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27. Juli 2009

ESPN: Konsequentes Abstrafen

Vor ein paar Tagen hat sich ein Leser anonym beschwert, weil ihm eine Formulierung in einem Text über ESPN nicht gepasst hat: Geschrieben stand da, dass der Sender so wirke, als werde er mittlerweile "von einem klerikalen Übergremium mit irgendeinem moralischen Kompass in der Tunika" gelenkt. Ich hatte in diesem Zusammenhang an die politischen Verhältnisse im Iran gedacht (man kann sich auch andere Theokratien ausmalen), wo von oben nach unten regiert wird und alles seinen geordneten Gang geht, solange niemand muckt oder etwas verändern will.

Wie das im Prinzip funktioniert, wissen wir. Wie es ein Sender umsetzt, nicht so gut. Immerhin hat sich heute Mike Freeman bei CBS Sports zur Wort gemeldet und folgende Einschätzung abgeliefert:

"Nach Angaben mehrerer Leute bei ESPN sind bis zu hundert Leute – überwiegend Journalisten – vom ESPN verbannt worden oder werden zur Zeit verbannt. Die Zahl könnte höher sein."

Kein Medienunternehmen habe sich "so stalinistisch in der Behandlung abweichender Meinungen" gezeigt, schrieb Freeman, der ein Buch über die Geschichte des Senders geschrieben hat, in dem auch der interne Umgang mit dem Thema "sexuelle Nötigung" abgehandelt wird. Freeman geht in seinem Vorwurf allerdings weiter. Auch das NFL Network, das zwar der Liga gehört, aber in den höheren Etagen eine Reihe von Ex-ESPN-Leuten beschäftigt, scheibt sich an dem Boykott bestimmter Journalisten zu beteiligen.

Die absichtsvolle Abstinenz schließt ganz offensichtlich auch die beiden profiliertesten amerikanischen Sport-Blogs ein: Deadspin und The Big Lead.

Warum ist das alles von Belang? Der Sender mit seinen Tentakeln im Print-, Radio- und Online-Sektor ist eine Geldmaschine und inzwischen so groß und einflussreich, dass es kein Gegengewicht im US-Mediengeschäft mehr gibt. Zwar halten in manchen Bereichen die großen Networks wie CBS, NBC und Fox (ABC gehört wie ESPN zu Disney) noch eine gewisse Position, weil sie im Rechtgeschäft für eine Reihe von Sportarten noch hinreichend mithalten können. Aber die sich abzeichnende Konsolidierung dieses Mediensegments, vor dem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des ganzen Landes nicht Halt machen werden, werden die Position des Kabelanbieters weiter stärken. Ehe nicht NBC Universal, das einen umfangreichen Kanal-Mix betreibt, ernsthaft in den Wettbewerb einsteigt, wird es kein ernsthaftes Gegengewicht geben. Der Sender ist allerdings zur Zeit noch immer auf die Olympischen Spiele fixiert, wo er sich eine Stellung als Monopolist aufgebaut hat. Für andere Ambitionen scheinen die Ressourcen zu knapp. Man macht NHL-Eishockey nur als schnelle Drive-in-Kost, hat nur ein bescheidenes Bein im NFL-Geschäft und konzentiert sich ansonsten hauptsächlich auf Tennis und Golf. Vermutung von dieser Stelle aus: Da die Fernsehrechte für die Olympischen Spiele nach 2012 in London noch nicht vergeben sind und der Austragungsort der Sommerspiele 2016 noch nicht feststeht, könnten sich ab Oktober neue Kräftefelder auftun. Prognose: Sollte Chicago bei der Kandidatur verlieren, wird es für NBC keinen Grund mehr geben, sich mit diesem enormen Drahtseilakt zu beschäftigen., bei dem man eine Milliarde Dollar ausgeben muss, um etwas mehr als eine Milliarde Dollar einzunehmen.

20. August 2008

Was tun bei hinreichendem Tatverdacht?

Die Reaktion von Tobias Unger auf den Erfolg von Usain Bolt bei den Leichtathletikwettbewerben in Peking hat etwas Erfrischendes: "Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert gar nichts. Ich muss mich allein hier bei Olympia an- und abmelden, für den Fall, dass wir eine Dopingkontrolle haben. Ich habe langsam keine Lust mehr.“ Das Erfrischende besteht darin, sich auszumalen, was eigentlich passieren würde, wenn noch mehr Sprinter die gleiche Empfindung beseelt und sie das tun, was saubere Sportler schon immer getan haben sollten: einfach den Wettkampf verweigern. Nicht frustriert nach Hause gehen und sich zurück ziehen vom Sport, sondern Organisieren, Demonstrieren, Boykottieren, Inkriminieren. Endlich mal Staatsanwälten erzählen, was sie wissen – über Lieferanten, Trainer, Substanzen.

Wäre das nicht mal eine ernsthafte Maßnahme angesichts der massiven Manipulationsversuche, über die es im Fall von Jamaika überhaupt keine Zweifel geben sollte? Schluss mit der Schimäre der sogenannten Unschuldsvermutung, sondern Auftakt für einen neuen Denkansatz, ausgeliehen aus der Strafprozessordnung: den Anfangsverdacht. Wenn nicht sogar den hinreichenden Tatverdacht.

Wäre das nicht mal etwas, um die routinierte Abwicklung von hochgehypten Sportereignissen und ihrem Rekordwahn aus dem Gleis zu werfen: Ein Boykott nicht aus sehr abstrakten politischen, sondern aus ganz sportlichen und eigennnützigen wirtschaftlichen sowie strafrechtlichen Erwägungen? Nicht mehr starten, wenn eindeutig fragwürdige Personen auflaufen und die Farce aus der Sicht des eigentlichen Opfers attackieren – aus der Sicht des betrugsgeschädigten Athleten? Nicht mehr als Staffage und Pappkamerad zur Verfügung stehen und nicht mehr das absurde Abhalten von Vorläufen und Zwischenläufen rechtfertigen, die keiner braucht, wenn der Gewinner doch sowieso schon feststeht.

Man fragt sich: Wo und unter welchen Umständen würde Bolt dann noch laufen? Würde er vielleicht so wie einst Jesse Owens gegen Pferde antreten? Oder würde er und seine Mitstreiter endlich die Wahrheit sagen? Tobias Unger, das wäre doch den Versuch wert, oder nicht?

31. Oktober 2007

Der Klingelbeutel: Zu Gast bei Frondeuren

Kaum schreibt man mal was über eine neue Unsitte in der Fußball-Bundesliga und wird auch noch prominent vom Indirekten Freistoss zitiert, dem einflussreichsten und besten Fußball-Blog im Lande, schon kippt die Fronde. Wenn das jetzt öfter vorkommt, werde ich in unserem Haushalt die Auswahl der Lottozahlen übernehmen.

Bill Belichick wurde neulich als Werkspion erwischt und bestraft. Dass das alles nur daran liegen soll, dass der Trainer der New England Patriots ungeschickt oder übermütig (oder beides) geworden ist, kann man sich beim Die Hard Steel-Blog überhaupt nicht vorstellen. Der Mann mit der Kapuze, dem man den Spitznamen Evil Genius anzuhängen versucht, muss das alles mit voller Absicht gemacht haben. Warum? Um seine Mannschaft die Psychoformel einzuhämmern: Alle sind gegen uns. Wir kämpfen gegen den Rest der Welt. Aber gemeinsam sind wir stark.

Wenn Tony Romo von den Dallas Cowboys wirklich 11,5 Millionen Dollar pro Jahr wert ist und einen Weg gefunden hat, sich fast die Hälfte des Geldes garantieren zu lassen (was in der NFL normalerweise nicht der Fall ist), dann heißt das, dass die Gehaltsspirale wieder mächtig in Bewegung gekommen ist. Das ist weniger das Problem der Clubs, die mit einer ultraharten Salary Cap leben müssen (und nicht solche Pufferzonen für ultrareiche Teams haben wie die NBA mit ihrer Luxussteuer), sondern der vielen namenlosen Spieler im Kader, die mit Mini-Gehältern abgespeist werden. Und das sind die Leute, deren Zahlungen nicht garantiert sind und die oft verletzungsbedingt früh die Karriere aufgeben müssen (Durchschnittsverweildauer in der NFL: dreieinhalb Jahre).

Das Lesestück der Woche zum NBA-Saisonbeginn: Chuck Klosterman über das ewige Palawer, wonach die NBA permanent von schweren Krisen bedroht ist (Imagekrisen und wirtschaftlichen Krisen). Er gibt nicht mal den Medien die Schuld, obwohl dort ständig jenes Drahtseil gespannt wird, auf dem die Basketballprofis angeblich im Kampf um den Zuschauer wandern. Er sieht nicht zuletzt den unheiligen Einfluss vom Ligamanagement, das
"jedes Imageproblem zu manipulieren versucht, von dem die Association in jedem Augenblick erfasst wird" (via Fanhouse).

28. Oktober 2007

Boykott an der Ruhr

Wenn man im englischsprachigen Google-Kosmos die drei Wörter press, boycott und athlete eingibt, kommt auf den ersten Seiten eine AP-Geschichte über den Iraner aus Wolfsburg hoch, der nicht mit der deutschen Nationalmannschaft nach Israel fahren will, Gedanken zu einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking und das übliche Kraut und Gemüse einer typischen Suche. In der deutschen Parallelwelt sieht die Sache schon anders aus. Bei Presse, Boykott und Sportler kommt sogleich das Verhalten deutscher Fussballprofis im Umgang mit den Medien zur Sprache. Der Unterschied ist nachvollziehbar. In der Welt des amerikanischen Profisports wäre ein Verhalten wie das der Spieler von Schalke 04 im letzten Jahr und von Borussia Dortmund zur Zeit überhaupt nicht denkbar. Egal, was die Mannschaftsmitglieder für Komplexe pflegen - inferior oder superior - sie haben sich an die Regeln der Ligen zu halten. Und die besagen, dass Spieler mindestens nach dem Training und nach einem Match akkreditierten Journalisten für eine gewisse Zeit - meistens in der Umkleidekabine - Rede und Antwort stehen müssen. Die NBA öffnet sogar die Umkleidekabine vor einem Spiel den Medienvertretern, die auf diese Weise weit mehr an Informationen zusammentragen können, als das in der Hektik im Anschluss eines Spiels möglich ist.

Rede und Antwort stehen heißt nicht, dass sie sich nicht bisweilen demonstrativ defensiv, aggressiv, nichtssagend, abweisend, unzusammenhängend und verwirrt äußern. Manchmal sagen sie auch gar nichts. Aber jeder offensichtliche Versuch, sich dem Ritual zu entziehen, wird mit Geldbußen bestraft. Einer ganze Mannschaft würde ein derartiges Verhalten teuer zu stehen kommen.

Dass die Bundesliga angesichts der jüngsten Fälle nicht interveniert, ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie rückständig man dort Fragen des modernen Sportmanagements gegenübersteht. Die Angelegenheit ist nämlich nicht damit abgetan, dass man mit der Achsel zuckt, wenn in irgendeinem Club ein Mob aus demotivierten Leuten das Geschäft sabotiert, das daraus besteht, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, um möglichst viele Eintrittskarten, Pay-TV-Decoder, Souvenirartikel etc. zu verkaufen. Solange es keine Regel gibt, die für alle gilt, kann jeder Club im Zweifel machen, was er will. Solche Formen der Anarchie mögen ja in einigen Zirkeln auf Sympathie stoßen. Sie unterminieren aber jede Form einer offensiven Vermarktung der Liga als einer übergeordneten Einheit. Die Spieler können schließlich auch nicht darüber entscheiden, welche Trikotfarben sie tragen, welche Sponsoren auf ihrer Brust prangen und gegen welche Mannschaft sie wann antreten. Warum sollten sie darüber entscheiden, ob sie Lust darauf haben, mit Medienvertretern zu reden?

Es kann ja sein, dass die akkreditierten Vertreter der Presse geistlos sind und aufdringlich und am Ende nur Mist wissen wollen. Aber wer glaubt, er habe Anspruch auf eine andere Behandlung seitens der Medien, sollte sich zuerst einmal fragen, ob er überhaupt die Qualität an Sport und Statements abliefert, die eine andere Behandlung rechtfertigt. Und wenn die Antwort "Ja" lautet, sollte er mal auf die Liga einwirken und herausfinden, wie man das akkreditierte Medienpersonal auf ein anderes Niveau bekommt. Den Druck müssten die Leute von der Presse eigentlich vertragen können.