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25. Juni 2009

Das Kornheiser-Syndrom

Was passiert, wenn Journalisten Stars werden und sehr viel Geld verdienen? Dann entwickeln sie einen Sinn für die Medienarbeit, die nicht mehr viel mit Journalismus zu tun hat, aber ganz viel mit Eitelkeit und Narzismus. Es dürfte schwer sein, sich dem zu entziehen. Amerikanische Wertkategorien wie Erfolg (messbar in Geld) und Aussehen (messbar in Popularität) gekoppelt mit dem enormen Tempo des Wirtschaftssystems und dem riesigen potenziellen Markt von mehr als 300 Millionen Verbrauchern beeinflussen schlichtweg jeden. Sagen wir mal: fast jeden. Ausnahmen wie den Einsiedler J. D. Salinger da oben in New Hampshire, der seit Jahren allen Versuchen widerstanden hat, sich auch nur in der Öffentlichkeit zu zeigen, gibt es natürlich auch. Aber die sind sehr selten.

Im Sportjournalismus ist die Lust auf Selbststilisierung eher neu, wurde aber keineswegs von ESPN erfunden. Die Disney-Tochter spielt das Instrumentarium einfach nur aus. Die Imageaufwertung von profilierten Sportschreibern geht auf eine langjährige hochwertige Arbeit bei Sports Illustrated zurück, wo man einen Reportagestil entwickelt und gepflegt hat, der dem profanen Milieu Sport den Stempel von Nachdenklichkeit und Analysetiefe aufdrückte. So konnte eine Buchserie wie "The Best American Sportwriting" entstehen. Die Hinwendung von Qualitätszeitungen wie New York Times und Washington Post zu einer anspruchsvolleren Beschäftigung mit Sportthemen hatte einen zusätzlichen Effekt. Dort konnten Kolumnisten ihr Profil schärfen. Nicht jeder von diesen exponierten Figuren hat den Hang dazu, aus jedem Fenster hinaus auf die Straße hinabzubrüllen. Aber sehr viele können es nicht lassen. Was oft – zumindest kurzfristig – durchaus der eigenen Karriere nützen kann.

So sind solche Biographien wie Stephen A. Smith entstanden, der am meisten verlachte Sportschreiber des Landes. Der hatte zwischendurch sogar seine eigene Fernsehtalkshow bei ESPN und durfte während des Obama-Wahlkampfs bei anderen Sendern seine Ansichten zu politischen Themen äußern. Der Mann hat nichts Interessantes zu sagen. Er besteht aus nichts anderem als attitude. Seine Fahrkarte hatte er beim Philadelphia Inquirer gelöst, als er es verstand, sich in den Allen-Iverson-Jahren bei den 76ers als Basketball-Journalist in den Vordergrund zu spielen. Sein Abstieg begann, als er seinen Job bei der Zeitung verlor, wo man keine Lust mehr hatte auf im Blackberry hastig getippte und eingesandte Texte.

Wir könnten auch über Mike Lupica reden, den kleinen Vielschreiber, der den Chef des Sportreporter-Corps mimt, wenn sonntags bei ESPN diese Quasselrunde zusammensitzt. Der Mann scheint noch im Sattel zu sitzen, weil er sich zumindest jeden Tag hinreichend anstrengt und nicht mit anderen Medien-Outlets flirtet.

Etwas ähnliches ist Tony Kornheiser nicht gelungen. Nach dem Aufstieg hin zu Pardon The Interruption und zu Monday Night Football (wo angeblich er in den Sack gehauen hat, vielleicht war es ja auch ganz anders, who knows?) kam die Schattenseite ins Spiel. Die Washington Post hatte keine Lust mehr auf einen Mitarbeiter, dessen Texte sie den Lesern nicht mehr allzu oft präsentieren konnte. Das akzeptiert man bei dieser Zeitung nur bei einem: dem angesehenen Ex-Watergate-Reporter Bob Woodward, der nur noch Bücher schreibt, das dort akkumulierte Wissen zwischendurch für sich behält, aber bei Erscheinen der Werke dem Blatt jeweils einen Vorabdruck gewährt. Kornheisers aktuelles Lamento fällt vergleichsweise milde aus. Wenn auch die Verteidigungsrede einen Grad an Selbstüberschätzung verrät, der uns zum eingangs aufgeworfenen Phänomen zurückbringt. Zitat: "...wenn Michael Wilbon und Tony Kornheiser keine Marke für die Washington Post sind, was wäre es dann?"

Ich nehme an, dass Wilbon, der noch viel für die Zeitung schreibt, aber längst bei seinen vielen Auftritten vor den Fernsehkameras die Aura eines Pfaus ausstrahlt, schon bald seinen Kolumnistenposten verliert. Zeitungen, die Auflagen einbüßen und (noch stärker) Anzeigenumsätze, haben eine Strukturkrise zu bewältigen, die eitle Luxusgeschöpfe, die sich nicht mehr als Dienstleister, sondern als Stars betrachten, nicht länger finanzieren kann. Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich das Ende einer Ära. Das Prestige, das man sich durch die Arbeit für Zeitungen und Zeitschriften erarbeiten kann, geht ebenfalls flöten. Das neue Erfolgsprodukt (und springen wir jetzt mal zur Verdeutlichung nach Deutschland) ist so etwas wie Rheinische Post Online, die sich nicht daran stören, dass ihnen das journalistische Format fehlt, um ein gutes Produkt abzuliefern, und dass sie zum Lachsack einer medienkritischen Kundschaft werden. Sie laufen Klickzahlen hinterher. Typisch: eine der Hauptverantwortlichen und ihre Berichte aus ihrer Freizeit in einem prätentiösen vollgefaselten Blog. Autorenleistung? Fehlanzeige. Wie sagt man hierzulande? When you live by the sword you die by the sword.

23. März 2009

Wer schreibt, der bleibt

Ehrlich wehrt am längsten? Die Washington Post hat einen neuen Baseball-Schreiber angeheuert, dessen Aufgabe es ist, tagtäglich über eine der schlechtesten Mannschaften in Major League Baseball zu schreiben. Eine Mannschaft, die einen extrem niedrigen Fan-Pegel hat. Und was erzählt der Journalist im Rahmen eines Interviews den Leuten? Dass er "nichts für Sport übrig" hat und sich schämt, über das Team zu schreiben. Hunderte von Sportbloggern müssen mit den Hufen gescharrt haben, als sie das gelesen haben (via Deadspin). Denn die würden sich vermutlich trotz alledem mit Begeisterung auf den gut bezahlten und sicheren Job einlassen und eine positive Einstellung an den Tag legen.

Aber womöglich läuft Chico Harlan in seiner naserümpfenden Stimmung noch zu Hochform auf. Die Washington Post gehört nicht von ungefähr zu den angesehenen Zeitungen des Landes. Auch ihr Sportteil hat viele Talente hervorgebracht. Wozu auch der Top-Journo-Blogger Dan Steinberg gehört.

19. April 2008

Blogger leben gefährlich (2)

Wenn man einen fest Job bei einer Zeitung wie der Washington Post hat, ist es keine gute Idee, in der Freizeit unter Pseudonym für Blogs zu schreiben. Oder wenn man schon unbedingt nebenbei etwas machen möchte, was man nicht tun soll, dann sollte man nicht einfach die Tarnkappe absetzen. Darauf hätte Michael Tunison bei Lektüre seines Vertrages eigentlich selber kommen müssen. Aber vielleicht hatte er keine Lust dazu. Und so musste er in der letzten Woche von jetzt auf gleich seinen Schreibtisch in der Redaktion räumen und das Haus verlassen. Der Mann, der bei den Sportblogs Kissing Suzy Kolber und Deadspin unter dem kuriosen Alias-Namen Christmas Ape schrieb, steht auf der Straße. Obwohl: Kissing Suzy Kolber ist ziemlich populär und Tunison meinte in einem ersten Kommentar, dass er dort genausoviel Geld verdienen wird wie bei dem etablierten Blatt. Das klingt eher wie eine Übertreibung. Zumindest muss er nicht mehr jeden Tag stundenlang pendeln, sondern kann von Zuhause aus arbeiten.
Blick zurück: Bloggen ist nicht nur gefährlich, sondern mitunter tödlich

23. Februar 2007

Die weisen Worte des Mr. Stone Mountain

Die Washington Post ist nicht nur eine der besten Zeitungen der Welt. Sie produziert die mutmaßlich beste Online-Ausgabe aller amerikanischen Blätter und hat mit Dan Steinberg einen Blogger ins tägliche Sportrepertoire integriert, der der Prototyp für eine neue Art von hellwachem humorvollem Reporter-Kommentator-Insider ist, ohne den eine gut gemachte Metropolen-Publikation in der Zukunft nicht mehr auskommen wird. Warum? Trotz ihrer Reputation lebt die Zeitung hauptsächlich von Lesern in Washington D. C. und den umliegenden Vorstädten. Die interessieren sich zu erst einmal für die Nachrichten mit lokalem Bezug. Für die Wizards und Redskins. Für Gilbert Arenas und Dan Snyder.

Steinbergs Blog nennt sich D.C. Sports Bog. Kein Tippfehler, sondern ein Wortspiel. Das Wort Bog bedeutet Moor, Morast und Sumpf, wird aber auch benutzt, um eingedeichte Flächen für den Anbau der Cranberry zu bezeichnen, die zur Ernte unter Wasser gesetzt werden. Die Cranberry ist Amerikas klassische Beerenfrucht, die beim Thanksgiving-Truthahn-Essen als Geschmacksverstärker einfach dazu gehört.

Gestern und heute tauchte im D. C. Sports Bog auch American Arena auf. Eine Premiere. Denn die meisten amerikanischen News-Outlets und Blogs machen sich nicht die Mühe, über den Tellerrand der englischsprachigen Medienwelt zu schauen. Steinberg hingegen war über ein Link zu einem seiner Beiträge gestolpert und neugierig geworden: Er bat seine Leser, ihm bei der Übersetzung dieses Beitrags zu helfen, in dem er ausgiebig zitiert worden war. Gesagt, getan. Sein Beitrag von heute gab seinen Lesern etwas zum Lachen (und zum Knobeln). Denn einer hatte eine Babelfish-Übersetzung eingereicht, die einmal mehr bewies, dass die Software nicht mal als Krücke taugt, um sich den Inhalt eines fremdsprachigen Textes zu erschließen. So wurde aus Sports Bog "Sports Bent" (bog: Präteritum von biegen). Aus dem Namen der Zeitung wurde Washington Post Office. Der Knüller war die neue Version des Namens Steinberg: stone mountain. Das hat auch Mr. Stone Mountain sehr erheitert. Ganz nebenbei empfahl er all seinen deutschsprachigen Lesern, sich mal American Arena anzuschauen. Wir danken für so viel Vertrauen.