Warum werden solche Geschichten immer von Leuten erzählt, deren Gedächtnis keine fünf Jahre zurückreicht? Nowitzki, inzwischen 30 Jahre alt, hatte mit 20 Jahren null Präsenz, sondern eierte verloren auf dem Platz herum. Seine Defensivarbeit war grottig und er wurde von den Fans in Dallas mit dem Spitznamen Irk ("Ärger") belegt. Warum? "There is no D in Dirk". Er verbreitete keine Dominanz, brauchte sechs Jahre, bis er auch nur einen Hauch von Führungsanspruch in Dallas in Waagschale warf. Und das mit dem Matchwinner ist eine Legende. Don Nelson, der damals an das Potenzial von Nowitzki glaubte, hätte fast vorzeitig seinen Job verloren, weil Nowitzki so schlecht spielte. Und das in einer Mannschaft, die damals meilenweit davon entfernt war, auch nur die Play-offs zu erreichen. Nowitzki wurde dank der Hege und der Geduld in Dallas langsam besser und wirkungsvoller, hat aber nach elf Jahren NBA noch immer nicht die Mannschaft, die er als formidabler riesengroßer Sprungwurfspezialist verdient.
Deutsche Medienrealität, Unterabteilung "Knick in der Optik": Ich kann mich noch gut erinnern, wie man damals Nowitzki, nur weil er in die US-Liga geholt wurde, in seinem Heimatland hochschrieb und feierte. Der Junge hatte nichts geleistet, nichts vorzuweisen und hatte es nicht mal zu einem Stammplatz in einer Bundesligamannschaft gebracht. Und er stellte auch in Texas lange nichts auf die Beine. Aber das kümmerte die angeblichen Experten zuhause nicht. Sie pflegten ihre Projektionen, wonach Nowitzki ein Überflieger und ein gemachter Mann sein müsse. Hätte er nicht selbst hart an sich gearbeitet, wäre das ganze German Wunderkind-Gerede in sich zusammengefallen.
Zur Zeit kann man ähnliche unscharfe Betrachtungen immer dann lesen, wenn ein junger deutscher Baseballspieler in den USA einen Vertrag bekommt. Jeder der in die Rookie League wechselt, wo man auf Bezirksliga-Niveau spielt (wenn man es mit den Qualitätsunterschieden im deutschen Fußball vergleicht), hat angeblich das Zeug, eines Tages in einem Kader in der Major League aufzutauchen. Der Wunsch als Vater von Gedanken. Das kennt man, ist aber kein brauchbares Hilfsmittel, um seine Leser sachgerecht zu bedienen.
Ich finde den gerne gemachten Vergleich zwischen Nowitzki und Ohlbrecht übrigens durchaus fair. Aber wer ihn anstellt, sollte auf Vergleichsmaßstäbe zurückgreifen, die Sinn machen.