28. Oktober 2007

Boykott an der Ruhr

Wenn man im englischsprachigen Google-Kosmos die drei Wörter press, boycott und athlete eingibt, kommt auf den ersten Seiten eine AP-Geschichte über den Iraner aus Wolfsburg hoch, der nicht mit der deutschen Nationalmannschaft nach Israel fahren will, Gedanken zu einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking und das übliche Kraut und Gemüse einer typischen Suche. In der deutschen Parallelwelt sieht die Sache schon anders aus. Bei Presse, Boykott und Sportler kommt sogleich das Verhalten deutscher Fussballprofis im Umgang mit den Medien zur Sprache. Der Unterschied ist nachvollziehbar. In der Welt des amerikanischen Profisports wäre ein Verhalten wie das der Spieler von Schalke 04 im letzten Jahr und von Borussia Dortmund zur Zeit überhaupt nicht denkbar. Egal, was die Mannschaftsmitglieder für Komplexe pflegen - inferior oder superior - sie haben sich an die Regeln der Ligen zu halten. Und die besagen, dass Spieler mindestens nach dem Training und nach einem Match akkreditierten Journalisten für eine gewisse Zeit - meistens in der Umkleidekabine - Rede und Antwort stehen müssen. Die NBA öffnet sogar die Umkleidekabine vor einem Spiel den Medienvertretern, die auf diese Weise weit mehr an Informationen zusammentragen können, als das in der Hektik im Anschluss eines Spiels möglich ist.

Rede und Antwort stehen heißt nicht, dass sie sich nicht bisweilen demonstrativ defensiv, aggressiv, nichtssagend, abweisend, unzusammenhängend und verwirrt äußern. Manchmal sagen sie auch gar nichts. Aber jeder offensichtliche Versuch, sich dem Ritual zu entziehen, wird mit Geldbußen bestraft. Einer ganze Mannschaft würde ein derartiges Verhalten teuer zu stehen kommen.

Dass die Bundesliga angesichts der jüngsten Fälle nicht interveniert, ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie rückständig man dort Fragen des modernen Sportmanagements gegenübersteht. Die Angelegenheit ist nämlich nicht damit abgetan, dass man mit der Achsel zuckt, wenn in irgendeinem Club ein Mob aus demotivierten Leuten das Geschäft sabotiert, das daraus besteht, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, um möglichst viele Eintrittskarten, Pay-TV-Decoder, Souvenirartikel etc. zu verkaufen. Solange es keine Regel gibt, die für alle gilt, kann jeder Club im Zweifel machen, was er will. Solche Formen der Anarchie mögen ja in einigen Zirkeln auf Sympathie stoßen. Sie unterminieren aber jede Form einer offensiven Vermarktung der Liga als einer übergeordneten Einheit. Die Spieler können schließlich auch nicht darüber entscheiden, welche Trikotfarben sie tragen, welche Sponsoren auf ihrer Brust prangen und gegen welche Mannschaft sie wann antreten. Warum sollten sie darüber entscheiden, ob sie Lust darauf haben, mit Medienvertretern zu reden?

Es kann ja sein, dass die akkreditierten Vertreter der Presse geistlos sind und aufdringlich und am Ende nur Mist wissen wollen. Aber wer glaubt, er habe Anspruch auf eine andere Behandlung seitens der Medien, sollte sich zuerst einmal fragen, ob er überhaupt die Qualität an Sport und Statements abliefert, die eine andere Behandlung rechtfertigt. Und wenn die Antwort "Ja" lautet, sollte er mal auf die Liga einwirken und herausfinden, wie man das akkreditierte Medienpersonal auf ein anderes Niveau bekommt. Den Druck müssten die Leute von der Presse eigentlich vertragen können.

Kommentare:

Paul Niemeyer hat gesagt…

Der Antwort-Boykott in Dortmund hat den Medien doch in die Hände gespielt: so konnten nämlich Fernsehen, Zeitung & Radio genau das tun was sie am liebsten tun - über sich selbst und d. h. ihre Rolle und Bedeutung für den Sport zu palavern, sich selbst als Quelle für vertrauliche und exklusive Meldungen anpreisen, wobei dies je Medium auf mehr oder weniger subtile Art und Weise geschieht. Man kann als Journalist nicht Tag für Tag mit Stars (im Falle der Fußball-Bundesliga eher Promis denn Stars) zu tun haben und sich dann nicht selber aufführen wollen wie einer - gilt natürlich nicht für alle. Täglich dieses blöde Ringen um Schlagzeilen. Die Statements der Spieler werden immer ärmer. Die Fragen der Journalisten auch. Und jeder will es besser wissen. Und jeder meint darüber müsse noch groß und breit berichtet werden. Die Meldungen zum Fußball haben wenig zu tun mit Echtzeit-Fußball. Hier wird man bereits ab dem zweiten Spieltag mit vermeintlichen Schicksalsspielen, angeblich drohenden Trainerentlassungen und Statistiken, die mit Wahrscheinlichkeiten verwechselt werden, belästigt. Und völlig überhitzt wird diese Soße dadurch, dass ihre Köche, die Medien, sich immer selbst ins Spiel bringen. Könnte man nicht mal zwei Wochen lang einfach den Sport in den Mittelpunkt stellen? Mir fehlt das.

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Kalwa,

haben Sie schon einmal den inhaltslosen Sprechblasen der Schalke und BVB-Profis lauschen "dürfen" ? Abgesehen davon daß man die Spieler die in einigermaßen vollständigen und verständlichen Sätzen antworten, also zumindest teilweise der deutschen Sprache mächtig sind, an zwei bis drei Fingern abzählen kann werden dort Allerweltsfloskeln und beispiellos konstruktivlose bruchstückhafte Sätze schwadroniert die unsereins die Fußnägel einwachsen lassen.

Sicher kann man das in dieser Zeit des Söldnertums nicht auf diese beiden Vereine pauschalisieren, aber ich denke mit Wehmut an einen Mehmet Scholl zurück der seine hintersinnigen Aussagen mit Witz & Ironie garnierte, eine Eigenschaft die man heutzutage mit einer sehr, sehr großen Lupe suchen muß ...

ergo, ich verstehe die Auskunftspflicht der Profis, Recht des Konsumenten, u.s.w., aber von mir aus müssen sie nichts mehr sagen, "... wichtich is ufm Platsch ..."!

Jürgen Kalwa hat gesagt…

@darthraider: Daraus ergäben sich doch schon mal ein paar Ansatzpunkte für das Ligamanagement, auf die Gesamtlage einzuwirken. Denn wenn die Spieler nichts zu sagen haben, weil sie kein (nicht genug) Deutsch können, brauchen sie Hilfe - zum Beispiel in Form von Sprachunterricht. Und die Medienleute brauchen die Einsicht, dass, solange niemand etwas zu sagen hat, es auch wirklich nichts zu berichten gibt - außer den klassischen Reportagen über das Geschehen auf dem Rasen. Teil des Problems ist die fehlende lupenreine Berichterstattungskultur im deutschen Sportjournalismus (anders als etwa in den USA, wo man klar trennt zwischen Nachrichtengebung und Meinung). Sportreporter sehen sich gerne als Populärfeuilletonisten und als Gossip-Händler. Niemand hat das über die Jahre besser bedient als Uli Hoeness. Aber das funktioniert nur, weil Bayern München eine so starke sportliche und wirtschaftliche Bedeutung hat. Leider wirkt die gleiche Attitüde, wenn sie auf die unteren Tabellenplätze und unteren Ligen abfärbt, nur noch laut und schrill.

Anonym hat gesagt…

Ihre Anmerkung ... Sportreporter sehen sich gerne als Populärfeuilletonisten und als Gossip-Händler ... trifft (für mich) den Nagel auf den Kopf.

Gibt es eigentlich nichts neues zu berichten wird irgendetwas konstruiert und künstlich aufgebauscht, auch von abseits des Spielfeldes, um der angeblich (danach ?) hungrigen Menge einen weiteren Knochen hinwerfen zu können ...

auch Herr Niemeyer stimme ich zu, dieses endlose Ringen um angebliche News und bahnbrechende Schlagzeilen treibt teilweise absurde Blüten, Sport als Show ist nichts neues, aber hat Überhand genommen ...

Anonym hat gesagt…

Was ist denn das Problem am "Medienboykott" - mir ist das doch völlig oberhupe. Und die Journaille schreibt dann eben über den Boykott, ja und? Hat jemand die Befürchtung, es würden die Nachrichten ausgehen?
Man nenne mich naiv oder romantisch oder beides ... je weniger "rückständig" die DFL in solchen Bereichen wird, desto seelenloser wird das Spiel. Sonst soll doch auch "der Markt" entscheiden .... warum nicht hier?

Anonym hat gesagt…

Für mich sind die versammelten Reaktionen der Journalisten so unfassbar verräterisch, dass ich es kaum glauben kann. Im Grunde ist das die Bankrotterklärung des deutschen Sportjournalismus.

Ein Sportjournalist sollte über den Sport berichten - das liegt irgendwie ja schon in der Berufsbezeichnung. Dazu reicht es völlig, wenn 22 Spieler 90 Minuten spielen - das ist der Gegenstand der Sport-Berichterstattung. Rudi Michel und Ernst Huberty hätten vor 20 Jahren einen Presseboykott nicht mal bemerkt, weil sie Interviews mit Spielern nicht brauchten, um ein Spiel zu analysieren und darüber zu berichten.

Wer sich im Ernst durch das plötzliche Fehlen von sowieso völlig sinnfreien Spielerinterviews in seiner Berichterstattung "eingeschränkt" fühlt, gibt damit nur zu, dass er vom Sport nicht genug versteht, um aus dem reinen Spiel einen Bericht zu machen. Er braucht jemanden, der ihm das erklärt - und wenn es nur verschwitzte und in dem Moment unmittelbar nach Spielende selten zurechnungsfähige Spieler sind.

Der gegenwärtige Boykott in Duisburg hat allerdings in der Tat eine andere Qualität, denn er wird von oben, vom Präsidenten vorgegeben, während Trainer und Verantwortliche von Schalke 04 (wo der Boykott der Spieler auch sachlich gerechtfertigt und verständlich war!) und Borussia Dortmund sich nicht an dem Boykott beteiligt haben.