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2. November 2009

Trainer Baade: Das Exklusiv-Interview

Am 1. September hat dogfood von allesaussersport ein bisschen Mediengeschichte geschrieben. Und "geschrieben" ist in dem Zusammenhang nicht nur im übertragenen Sinne gemeint. Sein ausführlicher Blogbeitrag mit dem Titel Wie JAKO anderen Leuten das letzte Hemd auszieht bestand aus mehr als 2000 Wörtern und war damit dreimal so lang und dreimal so ausführlich und dezidiert wie ein herkömmlicher Artikel in einer Tageszeitung. Der Text begann so:
"Die Art und Weise wie der Sportartikelhersteller JAKO AG und die Rechtsanwaltskanzlei Horn & Kollegen derzeit gegen den Fußballblogger Trainer Baade vorgehen, stellt für mich einer der Tiefpunkte dar, die ich in meinen 8-9 Jahren Bloggerei und Schreiberei über Blogs erlebt habe. Es ist einer der Momente wo man ein Gefühl der Ohnmacht bekommt."

Heute stehen unter diesem Post mehr als 800 Kommentare. Und von einem Gefühl wie Ohnmacht ist vermutlich nicht mehr die Rede. Denn dogfood trat mit seinen Informationen über die Abmahn- und Abstrafaktivitäten der besagten Firma ein kleineres Lawinenbrett los. Das Thema wurde von mehr als hundert Blogs aufgegriffen, landete kurzfristig bei Twitter in den Top-Tags und erlangte auf diese Weise jenen Stellenwert, den klassische Medien für hinreichend hoch erachteten, um darüber zu berichten. Die Auseinandersetzung "mittelgroße Firma gegen kleinen Blogger", "Rechthaberei gegen gutes Recht" schlug sich innerhalb weniger Tage auf den Seiten des Handelsblatt, der Süddeutschen Zeitung, der taz, auf Spiegel Online und am Ende sogar in einem Hörfunk-Bericht des Bayrischen Rundfunks nieder. JAKO hatte sich den Streisand-Effekt eingehandelt und ruderte denn auch langsam wieder zurück. Wer sich einen Überblick über die Angelegenheit verschaffen möchte: probek.net hat die Links archiviert.

Während sich Blogger und ihre Leser über den Ausstatter des Bundesliga-Clubs Eintracht Frankfurt entrüsteten, bekam Trainer Baade auf seiner Seite sehr viel Besuch. Die Zahl seiner Twitter-Follower stieg rapide. Und das obwohl er mit keinem Wort auf die Angelegenheit einging. Er hatte beschlossen, nicht auch noch Öl ins Feuer zu gießen, wie er sagt, auch wenn er sich im Prinzip gar nichts vorzuwerfen hatte. Den beanstandeten Beitrag hatte er aus dem Netz genommen, als er von der Abmahnung der Firma erfuhr. Dafür, dass ein tschechischer Newsaggregator den alten Text noch immer im Speicher hatte, konnte man ihn nicht verantwortlich machen. Genausowenig wie für das Echo aus dem Netz, das den Abmahnwahn deutscher Unternehmen und Rechtsanwälte mit Grausen erlebt und eine heftigere Tonlage erreicht, je ungerechfertigter und vermessener die Anwaltschreiben klingen.

Trainer Baade ist eine Kunstfigur. Hinter ihr verbirgt sich Frank Baade, der seit ein paar Jahren im Netz schreibt und die besten Fußball-Glossen in Deutschland verfasst. Seine Sprache und sein Humor liegen – leider – nicht jedem. Was hauptsächlich mit dem Milieu der klassischen Sportberichterstattung zu tun hat. Dort wird wenn überhaupt, eher nur nach Gutsherrenart gewitzelt. Selbstironie ist so gut wie unbekannt. Sprachliche Klischees und angebliches Expertenwissen bestimmen das Bild.

Über all das und den Fall JAKO haben Frank Baade und ich uns neulich ausführlich unterhalten – in seinem ersten Interview überhaupt seit dem besagten 1. September. Hier ein Vorgeschmack auf den Mitschnitt des Gesprächs.

Die ausführliche Fassung von rund 30 Minuten Länge gibt es als Teil der neuen und siebten Ausgabe des Ballpodder-Podcasts, eine Gemeinschaftsproduktion einer Gruppe von Fußballbloggern, die seit ein paar Monaten alle zwei Wochen veröffentlicht werden. Hier geht's zum Podcast. Kommentare auch bitte gerne dort bei probek.

3. September 2009

Der Klingelbeutel: Da kommt nichts nach

Im Leben von Dirk Nowitzki werden seit heute die Karten wieder neu gemischt. Die ehemalige Freundin, die vor kurzem zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde, ist nicht schwanger. Er muss kein Kind im Sololauf aufziehen.
Blick zurück: Fünf Jahre Strafe für Crystal Taylor wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen

• In der Auseinandersetzung zwischen der Firma JAKO und Blogger Trainer Baade hat es eine neue Entwicklung gegeben. Nachdem das Unternehmen tagelang ohne jeden öffentlichen Kommentar dabei zuschaute, wie ein Sturm negativer Public Relations in der deutschen Medienlandschaft aufbrauste und den Namen des Sportausrüsters in Verruf brachte, meldete sich Firmengründer und Chef Rudi Sprügel heute mit einer Stellungnahme. Die Kernaussage lautet, dass Sprügel sich dafür einsetzen will, "dass Baade aus dieser Auseinandersetzung 'keine finanziellen Nachteile erwachsen'". Eine Zusage, die so klingt, als verzichte man auf die Abmahngebühren und anderen Forderungen, die in einer zweiten Runde ins Gigantische gewachsen waren.

Der Trainer hat sich zu dem neuesten Stand der Dinge noch nicht geäußert. Bis kurz vor der Verlautbarung von JAKO schienen sich die Verhandlungen zwischen den beiden Seiten um eine Formalie der Verhaltenskultur zu drehen. Danach sollte Baade um seines lieben Friedens willen einen Text in seinen Blog stellen, der dem Unternehmen gute Führung bescheinigt.

Wer in dem enormen Aufkommen an Reaktionen zu dem Fall den Überblick behalten will, sei an allesaussersport verwiesen, wo der Stein ins Rollen kam, als Blog-Betreiber dogfood die Sachlage und die Pressionen auf Baade en detail schilderte. Das wäre schon jetzt aus meiner Sicht der Blogbeitrag des Jahres, wenn es eine solche Abstimmung noch mal geben sollte. Ebenso hilfreich ist die Arbeit von probek, der die aktualisierte Liste der Blogbeiträge und Zeitungsveröffentlichungen pflegt. Zu den Alpha-Medien, die das Thema aufgegriffen haben, gehören die Süddeutsche Zeitung, die taz, das Handelsblatt und SpOn.

Noch eine Anmerkung zur Medienkompetenz von JAKO-Meister Sprügel und der Süddeutschen Zeitung: Beide scheinen zu glauben, dass es sich beim Blogger um einen Fußballtrainer handelt. Und nicht um die Kunstfigur eines Autors, der die besten Fußball-Glossen in ganz Deutschland schreibt. Vielleicht liegt das auch daran, das seine Webseite gestern zwischendurch aufgrund exorbitanten Leserinteresses nicht zu erreichen war. Inzwischen kann man ihn wieder im Original lesen (minus den gelöschten JAKO-Beitrag). Viele von denen, die nicht durchkamen, trugen sich offensichtlich als Follower seiner Tweats bei Twitter ein. Diese Zahl wuchs um ein paar hundert. Die alle warten geduldig auf ein Wort. Darunter befinden sich übrigens nicht nur neue Fans, sondern auch neugierige Anwalts- und PR-Kanzleien.

2. September 2009

Trainer und Twitter

Bei den US Open im Tennis werden die Spieler von offizieller Seite davor gewarnt, nicht zuviel zu twittern. Angeblicher Grund: Die Gefahr, dass sie auf diesem Weg Informationen ins Netz hinausposaunen, die von Zockern, die auf den Ausgang von Tennisspielen Geld setzen, ausgewertet werden können. Andy Roddick war nicht zufrieden. Das sei "lahm", sagte er.

Stichwort Twitter: Die Resonanz auf die Veröffentlichung von allesaussersport in der Angelegenheit JAKO vs. Trainer Baade ist beeindruckend. Nicht nur, was die Quantität angeht. Nachdem der Twitter-Traffic dem Sportartikler aus dem Schwäbischen den ersten Platz der Rangliste bescherte und tonnenweise Empörung dazu und Blogger zahlreiche Beiträge schrieben, gingen auch erste Profi-Medien auf das Thema ein. SpOn und Handelsblatt beschäftigten sich ausführlich und sachlich vor allem mit einer Dimension der Geschichte: Der fehlenden Medienkompetenz auf Seiten des Unternehmens, das bis zur Stunde noch keine offizielle Stellungnahme formuliert hat.

Was durchschimmert: Es scheint eine Einigung zwischen beiden Seiten in Sicht. Zu einem weitergehenden Aspekt des aktuellen Falles – dem Abmahn-Wahn und seinen Risiken für den Meinungsstreit – habe ich bei CARTA einen Beitrag gepostet. In dem Text findet sich auch ein Querverweis zu einem Post von Jens Weinreich auf seinem Blog. Er hat dort eine Abrechnung der Spendenaktion vorgelegt, die ihm half, sich gegen den Feldzug des DFB zu wehren. Die wichtigste Zahl: 17.000 Euro. Soviel kosteten nur die Anwälte im Streit mit jemandem, der larmoyant von sich behauptet hatte, er sei kein Prozesshansel. Weinreich, der obendrein Zeit- und Verdienstausfall hatte, aber dafür nicht in die Spendenkasse griff, will den Überschuss an eine neue Organisation freiberuflicher Journalisten weitergeben – an die Freischreiber. Die Berufsgruppe, die von den existierenden Standesorganisationen nicht hinreichend unterstützt wird, kann jeden Support gut gebrauchen.

Die aktuelle Übersicht über das Echo in Sachen JAKO vs. Trainer Baade findet man übrigens bei probek, der vor kurzem ein informelles Netzwerk von deutschen Sportbloggern angeschoben hatte.