthält nicht alles, was die Weltdopingagentur WADA als verboten einstuft. Aber das beunruhigt die Aufsichtsgremien der Golferinnen nicht. Man betrachtet wohl bei Olympia Stoffe als Doping, die beim Spiel mit dem kleinen weißen Ball angeblich keinerlei Leistungsplus bringen. Weshalb sollte man die also verbieten? Wachtumshormone à la Stallone zum Beispiel sind demnach weiter erlaubt (obwohl möglicherweise gesetzlich verboten, was die Sache sehr kompliziert machen könnte). Darüber, ob die Proben bei unangekündigten Besuchen gegeben werden müssen und wie oft im Jahr jemand getestet werden kann, stand in der Nachricht nichts. Die Frauen sind mit ihrer Haltung gegenüber Doping den golfenden Männern übrigens weit voraus.

27. Mai 2007

Der blitzblankesaubere deutsche Fußball: Persilschein vom Bundestrainer

Wir wussten schon, dass der Bundestrainer langsam spricht. Wie langsam er denkt, schält sich erst, wie sollen wir sagen - l-a-n-g-s-a-m - heraus. Er habe keine Anzeichen für Doping gesehen, sagte er in einem Interview mit der Welt, das heute erschienen ist. Also ist der deutsche Fußball sauber, wie die französische Nachrichtenagentur AFP das zusammenfassend auf Englisch Richtung Rest der Welt streut. Joachim Löw weist ausdrücklich darauf hin, dass es jede Menge Doping-Tests in der Bundesliga gebe, unangemeldete sogar. Ja, ja der Mythos von den Tests, die alle negativ ausgehen und die dann angeblich beweisen, dass Sportler keine illegalen leistungsfördernden Mittel zu sich nehmen. Hatten wir das nicht schon in anderen Sportarten? Sagen wir: Radfahren? Oder Leichtathletik?

Der Originaltext ist zur Zeit auf der Online-Seite der Welt nicht zu finden. Wenn jemand ein Link produziert, bitte in den Kommentaren posten (Nachtrag: Das hat soeben probek gemacht. Danke. Bitte hier clicken.)

6. August 2009

Doping-Fall in der NBA: Zehn Spiele Sperre

Die NBA sperrt Doper für zehn Spiele. Zum Beispiel Rashard Lewis von den Orlando Magic, der soeben bei einem Test mit dem Steroid-Precursor DHEA aufgefallen ist. Lewis verteidigt sich mit dem Spruch, wonach das ohne jede Absicht passiert sei. Die Substanz habe sich in einem normal im Geschäft verkauften Mittel befunden. Die NBA-Doping-Strafenliste sieht so aus: Erster Verstoß – zehn Spiele Sperre, zweiter Verstoß – 25 Spiele Sperre, dritter Verstoß – ein ganzes Jahr (via Deadspin)

12. Januar 2010

McGwires Doping-Geständnis – ein Flashback

Übrigens: Falls sich jemand fragt, weshalb Mark McGwire nach so vielen Jahren den Mund aufmacht und zugibt, was er im Grunde nie bestritten, sondern immer nur pflaumenweich umschifft hatte. Dies wäre eine Spur: Sein Bruder Jay, mit dem er schon jahrelang keinen Kontakt mehr hat, wird nach Angaben von Amazon in ein paar Tagen mit einem Buch auf den Markt kommen, dass das Doping-Thema Schwarz auf Weiß belegt. Jay hatte eigenen Angaben zufolge einst als Bodybuilder und Fitnesstrainer den Baseball-Bruder mit Anabolika bekannt gemacht und ihm wohl auch die ersten Spritzen verpasst. McGwire wollte vermutlich den neuerlichen Anschuldigungen (die alten kamen konkret von seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Jose Canseco) den Wind aus den Segeln nehmen. Trotzdem hat er mit dem späten Eingeständnis aus heiterem Himmel gestern keine Sympathiepunkte gesammelt. Der Tenor vor allem unter anderen ehemaligen Spielern, ist eindeutig: Die Leistungen von Leuten wie McGwire haben in dem statistikversessenen Spiel natürlich ihre eigenen Werte schlechter aussehen lassen. Wer weiß, wer alles in jener Zeit als Trainer oder redlicher Spieler seinen Job verloren hat, weil plötzlich die aufgepumpten Michelin-Männchen antraten und die Maßstäbe für Erfolg verschoben.

Mir ist in diesem Zusammenhang übrigens eine Episode aus dem Jahr 1998 wieder eingefallen, als ich für den Züricher Tages-Anzeiger zunächst über McGwire schrieb: "Zu seinem Aufbauprogramm gehören nicht nur Steaks und Hamburger, sondern ebenso die unter Amerikas Profis populäre Muskelsubstanz Kreatin und das testosteronfördernde Mittel Androstenedion, das ausser im Baseball und Basketball in fast allen Sportarten auf der Dopingliste steht." Wenige Tage später monierte ich die Art und Weise, wie man in den USA das Auslöschen des alten Rekords von Roger Maris gefeiert hatte: Mit einer Unterbrechung mitten im Spiel, in der McGwire ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekam und eine Ansprache halten durfte. Parallel liefen damals auf der Anlage in Flushing Meadow die US Open im Tennis. Und die Schweizer Spielerin Martina Hingis wurde tatsächlich von den anwesenden Journalisten in der Pressekonferenz genötigt, zu diesem Baseball-Theater eine wohlwollende Stellungnahme abzugeben.

Ich charakterisierte diesen Vorgang als "krankes Wir-Gefühl". Das gefiel den Baseball-Fans in der Schweiz ganz und gar nicht. Und so findet man noch heute in den Archiven der Zeitung einen ärgerlichen Leserbrief mit pauschalen und völlig überzogenen Vorwürfen an meine Adresse.

Schwamm drüber. Es war natürlich krank. Und ein Symbol für all das, was an dem Massenwahnsinn des amerikanischen Sports bisweilen durchknallt. Ja, und Mark McGwire war gedopt. Seinen Ruf als Sportbetrüger zementierte er allerdings erst vor vier Jahren, als er bei einer Anhörung im Kongress in einem denkwürdigen Auftritt unter Eid wiederholt einer Antwort auf die zentrale Frage auswich. Ein Betrüger. Geständig, ja. Aber ein Mann ohne Mumm, der sich immer nur Sorgen um sich selbst machte, weil der Anabolika-Konsum gegen Gesetze verstoßen hatte und die Verjährungsfrist für seine Vergehen noch nicht abgelaufen war. So jemand wirkt im Jahr 2010 denn einfach nur wie eine Karikatur.

Die nächste Frage lautet: Wann wird Major League Baseball darüber nachdenken, die Rekorde aus der Anabolika-Zeit zu streichen? Mit jedem Geständnis der Top-Spieler wie zuletzt Alex Rodriguez fällt die Blase in sich zusammen. Aber wahrscheinlich darf man von Commissioner Bud Selig in der Richtung nichts erwarten. Amerikas nostalgisch angehauchte Sportart leistet sich im höchsten Amt einen Menschen, der aussieht wie einen Schluck Wasser in der Kurve.

27. Juli 2007

Die Pest in Zeiten der Cholera

Es hat eine Weile gedauert, bis ich vom Standort New York aus herausfiltern konnte, wo und wie in Deutschland ein erheblicher Teil der Sportnachrichten fürs Internet produziert wird. Selbst Wochenmagazine wie Sport-Bild und andere namhafte Zeitschriften produzieren nicht selbst, sondern lassen sich von einem Dienstleister beliefern, der redaktionell völlig unabhängig arbeitet. Er heißt IMG GmbH und nennt sein Nachrichtenstandbein sportal.

Das Wort "unabhängig" muss man in diesem Fall mit Vorsicht in den Mund nehmen. Erstens handelt es sich bei sportal um einen Ableger der zur Zeit noch größten Sportagentur der Welt. Deren Umgang mit den Nachrichten darf man bis zum Beweis des Gegenteils vor allem bei Agenturkunden wie Tiger Woods, Roger Federer, Maria Scharapowa von vornherein als positiv gefärbt einstufen. Dazu kommt, dass dieser Ableger, obwohl im Prinzip journalistisch aufgestellt, ganz offensichtlich keine Scheu vor der Zusammenarbeit mit Vermarktern hat und für gute Kunden jeder Zeit schöne "crossmediale Kommunikationskonzepte" aus der Schublade ziehen kann. Wen man bei IMG alles im Koffer hat, kann man auf dieser Seite lesen. Das journalistische Credo auf dieser Seite:
"Im Mittelpunkt steht dabei die Recherche und das Verfassen von Artikeln der gesamten journalistischen Bandbreite. Inhalte können auf Kundenwunsch individualisiert werden."
Welche Konsequenzen diese Haltung auf die Berichterstattung über die Bundesliga, Formel 1 und andere in Deutschland populären Sportbereiche hat, kann man von New York aus kaum nachvollziehen. Aus dem Blickwinkel des amerikanischen Sports waren die Stichproben ganz und gar nicht ermutigend. Das jüngste Beispiel für die ideologische Verfärbung und den Standpunkt sind die Beiträge zur Tour de France, aus denen eine journalistisch verbrämte, aber im Grunde zynische Haltung spricht. Attackiert werden nicht die Betrüger und ein wirtschaftliches System aus Vermarktern und Sponsoren, die derzeit gemeinsam eine ganze Sportart ruinieren, sondern am liebsten die Überbringer der schlechten Nachrichten - also die Konkurrenz von sportal:
"Macht sportliche Berichterstattung überhaupt noch Sinn? Ja! Die Tour de France ist und bleibt eines der faszinierendsten Events der Welt. Perfekte Organisation, wunderschöne Landschaften, vielfältige Herausforderungen und drei Wochen Spannung. Was will man mehr?" (4.7.2007)
"Viele deutsche Medien wollen nur noch über Doping berichten." (16.7.2007)
"Ebenso kann man jetzt feststellen, dass die Medien, die am begeistertsten den Radsportboom in Deutschland mitgefeiert haben, sich nun am schärfsten davon distanzieren....Dabei ist das Dopingproblem im Radsport nicht neu." (19.7.2007)
Und wenn dann mal die tiefschürfende Analyse zum Thema ansteht (man kann das schließlich angesichts dieser Tour de Farce mit ihren ständigen Doping-News nicht vom Tisch wischen) dann kommt folgendes dabei heraus: ein Wehklagen darüber, dass sich die Fahrer wie Konkurrenten verhalten, statt sich solidarisch gegen die Epidemie zu stemmen. Dass sich die Verbände und Organisationen nicht einig sind. und dass die Medien "inzwischen viel mehr Interesse an Skandalgeschichten" haben als daran, "wie es dem Radsport geht", muss natürlich auch an dieser Stelle noch einmal angebracht werden. Aber das scheint nicht das Hauptproblem, sondern dies: Es fehle "eine zuständige Stelle", die sagt, wo's lang geht. "Niemand übernimmt Verantwortung für den Sport und sein Ansehen."

Auf die Idee, dass erst das konsequente kritische Verhalten der Medien für jenen Druck sorgt, den man braucht, um die Indolenz der Unbelehrbaren im Radsport niederzuringen, ist man bei sportal bislang noch nicht gekommen. Dass ausgerechnet die diffamierten Medien die einzige verbleibende "zuständige Stelle" sind, der noch so etwas wie "Verantwortung für den Sport" anzumerken ist, mag man wohl nicht wahrhaben. Das erfordert ein Maß an Selbstreflektion, für das Angestellte von IMG im Zeitalter der "crossmedialen Kommunikationskonzepte" nicht bezahlt werden. Pest in Zeiten der Cholera.

13. Dezember 2007

Warten auf den Chor der Mea-Culpa-Artisten

Der Mitchell Report ist draußen und hat umfassend dokumentiert, dass Amerikas Baseball-Profis sich nicht die Bohne dafür interessieren, dass Doping Sportbetrug ist und auf Kosten der eigenen Gesundheit gehen kann. Leute, die im Schnitt mehr als 3 Millionen Dollar pro Jahr brutto verdienen und offensichtlich von der Furcht geplagt werden, dass diese formidable Geldquelle versiegen könnte, wenn sie nicht genug Leistung bringen. Man kann die Namen der in dem Report genannten und als Doper verdächtigten Spieler in dieser Liste nachlesen. Den ganzen Bericht kann man als pdf-Datei bei The Smoking Gun herunterladen.

Eine erste oberflächliche Lektüre bringt folgendes zutage: Nicht erwähnt werden zum Beispiel solche Leistungsträger wie Albert Pujols von den St. Louis Cardinals und Sammi Sosa, einst der Rivale von Mark McGwire, der ebenfalls nicht erwähnt wird. Das hat womöglich damit zu tun, dass er schon eine Weile nicht mehr spielt. Dass Namen fehlen, bedeutet nicht, dass diese Spieler nie etwas mit Doping zu tun hatten. Es bedeutet, dass niemand Herrn Mitchell über sie en detail etwas erzählt hat. Denn das Hauptmaterial für den Bericht kommt aus vier Quellen: den Aussagen von Lieferant Kirk Radomski sowie einem Mann, der bei den Yankees mit der Fixe herumhantierte. Dazu hatte Mitchell Einblick in die Aktenlage der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Albany, die mehrere Dealernetze ausgehoben hat und die Unterlagen aus dem BALCO-Skandal. Ab morgen werden wir dann zwei Geräusche vernehmen: den Chor der Mea-Culpa-Artisten, die öffentlich dem Teufelszeug abschwören und versprechen, nie wieder etwas ähnliches zu tun. Und das rhythmische Stakkato der Dementi(a)-Fraktion, deren musiktheoretisches Feingefühl uns alle auf eine harte Probe stellen wird. Der Krach wird ohrenbetäubend sein.

6. Dezember 2007

Doping im Baseball: Es geht um die Namen

Man weiß: Die USA sind ein anderes Land mit anderen Standards. Wozu ein ausgeprägter Sinn für den öffentlichen Zugang zu Informationen gehört, die woanders nie breit getreten würden. Zum Beispiel wenn es um die Namen von Angeklagten und Beschuldigten in Prozessen geht. Selbst Verurteilte werden in den Medien in Deutschland so gut wie nie mit ihrem vollen Namen genannt. Das Prinzip ist nachvollziehbar: Das Interesse der Gesellschaft an einem Fall mag groß sein, die Lust auf die Bloßstellung eines einzelnen Straftäters wird gezügelt. Man nennt so etwas auch Zivilisation.

In den Vereinigten Staaten geht man roher miteinander um. Auge um Auge und so. Todesstrafe in über 30 Bundesstaaten. So darf es niemanden verwundern, dass Polizeifotos (mug shots) die Runde machen, dass es Fernsehkameras in Gerichtssälen gibt und dass die Medien immer wieder den Hebel ansetzen, um Namen von Verdächtigen in die Hand zu bekommen. Sei es mit fragwürdigen Mitteln (wie im Fall BALCO) entgegen dem ausdrücklichen Willen des Gerichts, wodurch die Journalisten schließlich sogar selbst beinahe ins Gefängnis geraten wären. Die Haltung: Man traut den Behörden nicht. Tageslicht ist das beste Mittel gegen ungerechtfertigte Verschleierung, gegen Korruption und Manipulation von offizieller Seite.

Die neueste Episode in diesem Komplex - Sport, Medien, Doping - ist soeben angelaufen: Zeitungsverlage wollen die Namen der Baseballprofis, die in den ausgeuferten Dopingskandal verwickelt sind, der mit dem Namen Kirk Radomski verbunden ist (der hat gestanden, dass er vielen Leuten geliefert hat) und mit dem von George Mitchell (der betreibt im Auftrag der Liga eine Untersuchung, die Klarheit in den Skandal bringen soll). Wieder mal muss ein Gericht entscheiden, welches Recht wichtiger ist: das auf Privatsphäre oder das der Gesellschaft an Aufklärung und Information. Schwer zu sagen, wie der Streit ausgehen wird. Jeder Fall liegt bekanntlich anders.

6. August 2008

Eine Spur zum Becken

Wenn jemand noch nie etwas von Brian Yusem gehört hat, ist das ganz verständlich. Der "Gründer und geschäftsführende Direktor" einer Firma namens Delta Body Systems Program hat zwar nichts gegen PR. Aber ein guter Teil seiner Arbeit findet im Dunklen statt. Die alte Webseite, die im Rahmen der Selbstdarstellungsbemühungen davon spricht, dass er "zur Zeit" mit Schwimmern aus den Nationalmannschaften der USA, Griechenland, Brasilien, und Russland arbeitet, ist vermutlich überholt. Die Rolle, die er im Zusammenhang mit den Doping-Anstrengungen von NFL-Quarterback Tim Couch gespielt hat, noch immer nicht geklärt. Doch auf den Hintertreppen des Internets kann man ihm noch immer über den Weg laufen, wo er die wundersamen Qualitäten von Stoffen wie Laxogenin preist. Schwimmer sollen es angeblich dieser Tage zu Hauf nehmen, schreibt er. Und kein Test der WADA spült es als verbotene Substanz hoch.

Warum interessiert uns der Mann? Er taucht heute in einem langen Bericht auf yahoo! News auf, in dem eine Verbindung von ihm zum Torres-Trainer Michael Lohberg beschrieben wird. Das soll alles weit in der Vergangenheit liegen und angeblich nur Protein-Produkte betroffen haben. Aber was soll man dazu sagen? Der Wirkmechanismus in diesen Shakes soll Aminosäure gewesen sein – das Zauberwort der Leistungsvermehrung der 41jährigen Freistil-Schwimmerin, die sich ganz überraschend für Peking qualifiziert hat. Lohberg sagt, er habe die Verbindung zu Yusem im Herbst 2003 gekappt: "Nicht weil ich einen Verdacht hatte, sondern einfach weil mir nicht gefiel, was sie getan haben, und ich dachte, es war nutzlos." Seitdem habe er Yusem und seine Kumpane nicht mehr gesehen.

Nun sollte man wissen, dass Yusem von seinem Stützpunkt in Boca Raton in Florida mit allem Möglichen gehandelt hat, auch wenn nicht ganz klar ist, ob er beim Besorgen der Stoffe gegen amerikanische Gesetze verstoßen hat oder einfach nur willige Ärzte fand, die ihm für die Substanzen Rezepte aushändigten. Klar ist, dass er Kontakt zu einer größten Doping-Apotheke der USA hatte, die vor einem Jahr in Orlando im Rahmen einer riesigen Fahndungsaktion hops genommen wurde. Die Geschichte (ebenfalls auf yahoo!) zeigt, dass im Imperium von Yusem Wachstumshormone und Testosteron eine Rolle spielen. Mit Wachstumshormonen hat der angesprochene Tim Couch nach eigenem Geständnis auch hantiert.

Seltsamerweise tauchen ausgerechnet Schwimmer auf der aktuellen Selbstdarstellungsseite mit Testimonials seines neuen Ladens Maxim Body System nicht auf. Aber dafür Figuren aus anderen Sportarten wie Football und Tennis. Bizarr ist übrigens das Zitat, das John Evert, dem Bruder von Chris Evert zugesprochen wird, der zusammen mit seiner Schwester in Boca Raton eine Tennis-Nachwuchsakademie betreibt, die talentierte Jugendliche auf Internatsbasis betreut: Er nennt den Stoff "eine wichtige Ingredienz für mich und all meine Athleten". Spricht er in dem Zusammenhang von den jungen Leuten in seiner Obhut?

Wie seriös das alles ist? Die sogenannten "Coaches", die Yusem einsetzt, alles ziemlich junge Frauen, wirken ebenfalls nicht vertrauenerweckend oder kompetent.

7. Juni 2008

Doping: Kugeln statt Kanülen

Nachbarn haben vor ein paar Tagen in der texanischen Stadt Plano gehört, dass in einem Wohnhaus in ihrem Viertel geschossen wurde. Als die Polizei kam, fand sie im Schlafzimmer zwei Leichen: die des geständigen Doping-Dealers David Jacobs, der NFL-Profis beliefert hatte, und die seiner Freundin. Was zuerst aussah wie ein Doppelmord aus Rache, wirkt nach der Obduktion von Jacobs so als habe er zuerst seine Gefährtin umgebracht und dann sich selbst. Und zwar möglicherweise sehr planvoll und in dem Versuch, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Denn zuerst gab er sich eine Kugel in den Bauch, dann in den Kopf. Über die Footballspieler, die er beliefert hat, ist wenig bekannt. Zumindest der Name von einem Offensive Lineman der Dallas Cowboys kursiert. Aber dessen Anwalt bestrietet, dass der illegal Substanzen genommen hat. Und das obwohl er im Rahmen der NFL-Dopingregeln schon einmal gesperrt wurde.

In den amerikanischen Kinos ist übrigens gerade ein sehr gut gemachter Dokumentarfilm zum Thema Anabolika angelaufen. Er heißt Bigger, Stronger, Faster und packt das Thema aus der Sicht von drei Brüdern an, die alle von der Wrestling-Kultur infiziert wurden und von denen sich zwei ohne Unterlass den Stoff geben. Die Hauptfigur, der zweitälteste der drei, versucht das Dilemma zu beschreiben und zu bewerten. Die besondere Qualität des Films besteht darin, dass er nicht versucht, die illegale Einnahme von Steroiden zu verketzern, sondern den eigenartigen Umgang der amerikanischen Gesellschaft mit dem Thema in den Griff zu bekommen. Dazu gehören Interviews mit Politikern, Wissenschaftlern und eine kuriose Begegnung mit Arnold Schwarzenegger, ein ehemaliger User und der einflussreichste Werbeträger für den fatalen Körperkult.

18. Juni 2007

Gedrucktes Allerlei

In eigener Sache nachgereicht:

Die FAZ hatte zum Auftakt der US Open in der letzten Woche mein Interview mit dem australischen Vorjahressieger Geoff Ogilvy gedruckt. Der Text wurde online gestellt. Auch wenn er diesmal nicht vorne mitmischen konnte: Der Australier gehört zu den Sportlern, die was zu sagen haben. In dem Interview kamen leider einige Dinge zu kurz. Darunter Ogilvys große private Leidenschaft. Er spielt Hard-Rock-Gitarre - unterwegs im Hotel eingestöpselt in den Laptop und mit Kopfhörern. Und er ist der Vorzeigegolfer für Sportausrüster Puma, deren Zusammenarbeit mit der schwedischen Firma J. Lindeberg leider zu Ende geht. Die Schuhkollektion war hervorragend.

Des weiteren: Am heutigen Montag erscheint die Print-Ausgabe mit einem Bericht über Juan Pablo Montoya. Ob faz.net mitzieht, lässt sich in diesem Augenblick nicht sagen.

Nachlesen kann man hingegen einen Artikel über das finanzielle Ausmaß der Floyd-Landis-Verteidigung im Doping-Verfahren von Malibu. Der war Teil eines umfangreichen Doping-Dossiers im Züricher Tages-Anzeiger am letzten Freitag.