North Dakota ist ein dünn besiedelter Bundesstaat. Ein halbe Million Einwohner und jede Menge plattes Land. Da reichen fünf Zeitungen, von denen die populärste - das Forum in Fargo - an einem normalen Tag auf knapp 50 000 Auflage kommt. Das ist weniger als das Oberbayerische Volksblatt in Rosenheim unter die Leute bringt. Viele berühmte Sportler hat man da oben an der Grenze zu Kanada nicht. Aber das heißt nicht, dass man großen Wind um den einen Mann macht, der zumindest einen respektablen Titel trägt: Virgil Hill, Weltmeister im Boxen. Das Forum stieg am Donnerstag mit einem dürren Stimmungsbericht aus München in die Berichterstattung vom Maske-Kampf ein, nachdem Reporter Jeff Kolpack mit dem Hill-Trainer in Deutschland telefoniert hatte. Die Überschrift versprach mehr ("München in Ekstase wegen Hill-Kampf"), als der Artikel hielt. Hills sportlicher Ratgeber schien halt beeindruckt: "Du würdest ncht glauben, wie groß diese Veranstaltung hier ist. Die Zeitungen, alle Medien. Jeder ist in Ekstase." Das war wohl ein bisschen dick aufgetragen. Denn mehr stand nicht in dem Bericht über das Theater drumherum. Auch nichts über den gar nicht so euphorischen Kartenverkauf. Nichts über die Sorge, dass RTL womöglich mit seinen hohen Einschaltquotenerwartungen daneben liegt. Dafür einiges über Virgil Hill. Darunter: Der Mann fühlt sich dieser Tage im Training bisweilen wie ein richtig alter Mann. Das lässt einen für Henry Maske hoffen.
Die Bismarck Tribune aus Hills Heimatort war sogar noch karger und defätistischer, Überschrift: "Hill sagt, er hat Ringrost". Der Artikel selbst war nach 30 Zeilen zu Ende und enthielt eine falsche Information. Der Amerikaner riskiert gegen Maske nicht seinen Weltmeistertitel. Was soll man daraus schlussfolgern? Dass die rund 50 Fans in der schläfrigen Welt von North Dakota die ganze Sache offensichtlich ziemlich gelassen betrachten. Vielleicht ist das die beste Einstellung überhaupt.
Blick zurück: Die herbe Musik-Parodie auf den Gentleman
Blick zurück: Wie der letzte Maske-Kampf gegen Virgil Hill in den deutschen Medien präsentiert wurde
Blick zurück: Was Virgil Hill diesmal vor dem Kampf sagte
Blick zurück: Wie Henry Maske in den USA sein Glück mit einem amerikanischen Trainer versuchte
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31. März 2007
27. März 2007
Der letzte Maske-Ball - ein Meer von Tränen
Der letzte Maske-Kampf ist lange her. Aber die beteiligten Personen, die sich am Samstag in der Münchner Olympiahalle gegenüberstehen, sind noch immer die gleichen. Mit einem Unterschied: Sie haben körperlich den Zenit überschritten. Weshalb sollte deshalb die erneute Begegnung zwischen den beiden eigentlich anders verlaufen und attraktiver werden? Zur Einstimmung ein Blick zurück:
VOR DEM KAMPF
Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung vom 12. November 1996:
NACH DEM KAMPF
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 24. November 1996:
VOR DEM KAMPF
Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung vom 12. November 1996:
"Ein paar Schläge in die Luft, ein paar an den Körper des Sparringspartners, ein bisschen Hüpfen mit dem Seil, dann versammelt sich die Pressemeute und reckt Mikrophone an Stativen in den Ring. Maske spricht herab zum Volk wie ein Prophet zu den Pilgern; ein Prophet in Radlerhosen, der keine frohe Botschaft verkünden kann. Der Kampf werde sein letzter sein, keine Verlängerung, keine Draufgabe. Ich habe gesagt, 1997 stehe ich nicht mehr im Ring. Dabei wird es bleiben, sagt er, und dass halt irgendwann für jeden die Zeit gekommen sei, ade zu sagen."Hans-Joachim Leyenberg am 21. November 1996 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
"Erst signierte Maske ein Porträt von sich in Öl, dann erzählte er von Hill, "der mir schon über zehn Wochen im Kopf herumschwirrt". Er horche in sich hinein. Die wahren Antworten auf alle Fragen werde er am Samstag praesentieren. Alle Gedanken, die sich um den Abschied vom Ring ranken, "schiebe ich von mir. Irgendwann muss das Ende kommen, ich habe es fuer mich gewählt. Wenn du einen Ring betrittst", so gab er eine alte Boxerweisheit zum besten, "bist du den Titel los." Die Fortsetzung sparte er aus: Du kannst ihn dir in spätestens zwölf Runden wieder holen. Maskes Manager Wilfried Sauerland, der in den vergangenen Tagen mit interpretierbaren Äußerungen zum bevorstehenden Rücktritt zitiert worden war, rückte mit einem Satz alle Spekulationen zurecht: "Ich bin mehr als glücklich, dass er diesen Zeitpunkt gewählt hat." Es wird die zwölfte Weltmeisterschaft seines Zugpferdes. Sauerland sagt: "Wie man einsteigt, soll man aussteigen." Mit einem Sieg also. Wie damals, als Maske im März 1993 "Prince" Charles Williams entthronte. Hill hörte amüsiert zu, mit der Tochter auf dem Schoß. Natürlich sei er gekommen, um den Weltmeistertitel mit in die Vereinigten Staaten zu nehmen. Wenn dem anders wäre, "hätte ich meinen Beruf verfehlt." Als er gefragt wurde, ob das nicht arrogant sei, belehrte er den Fragesteller: "Das Boxen ist Business.""Peter Unfried in der TAZ vom 23. November 1996:
"Rechtsausleger Maske hat im Sparring versucht, seine Stärken auf Hill "einzustellen". Hills Stärke ist der linke Jab, mit dem er seine Kämpfe zu diktieren pflegt. Das weiß Maske. Das Periodikum Boxing Monthly rät Hill, gegen Maske gelegentlich auch die rechte Schlaghand zu bringen. Das ahnt Maske natürlich auch. Fragen zum Kampfverlauf blockt er, wie immer, ab. "Sie können nicht kalkulieren", sagt der Kalkulator, "sie können nicht sagen, in Runde 3 mach'ich dies, in Runde 5 das." Aber: Gedanken hat er sich doch gemacht? Sofort drückt er den Kopf des Fragenden herunter und schießt eine Rechte ab: "Habe ich den Eindruck erweckt, dass ich mir keine Gedanken mache?" Dann setzt er nach: "Er macht sich ja auch Gedanken."
NACH DEM KAMPF
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 24. November 1996:
"Hill blieb aber ein jederzeit gefährlicher Gegner. Das bekam Maske am Ende der neunten Runde zu spüren, als ihn der Amerikaner empfindlich traf. Verbissen wurde der anfangs stilistisch einwandfreie Kampf zu Ende weitergeführt. Hill suchte immer wieder seine Chance im Clinch, um die Reichweitenvorteile von Maske nicht zur Geltung kommen zu lassen. Dies behagte dem Deutschen hingegen nicht. Am Ende der elften Runde waren beiden die Strapazen deutlich anzumerken. Nicht schün - so dies bei einem Boxkampf überhaupt möglich ist - aber spannend blieb der Kampf, in dem sich die beiden Weltmeister manchmal wie in einem Ringkampf beharkten. Über den möglichen Sieger schienen sich nicht nur die Kämpfer nicht einig zu sein - zwei der drei Ringrichter entschieden sich zum Ärger der Zuschauer für Virgil Hill."NZZ am 25. November 1996:
"Der deutsche Vorzeigeboxer - das wurde bereits in der Vorbereitungsphase klar - wollte seinen bereits vor geraumer Zeit bekanntgegebenen Rücktritt mit einem großen Kampf krönen. Im Ring selber aber wirkte Maske vom ersten Moment an verkrampft. Er fand nie die richtige Einstellung, blieb statisch, ergriff zu selten die Initiative und ließ fast jede Aggressivität vermissen. Und er tat seinem Namen Gentleman Henry jede Ehre an: Auf die kleinen Fouls seines Herausforderers wirkte er hilflos und amateurhaft."Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung vom 25. November 1996:
"Dann entschuldigt er sich, und seine Stimme schlingert ein wenig, dann sagt er, dass es auch ohne ihn weitergehen werde mit dem Boxen in Deutschland, obwohl die Amerikaner die Deutschen jetzt ja wieder dort haetten, wo sie ihrer Meinung nach hingehörten: in der boxerischen Zweitklassigkeit. Das ist ein dummer Vorwurf an die Offiziellen, aber ein schlechter Verlierer ist er deshalb nicht. Manchmal fällt es leichter, eine Niederlage anzunehmen, wenn man sich erstmal von ihr entfernt, indem man anderen die Schuld daran gibt.Focus 2. Dezember 1996:
Danach trottet er durch den Ring, ein paar Tränen laufen ihm die Wangen herunter, der ganze Mann ein Bild des Jammers. Er setzt sich auf den Boden, das Mikro noch immer in der Hand, fast verschwindet er im weiten Boxermantel, wie ein Kind, das nicht mehr weiter weiß und die Bettdecke ueber sich zusammenzieht. Es bebt ein wenig unter dem Mantel. Henry Maske weint. Vorm Ring heulen Männer und Frauen."
"Der Tränenfluss beim letzten Maske-Ball war schnell versickert. Wer in der Münchner Olympiahalle leise live mitgeschluchzt oder daheim vor seinem TV-Geraet feuchte Augen hatte, war tags darauf wieder ganz realistisch. Es war nämlich ein "furchtbares Gewürge und Gerangel", kommentierte beispielsweise Graciano Rocchigiani.
Maskes Abschiedsvorstellung gegen den Amerikaner Virgil Hill sei eines WM-Fights nicht würdig, sondern allenfalls geeignet gewesen, bei der Kandidatenkür fuer den Friedensnobelpreis weit vorn zu liegen, spotteten viele Boxfans. Außerdem habe Henry im Einzeltraining bei Sponsorin Margarethe Schreinemakers gelernt, wie man dekorativ flennt. Sogar drei Männer aus Maskes engstem Umfeld ließen ihren langjährig verhätschelten und umjubelten Star im Tal der Tränen allein. Manager Wilfried Sauerland und sein Technischer Leiter Jean-Marcel Nartz sowie Trainer Manfred Wolke verkündeten noch Tage nach dem Münchner Spektakel nahezu wortgleich, so schlecht, so schwach und so einfallslos habe ihr Henry noch nie geboxt. Das Kapitel Maske war für sie abgehakt, nachdem sie mit dem Mann aus Frankfurt/Oder in den vergangenen Jahren viele Millionen verdient hatten."
25. März 2007
Virgil Hill: Maske "steht unter sehr viel Druck"
Er hat Basketball, Baseball und Football gespielt, war Ringer und hat Leichtathletik gemacht. Aber weil er in seinem Abschlussjahr an der High School bereits bis in die amerikanische Boxnationalstaffel geschafft hatte, blieb er dabei: Er wurde Boxer. Als Amateur hatte er einen Kampfrekord von 288 zu 11, denn er stand jedes Wochenende im Ring. Manchal sogar am Freitag, Samstag und Sonntag. 1984 war er Teil der Olympiamannschaft, in der solche junge Boxer standen wie Evander Holyfield, Pernell Whitaker, Mark Breland und Tyrell Biggs. Für Gold reichte es jedoch nicht. Virgil Hill war 20 Jahre alt, als er Profiboxer wurde. Und 23, als er den ersten Weltmeistertitel errang. Heute ist er 42 und kämpft noch immer.Vor zehn Jahren nahmen die deutschen Boxsportanhänger erstmals Notiz von dem Mann aus Bismarck/North-Dakota, als er in einem Titelkampf um seinen WBA-Gürtel und Henry Maskes IBF-Gürtel "Sir" Henry abservierte. "Das war eine wunderbare Erfahrung", sagte er im letzten Jahr in einem Interview mit Eastside Boxing. "Ich war überrascht, dass er den Kampf überhaupt annahm. Sie hatten Henry vorher ziemlich gut beschützt."
Im Blick auf den Revanchekampf am kommenden Samstag sagte er nur: "Ich unterschätze niemanden. Er steht unter sehr viel Druck. Er hat mit der Niederlage sehn Jahre lang gelebt. Wenn er wieder verliert, wird das für ihn schlimmer als je zuvor."
17. März 2007
Maske-Kampf für 24 Dollar und ein paar Gequetschte
Foto: flickr/creativecommons/frau-kWas die Namen Henry Maske und Virgil Hill in den USA wert sind, wird man am 31. März wissen, wenn der Revanchekampf zwischen den beiden als Pay-per-View-Ereignis über amerikanische Bildschirme flimmert. Der Preis für den Verbraucher ist jedenfalls vergleichsweise günstig: 24,95 Dollar (statt gewöhnlich zwischen 40 und 50) muss man nur bezahlen, wenn man die Live-Übertragung aus München hochgeschaltet haben will. Die Uhrzeit ist ein Hemmschuh. Die Sendung beginnt in Kalifornien gegen 13 Uhr, in New York gegen 16 Uhr. In Kanada wurden die Rechte von einem obskuren Kabelkanal mit Sitz in Toronto erworben, der mit den langsam, aber sicher immer populärer werdenden Ultimate-Fighting-Typen liiert ist. Sein Name: The Fight Network. Die Aussicht auf die Ausstrahlung eines Nicht-Titelkampfs von zwei Oldtimern, von denen der eine zehn Jahre lang nicht mehr unter ernsthaften Bedingungen im Ring stand, hat bei den Pressetextern des Senders eine mittelschwere Gehirnschwellung ausgelöst: "Man kann über das letzte halbe Jahrhundert mit Sicherheit sagen, dass Virgil Hill und Henry Maske zwei der herausragenden Halbschwergewichts-Meister sind."
Ja, das kommt hin, wenn man Archie Moore, Harold Johnson, Jose Torres, Bob Foster, Michael Spinks, Thomas Hearns, Sugar Ray Leonard und Roy Jones jr. einfach beiseite schiebt.
Blick zurück: Der Bericht aus dem letztebn Jahr in der FAS über Maskes Training in den USA, das er wenig später abbrach, weil sein alter Coach Wolke wieder zur Verfügung stand
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