30. Juni 2010

Der Klingelbeutel: Alle reden über LeBron. Nur Jon Stewart redet über Fußball

Die Uhr tickt langsam auf Mitternacht zu. Was in dieser Nacht Millionen von Leuten in den Bann schlägt. So wie an Silvester. Die NBA öffnet nämlich mit dem 1. Juli offiziell die Schleusen, damit sich endlich alle Clubs um die bereit stehenden Free Agents prügeln können. Der Preis ist heiß. Die meisten wollen wissen, was LeBron James machen wird. Bleibt er in Cleveland? Geht er in eine andere Stadt? Aber auch aus deutscher Sicht produziert die Sache ein bisschen Spannung. Wenn er wirklich wollte, hätte Dirk Nowitzki hervorragende Chancen, endlich einen Schlussstrich unter die zwölf enttäuschenden Jahre in Dallas zu ziehen und sich einem besseren Team anzuschließen. Eines mit LeBron James zum Beispiel. Oder auch eins mit Dwayne Wade. Hinweis: Zu dieser Gemengelage gibt es in der Donnerstagausgabe der FAZ einen ausführlichen Bericht (Nachtrag: steht jetzt auch online zur Verfügung). Hier ein Foto der beiden zusammen nach einem Spiel gegeneinander. Hier eines im Zweikampf unterm Korb.

• Jon Stewart hat heute seine gesamte Daily Show dem Fußball und der WM gewidmet. Im Studio waren Landon Donovan und Bob Bradley, die beide ein gewisses Leuchten abstrahlen. Was irgendwie komisch ist für Leute, die im Achtelfinale ohne vernünftige spielerische Ideen aus dem Wettbewerb gekegelt wurden. Stewart war im Studium Mitglied der College-Mannschaft und versteht sich als Botschafter der Sportart in den USA, wo nach dem Aus der eigenen Mannschaft das Interesse abgeflacht ist. So jemand fragt nicht wirklich kritisch nach und gibt der aufkeimenden Begeisterung für Fußball keinen Dämpfer.

Immerhin fand die Mannschaft mit dem Ghana-Spiel am Samstag zuhause einen überraschend großen Zuschauerzuspruch. Das Match erzielte nach Recherchen der Los Angeles Times eine Rekordeinschaltquote. 4,5 Millionen der insgesamt 19,4 Millionen amerikanischen Fernsehzuschauer sahen die Begegnung auf dem spanischen Kanal Univision. Der hatte den Vorzug, dass dort nicht ein gewisser John Harkes als Co-Kommentator im Einsatz war. Der Ex-Nationalspieler ist die einzige US-Stimme unter den vielen kompetenten Engländern an den Mikrofonen für ESPN und ABC und ein Seifenblasen-Produzent ersten Ranges.

Aus Kindern werden Leute...mit Problemen

Es darf aus besonderem Anlass an eine Geschichte erinnert werden, die schon vor ein paar Jahren passiert ist und damals Anlass gab, unter anderem folgende Zeilen über das Teenagertennis für die Wochenzeitung Die Zeit zu schreiben (ein Auszug):

"Stefano Capriati[...]hatte schon vor der Geburt seiner Tochter nur ein Ziel im Sinn: Er wollte Jennifer zum Tennis-Champion machen. Als sie vier Jahre alt war, buchte er den ersten Trainer: Chris Everts Vater Jimmy. Mit 13 erhielt sie auf Stefanos Drängen eine Ausnahmegenehmigung und wurde Profi. Der Prototyp des All-American-Girl, ein Kicherkind, fröhlich und unbekümmert, und wegen einer vergleichsweise strammen Vorhand als neues Wunderkind gefeiert.

Jennifer Capriatis Aufstieg war phänomenal. Sie erreichte innerhalb von nur sechs Monaten die Top 10 der Weltrangliste. Ihr erstes Auto - eine Siegprämie bei einem Turnier - gewann sie, bevor sie mit 16 den Führerschein bestand. Es gab nicht nur Verträge mit Tennisfirmen. Jennifer trat sogar in Werbespots für eine Anti-Falten-Creme auf. Das Tempo ihres Lebens und ihrer Erfolge war so hoch, daß ihre Mutter schon fürchtete, dass "alles viel zu schnell geschieht".[...] Die Familie, die sich von dem Geld ein großes Haus an Floridas Westküste gekauft hatte, schien jedoch mit dem Erreichten zufrieden. "Mir kommt es nicht so vor, als ob wir von Jennifers Geld leben", sagte Mutter Denise [...] In der Psychologie findet man vielerlei Erklärungsmodelle dafür, daß Menschen - nicht nur junge - scheinbar ohne Not in Schwierigkeiten geraten. War es also ein Akt der Rebellion, wie manche meinen, als sich der wohlhabende Tennis-Teenager einen Nasenring verpassen und sich beim Ladendiebstahl erwischen ließ? Handelte es sich eventuell um einen heimlichen Hilferuf, als sie der Polizei gestattete, ihre Siebensachen zu durchsuchen? Oder ist sie gar am Ende ein sogenannter "Burnt-Out Case" wie die literarische Figur des Architekten Querry in dem gleichnamigen Roman von Graham Greene, unterwegs auf einem seltsamen Trip, um sich nach Jahren der Monotonie und Ziellosigkeit durch selbst zugefügtes Unbehagen wieder lebendig zu fühlen?"

Die Fragen wurden nie beantwortet. Ein paar Jahre später kehrte Jennifer Capriati wieder auf den Tennisplatz zurück. Und zwar mit Macht. Sie gewann im Rahmen ihres Comebacks drei Grand-Slam-Turniere, ehe sie 2005 endgültig ihre Karriere beendete.

Blenden wir um auf heute:

Jennifer Capriati, inzwischen 34 Jahre alt, wurde am Sonntag in ihrer Wohnung in Riviera Beach gefunden. Sie hatte sich mit einer Überdosis von irgendwelchen Pillen gefüttert und musste ins Krankenhaus transportiert werden. Wenig später durften wir erfahren, dass sie einen Lebensgefährten hat(te), der lieber wieder ins Pornogeschäft zurück wollte, als ihr den Gefallen zu tun, sich von dieser Industrie fern zu halten. Vieles läuft mal wieder nicht richtig in ihrem Leben. So ist seit März ihre Villa in Saddlebrook auf dem Markt. Auf einem ziemlich heruntergecrashten Markt, der sich vor allem in Florida nicht halb so schnell wieder erholen wird wie Jennifer Capriati.

Eine der Familie nahestehende Person hat übrigens erklärt, dass sie sich mit den Pillen nicht das Leben nehmen wollte. Dass sie unter Depressionen leidet, scheint aber vor allem der ambitionierte Porno-Darsteller zu glauben. Eine Befindlichkeit, die man, wie wir wissen, sehr ernst nehmen muss. Trotzdem fragte man sich natürlich: Wer ist dieser Mann, der ihr so viel bedeutet. Er heißt Dale DaBone (bürgerlich: Dale Newton Rutter).

Dieses Video zeigt ihn hinter den Kulissen einer Batman-Parodie. Verschärft im Einsatz kann man ihn hier erleben (Ernst gemeinte Warnung: ganz bestimmt NOT SAFE FOR WORK und, wenn es nach den Jugendschutzbestimmungen geht, auch nichts für Leute unter 18).

29. Juni 2010

Ein Zustandsbericht

Wie so oft bei solchen Dingen schleicht sich das ganz langsam ein: das Bedürfnis, nur noch auszuatmen und zu pausieren. Und dass man sich mit anderen Dingen beschäftigen möchte. Irgendwann gibt es keine richtige Erklärung mehr dafür, was einen eigentlich Monate vorher in eine andere Richtung gelockt hat. Und was einen davon abgehalten hat, sich mit der Fortsetzung einer scheinbar unendlichen Geschichte zu beschäftigen. Wahrscheinlich gehen so viele Beziehungen kaputt. With a whimper, not with a bang.

Ich schulde sicher allen Besuchern, Lesern, Feedreader-Abonnenten und Interessenten noch einen Beitrag über diesen Zustand. Auch wenn der nichts Besonderes ist, weil ihn jeder – Blogger oder nicht – irgendwann mal erlebt. Ich wurde daran heute erinnert, weil mich einer dieser sehr geschätzten Leser auf Facebook ganz direkt danach gefragt hat. Ich habe ihm eine kurze Antwort geschrieben, die ich aus diesem Anlass gerne etwas ausführlicher formulieren möchte.

Ausführlich bis zu einem gewissen Punkt. Mein Hauptproblem an diesem besagten Punkt: Ich bin noch immer nicht sicher, was als nächstes anliegt. Und Ungewissheit lähmt.

Ich bin einerseits ein bisschen müde, den täglich durchlaufenden Kram zu verfolgen und dazu immer wieder neue Gedanken abzuliefern. Andererseits liebäugele ich mit einem Neuanfang für American Arena mit einer anderen Domain – americanarena.net – wo ich im Unterschied zum Google-Basis-Programm vom Layout mehr machen könnte (auch was die Kommentare angeht). Ich frage mich, ob ich nicht für eine neue Plattform einfach ambitionierte Mitstreiter rekrutieren sollte, um die Schlagzahl zu erhöhen. Ich bin noch immer unentschlossen, was eventuelle Buchprojekte angeht, die vielleicht auch irgendwie in die Blog-Landschaft passen würden. Ich weiß nur: Ich habe keine Lust, einfach jeden Tag so weiterzumachen wie dereinst.

Es ist eigenartig. Nach mehr als 2000 Beiträgen plus einigen Experimenten in Richtung Video sowie Podcast (in Zusammenarbeit mit sehr talentierten Fußball-Bloggern) empfinde ich zunächst mal nur ein beträchtliches Nichts. Man fühlt sich nicht voll und satt und rundum zufrieden, sondern leer. Das wäre übrigens nicht anders, wenn eine solche Arbeit irgendeinen finanziellen Ertrag abwerfen würde. Obwohl: Ehrlich, natürlich wäre es nicht schlecht, wenn die Online-Arbeit einem die Miete zahlen würde. Denn es wäre ein Beleg dafür, dass man mit seinem publizistischen Angebot einen Gegenwert erzeugen konnte.

Allerdings: Um so weit zu kommen, braucht man tausende von Lesern, ein paar hundert reichen nicht. Und um tausende zu erreichen, muss man sich noch mehr einfallen lassen, und denen etwas bieten, was sie woanders nicht bekommen. Die Installation eines Flattr-Knopfs ist nicht die Lösung.

Nach meinem Eindruck haben die beständig besten deutschen Sport-Blogs vor allem eines gemeinsam: Sie unterscheiden sich deutlich genug voneinander und liefern Kernkompetenz. Ich nenne mal allesaussersport, Indirekter Freistoß, Jens Weinreich und Trainer Baade, um zu illustrieren, was für Türme und Zinnen da inzwischen in der Landschaft stehen und den anspruchsvollen Sportkonsumenten auf der Suche nach hochwertigen Informationen und Meinungen sowie nach Gleichgesinnten als Orientierungspunkte dienen. American Arena hatte selbst in den ergiebigsten Zeiten nie einen solchen Status. Das ist nicht schlimm. Denn New York sorgt automatisch für eine ganz bestimmte Standortprägung. Hier verfolgt man nicht das deutsche Fernsehangebot (und reagiert deshalb auch eher gelassen darauf). Hier liest man nicht den Kicker oder Sportbild. Nicht mal online. Die haben – für Amerika – keine Relevanz.

Unterm Strich ist das sicher ein Nachteil. Allerdings dürfte es auch Vorteile haben, wenn man sich nicht in diesem Strom der konventionellen veröffentlichten Sportinformationen bewegt. Man findet auf diese Weise leichter seine eigene Stimme. Aber man muss als Blogger diese Vorteile in eine Blog-Leistung umsetzen, die Leser interessiert. Tag für Tag. Woche für Woche.

Dazu habe ich im Moment einfach nicht die Energie. Ich werde mir noch ein bisschen Bedenkzeit gönnen. Ich bitte um Verständnis und danke allen ganz herzlich für die Loyalität.

27. Februar 2010

Alte Kamellen mit viel zu jungen Turnern

Es hat ein Jahr gedauert, den Fall zu untersuchen, und zehn Jahre, um den Regelverstoß offiziell zu brandmarken. Entsprechend leise kam die Nachricht über den Ticker, die bestätigt, was in China an der Tagesordnung ist: Sie fälschen das Alter ihrer Turnerinnen. Der Internationale Turnverband konnte vor anderthalb Jahren in Peking nicht viel ausrichten, obwohl die Indizien überwältigend waren. Jetzt will er die Bronzemedaille aus dem Mannschaftswettbewerb von Sydney wiederhaben und den Amerikanerinnen geben, die damals auf dem vierten Platz landeten. Die fragliche Turnerin heißt Dong Fangxiao und war damals ganze 14 Jahre alt.

23. Februar 2010

Von Rechten und Rechnen: Das IOC kommt in den USA unter Preisdruck

Die amerikanischen Teilnehmer der Olympischen Spiele haben derzeit doppelt zu tragen. Sie müssen nicht nur – so wie immer – ihre Nominierung rechtfertigen und ihre Sponsoren zufrieden stellen. Ihre perspektivisch sehr viel wichtigere Rolle ist die von Stimmungskanonen für die Zukunft der Bewegung. Warum? Das IOC hatte dereinst beschlossen, sich in den USA nicht mehr ausschließlich beim Sender NBC gütlich zu halten, sondern eine offene Bewerbung um die Fernsehrechte 2014 und 2016 anzuberaumen.

Teil eins der taktischen Überlegung ging nicht auf. Chicago bekam nicht den Zuschlag für die Sommerspiele 2016, sondern Rio de Janeiro, womit das Interesse der US-Fernsehzuschauer an der Veranstaltung automatisch um einige Ticks gesunken sein dürfte. Teil 2 funktioniert schon sehr viel besser. Die amerikanischen Sportler sind die erfolgreichsten in Vancouver und gestatten es NBC, viele patriotisch eingefärbte Bilder abzusondern. Bisheriger Höhepunkt: Der Eishockey-Sieg der USA gegen Kanada in der Vorrunde am Sonntag, übertragen vom Kabel-Ableger MSNBC, wo sich 8,2 Millionen Zuschauer die Live-Übertragung gönnten (die an der Westküste zeitversetzt ausgestrahlt wurde.)

Doch was da glänzt, ist nicht wirklich Gold. Oder sagen wir mal: Geld. 200 Millionen Dollar wird NBC bei diesen Spielen an Verlusten anhäufen, schreibt das Sports Business Journal in einem aktuellen Abriss über den Stand der Dinge. Ein Betrag, bei dem irgendwann die Top-Buchhalter einschreiten, denen man jahrelang ständig etwas vom Zusatznutzen und Werbeeffekt und Prestigewert der Spiele einreden konnte. Der hinreichend bekannte Rupert Murdoch hatte es ihnen im Herbst lange vor den Spielen und bereits laut und deutlich vorgerechnet: "Abgesehen von all der Propaganda und so – ich will niemanden einen Lügner nennen – aber keiner hat bisher damit Geld verdient." Wobei in der Welt des Kommerzfernsehens Verdienen immer so geht: Man muss Werbung verkaufen. Ganz viel Werbung. Für stolze Preise. Und das auch dann, wenn die Wirtschaft in einer Krise hängt und auf die unbeschwerte Stimmung drückt. So wie jetzt.

Kein Geld verdienen ist nicht immer ein Argument. Das zeigt man in Murdochs-Imperium in anderen Teilen der Welt: Einige seiner Sky-Töchter sind durchaus bereit, die IOC-Großveranstaltungen zu alimentieren. Aber dabei handelt es sich um Brutto-Beträge, die geringer sind als die Verluste von NBC.

Der einzige amerikanische Sender, der nicht Werbung verkaufen muss, um ein Rechtepaket von der Größenordnung des IOC-Angebots zu rechtfertigen (also auch kein Geld "verdienen" muss), ist ESPN. Der finanziert sich im wesentlichen über Gebühren, die die Kabelfernsehkunden bezahlen. Und er schwimmt nicht nur im Geld, sondern er verfügt über die Infrastruktur, eine Großveranstaltung wie die Olympischen Spiele aus dem Stand zu übertragen. Doch – und das zeigte sich bisher beim Engagement im europäischen Fußball – in der Chefetage dort spielt niemand Hasard. Man bot neulich bei den Bundesligarechten mit, aber pokerte nicht besonders hoch. Und der Einstieg in das Geschäft mit der Premier League kam über einen Umweg zustande. Über die Pleite des Rechteinhabers Setanta, der sich verkalkuliert hatte. So etwas spart viel Geld.

In diesem Zusammenhang sind die Signale aus dem Sports-Business- Journal-Artikel in Sachen IOC denn auch unübersehbar. ESPN scheint interessiert, demnächst beim IOC ein Angebot abzugeben. Aber nicht um jeden Preis. Denn vorher könnte ein ganz anderes Paket auf den Tisch kommen: Das extrem populäre College-Basketball-Meisterschaftsturnier, das seit Jahr und Tag von CBS betreut wird. Offensichtlich macht sich die NCAA Gedanken, ob sie nicht im April aus dem laufenden Elf-Jahres-Vertrag aussteigen soll (obwohl ihr für die kommenden drei Jahre 2,1 Milliarden Dollar garantiert sind) und die Sache neu ausschreiben. Irgendjemand muss den Collegesport-Verantwortlichen gesteckt haben, dass in diesem kompakten Rechtestapel noch sehr viel Luft nach oben ist. Kommt es dazu, saugt die NCAA allerdings automatisch Milliarden aus dem amerikanischen Markt der Sportfernsehrechte, der trotz aller andersgelagerten Hoffnungen zur Zeit nicht weiter wächst.

Die Auswirkungen auf die Gebote für die Spiele 2014 und 2016 kann man sich ausmalen. Statt eines Einnahmeanstiegs, wie ihn sich Jacques Rogge erhofft, wird es bestenfalls ein Null-Wachstum geben. Wenn nicht sogar ein Absinken. So wie die Spiele de facto nur noch ausgerichtet werden können, weil die Steuerzahler vor Ort die Rechnung bezahlen (und vorher jeweils von den örtlichen Bewerbungskomitees düpiert werden, die immer wieder behaupten, die Veranstaltung würde Profit abwerfen), so zeigt sich nun, dass andere Teile des Finanzierungskonzepts "Olympische Spiele" nicht länger aufgehen werden. Es sei denn, aus bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien kommen demnächst enorme Zuwächse aus dem Fernsehrechte-Topf. Theoretisch möglich. Aber ziemlich unwahrscheinlich.

22. Februar 2010

"...und eine schicke Zwischenlandung in Dubai"

Tief in seiner neuen Kolumne bei si.com hat Grant Wahl eine überraschende Petitesse versteckt:

"...imagine my surprise last week when I received offers for two all-expenses-paid trips (flights, hotels, meals) to South Africa: one in March by the South African World Cup organizing committee, and the other in April by official sponsor airline Emirates. (That one included business-class seats and a posh stop-over in Dubai.) Just so you know, SI has an ethics policy that forbids accepting such freebies, but the perks on offer are mind-blowing...."

Mal abgesehen, dass es Journalisten durchaus immer wieder solche Einladungen erhalten und auch annehmen, weil sie im Unterschied zu dem strengen Reglement im Verlag Time-Warner (zu dem Sports Illustrated gehört) nicht an solche Vorschriften gebunden sind: Wie nötig haben die Leute vom WM-Organisationskomitee und die Leute von der Sponsor-Luftverkehrsgesellschaft solche Public-Relations-Initiativen? Geht schon jetzt die Furcht bei den Verantwortlichen umher, dass die WM in Südafrika ein Schlag ins Prestige-Kontor wird, so dass man vorsorglich schon mal gutes Wetter machen will? Im selben Artikel kündigt Wahl übrigens an, dass sein Magazin vier Reporter zur WM schicken wird, so viele wie noch nie. Was sicher gerechtfertig ist, angesichts der Informationspipeline si.com und deren Konkurrenzsituation im Kampf gegen ESPN, Yahoo und FoxSports.

Dan hat das Wort

Wenn man liest, was Dan Jenkins über die Welt des professionellen Golfs schreibt und die Figuren, die darin eine zentrale Rolle spielen, wird man neidisch. Neidisch auf eine solche Nähe zum Stoff und einen solchen Abstand zu den Prinzipalen. Von der vorgeführten Kunst des Schreibens gar nicht erst zu reden. Was soll man da mehr machen als zu seinem jüngsten Opus zu verlinken, dem definitiven Text über Tiger Woods und dessen Auftritt letzten Freitag? Fast jeder Satz ein Schlag ins Gesicht eines Kontrollfreaks und ein Klecks Sahne auf den Kaffee, den man dazu genüsslich schlürfen möchte.

Leseprobe:

"Life as Tiger has known it is over. His reputation is ruined, possibly forever. His name that once meant mastery over competitive golf now invokes cringes, giggles and all the Internet jokes you want to pass along.

Sure, he can come back and even win again, if he man's up, but if he does he will only be a hero to the "you-da-man" and "get-in-the-hole" crowd. And I can't imagine him coming back as a "humbled man." That wouldn't be the owner of a yacht insultingly named Privacy...

...I once made an effort to get to know the old silicone collector. Tried to arrange dinners with him for a little Q&A, on or off the record, his choice. But the closest I ever got was this word from his agent: "We have nothing to gain."

Now it's too late.

I'm busy."


Bücher hat Jenkins übrigens auch geschrieben. Dies wäre ein guter Einstieg in sein Œuvre.

21. Februar 2010

Der Olympische Klingelbeutel: Tod, wo ist dein Schatten?

Heute mal ein bisschen Bückware zu den Olympischen Winterspielen in Vancouver, die in den USA trotz des Fehlens vorher hinreichend hochgejubelter Sportler eine leise Euphorie auslösen. Wenn die eigenen Leute dauernd gewinnen, dann möchte man schließlich selbst irgendwann wissen, wer das ist: die Vonn, die Mancuso, der White und der Ohno. NBC arbeitet wie in den letzten Jahren auch: attraktive Wettbewerbe werden tagsüber einfach nicht gezeigt, sondern erst abends entkorkt. Und dort werden sie in ein Magazinformat eingegossen, das dem Regisseur erlaubt, geschickt von Austragungsort zu Austragungsort zu springen und dabei all den Plunder wegzulassen oder zu umschiffen, für den sich der amerikanische Fernsehzuschauer so gar nicht interessiert. Lieber wird ein Fünf-Minüter über die Ausbildung zur Royal Canadian Mounted Police eingestreut als eine Schilderung der Hintergründe der Ausbildung zum Goldmedaillengewinner, wie man sie in Deutschland praktiziert.

Natürlich gibt es Gründe, weshalb die besser gewordenen amerikanischen Bobfahrer und Rodler noch immer nicht ganz oben auf dem Treppchen landen. Aber statt sie kritisch unter die Lupe zu nehmen, reduzieren die Reporter an der Bande das Geschehen auf Gewicht, Kraft, Reaktionsschnelligkeit und den emotionalen Quark, der in der Sportberichterstattung den ganzen ungeklärten Rest erklären soll.

Was die Fernsehleute so gerne links liegen lassen, bleibt jedoch trotzdem ein Thema. Hier eine Auswahl an Geschichten:

• Die schlimmsten Spiele aller Zeiten? Eine Verteidigungsrede aus kanadischer Sicht mit ein paar Hinweisen zu Sachverhalten, die längst vergessen sind: So starben 1964 vor und bei den Spielen in Innsbruck zwei Athleten: ein Rodler und ein Skifahrer (der prallte beim Training gegen einen Baum neben der Strecke).

• Wie hat sich ein Bronzemedaillengewinner zu verhalten, solange er mit dem Bembel um den Hals herumspaziert? Nicht so. Meister Lago wurde deswegen nach Hause geschickt. Auf gut Amerikanisch nennt man das "risqué". Was bekanntlich ein französisches Wort ist. Und in diesem Zusammenhang mit "anzüglich" übersetzt werden darf, obwohl es meistens oft unter "schlüpfrig" läuft. Ja, und überhaupt....die frechen Snowboarder.

• Jaromir Jagr liebäugelt mit einer Rückkehr in die NHL. Er wäre nach dem ersten Eindruck in Vancouver eine Bereicherung. "Jungs, es ist nicht einfach, hier zu spielen", sagte er über den Alltag in der russischen Liga. "Man trainiert sehr viel härter als in der NHL. Manchmal spiele ich in zwei Linien. Sollte ich zurückkehren, werde ich ich vermutlich ein besserer Spieler sein als zu dem Zeitpunkt, als ich gegangen bin."

• Die personifizierte Langeweile: Frauen-Eishockey wird von zwei Mannschaften dominiert. Extrem dominiert. Dabei spielen die USA und Kanada auf einem sehr ansehnlichen Niveau und werden auch immer besser. Aber der Rest der Welt... Wann verschwindet die Sportart aus dem Programm?

• Wir hatten dann noch diesen Fall des niederländischen Eisschnellläufers Sven Kramer, der nach dem Gewinn der Goldmedaille über 5000 Meter die Interviewerin von NBC mit der Gegenfrage auskontert: "Sind Sie doof?" Das Original-Video der Szene ist inzwischen wieder aus den YouTube-Archiven getilgt. Dafür gibt es hier die Aufarbeitung des Themas im NL-Fernsehen – mit englischen Untertiteln.


• Ach, ja. Und dann waren da noch die großen Träume der Verantwortlichen aus dem Veranstalterland. Sie wollten die meisten Medaillen bei diesen Spielen abräumen. Sieht nicht gut aus.

19. Februar 2010

Tiger Woods - Live-Blog

Die amerikanischen Medien haben gestern mal wieder gezeigt, dass in den Skeletten von so manchen noch so etwas wie Rückgrat steckt. Da beschloss das Führungsgremium der Golf Writers Association of America, dass man jene kuriose Veranstaltung boykottieren wird, bei der in ein paar Minuten ein gewisser Tiger Woods, die Gelddruckmaschine der Sportart Golf, eine öffentliche Erklärung abgeben will. Eine Kamera und eine Handvoll sogenannter Pool-Reporter sollten zugelassen werden. Fragenstellen nicht erlaubt. Für eine solche Inszenierung mögen sich die Kollegen vom GWAA nicht hergeben. Ich kann das verstehen und unterstütze das auch – als aktives Mitglied – auch wenn meine Solidaritätsadresse auf Deutsch vermutlich niemand im Verband auch nur registrieren wird.

Ein solcher Boykott ist natürlich eher eine symbolische Haltung im ewigen Tauziehen zwischen den Mächtigen und Einflussreichen im Sport und den Multiplikatoren aus der Kommunikaitonsindustrie. Ich vermute mal, vor einem Jahr wäre es zu einer solchen Auseinandersetzung nicht gekommen. Der Tiger wirkt waidwund. Die Meute riecht Schwäche.

Hier wird das Ereignis gleich mal aus der Perspektive des amerikanischen Fernsehzuschauers abgehandelt. Man darf davon ausgehen, dass alle News-Kanäle live mitmachen.

Bis gleich.

10: 50 Uhr Zu den Newskanälen gehören natürlich auch die, die der golffixierten britischen Klientel ständig den wichtigen Stoff bringen: Also Zeitungen wie der Guardian mit einer beachtlichen Blog-Leistung: http://www.guardian.co.uk/sport/blog/2010/feb/19/tiger-woods-statement-live

10:52 Uhr: ESPN 2 hat eine Expertin über die Bedeutung von Entschuldigungen im Alltag im Studio. Der Kanal wird live dabei sein.

10:54 Uhr: Den Wirtschaftskanal CNBC interessieren natürlich nur die geschäftlichen Belange und nennt die Veranstaltung im Streifen am unteren Ende des Bildschirms Tiger Woods' Media Culpa. Wortspiel oder Verschreiber?

10:57 Uhr: Die alte Tante CNN, die man in Zeiten der Krise immer so gerne als erstes und als vertrauenswürdigstes Guckloch anklickt, ist noch in Vancouver und bei Bode Miller. Werden die nicht rechtzeitig umschalten?

10:59 Uhr: Beim Golf Channel wird zwar berichtet, aber auf solche Nuancen wird Wert gelegt: "Es wird erwartet, dass Tiger Woods um 11 Uhr" spricht. Dabei wurde die Sache offiziell angekündigt.

11:00 Uhr: Das Live-Bild aus Florida zeigt eine seltsame Gruppe von Zuschauern in einem Raum. Jetzt kommt Tiger.

11:02 Uhr: "I am deeply sorry for my irresponsibe behavior."

11:03 Uhr: "Elin and I have started a process to discuss the damage."

11:04 Uhr: "I am aware of the pain I have caused. I have let you down.... personally and professionally."

11:05 Uhr: "I have made you question who I am and how I could have done the things I did."

11:06 Uhr: "Elin never hit me....there has never been an incident of domestic violence....I was unfaithful. I had affairs. I cheated."

11:07 Uhr: "I thought I could get away with what I wanted to.... I felt I was entitled."

11:08 Uhr: "My failures have made me look at myself in a way I never wanted to before."

11:09 Uhr: "It is hard to admit that I need help, but I do....I have a long way to go."

11:10 Uhr: "These are issues between a husband and his wife....It is right to shield my familiy from the public limelight."

11:11 Uhr: "Please leave my wife and kids alone...I am the one who needs to change."

11:12 Uhr: "Part of following this path is Buddhism."

11:13 Uhr: "I lost track of what I was taught....I will leave for more treatment and therapy....I therapy I learned to look at my spiritual life and balance it with my professional life."

11:14 Uhr: "I do plan to return to golf one day. I just don't know when that day will be."

11:15 Uhr: "Today I want to ask for your help. I ask you to find room in your heart to one day believe in me again. Thank you."

11:16 Uhr: Nachdem er lange seine Mutter umarmt und dazu ein paar Zuschauer in der ersten Reihe, tritt er ab. Aus dem Raum. Ohne sich umzudrehen. Elin war nicht zu sehen.

Zusammenfassende Gedanken und Beobachtungen (während die Kommentatoren auf allen Kanälen ihren Senf verbreiten): Das moderne Medientheater verlangt nach solchen Auftritten, bei denen die Akteure mit den Strippen spielen, die ihnen die Öffentlichkeit bietet. Mehr als zehn Kanäle in den USA schalteten live auf. Die zwei Neuigkeiten, die Woods anzubieten hat: Zum ersten Mal hat er seine religiöse Affinität offiziell angesprochen. Er ist Buddhist, was ihn in einem von einer extremen, aufs Christentum und die Bibel fixierten Land zu einer kleinen Minderheit macht. Es muss ihm schwer gefallen sein, dass zuzugeben. Es gibt keine Entscheidung darüber, wann er wieder an den Turnieren der PGA Tour teilnehmen wird. Keine Ankündigung darüber, ob er schon beim Masters im April in Augusta wieder antreten will.

P.S. Die oben erwähnte Entschuldigungs-Expertin heißt Lauren Bloom. Ihr Buch trägt den Titel The Art of the Apology. Sie gab Tiger Woods für seine Erklärung die Note A-. Das entspricht in den USA der Note 1-.

Und weil das Internet so ergiebig ist, gibt es hier mit etwas Verspätung den Mitschnitt von dem Woods-Auftritt. 15 Minuten.

11. Februar 2010

Die Luft entweicht dem Soufflé à la Forbes

Die einzige Institution, die versucht, der interessierten amerikanischen Öffentlichkeit Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse von Ligen und Clubs zu geben, ist die Redaktion des Magazins Forbes. Das Blatt ist hinreichend bekannt als Festung neoliberaler Weltsicht. Man könnte sie auch Hurra-Kapitalisten nennen. Denn alles andere als pure Gier als Steuermechanismus der Marktwirtschaft ist ihnen suspekt. Forbes hat einen guten Ruf, weil man ihnen zutraut, dass ihre Listen und Zahlen, wenn sie schon nicht auf Einsicht in die Bücher beruhen, so doch auf vertrauenswürdiger Einschätzung einer Reihe von Datenmaterial. Was solche Kalkulationen wirklich wert sein können, stellt sich dieser Tage heraus. Bei den St. Louis Rams, wo 60 Prozent der Anteile den Besitzer wechseln werden. Und wo man als Bewertungsmaßstab für die 100 Prozent auf eine Ziffer zwischen 725 und 750 Millionen Dollar kam. Erst wenige Monate vorher hatte Forbes den Gesamtwert der Rams auf 913 Millionen Dollar geschätzt.

Die Fehlkalkulation ist nicht exorbitant, aber sicher symptomatisch. Denn man darf angesichts solcher Abweichungen davon ausgehen, dass auch die anderen Clubs in der NFL von der Zeitschrift nicht marktgerecht eingestuft worden sind, sondern zu hoch. Das wiederum ist kein wirkliches Problem, allenfalls für die Spielergewerkschaft, die in der Auseinandersetzung um einen neuen Tarifvertrag solche Nachrichten natürlich überhaupt nicht gerne hört. Der Marktwert der Clubs ist nur eine indirekte Größe, um den wirtschaftlichen Gesundheitszustand der Liga zu ermitteln. Aber in der NFL, in der man geradezu sozialistische Verhältnisse pflegt und alle Fernseheinnahmen und den Merchandising-Topf brüderlich teilt, wäre ein fallender Trend bei den Marktwerten zumindest ein Zeichen: für sinkende Gewinne. Laut Forbes machten im letzten Herbst angeblich nur zwei Clubs Minus: Die Seattle Seahawks und die Oakland Raiders. Die Rams-Eigentümer verdienten hingegen angeblich ganz ordentlich Geld. Was auch an den Mietkonditionen für die Arena liegen kann, die die Rams für so gut wie gar keine Miete nutzen können.

Sportlich hat der Club nicht viel zu bieten. Im Rückblick wirken die Jahre um die Jahrtausendwende mit einem Super-Bowl-Erfolg und einer Finalteilnahme wie ein kurzes Feuerwerk in einer langen Tages Reise in die Nacht. In der letzten Saison produzierte man das Super-Resultat von einem Sieg und 15 Niederlagen. Bis 2014 muss das Team auf jeden Fall noch in St. Louis bleiben. Wenn dann die Stadt die Halle nicht ordentlich aufpeppelt, darf man woandershin umziehen. Die Rams waren einst in Cleveland, wurden dann nach Los Angeles umgetopft und erlebten einen der kurioseren Besitzerwechsel im amerikanischen Sport. Sie wurden von ihrem damaligen Eigentümer Robert Irsay gegen die Baltimore Colts eingetauscht, die einem gewissen Carroll Rosenbloom gehörten. Rosenblooms Witwe Georgia Frontiere übernahm nach dessen Tod den Laden und sorgte für den Ortswechsel in ihre Heimatstadt. Ihren Stiefsohn hatte sie schon vorher aus der Machthierarchie der Mannschaft ausgehebelt. Das Umzugsmodell hatte sie bei Irsay abgeschaut, der die Colts Mitte der achtziger Jahre in einer berüchtigten Nacht- und Nebelaktion nach Indianapolis verfrachtete.

Sohn Rosenbloom macht immerhin jetzt Kasse. Nur nicht ganz soviel wie man bei Forbes angenommen hatte.