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28. September 2009

ESPN erobert Boston: Kraft mit Freude

Die Konzentration aufs Wesentliche sieht im Sport bisweilen so aus: Ein reicher Unternehmer investiert in einen oder mehrere Clubs. Und damit die Einnahmemöglichkeiten optimiert werden, kümmert er sich auch noch um die Medienauswertung. Beispiel: Robert Kraft und die New England Patriots (Football) und New England Revolution (Fußball).

Die Konzentration auf das Wesentliche sieht aber bisweilen gleichzeitig auch noch so aus: Der Mega-Medienkonzern Disney, der mit ESPN das Informationsangebot im Sport beherrscht und der als Nächstes in den lokalen Märkten der amerikanischen Großstädte den Zeitungen das Wasser abgräbt, arbeitet hier und da mit den Betreibern solcher Clubs eng zusammen. In diesem Fall: Mit der Kraft Sports Group, die in Boston das Anzeigengeschäft für die neue Web-Initiative des Konzerns übernehmen wird.

Eine mögliche Folge: Noch mehr Gegenwind für den Boston Globe, der ohnehin schon beinahe pleite gegangen wäre. Welche Eisen noch geschmiedet werden, um die Konkurrenz zu schwächen? Wir werden sehen.

29. Januar 2008

Das Nabel-der-Welt-Syndrom

Das griechische Wort "Hybris" beschreibt auf eine kuriose Weise die Ego-Dimensionen der Leute in Boston. In der alten Stadt an der Mündung des Charles River betrachtet man sich seit ewigen Zeiten ohne jede Selbstironie als hub of the universe - den Nabel der Welt. Der Anspruch schien spätestens mit dem Niedergang des Hafens und der damit verbundenen großen Wirtschaftskrise Makulatur. Boston ist sicher ein hübsches Städtchen mit einem gediegenen Umland, aber nicht mal der Nabel der USA.

Aber Größenwahn ist vermutlich nicht heilbar. Nicht im Weichbild von Harvard, MIT, den vielen neuen High-Tech-Firmen und im Dunstkreis der Familie Kennedy. "We're proud to put the Hub into hubris", schrieb jemand vom Boston Herald heute. "Hubris" ist die englische Version von "Hybris". Als ob man das nicht schon immer geahnt hätte. Dieser Tage wirkt es nur viel krasser. Dank des in Boston entfachten Minderwertigkeitsgefühls gegenüber New York und der Begegnung der New England Patriots und der New York Giants im Super Bowl in Phoenix am kommenden Sonntag.

Kein Wunder, dass die Konkurrenz des Herald, der Boston Globe, einen Weg gefunden hat, den Wahn aus diesem Anlass noch einmal um ein paar Grad anzuheizen. Die Redaktion hat bereits ein Buch in Arbeit und an Amazon gemeldet, das möglicherweise am Sonntag gleich in die Tonne muss: 19:0: The Historic Championship Season of New England's Unbeatable Patriots.

2. Dezember 2007

Scherenschnitt: Der Eishockeyprofi als Akt

Für den Boston Globe ist es keine Kunst, sich mit einem Thema zu beschäftigen, in dem es um Nacktheit geht, und dann die Abbildung, die das Thema illustriert, auf dramatische Weise zu zensieren (siehe Bild links, die Version der Zeitung). Aber so etwas ist in den USA einfach Standard. Man will sich sehr wohl mit Erotik - und mittlerweile auch Homoerotik - fraglos sehr gerne beschäftigen. Denn das kitzelt bekanntlich. Aber die ganze nackte Wahrheit, na, meine Güte, die darf der Leser nicht sehen. Um die zu sehen, bekommt er nicht mal ein Link auf der Webseite, auf der die Printgeschichte steht. Merke: Nacktheit könnte im prüden Amerika die Leute auf komische Gedanken bringen.

Bevor wir uns zu aufwändig mit der Doppelmoral der Medien in diesem Land beschäftigen (siehe Janet Jackson beim Super Bowl), soll erst einmal davon die Rede sein, um was geht: Um die Gemälde von ehemaligen Eishockeyprofis, die der Maler Kurt Kauper ganz ohne Kleidung posieren lässt, obwohl sie nie für ihn Modell gestanden haben. Man könnte das eine kleine Provokation nennen. Die natürlich nur dann funktioniert, wenn es jemanden gibt, der sich davon provozieren lässt. Kaupers Bilder des nackten Cary Grant hätten das vielleicht bewirken können. Hier handelte es sich schließlich um eine wirklich berühmte Hollywood-Figur. Aber Bobby Orr und Derek Sanderson, die einst für die Boston Bruins spielten?

Die Ausstellung der Gemälde läuft zur Zeit in der Deitch Gallery in New York. Die meisten Werke sind bereits verkauft. Für Preise zwischen 50.000 und 135.000 Dollar (so der Globe).

Nun zur Doppelmoral in Sachen Erotik und Sexualität: Rückständig und repressiv sind die Vokabeln, die einem als erstes einfallen, wenn man sich ein wenig in den Stoff einliest, zum Beispiel hier und hier. Dabei gibt es eine zwei- wenn nicht dreigeteilte geographische Ausgangssituation in diesem Land. Am schlimmsten geht es im Bible Belt zu, wo man so tut, als ständen die verbindlichen Angaben und Anweisungen zum menschlichen Körper und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander in einem alten dicken Buch, dessen Autor(en) niemand je getroffen hat. Typischerweise sind das die Bundesstaaten mit der größten Kriminalität, dem schlechtesten Bildungsstand und der größten Zahl an armen Menschen. Dann gibt es die - meistens etwas größeren - Staaten, in denen die religiös geimpfte Bevölkerung an jeder Ecke den Kulturkampf probt - sei es bei Themen wie Evolutionstheorie, Gebete in der Schule, Abtreibung, Homosexualität. Und dann die wenigen aufgeklärten Metropolen und Kulturzentren, in denen die ewig Gestrigen kein Bein an die Erde bekommen. Boston gehört eigentlich in die Abteilung aufgeklärt. So kann man sich täuschen.

29. März 2007

Das Sockenprogramm wird heiß gewaschen: Schilling bloggt verschärft mit

Es gibt jetzt überall diese ausgedehnten Betrachtungen über die amerikanischen Baseballmannschaften. Das kommt wie die Krokusse und die Narzissen aus der Erde - jahreszeitbedingt. Es sieht auch hübsch aus und verwelkt dann gleich wieder, sobald die Saison auf Betriebstemperatur hochfährt. Wir haben nicht solche botanischen Ambitionen und verweisen deshalb lieber auf die Arbeit von Philipp Würfel vom Blog MLB Saison 2007. Da ist alles übersichtlich dargelegt. Mit Depth Charts und mehr.

Aber was wir hier auf jeden Fall ansprechen wollen, ist die bislang beste Profi-gegen-Journalisten-Fehde. Denn die basiert darauf, dass Curt Schilling von den Boston Red Sox (der mit der blutig roten Socke in der Vitrine in der Hall of Fame von Cooperstown) einen Blog begonnen hat: 38 Pitches (Foto: flickr/creativecommons/redperm) Und dass einer seiner Intimfeinde, diese arrogante Socke Dan Shaughnessy vom Boston Globe (Bild rechts), versucht hat, ihn deshalb lächerlich zu machen. Es gibt andere US-Athleten, die bloggen - wie etwa everybody's darling Gilbert Arenas. Aber die weichen alle gerne jeder Kontroverse aus. Schilling, Republikaner bis auf die Knochen und nicht auf den Mund gefallen, hat offensichtlich nicht vor, deren vielen leeren Platz im Internet mit Schönschreiben zu füllen. So ballerte er einen Tag nach der Satire von Shaughnessy kurz und knapp zurück. Besonders schön der alte Spruch, den er zitiert und der das Los des Athleten und des Popkünstlers im Verhältnis zu den Medien beschreibt: "Erst ignorieren sie dich, dann verspotten sie dich, dann kämpfen sie gegen dich. Und dann gewinnst du." Er nannte die Edelfeder einen "dope" - (Schnösel, Dussel, Idiot) und griff als Inside-Joke den Spitznamen auf, den ESPN-Mann Bill Simmons (in Boston groß geworden) einst über Shaughnessy geprägt hatte: Curly Haired Boyfriend. Eine Duftmarke, die der Kolumnist in einem anderen Inside-Joke in seinem Text verarbeitet hatte. Wer das verstehen wollte, musste wiederum Simmons zu dem Thema gelesen haben. Klingt mühsam? Vorläufig ja. Aber die Saison ist ja noch jung. Beziehungsweise sie hat noch gar nicht angefangen. Opening Day ist der 1. April. Und bei den Red Sox werden sich erst einmal alle Augen auf den neuen Pitcher aus Japan richten. Curly Haired Boyfriend hatte heute etwas Frisches über Dice-K im Globe. Und so wissen wir jetzt, dass Matsuzaka, der Mann, der angeblich einen Gyro-Ball wirft und den Spitznamen "Monster" aus seine Heimatland mitbringt, während der Saison Golf spielt, dass Schilling versucht japanisch mit ihm zu sprechen, dass er die Filme Lethal Weapon, Cliffhanger und When Harry Met Sally gut findet, aber auch Angelina Jolie. Enorm, was man alles herausfindet, wenn man die prominentesten Schreiber an die Front schickt.

6. März 2007

Blog vs. Borges: Kolumnist als Plagiator entlarvt

Die angesehene Tageszeitung The Boston Globe hat einen ihrer bekanntesten Sportkolumnisten für zwei Monate vom Dienst suspendiert, weil er in einem Artikel zahllose Passagen aus dem Bericht eines Journalisten aus einem anderen Blatt wortwörtlich abgeschrieben hat. Die Strafe für das Plagiatsdelikt fiel vergleichsweise milde aus, besonders im Hinblick auf den Täter: Ron Borges hat sich einen Namen als Widersacher des erfolgreichen örtlichen Football-Trainers Bill Belichick gemacht und gilt als höchst eigenwillig in seinen Einschätzungen seiner Spezialgebiete, zu denen auch Boxen gehört. Warum wir das hier alles erwähnen? Borges wurde durch einen Blog decouvriert - Cold, Hard Football Facts - der schon eine Weile die Methoden von Borges auf dem Kieker hat. Dass Blogger als Internetpolizei im Kampf gegen geistigen Diebstahl antreten, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die etablierten Medien mit einer Erosion ihres Ansehens konfrontiert sind. Den Kampf gegen das Tempo des Online-Nachrichten-Rads können sie nicht gewinnen. Auch wenn manche versuchen, sich in dem Wettbewerb durch hastiges Kopieren von anderer Leute Texten über Wasser zu halten. Bisher gibt es von Borges noch keine Erklärung zu dem Fall. Cold, Hard Football Facts gibt sich bescheiden: Das Ganze sei durch den Kommentar eines Lesers in einem Forum bei ESPN ins Rollen gekommen. Man habe das Thema schlichtweg nur aufgegriffen und an die richtigen Stellen weitergeleitet. Die Disziplinarmaßnahme der Zeitung kam wenig mehr als 24 Stunden , nachdem das Plagiat aufflog.