Morgen werden die Oscars verteilt. Die Veranstaltung ist im Grunde ein kaugummiartiger Tanz der Eitelkeiten, bei dem die Auszeichnungen nur deshalb zählen, weil sie die weitere wirtschaftliche Auswertung der hochgelobten Filme ermöglichen. In diesem Jahr steht jedoch ein bisschen mehr an Gewicht hinter den Nominierungen. Kaum wahrzunehmen hinter der Fassade der dröhnigen Kinobilder und dabei doch wert, erwähnt zu werden: Die Schreibleistung und das Temperament der Schriftsteller Ian McEwan (Atonement) und Cormac McCarthy (No Country for Old Men).
Ich habe mir vor ein paar Stunden No Country for Old Men angeschaut und mich gefragt, wie es überhaupt sein kann, dass ein derartiger Film so viel positives Echo auslöst. Ich werde den Verdacht nicht los, dass man in den USA in Ermangelung cineastisch wirklich bemerkenswerter Filmemacher an einer sinnentleerten Gewaltorgie der Brüder Joel und Ethan Coen einfach deshalb Gefallen findet, weil sie in ihrer unerhörten Absurdität - in manchen Momenten wenigstens - Nachdenklichkeit provoziert. Anders als in subtileren amerikanischen Gewaltdramen, wie etwa dem mit einem Oscar ausgezeichneten Film Crash, gelingt es jedoch der Dramaturgie nicht, aus den vielen Blutspuren irgendetwas erzählerisch Verbindliches und Zusammenhängendes herausfiltern. Blutspuren, die die beiden Brüder, die das Drehbuch geschrieben und den Schnitt besorgt haben, wie besoffen immer wieder als visuelles Element benutzen - sahen wir die nicht auch schon in Fargo?
Nach dem deutschen Trailer zu dem Film zu urteilen, ist die Synchronfassung vermutlich nicht mal oberflächlich interessant, sondern tendenziell banal und hohl. Denn sie raubt dem Ganzen auch noch die Zwischentöne, die sich aus den texanischen Akzenten und dem Klang der Sprachmelodie der Haupt- und Nebenfiguren ergeben. Eine Dimension, die zwar der Roman notgedrungen nicht hat, aber in der Kinoversion wenigstens eine gewisse Menschlichkeit der Charaktere herstellt. Erst die unterschiedlichen Stimmen vermitteln die Trostlosigkeit und den Wahnsinn der Geschichte. Nicht die vordergründig komplex konstruierte Jagd nach einem Koffer mit Millionen.
Das einzig Besondere in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass der Schriftsteller Cormac McCarthy vor kurzem sein allererstes Fernsehinterview gegeben hat. Das findet man auf YouTube nur zerlegt in Teilen. Es zeigt einen eher schüchternen Mann, der mit 74 Jahren doch wohl erstmals öffentlich über sein literarisches Erbe räsonnieren möchte. Zumal es bei dem Buch, um das das Interview kreist - der mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman The Road, um einen privateren Stoff geht. Er nimmt Bezug nimmt auf ein Erlebnisse mit seinem eigenen, erst achtjährigen Sohn. Man darf davon ausgehen, dass der Filius seinen Vater überleben und sich später fragen wird, wie sein Erzeuger denn war und wie er dachte und schrieb. Oprah Winfrey, die den Versuch unternimmt, aus dem Autor ein paar kluge Gedanken über das Schreiben und das jahrelange Überleben als total verarmter Schriftsteller herauszuholen, ist allerdings keine besonders produktive Gesprächspartnerin. McCarthy versinkt zeitweilig fast in seinem Sessel, fühlt sich unwohl in seiner Haut und muss sich irgendwann gefragt haben, weshalb er sich nach all den Jahren der Medienabstinenz ausgerechnet auf diese Frau eingelassen hat.
Wer mehr anschauen möchte, sollte sich auf dieser Seite die einzelnen Folgen zusammenklauben.
Man kann auch Ian McEwan im Interview betrachten. Der Brite ist ein routinierter und medienbewusster Mensch, der mit Atonement vermutlich den Höhepunkt seiner Kunst erreicht hat (ab 26:10 Minuten).
Die Geschichte, die der Roman erzählt, hat Regisseur Joe Wright in einen dichten Bilderstrom mit vielen imaginativen Kameraeinstellungen umgewandelt. Der Film ist dadurch zusätzlich zur Überraschung am Ende zu einem wirklichen Kinowerk geworden. Anders als No Country mit seinen hakelnden Schnitten und seinen platitüdenhaften leeren Landschaften, die nur am Anfang als Stimmungsfänger eine Rolle spielen, geht bei Wright immer die Optik vor. Er zeigt dadurch, dass der Stoff selbst - die fatale Phantasie eines jungen Mädchens und ihr lebenslanger Versuch, Abbitte zu leisten - über mediokre visuelle Erklärungsmuster erhaben ist. Die kunstvollen Rücksprünge und Perspektivwechsel wirken stimmig und kommen ohne erklärende Hinweise aus. Die gekonnte Inszenierung der Gesten, Blicke und Berührungen gestattet es Wright, den Dialog in den Hintergrund gleiten zu lassen. Das Reden und der Klang der Stimmen sind hier nur halb so entscheidend. Jeden anderen Film hätte Keira Knightley, die offensichtlich ein begrenztes mimisches Repertoire besitzt und stur nur ein einziges Gesicht aufsetzt, an den Rand zur Müllkippe gebracht. Von solchen Gefahren bleibt diese Inszenierung verschont.
Keine Ahnung, wie die Leute ticken, die über die Vergabe der Oscars entscheiden. Vermutlich wird die Killerfigur, gespielt von dem Spanier Javier Bardem, in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" gewinnen. Denn einen besseren Psychopathen haben wir schon länger nicht mehr gesehen. Aber das sollte es auch schon gewesen sein.
Posts mit dem Label Oscar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Oscar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
24. Februar 2008
26. Februar 2007
"Das Leben der anderen" wird sein Leben verändern
Das sagte der deutsche Filmregisseur Florian Henckel von Donnersmarck im Januar in einem Interview mit der dw-world.de, einem Ableger der Deutschen Welle, der auf Englisch publiziert:
"Of course, it is totally clear to me that it would mean a big change in my life, if I won the Oscar. Ask Volker Schlöndorff how it affected his life to win such a gigantic prize as the Oscar so early in his career, for the 1980 filming of The Tin Drum. This is really an unbelievably powerful statue."Vor ein paar Stunden hat er das Ding gewonnen. Für einen Film, der es wert ist: "Das Leben der anderen".
Abonnieren
Posts (Atom)