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21. Dezember 2008

"America at its worst"

Ein Kolumnist des Vancouver Courier hat soeben einen Satz geprägt, den man sich auf der Zunge zergehen lassen kann: "The NBA is America at its worst." Mal abgesehen davon, dass eine solche Einschätzung verdächtig nach einem in Kanada gerne gepflegten Minderwertigkeitskomplex riecht und ohnehin albern ist (Kanada ist noch immer Teil von Amerika und Toronto spielt in der NBA), inspiriert einen ein solcher Spruch dazu, darüber nachzudenken, wo denn wirklich Amerikas schlimmsten Missstände herrschen und wo das hierzulande gepflegte, uneingeschränkte und durchgeknallte Profitstreben am meisten Schaden anrichtet.

Mir fällt da als erstes Wall Street ein, wo der aufgeblähte Reichtum, der auf Kosten anderer erwirtschaftet wird (man schaue sich nur die Durchschnittsgehälter an, gar nicht zu reden von den Melkern mit den kältesten Händen, die oben sitzen und absahnen). Mir fällt auch die Autoindustrie ein, die nicht an den Gewerkschaften und dem Maß an sozialer Absicherung leidet, das sich die Arbeiter erkämpft haben, sondern an einer fehlgeleiteten Produktphilosophie. Wenn man im Prinzip nur noch riesige Autos für übergewichtige Menschen baut, die in der weltfremden mittleren Zone des Landes leben und sich nicht dafür interessieren, welche Entwicklungen (und welche Produkte) außerhalb ihres Gesichtskreises entstehen, landet man eines Tages auf dem Schrotthaufen der Geschichte. Warum ist das schlimm? Weil man die enormen Ressourcen dieser Industrie auch für die Gestaltung von Fortbewegungsmitteln der Zukunft hätte einsetzen können. Und ich meine mit Zukunft nicht die Millionen von Diabetiker und Herzinfarktpatienten von morgen, die glauben, billiges Benzin sei ihr Geburtsrecht.

29. September 2008

Wenn in Wall Steet der Hahn abgedreht wird

777 Punkte Abschlag an einem Tag sind eine Menge Holz für den Dow-Jones-Index, aber wiederum nur ein einzelner Indikator für die Stimmung, die sich zur Zeit in den USA zusammenbraut. Schlechtes Timing, muss man wohl sagen. Denn: Die Wirtschaft und die Finanzmärkte, das Geschäft mit Öl und anderen Rohstoffen und der Bankrott der seit Jahren umgesetzten politischen Philosophie, wonach die Regierung das Problem ist, während der freie Markt die Kraft eines wahren Wunderheilmittels besitzt, und dann noch die Verschwendung amerikanischer Ressourcen im Irak – machen alle zur gleichen Zeit einem Patienten zu schaffen, der jahrelang von der Illusion lebte, überhaupt nicht krank zu sein.

Der Virus, der Wall Street infiziert hat, kann sich durchaus noch zu einer Epidemie auswirken. Erstes unschuldiges Opfer in Sichtweite: kommerzieller Sport. Und dort als erstes die Sportart Golf, wo die Einschaltquoten ohne Tiger Woods geradezu unterirdisch sind. Das eigentliche Problem: Niemand ist derart von Firmen aus dem Finanzsektor abhängig wie die PGA-Tour, wo ein Drittel aller Hauptsponsoren Banken, Investmentfirmen, Kreditkartenunternehmen und Finanzberatungsfirmen sind. Der nächste in der Reihe, die mit einer kalten Dusche rechnen müssen, ist Fox, das die Baseballübertragungen in den anstehenden Playoffs mit teurer Werbezeit füllen muss, aber soeben erlebt, wie die Marketing-Budgets der Banken und Anlageberater zusammengestrichen werden. Vielleicht sähe das Ganze heute abend sehr viel wenig dramatisch aus, wenn am Mittag in Washington das von der Regierung ausbaldowerte Steuergeschenk von 700 Milliarden Dollar an Wall Street auf die Post gegeben worden wäre. Aber es gab wohl immer noch zuviele Clowns im Abgeordnetenhaus, denen nicht klar ist, was zur Zeit auf dem Spiel steht. Und so ließen sie das Rettungsboot sinken. Congratulations.