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16. August 2010

Spekulationen über Kaymers Freundin

Das Zitat des Tages kommt aus dem Mund von Allison Micheletti: "Er ist einfach die mental stärkste Person, die ich kenne. In jedem Bereich seines Lebens. Er beklagt sich nie und macht das, was er tun muss." Micheletti ist die blonde Frau, die jetzt plötzlich auf Fotos aus Kohler/Wisconsin auftaucht, weil das Bild mit ihr in der Umarmung mit Martin Kaymer so viel mehr menschelt als seine etwas steife Pose mit der Wannamaker Trophy.

Da die BILD-Zeitung noch nicht alle Daten über die Amerikanerin korrekt zusammengegoogelt hat: Micheletti ist 22, kommt aus Missouri und war ein sportliches Multi-Talent, spielte Fußball und Basketball, ehe eine Knieoperation sie in Richtung Golf schob. Durch die Sportart landete sie an der Furman University in South Carolina. BILD hat amerikanische Quellen abgeschrieben und eine Frau zur Freundin erklärt, die in New York an einem College in New York als "Marketing-Expertin" arbeitet. Wenn man die im Telefonverzeichnis von Wagner aufgelistete Alison Micheletti (Vorname mit einem "l") anruft, bestätigt sie einem gerne, dass sie nicht die Freundin von Kaymer ist. Dass sie nicht gestern in Wisconsin war. Und dass sie nicht mal weiß, wer die PGA Championship gewonnen hat. Ich war ganz offensichtlich der erste, der sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, sie zu fragen.

Mehr Bilder von der richtigen Micheletti finden sich auf amerikanischen Webseiten, die sich auf WAGs spezialisiert haben. Wer mag, kann ja hier vorbeischauen. Die Burschen haben die Lebensgefährtin übrigens schon zur Ehefrau hochgejazzt.

Der Algorithmen-Denker

KOHLER, WI - AUGUST 15: Martin Kaymer of Germany sits next to the Wanamaker Trophy while he is interviewed during a press conference after winning the 92nd PGA Championship on the Straits Course at Whistling Straits on August 15, 2010 in Kohler, Wisconsin. Martin Kaymer defeated Bubba Watson in a three-hole aggregate playoff. (Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Irgendwann kommt der Tag, an dem man still sich selber sagt: "Das habe ich kommen sehen." Natürlich wäre es schön, man hätte dann auch ein paar Zeugen *) aufzuweisen, die bestätigen können, dass man durchaus das Zeug zum Orakel besitzt. Aber tatsächlich liegt man mit seinen Prophezeihungen häufiger falsch als richtig. Sport ist unberechenbar. Unvorhersehbar. Und deshalb ist er faszinierend.

Golf ist an und für sich eher weniger faszinierend. Ein langsames, stilles Spiel. Etwas für Einzelgänger. Und etwas für Bewegungsästheten, die nachvollziehen können, was alles in einem Körper aufs Feinste koordiniert ablaufen muss, damit der Ball exakt dort landet, wo man ihn hinhebeln will.

Das kann man als Spieler auf zweierlei Weise probieren: Mit dem hero shot, bei dem man sein Können bis an die Grenze des Mutmaßlichen testet. Oder mit dem percentage play – die Nummer sicher sozusagen, bei dem man das Risiko möglichst ausschaltet und defensiv denkt.

In den meisten Augenblicken, wenn Martin Kaymer defensiv spielt, sieht man ihm das nicht an. Der Mann wirkt auf dem Platz zugeknöpft wie eine enge Hose. Aber die Algorhyithmen in seinem Gehirn arbeiten trotzdem weiter. Kaymer wäre wohl im Fußball nicht der Typ Torwart und nicht Ausputzer gewesen, sondern eher im vorderen Mittelfeld gelandet, wenn auch sorgfältig und vorsichtig auf den sicheren Pass bedacht. Aber Fußball hat er, obwohl als Jugendspieler richtig gut am Ball und auf dem Weg in den oberen Talentezirkel, dann lieber wieder aufgegeben. Zuviele Imponderabilien? Zuviele Verletzungsrisiken? Vielleicht. So richtig gründlich hat er das wohl nie überlegt. Es gab schließlich diese vielversprechende Alternative: Golf. Das Spiel für Self-Made-Men. Da bist du auf niemanden angewiesen.

Ich bin diesem Algorhyithmen-Denker vor zwei Jahren bei unserem ersten Gespräch ein wenig auf die Schliche gekommen, als ich ihn fragte, weshalb er sich in seinem ersten Jahr auf der European Tour keinen festen Caddie genommen hatte. Seine Antwort war das Gegenstück zu einem percentage play auf dem Platz: Er wollte tatsächlich lieber auf jeder Übungsrunde alleine den Wagen mit dem Bag über die Anlage ziehen und sich an jeder kritischen Stelle über die Besonderheiten von Grüns und Fairways Notizen machen, als sich darauf zu verlassen, dass sein Caddie alles aufschreibt und ihm im entscheidenden Moment als Information anbietet, damit er – Kaymer – abwägen kann, wie er den jeweiligen Schlag imaginiert und umsetzt. Er wollte nicht abhängig sein und nahm lieber den Mehraufwand in Kauf. Vergeblich würde dieser Aufwand nicht sein, dachte er. Er hatte den Plan, auch in den Jahren danach auf diesen, denselben Plätzen zu spielen. Jedes speicherbare Detail würde ihm irgendwann wieder zugute kommen. Er nahm sich für das Turnier dann immer einen lokalen Caddie. Einer, der den Platz kennt. Nicht einer, der Kaymer und seine Algorhyithmen kennt. Und einer, der nicht irgendwelche finanziellen Ansprüche stellen würde. Das war in manchen kippligen Situationen im Turnier von Nachteil. Aber Kaymer behauptete, ein ständiger Caddie hätte ihm nichts genützt. Nun gut. Inzwischen setzt er auf Craig Conolly (Kaymer: "Ein sehr sympathischer Kerl. Er ist Schotte. Es ist sehr lustig mit ihm auf dem Platz, und er hat sehr viel Erfahrung.")

Kaymer war – mit Conolly – am Sonntag schon früh sehr nahe am bislang größten Erfolg seiner Karriere, als er kurz vor Schluss der regulären vierten Runde der PGA Championship mit zwei Schlägen Vorsprung das Feld anführte. Aber er war danach auch wieder sehr weit weg. Selbst als er den schwierigen Fünf-Meter-Putt auf dem 18. Grün zum Par einlochte und damit den Gleichstand mit dem Amerikaner Bubba Watson erzielte, bedeutete das nicht mehr als eine hauchdünne Chance auf ein Stechen. Und dazu musste der zweite Amerikaner Dustin Johnson, der hinter ihm auf der 17 mit einem Birdie in Führung gegangen war, auf der 18 einen Fehler produzieren. Johnson produzierte tatsächlich sogar zwei (einer war sehr bizarr und führte zu zwei Strafschlägen und sorgte für den Absturz auf den fünften Platz).

Auch im Stechen gegen Watson schien Kaymer zunächst wieder weg vom Fenster. Denn Bubbas Birdie auf der 10, dem ersten Playoff-Loch, wirkte souverän. Sein Par im Vergleich dazu fast schon mühevoll. Man denkt dann: Der andere hat das Momentum. Der hat psychologisch die Oberhand. Der muss jetzt nur noch fehlerfrei weiterspielen und hat das Ding in der Tasche. Mal abgesehen davon, dass der junge Herr K. an der 17 mit einem kaltschnäuzigen Putt zum Birdie gleich zog: Die dritte Bahn im Stechen zeigte, wie er in richtig heiklen Augenblicken an die Aufgabe herangeht. Weil sein Gegner mit einem riskanten Annäherungsschlag den Ball im Bach vor dem Grün versenkte und sich so einen Strafschlag einfing, verzichtete der Rheinländer auf jede Showeinlage. Er spielte auf Supersondersicher und gewann – unspektakulär – mit einem Schlag Vorsprung.

Viel Euphorie konnte man ihm anschließend nicht anmerken. Was sicher an dem Prozess lag, der vorher in seinem Gehirn stattgefunden hatte. Der Mann lebt nicht von Endorphinen. Der lebt von... ja, von was eigentlich?

Er hat auf jeden Fall den richtigen Beruf gewählt (was man schon vor ein paar Jahren sicher sagen konnte, als auf der untersten Satelliten-Tour für junge Profis die Gleichaltrigen ziemlich alt aussehen ließ. Ich habe ihm damals bereits so etwas zugetraut wie diesen Erfolg von gestern. Genauso wie ich nach seinen ersten US Open in La Jolla gedacht habe, dass er auf einem langen, schweren Platz eher ein Major gewinnt als auf diesem aalglatten Putting-Parkett in Augusta.

Alles weitere wird sich zeigen: Platz 5 der Weltrangliste with a bullet. Ryder Cup im Oktober. Ich hatte bereits angenommen, dass er nach einem solchen Resultat auf die amerikanische PGA Tour wechselt. Wolfgang Scheffler in der FAZ zitiert ihn jetzt folgendermaßen: „Es war immer mein Ziel, Mitglied der PGA-Tour zu werden. Ich möchte mehr in Amerika spielen, weil ich weiß und fühle, dass mein Spiel besser wird, wenn ich in Amerika spiele. Ich will mehr in Florida spielen, weil ich mein Spiel auf Bermudagras verbessern will.“ Wir sehen uns also wieder. Spätestens im nächsten Jahr.

*) einstige Prophezeiungen zu Kaymer in American Arena:

"...der ... in zwei Jahren das Zeug haben wird, um sein erstes Major zu gewinnen..." (22. Juni 2008)

"Er gehört inzwischen zu den Topleuten der Branche. Und wenn man davon ausgeht, dass bei jemandem mit seinem Talent tatsächlich noch Luft nach oben ist, darf man gefahrlos Folgendes prophezeien: Dieser Typ wird sich demnächst in den Top Ten festsetzen und bei wichtigen Turnieren – den sogenannten Majors – mit einer Handvoll von Konkurrenten um die Pötte spielen..." (12. Juli 2009)

3. August 2010

Die Welt zu Gast in Akron

Tiger Woods ist in der Stadt. Die Stadt heißt Akron. LeBron James ist auch irgendwie in der Stadt. Oder besser in der Zeitung von der Stadt. Die Zeitung heißt Akron Beacon-Journal. Woods spielt im Firestone Country Club im Rahmen der World Golf Championship. Ein Termin, bei dem die Besten aus den USA und aus Europa in einem exklusiven Feld um sehr viel Geld spielen. Dass Woods in Akron ist, wäre nicht weiter bemerkenswert. Denn er spielt schrottig und hat das Plateau seiner Leistungsfähigkeit überschritten (was auch eine Altersfrage ist, denn jenseits der 35 wird es schon rein körperlich immer schwieriger, vier Tage lang mit dem Können der Nachwachsenden mitzuhalten). Aber Woods ist noch immer das meal ticket der Sportschreiber in Amerika. Wenn sie einen Dreh finden können, sich über ihn auszulassen, dann tun sie es. Warum? Nicht wegen der Sex-Affäre und ihren Folgen. Sondern, weil er an Platz eins der Weltrangliste steht. Weil man ihm zutraut, zum ersten Mal seit seiner Rückkehr wieder ein Turnier zu gewinnen. Und, ja, wenn ihm das gelänge, das wäre doch bemerkenswert, oder nicht? Akron wurde so zum Testfall ausgerufen. Schließlich hat er hier in der Vergangenheit immer dominiert. Wenn er diesmal nicht gewinnt, muss man ihn wohl endgültig zum Has-Been herunterstufen, oder nicht? So geht das seit Tagen in den Sportteilen, die auf diese Weise kostbaren Platz verschwenden, den sie ganz anderen Golf-Themen widmen könnten.

Da macht es LeBron schon besser. Er verzichtet darauf – ganz der Narziss, der er nun mal ist – den Sportteil zu behelligen. Er kauft gleich eine ganzseitige Anzeige in der Zeitung, um den Lesern zu versichern, dass sein Wechsel aus dem nahen Cleveland in das ferne Miami, nichts an seinen heimatlichen Gefühlen zu Akron ändern wird. Oder in den gedrechselten Worten von King James:

"An meine Familie, Freunde und Fans in Akron:
Ich habe mein gesamtes Leben in Akron verbracht und bin deshalb ein wirklich glücklicher Mensch. Hier habe ich gelernt, Basketball zu spielen und die Leute getroffen, die zu für mein ganzes Leben zu meinen Freunden und Mentoren wurden. Ihre Art, ihre Aufmunterung und ihre Unterstützung werden immer mit mir sein. Akron ist meine Heimat und der zentrale Brennpunkt [sic!] meines Lebens. Hier habe ich begonnen, und hierher werde ich immer wieder zurückkehren. Ihr könnt versichert sein, dass ich für diese Stadt auch weiterhin alles tun werde, was ich kann, was für meine Familie und mich so wichtig ist. Vielen Dank für die Liebe und die Unterstützung. Ihr bedeutet mir alles."

Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass Akron zwar viel Gummi, aber keine guten Wortschmiede produziert hat (der beste war wohl dieser Mann, ein reputierlicher Redakteur der New York Times). Und auch die Sache mit dem Gummi hat nachgelassen. Die – heute japanische – Firma Bridgestone wäre vor ein paar Jahren fast aufgrund der mangelhaften Qualität ihrer Reifen pleite gegangen.

Das mit den Anzeigen scheint übrigens Schule zu machen (und ist eine nette Geste in Richtung eines darbenden Zweigs der Medienindustrie). Der Litauer Zydrunas Ilgauskas spendierte gestern dem Cleveland Plain-Dealer eine Seite ("Dear Cleveland...."). Darin bitter er die Fans der Cavaliers um Verständnis für seine Entscheidung, in Miami neben James um den Meisterschaftserfolg zu spielen, der ihm in Ohio nicht vergönnt war. Ilgauskas war im März von den Cavaliers an die Wizards abgegeben worden, und dann als Free Agent für ein paar Groschen wieder eingekauft worden. Er hat im Laufe seiner langen Karriere in Cleveland mehr als 100 Millionen Dollar brutto abgesahnt. In Miami spielt er für 2,8 Millionen.

18. Juli 2010

British Open: Kaymer schleicht sich an

ST ANDREWS, SCOTLAND - JULY 17: Martin Kaymer of Germany putts onto 18th hole during the third round of the 139th Open Championship on the Old Course, St Andrews on July 17, 2010 in St Andrews, Scotland. (Photo by Stuart Franklin/Getty Images)
Am 18. Grün legte Martin Kaymer am Samstag den Putt zur Annäherung an die Fahne ganz nah am Loch ab. Das Resultat: Birdie. Der Score für die Runde: eine 68. Der entscheidende Aspekt: Der Weltranglistendreizehnte arbeitete sich auf den dritten Platz der Zwischenwertung der British Open vor und geht am Sonntag mit seinem Freund Henrik Stenson und dessen Caddie Fanny Sunesson (seiner langjährigen Beraterin in Fragen der Spieltaktik) auf die entscheidende Runde. Sein Rückstand zum führenden Südafrikaner Louis Oosthuizen beträgt sieben Schläge.

Das ist durchaus eine Menge Holz. Aber auch nur dann, wenn Oosthuizen keine Fehler macht und die Nerven behält. Das gibt es im Golf jedoch so gut wie nie, dass einer vier Tage lang durch die Bank besser spielt als die Konkurrenz. Meistens kommt irgendwann der Einbruch – entweder früher oder später. Entweder weil man patzt. Oder weil man sich innerlich verspannt. Der letzte klassische Aussetzer: neulich bei den US Open, als der Amerikaner Dustin Johnson nach drei Tagen das Ding schon im Sack zu haben schien. Kollege Ron Sirak, mit dem ich einst eine Runde auf dem schweren US Open-Platz von Shinnecock gespielt habe, dem besten Links-Platz in den USA, erinnert an folgende Episoden neben Johnson:

"And how about Aaron Baddeley, who looked unbeatable in the third round of the U.S. Open at Oakmont in 2007 when he opened a two-stroke lead, and then unraveled to an 80 on Sunday that commenced with a triple bogey on the first hole? And don't forget the immortal Jean Van de Velde, who took a five-stroke lead into the final round of the 1999 British Open at Carnoustie and closed with a 77 -- including that memorable 7 on the final hole and lost the title to Paul Lawrie in a playoff."

Moral: Bei vielen Spielern, die sich zum ersten Mal in einer solchen Situation erleben, stottert irgendwann die Maschine, die drei Tage gut geölt gelaufen war.

14. Juli 2010

Schwere Jungs und alte Männer

Foto: Spider.Dog/flickr/creative commons/Attribution 2.0

Morgen beginnen in St. Andrews an der schottischen Ostküste die British Open, das dritte Major des Jahres im Golf. Abgesehen von der Tatsache, dass es ein wenig langweilig anmutet, wenn ein solch bedeutendes Turnier alle fünf Sommer auf demselben Platz stattfindet, verführt er die Golf-Journalisten zu verschnörkelten Reminiszenzen der Geschichte des Spiels. Denn – so geht die Saga – St. Andrews ist die Geburtsstätte der Sportart. Tatsächlich hat sich das Spiel seit seiner Geburt gravierend verändert. Nachdem zunächst die Bälle durch eine enorme technische Revolution gingen, wurden auch die Schläger zu Präzisionswerkzeugen, und beides zwang die Golfplatzbesitzer, ihre Anlagen immer mehr in die Länge zu ziehen. Länger ist nicht besser, sondern einfach nur länger. Da ist es umso angenehmer zu sehen, dass die Spieler selbst sich nur unwesentlich verändert haben. Im Gegenteil. So wie die Bevölkerung in den reichen westlichen Ländern, deren Ernährungsgewohnheiten in naher Zukunft eine Gesundheitskrise heraufbeschwören werden (zusätzlich zum Bedarf an breiteren Sitzen in Flugzeugen und den Wartezimmern der Ärzte), wirken derzeit eine Menge ziemlich erfolgreicher Golfprofis. Rundlich, übergewichtig, um nicht zu sagen dick. Und auch alte Spieler, woanders in der Alterskategorie "Männer IV" eingestuft, halten mit. Mit anderen Worten: Golf wirkt selbst in der Zeit des roboterhaften Erfolgsprofis Tiger Woods noch immer irgendwie ganz menschlich.

Zu diesem Thema habe ich vor ein paar Wochen für die Züricher Sonntagszeitung einen Text geschrieben. Er passt noch immer in die Zeit:

Von allen Kennziffern, die die amerikanische PGA Tour über ihre Profis veröffentlicht, wirkt eine besonders kurios. Die Statistik nennt nicht nur das gewonnene Preisgeld, das Geburtsdatum oder die Körpergrösse. Die Unterlagen machen ein weiteres Detail publik: das Körpergewicht des Golfspielers. So konnten Zuschauer, die noch nie etwas über einen gewissen Brendan de Jonge aus Simbabwe gehört hatten, rasch ermitteln, wieviel der rundliche 29-jährige aus Simbabwe auf die Waage bringt, nachdem der überraschend nach dem ersten Tag der US Open den ersten Platz belegte: satte 103 Kilogramm.

Das Turnier auf dem schwierigen, 6300 Meter langen Platz von Pebble Beach ist kein Spaziergang. Die vier Tage verlangen den Teilnehmern in Wind und Wetter eine Menge ab. Weshalb sich im Laufe der Jahre ein Typ von Golfprofi durchgesetzt hat, der dem Vorbild des im Fitness-Studio gestählten Weltranglistenersten Tiger Woods ähnelt: Der verfügt über wohlproportionierte Muskelpäckchen in den Armen und Schultern.

Doch ein Erfolgsrezept ist das nicht. Man denke nur an all jene Herren, die mit schwerem Schritt über den Platz wandern, aber am Ende die bedeutendsten Titel gewinnen. Ob der Argentinier Angel Cabrera (Gewinner US Open 2007 und Masters 2009, Gewicht laut offiziellen Angaben: 95 Kilo und dazu Kettenraucher) oder ob Phil Mickelson (Sieger beim Masters 2004, 2006, 2010, 91 Kilo) – sie alle schleppen bei wichtigen Ereignissen stärker an dem Gewicht der eigenen Erwartungen als an der Masse aus überflüssigem Fettgewebe. So zählte der Amerikaner Mickelson bei diesem Turnier zu den Favoriten, nachdem er sich am Freitag mit einer hervorragenden zweiten Runde von 66 Schlägen auf den zweiten Rang im Zwischenklassement vorgearbeitet hatte (hinter dem späteren Sieger, dem Nordiren Graeme McDowell).

Aber nicht nur Körperumfang scheint im Spitzengolf kein Problem zu sein. So konnte sich für die US Open in diesem Jahr ein Spieler qualifizieren, der vor zwei Jahren bereits sein zweites neues Herz eingepflanzt bekommen hatte. Die Geschichte des Amerikaners Erik Compton, der am Freitag allerdings am Cut scheiterte, zeigt zumindest eines: Die wahren Qualitäten eines Golfers müssen aus etwas anderem bestehen, als jenem Schaltkreislauf, den Athleten in Sportarten wie der Leichtathletik oder beim Radrennen inzwischen zunehmend mit Dopingmitteln manipulieren.

Man denke nur an die British Open im schottischen Turnberry im letzten Jahr, als bis zum vorletzten Loch ein 59-jähriger an der Spitze lag. Der amerikanische Ausnahmegolfer Tom Watson, der vier Tage lang mit einer erstaunlichen Präzision gespielt hatte, verlor erst im Stechen gegen den um 23 Jahre jüngeren Landsmann Stewart Cink. Eine ähnlich ungewöhnliche Leistung hatte 2008 der Australier Greg Norman geschafft. Der ging in Royal Birkdale als Führender in die entscheidende Runde und wurde Dritter – im Alter von 53 Jahren.

Immerhin: Sowohl Watson als auch Norman haben im Unterschied zu vielen Kollegen auf der Champions Tour der Profis über 50 kein überflüssiges Gramm zugenommen. Ein Aspekt, von dem vor einiger Zeit der ehemalige Weltranglistenerste David Duval sprach, als er davon hörte, mit welchem Argument der übergewichtige Engländer Lee Westwood (offiziell: 94 Kilo) jede Frage nach seinen Essensgewohnheiten abschmetterte: “Hätte ich Athlet werden wollen, dann wäre ich 400-Meter-Läufer geworden. Ich bin kein Athlet, ich bin Golfer.”

“Der Golfschwung ist ein sehr athletischer Bewegungsablauf”, rechtfertigte Duval seine damalige seine rigorose Hinwendung zu intensivem Hanteltraining. Wenig später gewann er die British Open. “Fitness", so meinte er, "sorgt für eine längere Karriere und hilft Verletzungen zu vermeiden.”

Tatsächlich leidet Duval seit dem größten Erfolg seiner Karriere an einer unerklärlichen Formschwäche und liefert nur noch selten und inzwischen auch mit einigem ziemlichen Extra-Gewicht in der Bauchgegend bemerkenswerte Resultate ab. Westwood hingegen spielt seit ein paar Jahren bei den wichtigen Turnieren ständig um den Titel mit und steht auf Platz drei der Weltrangliste. Nach zwei Runden in Pebble Beach lag er in Lauerstellung auf dem 16. Platz. “Ich habe gute Chancen”, sagte er.

7. Juli 2010

Die Welt von Tiger Woods ist flach

Die beste Frage an einen berühmten Sportler weltweit in diesem Sommer, gestellt von einem irischen Journalisten am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Adare (mit Video):

"Mit dem jüngsten Verhalten und den Problemen, die Sie gehabt haben...in einer Zeit, in der Sie riskieren, die Familie zu verlieren, einen Werbepartner zu verlieren, was mit solchen Dingen Hand in Hand geht, denken Sie manchmal darüber nach und fragen sich: War es das wert?"

Gestellt wurde sie Tiger Woods. Dessen Antwort ist erhellend: "Sie graben zu tief."

Wann werden amerikanische Golfjournalisten wohl anfangen, ihrem Landsmann mit ähnlich gründlichen Bohrungen ins Gehirn zu blicken? Oder wollen US-Medien es gar nicht so genau wissen, aus Angst sie könnten den Abstieg ihres wichtigsten Einschaltquotenbringers beschleunigen?

1. Juli 2010

Non olet?

California v Stanford
Das geben wir mal einfach so weiter, denn offiziell wurde noch gar nichts verlautbart: 750 Millionen Dollar soll Tiger Woods im Rahmen seiner Scheidung von Elin Nordegren abhusten, damit die Mutter seiner beiden Kinder auf immer und ewig den Mund hält. Eine solche Summe klingt exorbitant, vor allem angesichts eines Ehevertrags, der etwas ganz anderes festgelegt hatte und wird vielleicht in kommenden Meldungen noch nach unten korrigiert. Aber das sollte die Betroffene nicht schmerzen. Sie hat ausgesorgt. Mit dem Geld könnte man ganze Entwicklungsländer entschulden.

19. Februar 2010

Tiger Woods - Live-Blog

Die amerikanischen Medien haben gestern mal wieder gezeigt, dass in den Skeletten von so manchen noch so etwas wie Rückgrat steckt. Da beschloss das Führungsgremium der Golf Writers Association of America, dass man jene kuriose Veranstaltung boykottieren wird, bei der in ein paar Minuten ein gewisser Tiger Woods, die Gelddruckmaschine der Sportart Golf, eine öffentliche Erklärung abgeben will. Eine Kamera und eine Handvoll sogenannter Pool-Reporter sollten zugelassen werden. Fragenstellen nicht erlaubt. Für eine solche Inszenierung mögen sich die Kollegen vom GWAA nicht hergeben. Ich kann das verstehen und unterstütze das auch – als aktives Mitglied – auch wenn meine Solidaritätsadresse auf Deutsch vermutlich niemand im Verband auch nur registrieren wird.

Ein solcher Boykott ist natürlich eher eine symbolische Haltung im ewigen Tauziehen zwischen den Mächtigen und Einflussreichen im Sport und den Multiplikatoren aus der Kommunikaitonsindustrie. Ich vermute mal, vor einem Jahr wäre es zu einer solchen Auseinandersetzung nicht gekommen. Der Tiger wirkt waidwund. Die Meute riecht Schwäche.

Hier wird das Ereignis gleich mal aus der Perspektive des amerikanischen Fernsehzuschauers abgehandelt. Man darf davon ausgehen, dass alle News-Kanäle live mitmachen.

Bis gleich.

10: 50 Uhr Zu den Newskanälen gehören natürlich auch die, die der golffixierten britischen Klientel ständig den wichtigen Stoff bringen: Also Zeitungen wie der Guardian mit einer beachtlichen Blog-Leistung: http://www.guardian.co.uk/sport/blog/2010/feb/19/tiger-woods-statement-live

10:52 Uhr: ESPN 2 hat eine Expertin über die Bedeutung von Entschuldigungen im Alltag im Studio. Der Kanal wird live dabei sein.

10:54 Uhr: Den Wirtschaftskanal CNBC interessieren natürlich nur die geschäftlichen Belange und nennt die Veranstaltung im Streifen am unteren Ende des Bildschirms Tiger Woods' Media Culpa. Wortspiel oder Verschreiber?

10:57 Uhr: Die alte Tante CNN, die man in Zeiten der Krise immer so gerne als erstes und als vertrauenswürdigstes Guckloch anklickt, ist noch in Vancouver und bei Bode Miller. Werden die nicht rechtzeitig umschalten?

10:59 Uhr: Beim Golf Channel wird zwar berichtet, aber auf solche Nuancen wird Wert gelegt: "Es wird erwartet, dass Tiger Woods um 11 Uhr" spricht. Dabei wurde die Sache offiziell angekündigt.

11:00 Uhr: Das Live-Bild aus Florida zeigt eine seltsame Gruppe von Zuschauern in einem Raum. Jetzt kommt Tiger.

11:02 Uhr: "I am deeply sorry for my irresponsibe behavior."

11:03 Uhr: "Elin and I have started a process to discuss the damage."

11:04 Uhr: "I am aware of the pain I have caused. I have let you down.... personally and professionally."

11:05 Uhr: "I have made you question who I am and how I could have done the things I did."

11:06 Uhr: "Elin never hit me....there has never been an incident of domestic violence....I was unfaithful. I had affairs. I cheated."

11:07 Uhr: "I thought I could get away with what I wanted to.... I felt I was entitled."

11:08 Uhr: "My failures have made me look at myself in a way I never wanted to before."

11:09 Uhr: "It is hard to admit that I need help, but I do....I have a long way to go."

11:10 Uhr: "These are issues between a husband and his wife....It is right to shield my familiy from the public limelight."

11:11 Uhr: "Please leave my wife and kids alone...I am the one who needs to change."

11:12 Uhr: "Part of following this path is Buddhism."

11:13 Uhr: "I lost track of what I was taught....I will leave for more treatment and therapy....I therapy I learned to look at my spiritual life and balance it with my professional life."

11:14 Uhr: "I do plan to return to golf one day. I just don't know when that day will be."

11:15 Uhr: "Today I want to ask for your help. I ask you to find room in your heart to one day believe in me again. Thank you."

11:16 Uhr: Nachdem er lange seine Mutter umarmt und dazu ein paar Zuschauer in der ersten Reihe, tritt er ab. Aus dem Raum. Ohne sich umzudrehen. Elin war nicht zu sehen.

Zusammenfassende Gedanken und Beobachtungen (während die Kommentatoren auf allen Kanälen ihren Senf verbreiten): Das moderne Medientheater verlangt nach solchen Auftritten, bei denen die Akteure mit den Strippen spielen, die ihnen die Öffentlichkeit bietet. Mehr als zehn Kanäle in den USA schalteten live auf. Die zwei Neuigkeiten, die Woods anzubieten hat: Zum ersten Mal hat er seine religiöse Affinität offiziell angesprochen. Er ist Buddhist, was ihn in einem von einer extremen, aufs Christentum und die Bibel fixierten Land zu einer kleinen Minderheit macht. Es muss ihm schwer gefallen sein, dass zuzugeben. Es gibt keine Entscheidung darüber, wann er wieder an den Turnieren der PGA Tour teilnehmen wird. Keine Ankündigung darüber, ob er schon beim Masters im April in Augusta wieder antreten will.

P.S. Die oben erwähnte Entschuldigungs-Expertin heißt Lauren Bloom. Ihr Buch trägt den Titel The Art of the Apology. Sie gab Tiger Woods für seine Erklärung die Note A-. Das entspricht in den USA der Note 1-.

Und weil das Internet so ergiebig ist, gibt es hier mit etwas Verspätung den Mitschnitt von dem Woods-Auftritt. 15 Minuten.

4. Januar 2010

Nach dem Boom: In Arizona gegen die Golfplätze pleite

Tiger Woods ist nicht der einzige im Golfbusiness, der zur Zeit eine Krise durchläuft. In Arizona häufen sich die Probleme von Golfplatz-Eigentümern und Betreibern, weil man erstens in den Boom-Zeiten zuviele Plätze gebaut hat und zweitens die Leute immer weniger Geld für diese Form der Freizeitbetätigung haben oder übrig machen wollen. Das ist gut für Amateurspieler, die plötzlich zu Discount-Preisen auf guten Anlagen abschlagen können oder in Clubs aufteen können, zu denen sie sonst keinen Zutritt gehabt hätten, weil man die Spielflächen den Mitgliedern exklusiv überlassen wollte.

Ein Teil des Spiels läuft zur Zeit so: Wer mit seiner Clubanlage nicht profitabel wirtschaftet, meldet wegen der Schuldenlast Konkurs an. Im Rahmen der Insolvenzverfahren schnappen andere Investoren zu. Zu den Plätzen, die zuletzt unter den Hammer kamen gehören auch einige, an die ich mich ganz gut erinnere (unter anderem, weil sie ziemlich anspruchsvoll sind): darunter das Wigwam Resort außerhalb von Phoenix.

Besonders dramatisch scheint die Entwicklung bei abgeschlossenen Wohnanlagen, die in den letzten zwanzig Jahren Golfplätze in die Mitte pflanzten, um so die Bauplätze oder die Villen ringsherum zu höheren Preisen verkaufen zu können. Viele von denen sind in Gefahr, nicht mehr unterhalten zu werden. Die Natur bekommt zurück, was man aus ihr herausgebastelt hat.

11. Dezember 2009

Tiger Woods: Pause vom Golf

Freitagnachmittags, wenn das Wochenende heraufzieht, pflanzt man gewöhnlich jene Pressemitteilungen von denen man hofft, dass sie so wenig Aufsehen wie möglich erregen. Das wird Tiger Woods nicht viel nützen, der heute zum ersten Mal "Untreue" zugegeben hat und bei der Gelegenheit eine zeitlich unbeschränkte Pause vom Golf ankündigte.

Der Mann, der gewöhnlich über einen enormen inneren Kontrollimpuls das Spiel auf dem Platz und sein Bild in der Öffentlichkeit zu steuern versuchte, hat offensichtlich beschlossen, dass es besser für ihn ist, diese zwei Terrains komplett aufzugeben und hinter den Kulissen zu arbeiten, um den Overkill zu bekämpfen, der ihn effektiv handlungsunfähig gemacht hat. Was an den Spekulationen dran ist, wonach er eventuell als Nächstes mit seiner Familie nach Schweden umzieht – ah, Winter in Schweden, wenig Tageslicht, aber viel Melancholie – wird sich zeigen. Theoretisch wollte die Familie eigentlich im Frühjahr die riesige neue Bleibe auf Jupiter Island beziehen, deren Bauarbeiten sich hingezogen haben.

Der nächste Schachzug wird wohl von den Werbepartnern ausgehen, denen es nicht viel bringt, wenn sie die Werbespots nicht zeigen können, für die sie ihn und seinen Namen eingekauft haben. Das Verhalten der Firmen wird sich unweigerlich auf den Schwebezustand auswirken, in dem sich der 33-jährige zur Zeit befindet. Natürlich hat er soviel Geld, dass er niemals in seinem Leben wieder arbeiten muss. Aber es dürfte nicht seinem Naturell entsprechen, einen solchen Schritt in Erwägung zu ziehen.

Der Anlass scheint gekommen, mal wieder in jenem Buch nachzublättern, mit dem ich vor etwas mehr als zehn Jahren die Figur Tiger Woods von allen Seiten betrachtet habe, und hinter dessen Siegen sich schon damals "die erstaunliche Geschichte einer Ausbildung zu einem neuen Beruf: der des Champions" verbarg. "Eine Geschichte, die verdeutlicht, was jemand mitbringen muss, wenn er als Angehöriger einer ethnischen Minderheit in eine Welt hineindrängt, die seinesgleichen bis dahin nur als Köche und Caddies kannte."

Dies ist eine Passage aus der Einleitung, die damals zumindest andeutete, was Tiger Woods bevorstand und die die jüngsten Entwicklungen bereits skizziert.

"Es wird der Tag kommen, und dann wird er es wissen. Er wird sich auf die Höhepunkte seiner Karriere besinnen und im Kopf noch einmal die wichtigsten Ereignise zusammenrechnen: die Siege beim Masters in Augusta, wo sein Stern im Frühjahr 1997 aufging, als wäre er der neue Elvis Presley. Und die Triumphe bei den anderen Majors, die in jedem Sommer den Höhepunkt des Golf-Kalenders bilden.
Er wird einen Strich unter die Resultate bei den Ryder-Cup-Begegnungen ziehen und sich an die Match-Play-Duelle mit den besten Europäern erinnern. Er wird die siebenstelligen Betraege überschlagen, die er jedes Jahr an Preisgeldern verdient hat, und dann mit der für ihn typischen Entschiedenheit Bilanz ziehen und erklären, wie das Fernduell mit den großen Legenden Jack Nicklaus, Bobby Jones und Ben Hogan ausgegangen ist. Ob ihm tatsächlich gelungen ist, wovon er als kleiner Junge geträumt hat: als bester Golfspieler aller Zeiten in die Sportgeschichte einzugehen. Oder ob seine Laufbahn durch den Druck der Erwartungen einer ganzen Nation in ein handlicheres Format zusammengepresst wurde und er sich in der Ruhmeshalle des Sports mit einem Platz in der zweiten Reihe begnügen muss.
Zu welchem Ergebnis er bei seinem selbstkritischen Rückblick auch immer kommen wird - wir werden es ebenfalls wissen. Denn mit seinem Erscheinen ist seine Sportart, die früher allenfalls eine Handvoll von Experten beschäftigte, zu einem Ereignis geworden, das die Massen interessiert... Bis allerdings feststeht, wie gut er wirklich ist, werden noch einige Jahre vergehen. Eine Zeitspanne, in der wir, während er die ganz normalen Höhen und Tiefen einer Sportler-Karriere durchläuft, gelegentlich darüber nachdenken werden, weshalb Tiger Woods eine Beachtung erhält, die gemeinhin nur Figuren zufällt, die der Welt etwas bedeuten - Wohltäter etwa, und Würdenträger, Wissenschaftler und Weltverbesserer.
Allein an seiner Art, Golf zu spielen, kann es nicht liegen. Sein eleganter Schwung und seine lockeren Bewegungen verleiten sein Publikum allenfalls dazu, sich für die romantische Idee zu begeistern, einmal im Leben das majestätische Gefühl zu spüren, das bei den großen Turnieren über solch exotischen Orten wie Augusta, St. Andrews oder Pebble Beach schwebt. Sein spielerisches Können inspiriert seine Zuschauer bestenfalls dazu, mit etwas mehr Tiefenschärfe in die Seele eines altehrwürdigen Spieles zu blicken. Ein Spiel, das heute, nachdem es vor Jahrhunderten an den Küsten von Schottland ein profanes Freizeitvergnügen für jedermann war, mit seinen ritterlichen Herausforderungen an die Charakterfestigkeit der Spieler, seinen mysteriösen Ritualen und dem kuriosen Vokabular so wirkt, als existiere in seinem Kern eine geheimnisvolle philosophische Erkenntnis.
Es muss etwas anderes sein als pure Sportbegeisterung, die die Begeisterung für den 22jährigen Tiger Woods ausgelöst hat und die alte Demarkationslinie zwischen den esoterischen Anstrengungen eines Profisportlers und dem Unterhaltungsbedürfnis der Gesellschaft ausradiert hat.
Tatsächlich wäre diese ungewöhnliche Resonanz nicht ohne eine Entwicklung möglich, die sich unaufhaltsam in Amerika ausbreitet, wo eine wachsende Zahl von Athleten, ohne sich je danach gedrängt zu haben, eine Rolle übernehmen, die einst von Politikern, Professoren und Pastoren versehen wurde. Sie setzen in einem System von Bildschnipseln und Tonhäppchen als neue Leitbilder Zeichen für eine Diskussion um Wertvorstellungen und philosophische Prinzipien. Sie sind, auch dann, wenn sie nicht viel reden und - noch schlimmer - nicht viel zu sagen haben, die Quasi-Ideologen einer neuen Zeit. Einer Epoche, in der demokratische Kulturen in allen sozialen Bereichen nach Leistungshierarchien suchen und sich nach Eliteförderung sehnen. Und in der Spitzensportler vorleben, wie einfach eine solche Gesellschaft funktionieren kann, wenn sie perfekt organisiert ist und den immensen Leistungsabraum aus Verlierern und Sportinvaliden geschickt verdeckt: Man spielt und kämpft, akzeptiert alle Regeln und ein paar moralische Grundsätze wie Fairness und Teamgeist und vertraut darauf, dass man sich auf diese Weise nach oben arbeitet.
Das Besondere an Tiger Woods: Er ist nicht nur ein idealer Prototyp für die soziologische Umschichtung. Er ragt gleichzeitig - als dunkelhäutiges Wunderkind, das sich über alle Benachteiligungen hinwegsetzen konnte, weil es sein Leben lang nichts anderes getan hat, als Golf zu spielen, aus ihr heraus. Und zwar in einer Weise, die ihn zum ersten ernsthaften Kandidaten dafür macht, die politische Entwicklung, die vor einer Weile in Amerika begann, in andere Teile der Welt zu tragen. Die Voraussetzungen sind günstig. Die Sportart, die er repräsentiert, ist international und hat einen elitären Beigeschmack. Er hat einen griffigen Spitznamen, einen multikulturellen Background, tadellose Manieren und ein gewinnendes Lächeln. An seiner Seite stehen weltweit agierende Werbepartner, die in Größenordnungen von Milliarden denken - und nicht zu vergessen, er besitzt eine unwiderstehliche Art, mit einem Golfschläger umzugehen.
Bis wir beurteilen können, welchen Einfluss ein Individuum wie Tiger Woods auf das Sozialgefüge im globalen Dorf hat und welchen Einfluss das Gefüge auf ihn, werden wir uns allerdings noch eine Weile mit den Teilen eines Puzzles benügen und mit Fragen beschäftigen, die niemand beantworten kann, wenn ein Athlet im Raketentempo zum Medien-Phänomen wird und zum Futter für die Instant-Kultur, die darauf angelegt ist, alle möglichen Reiz-Rezeptoren zu stimulieren, ohne sie je wirklich zu befriedigen...
...Wie stark sein Charakter ist, sich auch weiterhin in dem mächtigen Energiekreislauf aus Sport, Glamour und Werbung zu behaupten, kann niemand sagen. Auch nicht sein redegewaltiger Vater Earl, der das Talent förderte und formte. Idole zehren nicht von der Macht der Marketing-Mechanismen. Sie reflektieren die Stimmungsströmungen einer Welt, die nach neuen Identifikationssymbolen sucht und die ihre Vorbilder nur so lange akzeptiert, wie sie den Ansprüchen genügen."


Aus Tiger Woods – Charisma für Millionen, erschienen 1998 im Sportverlag.

Der Züricher Tages-Anzeiger schrieb bei Erscheinen in seiner Rezension: "Ein Buch, das dort beginnt, wo die Tages- und Fan-Berichterstattung aufhört..."

26. November 2009

Happy-Gilmore-Golfschwung vor Gericht


Adam Sandler hat in seiner Komödie Happy Gilmore einen Abschlag beim Golf vorgeführt, der verheerend aussieht, aber dem Ball durchaus mehr Fahrt mit auf den Weg geben kann. Getestet wurde diese Hypothese schon vor einer Weile von einem Team der amerikanischen Fernsehsendung Sports Sciene, die dafür den Iren Padraig Harrington gewinnen konnte. Sein Fazit: Ja. Mit dem Anlauf steigt das Schwungtempo. Der Distanzgewinn liegt bei etwa zehn Prozent. Harrington will die Technik trotzdem nicht in sein Spiel einarbeiten. Er macht sich Sorgen vor einem Verlust an Präzision. Die Fairways bei den Profi sind schließlich gertenschlank.

Und was ist mit den Amateuren? Zu der Frage hat sich ein kanadischer Richter in der Provinz Nova Scotia zu Wort gemeldet, der einen Fall zu verhandeln hatte, bei dem es um die Verletzung eines Mitspielers und Schadenersatz ging. Die Antwort: Amateure sollten, besonders dann, wenn sie auf dem Platz auch noch sehr dem Alkohol zusprechen wollen, es lieber beim klassischen Schwung belassen, weil sie andernfalls das Risiko für andere größer wird. Verboten ist der Gilmore-Schlag übrigens nicht. In den Regeln des Golfspiels wird nur festgelegt, dass sich der Ball vor dem Kontakt mit dem Schläger nicht bewegen darf. Wie sich der Spieler bewegt, um den Ball zu bewegen, ist ihm freigestellt (via Huffington Post)

9. Oktober 2009

Der Klingelbeutel: Pfänderspiele

Der Arm der amerikanischen Justiz ist nicht wahnsinnig lang, aber ziemlich stark und ausdauernd. Das dürfte Olympiakos Piräus in diesen Tagen zu spüren bekommen. Die Mannschaft befindet sich im Anflug auf die USA zu einem Freundschaftsspiel gegen die Cleveland Cavaliers mit LeBron James und Shaquille O'Neal. Da aber noch aus einem alten Rechtsstreit um die Bezahlung eines amerikanischen Spieleragenten eine Rechnung offen ist, hat dieser Agent vor Gericht den Antrag gestellt, dass die für solche Aufgaben zuständigen US Marshalls alles pfänden, was am griechischen Team nicht niet- und nagelfest ist. Eventuell sogar das Flugzeug, mit dem die Truppe anreist. Der Betrag, um den es geht, ist nicht gering. Er liegt bei 400.000 Dollar. Das Spiel ist für Montag geplant. Die ausführliche Geschichte über den Fall gibt es hier.

* Golf und Rugby wurden heute ins Programm der Olympischen Spiele aufgenommen. Darüber wird an anderer Stelle noch ein wenig ausführlicher zu berichten sein. Nur soviel: Rio de Janeiro als erster Austragungsort, den die Expansion betrifft, hat keinen passenden Golfplatz und wird noch ein paar Millionen Dollar mehr im Budget finden müssen, um das Problem zu lösen.

• Die mysteriöse Rolle des ehemaligen Football- und Baseballprofis Deion Sanders und derzeitigen Fernsehkommentators im privaten Umfeld von jungen amerikanischen Sportlern wie Michael Crabtree. "Seit Jim Jones eine Gruppe von Anhängern nach Guayana führte, ist kein religiöser Hochstapler mehr für soviele irregeleitete junge Leute verantwortlich gewesen." Schreibt Jason Whitlock. Der Vergleich mit Jones ist extrem, aber griffig. In Jonestown starben mehrere hundert Menschen bei einem von Jones angeordneten Massen-Suizid. Bei den jungen Leuten steht allenfalls die sportliche Karriere auf dem Spiel.

2. Oktober 2009

Evert und Norman: Sie tanzten nur zwei Sommer

Greg Norman hatte letzten Sommer zwei ziemlich große Auftritte. Die teure Hochzeit auf den Bahamas mit Chris Evert, der einstigen Grande Dame des amerikanischen Tennis, war der erste. Sein glorreiches Spiel bei den British Open, bei denen er drei Tage lang ganz überraschend an der Spitze lag, war der zweite. Evert war damals nie weit von ihm entfernt und schien ihn anzuhimmeln, wie das sonst nur Teenager tun. Das alles muss dem einstmals besten Golfer der Welt sehr gut getan haben. Vor allem nach der schwierigen und teuren Scheidung von seiner ersten Frau, die ihm 100 Millionen Dollar kostete. Ein Jahr später, und die Nachrichten aus der Norman-Evert-Welt klingen so, als wäre die Ehe der beiden ein Missverständnis gewesen. Heute wurde offiziell bekannt gegeben, dass sie sich voneinander trennen. Von Scheidung will noch keiner reden, vermutlich weil die Anwälte noch keinen Kassensturz gemacht haben. Anders als bei der letzten Eheauflösung dürfte die Sache für Norman nicht ganz so teuer werden. Auch in Amerika wird normalerweise nur der Zugewinn geteilt. Der ist nach so kurzer Zeit nicht besonders hoch. Und Chris Evert verdient seit Jahren ihr eigenes Geld mit einer Tennis-Akademie und anderen Verpflichtungen. Wenn sie am Ende zwei Millionen Dollar bekommt, wäre das schon viel.

Warum Greg Norman mit der Nachricht nicht warten konnte, bis der Presidents Cup stattgefunden hat? Wer weiß? Vielleicht wird ihm jemand bei dem Turnier kommende Woche auf dem Harding Park Golf Course in San Francisco zwischen dem Team USA und den sogenannten Internationals (Spieler von den Kontinenten Südamerika, Afrika, Asien und Ozeanien) eine entsprechende Frage stellen. Vielleicht werden die Golfreporter sie lieber rücksichtsvoll drumherumschleichen, um dem weißen Shark nicht die Laune zu verderben.

Die Aufstellungen:
USA - Tiger Woods, Phil Mickelson, Steve Stricker, Kenny Perry, Zach Johnson, Stewart Cink, Sean O'Hair, Jim Furyk, Anthony Kim, Justin Leonard, Lucas Glover, Hunter Mahan, Captain: Fred Couples

INTERNATIONALS – Geoff Ogilvy (Australien), Vijay Singh (Fidschi), Camilo Villegas (Kolumbien), Retief Goosen (Südafrika), Ernie Els (Südafrika), Angel Cabrera (Argentinien), Mike Weir (Kanada), Robert Allenby (Australien), Y. E. Yang (Südkorea), Tim Clark (Südafrika), Ryo Ishikawa (Japan), Adam Scott (Australien). Captain: Greg Norman.

Blick zurück: Eine Betrachtung der Golfkarriere von Greg Norman und ein Interview

30. September 2009

Tiger Woods: Die erste Milliarde ist geschafft

Es kam der Tag, der kommen musste. Der letzte Tag im September und ein Tag, an dem das Wirtschaftsmagzin Forbes erklärte: Tiger Woods hat soeben die Marke von einer Milliarde Dollar an Einkünften im Rahmen seiner Profilaufbahn überschritten. Die Behauptung basiert in der Hauptsache auf Interpolationen und Annahmen, da die Details der Werbeverträge des besten Golfers der Welt nicht öffentlich bekannt sind. Mit anderen Worten: Kann sein, dass er noch ein gutes Stück drunter liegt. Kann aber auch sein, dass er schon mehr eingenommen hat. Üblicherweise rechnet Forbes beim Hochrechnen wirklich zu hoch.

Die Nachricht wirkt nicht überraschend. Denn so etwas hatten andere bereits vor Jahren prognostiziert. Allerdings dass er eine solche Summe bereits mit 33 Jahren zusammenkratzen konnte, hat dann doch kaum jemand vorhergesagt. Forbes meint übrigens, dass Woods allein bei Nike jedes Jahr um die 30 Millionen Dollar verdient. Was er mit dem Geld macht, weiß das Blatt nicht.

10. September 2009

Golf: Das 10-Millionen-Dollar-Duell

Wenn der Sommer zu Ende geht und die wichtigsten Turniere gespielt sind, gibt es für die besten Golfer auf der amerikanischen Tour nur noch eine Ambition: Sich möglichst weit oben in der Punktewertung für den FedEx Cup festzusetzen. Denn damit steigen die Chancen auf einen warmen Dollarregen am Ende der Saison. Der Wettbewerb um den Silberpokal, der den Charakter eines Play-offs hat und jede Woche reihenweise Spieler aussiebt, ehe schließlich bei der Tour Championship die letzten 30 das Rennen unter sich ausmachen, wird sportlich zwar nie ganz den Rang der Majors erreichen. Aber in einem Jahr, in dem Tiger Woods ungewohnte Schwächen zeigt und schon mal am Cut scheitert, verbreitet er einen eigenen Reiz. Und sei es nur für jene Zuschauer, die jemandem wie Steve Stricker die Daumen halten.

Der 42-jährige Amerikaner, der eine Woche zuvor im Weichbild der Skyline von Manhattan knapp einen Putt verpasst hatte, mit dem er in das entscheidende Stechen gekommen wäre, hatte am Montag mit zwei Birdies auf der 17 und der 18 die Deutsche Bank Championship in Boston gewonnen und sich damit in der FedEx-Cup-Wertung vor Woods an die Spitze geschoben. Seine konstant gute Form schlägt sich auch in der Weltrangliste nieder. Dort kletterte er mit dem Sieg auf den zweiten Platz. So weit oben stand er noch nie.

Der Mann, den seine Kollegen sowohl wegen seiner stillen, bedachten Art als auch wegen seines Feingefühls beim kurzen Spiel schätzen, könnte dieser Tage denn auch keinen besseren Ort finden als den Cog Hill Country Club vor den Toren von Chicago. Denn der Mittlere Westen der USA mit seinen welligen Parkland-Plätzen ist im weitesten Sinne die Heimat von Stricker. Er wuchs im Nachbarstaat Wisconsin auf und lebt auch dort noch und nicht etwa wie soviele Profigolfer im Steuerparadies Florida. Außerdem verbrachte er seine Studienzeit im Rahmen eines Golfstipendiums an der University of Illinois, dem Bundesstaat, in dem die Metropole Chicago liegt.

Mit einer Einschränkung allerdings. “Sie haben ihn verändert. Keiner ist wirklich mit ihm vertraut”, sagte Stricker über den Platz, an dem im Wechsel mit dem Belle Rive Country Club in St. Louis und dem Crooked Stick Country Club in Carmel/Indiana die BMW Championship ausgetragen wird. Die kosmetische Operation wurde dem für seine Renovierungsarbeiten an klassischen anspruchsvollen US-Open-Schauplätzen wie Bethpage und Torrey Pines bekannten Architekten Rees Jones übertragen. Der durfte vier Millionen Dollar ausgeben und schuf neue, welligere Grüns, tiefere Bunker und zog das Layout auf 6900 Meter in die Länge. Trotz der Veränderungen glaubt Stricker, dass er sich wie zuhause fühlen wird: “Ich habe hier 1996 gewonnen und bin sehr erfreut, wieder hin zugehen. Ich habe viele Fans dort.”

Die werden heute von Anfang an erleben können, ob er die Nerven hat, um in der Aura des besten Golfers der Welt seine Form zu halten. Die Turnierverantwortlichen haben ihn mit Tiger Woods und seinem Landsmann Heath Slocum in einer Gruppe gesteckt. Stricker, der sich in Boston ganz bescheiden vor dem Weltranglistenersten verneigte (“Er ist der Mann. Es seine Welt, in der wir unseren Platz einnehmen.”), spielt bei solchen Gelegenheiten aber womöglich ein kluges taktisches Spiel. Er inszeniert sich als Außenseiter, der “langsam wieder mehr Selbstvertrauen” hat. Auch so kann man Druck abbauen.

Stricker gehört übrigens zu jenen Figuren, die das Achterbahn-Gefühl einer Karriere im Profigolf besonders krass erlebt haben. Nachdem er in den neunziger Jahren zahlreiche Achtungserfolge erzielte, knickte er weniger später psychisch ab und wirkte wie ein Mann auf der Suche nach dem verlorenen Schwung. Vor vier Jahren fand er ihn wieder und schaffte etwas, was niemand vor ihm erreicht hatte und kaum jemand jemals wiederholen wird: Er wurde sowohl 2006 als auch 2007 zum Comeback-Spieler des Jahres der PGA Tour gewählt. 2008 belegte er in der FedEx-Cup-Wertung den 14. Platz.

Der von Tiffany produzierte Pokal wird in diesem Jahr zum dritten Mal ausgespielt. Während nach jeder Saison zahlreiche kleinere Facetten am Regelwerk geändert wurden, blieb die eigentliche Idee intakt: Der Spieler mit den meisten Punkten am Ende der Tour Championship erhält ein Preisgeld von zehn Millionen Dollar. Auch die Nächstplatzierten werden noch hervorragend bezahlt: Der Zweite bekommt drei Millionen, der Dritte zwei Millionen Dollar.

Keine Chance auf das Geld hat Vijay Singh, der 2008 den Wettbewerb in Abwesenheit des verletzten Tiger Woods überlegen gewonnen hatte. Er schaffte es am Wochenende nicht bis in die Top 70 der Punkteliste.

27. August 2009

Alles nur Kulisse?

Es gibt nicht so viele Golfplätze auf der Welt, bei dem einem der Ausblick von den meisten Abschlägen schlichtweg die Sprache verschlägt. Manche haben einzelne spektakuläre Bahnen, bei denen man den Ball etwa über windumtoste Meeresbuchten schlagen muss und nach Art von Manni Kaltz eine Flugbahn gegen die Brise absteuern muss. Manche gestatten einem von den höchsten Punkten des Geländes aus ein einladendes Panorama von Ozean und Dünen, Kliffs und Brandung. Aber hinten am Horizont läuft die Optik in flachen Farben und dünnen Linien aus. Wenn da nicht ein Wal aus dem Wasser aufsteigt, wie das schon mal in Kapalua auf der Insel Maui passiert, ist der vorherrschende Eindruck eher Beschaulichkeit.

Deshalb ist der Platz, auf dem an diesem Wochenende die Profi-Karawane der PGA Tour Station macht, so außergewöhnlich: Auf Liberty National bestimmen zwei der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten die Kulisse: die Freiheitsstatue und die Wolkenkratzerlandschaft von Manhattan. Der Platz wurde vor ein paar Jahren für teures Geld auf eine Schutt- und Giftmüllzone gekleistert, was lange dauerte, weil die Behörden nicht leichtfertig Genehmigungen erteilen. Die New York Times hat diesen Teil der Geschichte neulich ausführlich erzählt. Der Club ist in privater Hand und steht deshalb für Normalsterbliche nicht auf der Wunschliste.

So reizvoll das Visuelle auch sein mag und so leicht es sich auch in attraktive Fernsehbilder und Fotografien umsetzen lässt, irgendetwas an der Entscheidung der PGA Tour für diese Anlage ähnelt einem Griff ins Klo. Das Gefühl jedenfalls erhält man, wenn man den Bericht von John Hawkins in Golf Digest liest, der zwar keinen der Spieler offiziell dazu bringen konnte, sein Missfallen zu Protokoll zu geben, aber hinter vorgehaltener Hand viele Beschwerden eingesammelt hat. Das Besondere: die Tour-Leitung hat ganz offensichtlich die sonst so meinungsfreudigen Profis dazu vergattert, bloß nichts Negatives über den Platz zu sagen. Weshalb sich Tiger Woods zu einer Wischi-Waschi-Aussage bequemte: "Es ist interessant", sagte er über den grünen Teppich mit seinen relativ kleinen Grüns und der künstlich aufgeschütteten Golflandschaft.

Mit dem Turnier auf der anderen Seite des Hudson in New Jersey beginnt die letzte Phase der Saison, das Playoff-Format um den FedEx-Cup. In zwei Wochen wird das Feld auf etwas mehr als die Hälfte zusammengeschrumpft sein und die Crème de la Crème bei der BMW Championship in Cog Hill außerhalb von Chicago antreten. Wie vor zwei Jahren auch werde ich von dort aus berichten. Voraussichtlich auch über das Thema: Was wenn Golf olympisch wird?

Martin Kaymer, der sich bei einem Unfall auf einer Go-Kart-Bahn in Phoenix mehrere Knochen im Fuß gebrochen hat, wäre übrigens sowieso weder in New Jersey noch in Chicago dabei gewesen. Er hatte als Nichtmitglied der PGA Tour mit der PGA Championship das jährliche Kontingent seiner Gastauftritte in den USA ausgeschöpft. Die aktuellen Meldungen über den Weltranglistenzwölften sagen, dass er wohl nach einer notwendig gewordenen Operation sechs Wochen Zwangspause einlegen muss.

23. August 2009

Amerikanerinnen gewinnen Solheim Cup noch klar

Zwei Tage lang schienen die europäischen Spielerinnen eine Chance zu haben, die Pleite von vor zwei Jahren in Schweden vergessen zu machen. 8:8 lautete der Zwischenstand nach den Fourball und Foursomes im Solheim Cup, der bekanntlich alle zwei Jahre ausgetragen wird und das Gegenstück der Frauen zum Ryder Cup ist. Aber heute konnten die zwölf gegen die starken Amerikanerinnen nur sehr wenig ausrichten und verloren den Wettbewerb noch ziemlich deutlich mit 12:16. Dem Turnier auf dem Platz in Sugar Grove außerhalb von Chicago fehlte dadurch das gewisse Prickeln. Bemerkenswerte Einzelleistung: Michelle Wie, die viermal spielte (dreimal im Duo, einmal Solo) und drei Matches gewann und eines Remis beendete. Von den Spannungen, die es einst im Verhältnis zu dem von ihren Eltern ferngesteuerten Talent gab, war nichts zu spüren. Die Cup-Leistung hat ihrem angekratzten Image sehr genützt.

Blick zurück: Solheim Cup ohne deutsche Beteiligung

16. August 2009

Tiger patzt. Kaymer auf Platz sechs

Tiger Woods gewinnt zum ersten Mal ein Major nicht, obwohl er ständig in Führung lag und mit zwei Schlägen Vorsprung in die letzte Runde ging. Martin Kaymer wird Sechster und zeigt erneut, was in ihm steckt. Diese PGA Championship werden den Leuten womöglich als historischer Wendepunkt im Gedächtnis bleiben. Der Sieger: Y. E. Yang aus Südkorea zeigte allen anderen Profigolfern, dass man neben Woods nichts in die Knie gehen muss. Es wäre schön, wenn sich daran auch andere ein Beispiel nehmen.

15. August 2009

Kaymer nach drei Runden Achter bei der PGA Championship

Martin Kaymer liegt bei der PGA Championship, dem vierten und letzten Major des Jahres, nach drei Runden auf dem achten Platz. Besser ist es ihm bei noch keinem Major ergangen. Sein Rückstand auf den mit acht unter Par führenden Tiger Woods beträgt sechs Schläge. Tief unten im Netz schlummert übrigens ein gutes Transkript von der Pressekonferenz mit dem 24-jaehrigen, die er vor einer Woche beim Turnier in Ohio gegeben hat. Hier ein paar der Kernaussagen, die einem das Gefühl geben: Je besser er spielt, desto gesprächiger wird er:

"Ich habe am Anfang der Saison darüber nachgedacht, mehr auf der US Tour zu spielen. Aber ich habe meine Meinung ein wenig geändert. Ich würde gerne nach Amerika kommen. Ich lebe im Moment in Phoenix...aber alles hat auch so sehr, sehr gut funktioniert. Ich habe alle großen Turniere gespielt...Ich hoffe, ich kann das im nächsten Jahr auch so machen. Das ist mein Plan, auf jeden Fall für nächstes Jahr und für 2011."

"Ich gehe gewöhnlich direkt nach Amerika von China bis zum ersten ersten Turnier der Europäischen Tour in Abu Dhabi. So komme ich auf fünf bis sechs Wochen in Amerika und dann im Laufe des Jahres noch mal auf drei bis vier Wochen....Freunde haben dort seit 20 Jahren ein Haus. Ich habe über das Wetter in Deutschland geklagt, dass es so schlecht sei, dass ich kein Golf spielen kann. Ich konnte nicht an meinem kurzen Spiel arbeiten. Da haben sie gesagt: "Komm rüber nach Phoenix und trainiere hier im Winter." ... Das war vor vier Jahren. Ich bin hingegangen, 2005, 2006, 2007, jeden Winter und war ganz alleine dort. Durch einen Deutschen, der zur Arizona State University gegangen ist, habe ich viele Freunde kennengelernt, die Golf spielen."

14. August 2009

Olympia: Golf und Rugby eine Runde weiter

Die Zeitung, die als erste darüber berichtete, wie das IOC-Exekutivkomitee in Sachen neue Sportarten für Olympia 2016 tickt, hat jetzt die – erwarteten – Reaktionen zusammengestellt. Wer drin ist (Frauenboxen) oder Chancen hat, reinzukommen (Golf oder Rugby), ist begeistert. Selbst Tiger Woods will 2016 mitmachen. Die Leute, denen die Tür vor der Nase zugeschlagen wurden, haben Katerstimmung.

Noch ein bisschen breiter und vor allem gründlicher kann man sich zum Ablauf des Entscheidungsverfahrens bei Jens Weinreich einlesen. Ich zitiere:

"Nach einem jahrlangen Ringen der sieben Weltverbände, nach einer viele Millionen Dollar teuren PR-Kampagne, lag es also in der Macht von vierzehn IOC-Vorständlern, über die Zukunft ganzer Sportler-Generationen zu entscheiden. Hochinteressant dabei, dass Golf, oft als Sport der alten Männer verspottet, in den ersten beiden Wahlgängen nur eine Stimme erhielt. Rugby setzte sich schnell durch, eliminiert wurden dann in dieser Reihenfolge: Inlineskating, Squash, Baseball, Karate, Softball - bis Golf als zweiter Sieger übrig blieb."