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5. August 2009

Über die Integrität des Sportjournalismus

Wir haben noch immer nichts vom neuen Ombudsman bei ESPN gelesen. Worauf wartet der eigentlich?

In der Zwischenzeit mehren sich die Stimmen von Leuten aus dem amerikanischen Sportjournalismus, die sich mit der Macht und der Rolle des Konglomerats kritisch beschäftigen. Natürlich liegt das zuerst einmal am Verhalten von ESPN selbst (siehe Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit hier und hier). Aber es liegt vermutlich auch daran, dass erfolgreiche Sportblogs wie Deadspin und The Big Lead schon seit einer Weile am Lack der omnipotenten Disney-Tochter kratzen. Auch das ist eine neue Medienrealität und mit verantwortlich dafür, dass ein beachtlicher Teil des jungen Publikums einen eher zynischen Blickwinkel gegenüber dem Gesamtpaket und seinen Protagonisten entwickelt hat. Solche Regungen mögen den mächtigen Männern in Bristol/Connecticut egal sein, denn die sind sicher nicht minder zynisch bei dem Versuch unterwegs, ihre Position im Markt weiterauszubauen.

Etwas anderes sind Meinungsäußerungen wie die heute bei National Public Radio von Frank Deford, einem der namhaften Sportautoren des Landes, der einst die Redaktion der ambitionierten Sporttageszeitung The National leitete und in langen Texten in Sports Illustrated und anderen seinen besonderen Sinn für die Qualität von Sportgeschichten hinreichend unter Beweis gestellt hat. Sein Wort hat Gewicht. Deford charakterisiert die Stellung von ESPN so: Das wäre als würde die Zeitschrift Vogue nicht nur über Mode berichten, sondern auch noch die wichtigstem Modeschauen veranstalten. Und als würde das Wall Street Journal nicht nur das Geschäft der Börse beobachten und kommentieren, sondern Rechte an den Informationen über die Aktienkurse besitzen. Der Höhepunkt der Kameraderie: ESPN leiste in seiner Allianz mit Starsportlern, die sich bereitwillig für – witzige – ESPN-Werbung zur Verfügung stellen der ganzen Branche einen Bärendienst: "Es mindert die Integrität des gesamten Sportjournalismus herab."

Besonders diese Vorwurf hat Deford dann nicht weiter ausgeführt. Aber man fragt sich jetzt: Wird Ombudsman Ohlmeyer nun den Sender verteidigen? Oder haut erin die gleiche Kerbe? Wir sind gespannt.

28. Mai 2009

Marken-Bewusstsein in der Journaille

...und dann war da noch der Sportjournalist, der den Titel seiner Kolumne bei der zuständigen Behörde als Markenzeichen anmeldete. Er heißt Rick Reilly und verdient seit seinem Wechsel von Sports Illustrated zu ESPN extrem gutes Geld. Eine Anmeldung ist vergleichsweise preisgünstig zu haben. Die Idee für den Kolumnentitel ist übrigens die schlichte Abwandlung des Titels eines Radioprogramms aus den vierziger Jahren, die vom US-Fernsehen adaptiert wurde, aber 1951 ihr Leben aushauchte. Wenn es sie noch gäbe, hätte das Amt in Washington dem Schreiber etwas gehustet und ihm keine Zulassung für seine Version gegeben. Markenschutz dient vor allem einer Idee: Verwechslungsgefahr zu vermeiden. Exakt dieser Umstand könnte diesem Herrn noch Schwierigkeiten bereiten. Der Ausdruck scheint übrigens sehr viel älter zu sein als Mitte des letzten Jahrhunderts. Das zumindest behauptet diese Webseite.

2. Oktober 2008

Doktor-Spiele

In fast jeder Moritat die unsereins interessiert, verbirgt sich irgendeine ganz besondere Ironie. Besonders bei Vergehen und Verbrechen der mittleren und oberen Schichten, die ja meistens nicht ganz spontan begangen werden, sondern mit Absicht, und auch nicht von unmittelbaren akuten Bedürfnissen ausgelöst werden wie, sagen mir mal, Mundraub. Aber soviel Ironie wie im Prozess gegen den diplomierten Sportlehrer und Fernsehjournalisten Dr. Jürgen Emig ist dann doch eher selten. Wie Jens Weinreich in einem Eintrag zur Urteilsnachricht schreibt, hat der soeben mit zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis belegte ehemalige Ressortleiter Sport des Hessischen Rundfunks seine Studienjahre mit dieser Doktorbeit abgeschlossen:
Barrieren eines investigativen Sportjournalismus – Eine empirische Untersuchung zu Bedingungen und Selektionskriterien beim Informationstransport.

Die Schrift hätte man in diesem Augenblick gerne zur Hand. Vor allem auch deshalb, weil ein Verweis auf der Open Library Webseite diesen Untertitel zitiert: "Informationsgenerierung über einen mehrstufigen journalistischen Selektions- und Entscheidungsprozess, dargestellt an der Hintergrundberichterstattung im Bereich des Sports". Es macht einen neugierig, weil man erfahren möchte, was der promovierende Jürgen Emig wusste, ehe er dann ins Leben ging, sich auf einen gut bezahlten Posten vorarbeitete und eine Frau zur Gattin nahm, die ihm "Selektionskriterien beim Informationstransport" vermittelte, an die er womöglich bei der Erstellung der Doktorarbeit noch gar nicht gedacht hatte.

Der Form halber wollen wir an dieser Stelle betonen, dass das Urteil gegen Dr. Emig noch nicht rechtskräftig ist, weshalb wir uns mit unseren Einschätzungen zum Sachverhalt zurückhalten wollen. Das Zitat aus der Schrift, das man hier finden kann, spricht eher für einen Autor, der das Thema Sportjournalismus ziemlich verquast gesehen hat. Oder vielleicht auch nur matt erleuchtet, wie man aus diesem Verweis entnehmen kann (Fußnote Nummer neun). Aber wohl soviel steht fest: Ohne den investigativ arbeitenden Journalisten Frank Thonicke aus Kassel wäre Emigs Arbeitsweise womöglich nie ans Tageslicht gekommen. Dessen Selektionskriterien beim Informationstransport hat Emig damals bei seiner Dissertation bestimmt nicht kommen sehen.

23. September 2008

Oktoberfest

Man möge jemandem verzeihen, der 1980 vor dem Attentat auf dem Münchner Oktoberfest an der Stelle das Gelände verlassen hat, wo eine Stunde später die Bombe explodierte, die 13 Menschen tötete, dass er eine besondere Beziehung zu der Veranstaltung hat. Eine Auswirkung: Es fehlt einem an der Naivität im Umgang mit dem Mythos dieser Riesen-Kirmes. Die halbe Welt kommt nach New York, um Ground Zero zu besuchen. Frage: Wer fährt eigentlich nach München, um der Opfer des 26. September zu gedenken?

Ich weiß, es mag überzogen klingen, an dieses Ereignis zu erinnern, wenn man sich jedes Jahr erneut eigentlich nur über die Fußballberichterstattung während dieser September-Wochen ärgert. Nicht weil man anscheinend heute nonchalant darüber hinweggeht, dass dieser Akt rechtsextremer Gewalt mehr war als nur die Tat eines einzelnen. Sondern weil das Oktoberfest automatisch in den Köpfen von Journalisten aus dem Sportressort eine Assoziationskette auslöst, auf die man nur kommen kann, wenn man völlig desensibilisiert ist und Biertrinken für die Essenz des Profi-Fußballs hält.

Fällt das eigentlich niemandem mehr auf, dieser Unsinn?

"Kaum hieß es auf der Wiesn „Ozapft is“, da hatte Jürgen Klinsmann auch schon einen Kater. So kräftig eingeschenkt wie beim 2:5 (0:2) gegen Werder Bremen wurde dem FC Bayern München zum Start des Oktoberfestes noch nie zuvor in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte." (Lausitzer Rundschau)

"Pünktlich zur Mittagszeit wurde in München das erste Fass Oktoberfestbier angezapft, die Bierzelte geöffnet. Und auch beim FC Bayern in der nur wenige Kilometer von der Theresienwiese entfernten Allianz-Arena öffneten sich ab 15.30 Uhr alle Schleusen."
(Sportal.de)

"Werder-Watschn zur Wiesn" (br-online)

"Ausgerechnet zum Auftakt des Oktoberfests fügte der Double-Sieger von 2004 Rekordmeister Bayern München eine empfindliche 2:5-Niederlage zu." (Goal.com)

Die Auswahl der Zitate ist völlig willkürlich, aber repräsentativ. Und sie drängt einem die Frage auf: Wie bitte, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Fast alle haben mal wieder den Verweis zum Oktoberfest gebracht. Auch dem Dummschwätzer war nach Wiesn-Schmarrn: Er gab dem Trainer der Hochleistungssportler von Bayern München den Rat, sich ein paar Liter Bier in den Kopf zu knallen.

So ist das eben, wenn Platitüden-Produzenten auf Folkore machen. Man kann sich schon ausmalen, wohin sich das journalistische Repertoire noch entwickelt. Zu Fußball-Artikeln ohne Sinn und Verstand und mit Anklängen wie "Ausgerechnet am (oder auch "pünktlich zum...") Tag der Deutschen Einheit/an Weihnachten/am Todestag des Pflegers des Eisbären Knut/vor der Sendung von Johannes B. Kerner...."

Da ziehe ich dann doch lieber die Logik eines Gerhard Polt vor, der mit dieser Oktoberfestgeschichte das Krawallige und die Brunstdummheit einer Münchner Tradition aufgreift und gallig karikiert. In zwei Teilen. Nur Ton.

18. Februar 2008

Über das Zersägen von Nationalhymnen

Wenn man nur alle paar Jahre an Veranstaltungen teilnimmt und zusammen mit Journalisten aus der Themenecke Sport auf einem Podium sitzt, reist man jedes Mal ohne eine handfeste Erwartung an. Man ist von berufswegen offen und neugierig und darauf gespannt, was die anderen zu sagen haben. Heißen sie Kicker oder Sport-Bild oder ZDF. Den eigenen Stoff und das eigene Anliegen kennt man schließlich zur Genüge.

Deshalb bin ich am Freitag auch mit hochgestellten Antennen zu der zweitägigen Konferenz des Sportnetzwerks und dem Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund ins Ruhrgebiet gefahren. Gekommen waren etwa 160 Studenten, Wissenschaftler und Journalisten von rund 70 Medien, die sich in zahlreichen Workshops mit dem Thema Qualitätssicherung befassen wollten. Es wurde eine ganz besondere, hochkarätige Veranstaltung, von der ich sicher mehr mitgenommen habe, als ich da lassen konnte.

Weil es die Planung so wollte, war mein Beitrag der letzte. Mit so etwas schiebt einen der Regisseur der Veranstaltung in eine eigenartige Rolle. Gewiss: Es handelt sich um ein harmloses Dilemma. Aber eines, dem man nicht entkommt. Es lautet: Wie kann man nach so vielen Stunden mit so vielen guten Vorträgen, Fragerunden und Diskussionen Leuten im Saal, die insgeheim über das Nachhausefahren nachdenken, noch etwas Gescheites mit auf den Weg geben?

Jimi Hendrix hat damals in Woodstock zum Schluss die amerikanische Nationalhymne zersägt. Aber dafür hatte am Samstag in Dortmund bereits - im übertragenen Sinne - Kai Pahl von allesaussersport gesorgt, als er im Rahmen des letzten Panels der Blogger und Online-Spezialisten eine fulminante Präsentation ablieferte. Darin hatte er - stellvertretend - den Internet-Auftritt eines der sogenannten Leitmedien im deutschen Journalismus mit den Innovatoren in England und den USA abgeglichen. Zersägt ist gar kein Ausdruck. Er warf der Süddeutschen Zeitung im Rahmen der anschließenden Diskussion vor, sie hätten nicht nur inhaltlich nichts auf der Uhr. Ihnen fehlten auch noch juristisch "die Eier", sich gegen unsinnige Einschränkungen der neuen Kommunikationskultur zu wehren.

Nach einer solch klaren und im Grunde unwidersprechbaren Bestandsaufnahme steht man hinter dem Pult und weiß: Das dicke Manuskript mit den vielen ausformulierten Gedanken lässt du jetzt einfach mal beiseite. Du willst ja nicht wegführen von der Klarheit, die im Raum steht. Du willst aber auch nicht wiederholen, was bereits gesagt wurde. Obwohl spürbar ist, dass die meisten anwesenden Journalisten die Online-Dimension noch immer nicht als neue kreative Spielwiese betrachten, sondern im besten Fall als drittrangiges Nebenresultat ihrer Arbeit für die gedruckte Ausgabe.

Nicht dass ich gewusst habe, was später durch den ausführlichen Diskussionsbeitrag eines Redakteurs einer Regionalzeitung deutlich wurde, wie verbreitet sie sein muss, die totale Verständnislosigkeit gegenüber den neuen Entwicklungen und Chancen. Aber geahnt habe ich es schon. Man braucht sich dazu nur die Seiten der Zeitungen und Portale in Deutschland anzuschauen. Da keimt kein Weiterdenken. Da keimt nur strukturelles Verhalten, das versucht, das Alte zu bewahren und umzutopfen. Wenn man böswillig ist, würde man sagen: Am Ende interessiert sich keiner aus dieser Denkrichtung für die Leser von morgen, allenfalls für die von heute. Und dass die bereits mächtig auf die Rente zusteuern, nimmt man hin.

Was soll man also ansprechen? Ich habe aus dem Stegreif ein Plädoyer für eine stärkere Umorientierung auf das eigene individuelle Interesse an der Kommunikation probiert. Ich habe dabei im Prinzip nicht mehr versucht, als die Aufbruchstimmung zu thematisieren, die ich persönlich empfinde und bei so vielen Blogs bestätigt sehe, und an einem Beispiel aus der jüngeren deutschen Mediengeschichte - dem Erfolg der Stadtmagazine - die Sache mit dem Aufbruch und der Innovation und der Chance veranschaulicht. Man hofft dann immer, dass man nicht gleich unter Nostalgieverdacht gerät. Nur weil man in die Grabbelkiste solcher Erfahrungen greift. Mich hat es schließlich auch immer genervt, wenn Leute einem ihre alten Kamellen auftischen wollten.

Ich weiß deshalb auch zwei Tage später noch nicht, ob das ein sinnvoller Beitrag war, um wenigstens den unruhigen Teil der Kollegenschar zu bestärken, sich langsam, aber sicher auf die neue Realität im Mediengeschäft zuzubewegen. Aber ich weiß auch nicht, was ich sonst hätte sagen sollen. Das Manuskript jedenfalls geht in die Tonne.
Blick zurück: Die Ankündigung der Dortmund-Konferenz

8. Februar 2008

Ein besonderer Termin

Nächsten Freitag und Samstag findet in Dortmund eine Konferenz mit 25 Workshops statt, die unter dem Titel "Unter Druck - Qualitätssicherung im Sportjournalismus" ein paar drängende Fragen für den Mediensektor anpackt:

• Die Propagandamaschine: Wie Sport, Wirtschaft und Politik Journalismus behindern und Sportjournalisten instrumentalisieren
• Die Online-Revolution oder: Sind Blogger die besseren Sportjournalisten?

Die Liste von Referenten ist lang und schließt ein paar starke Persönlichkeiten aus dem Blog-Bereich ein: Kai Pahl (dogfood) von allesaussersport) und Oliver Fritsch von Indirekter Freistoß, Direkter Freistoß und Hartplatzhelden. Neben einer stattlichen Reihe von Journalisten, die vor einiger Zeit mit dem neuen Sportnetzwerk dem etablierten Berufsverband den Rücken zugedreht haben, sind auch mehrere Wissenschaftler vertreten. Was daran liegt, dass die Veranstaltung zusammen mit dem Institut für Journalistik der Universität Dortmund ausgerichtet wird. Das Zielpublikum: Nachwuchsjournalisten.

Wer die Liste der Referenten bis zum Schluss durchliest, wird sehen, dass auch American Arena vertreten sein wird. Klare Sache: Das ehrt. Und es gibt den Anlass, nächste Woche eine kleine Aktion offiziell anzukündigen, über die erst mal noch nichts verraten wird. Spannung soll sein.
Blick zurück: Das war der erste Beitrag in diesem Blog - es ging um ein Buch und um das Sportnetzwerk