20. Februar 2007

Der Fall Sam Smith: Auf dem hohen Ross mit dem Kopf im Sand

Der alte Mann mit dem Schnäuzer hat schon seit ein paar Jahren den Absprung verpasst. Damals, Anfang der neunziger Jahre, als Michael Jordan und die Chicago Bulls einen Titel nach dem anderen gewannen und er zwei Bücher auf den Markt warf - das erste (Titel The Jordan Rules) war richtig gut, das zweite gut genug, um ignoriert zu werden - wirkte er wie einer der Kardinäle der Zunft. Ein Basketballjournalist, den Kollegen leise um Interviews baten, weil sie von seiner Weisheit naschen wollten. In den 15 Jahren danach hat sich die Erde tausendfach gedreht. Die Bulls mussten auf Jordan verzichten, bekamen ihn zwischendurch wieder. Die Fans in Chicago sahen ihn erneut in den Ruhestand gehen, um sich dann ausgerechnet in Washington noch einmal zu quälen. Mussten erleben, wie Trainer Phil Jackson frustriert davonzieht und in Los Angeles drei NBA-Titel einsackt. Durften verfolgen, wie der klitzkleine Manager Jerry Krause, genannt Krümel, alles auseinanderhaute, was mal eine Ära war. Und sie bekamen mit, wie ihre Zeitung, Sam Smith's Arbeitgeber - die Chicago Tribune - in einem merkwürdigen Wahn aus Sparen und der Ambition, zu einem dicken fetten Medienkonzern zu werden, an Spannung verlor. Leblos wurde. Die Second City, die sich gerne als Arbeiterstadt mit den breiten Schultern gibt, hatte mit ihrem charismatischen Basketball-Team auch den Blick aufs Ganze verloren.

Das hat Sam Smith noch nie davon abgehalten, über das große Ganze so zu schreiben, als ob es noch irgendjemand interessiert, 15 Jahre später, was er sieht, wenn er auf der Suche nach dem nächsten großen Thema seine alten, gut gepflegten Kontakte nutzt. Wenn man liest, dass er sich am Rande des All-Star-Wochenendes in Las Vegas einen Teil seiner Pau-Gasol-Informationen von aus dem fernen Spanien angereisten Journalisten besorgte, muss man sich allerdings wundern. Am Donnerstag ist Trade-Deadline für diese Saison. Den Chicago Bulls und den Memphis Grizzlies wird nachgesagt, dass sie ideale Partner sind, um das Talent Gasol aus dem sportlichen Sumpf am Ufer des Mississippi herauszuziehen. Aber alles, was Smith am Montag zu berichten wusste, war, dass das Management der Bulls ziemlich entspannt aussieht. Vielleicht gibt es keine ernsthaften Gespräche? Wer weiß?

Normalerweise wäre ein Wechsel von Gasol nach Chicago mehr als business as usual. Es wäre nach dem Abschied von Iverson in Philadelphia (jetzt spielt er bei den Denver Nuggets) der am meisten beachtete Transfer. Er würde die noch sehr unerfahrenen und launischen Bulls in vielen Belangen besser machen. Und er wäre ein Anzeichen dafür, dass das Schwergewicht der Kräfte, das zur Zeit massiv die Western Conference bevorteilt, sich wieder in eine andere Richtung einpendelt. "Es ist nichts im Schwange", schrieb Smith. "Aber du kannst dir vorstellen, dass es einen letzten Versuch am späten Mittwochabend oder am Donnerstagmorgen geben wird." Was für ein Scoop.....

Was einen an Smith inzwischen noch mehr stört als seine bräsige Schläfrigkeit, ist sein jüngster Erguss zur Sport-Blogosphäre in den USA. Nachdem er am Samstag standfest behauptete, "Ich lese keine Blogs" und die ganze Zunft so charakterisierte, als bestände sie aus irgendwelchen Typen, die nicht recherchieren, sondern "in ihrem Keller in ihrer Unterwäsche sitzen und etwas schreiben", wurde er vom sehr hoch eingeschätzten Dan Steinberg vom D.C. Sports Bog der Washington Post hops genommen. Der wies Smith auf wenigen Zeilen nach, dass er sehr wohl Blogs liest: Denn er kupfert nachweislich von ihnen ab und zwar ohne die Quellen ordnungsmäßig zu nennen.

Diese Übung - gleichzeitig auf dem hohen Ross sitzen und den Kopf in den Sand stecken - verlangt mehr Gelenkigkeit und Gedankefrische, rhetorische Kühnheit und schlichtweg Chuzpe als der alte Mann mit dem Schnäuzer noch zusammenbringt. Er ist eines der ersten sich klar abzeichnenden Beispiele dafür, wie die klassischen Beat-Reporter mit dem großem Anspruch, einmal am Tag etwas Lesenswertes abzusondern, in den großen Städten Amerikas den Weg alles Irdischen gehen werden. "Eine dahinsiechende und sterbende Gattung, die bald unter dem Hügel aus [Adjektiv unverständlich, weil es einen Tippfehler enthält] Anspielungen begraben sein wird, die sie nicht versteht" (Steinberg). Smith ist 59 Jahre alt.

Nachtrag und Korrektur: Steinbergs Originalzitat enthielt keinen Tippfehler. Es handelte sich um das Slangwort "pwned", was aus der Sprache der Videospieler kommt und dort so viel bedeutet wie jemanden deutlich besiegen oder auch die eigene Überlegenheit dem Gegner unter die Haut reiben. Dieses Wort in diesem Zusammenhang akkurat zu übersetzen, ist allerdings eine Kunst. Der Hinweis kam von Dan Steinberg selbst. Gut, wenn man mit dem Autor kommuniziert (siehe auch diesen Post).

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