15. Mai 2009

Ohlbrecht und der Knick in der Optik

Wenn ich Tim Ohlbrecht wäre, würde ich auch zusehen, dass ich mich aus dem Land absetze, in dem man auf Schritt und Tritt angewanzt wird, und in eines wechsle, wo man Leute mit positivem Denken aufbaut. Der letzte Aufguss der alten Geschichte, wonach irgendwelche Patriarchen große Stücke auf den jungen Center aus Bamberg halten, aber ihm gerne vorwerfen, er würde sich nicht genug anstrengen, gab es heute bei der Welt online. Zitat: "Er hat nicht die Präsenz von Nowitzki, nicht die Dominanz, nicht den Führungsanspruch. Und auch nicht den Charakter. Nowitzki ist ein Matchwinner."

Warum werden solche Geschichten immer von Leuten erzählt, deren Gedächtnis keine fünf Jahre zurückreicht? Nowitzki, inzwischen 30 Jahre alt, hatte mit 20 Jahren null Präsenz, sondern eierte verloren auf dem Platz herum. Seine Defensivarbeit war grottig und er wurde von den Fans in Dallas mit dem Spitznamen Irk ("Ärger") belegt. Warum? "There is no D in Dirk". Er verbreitete keine Dominanz, brauchte sechs Jahre, bis er auch nur einen Hauch von Führungsanspruch in Dallas in Waagschale warf. Und das mit dem Matchwinner ist eine Legende. Don Nelson, der damals an das Potenzial von Nowitzki glaubte, hätte fast vorzeitig seinen Job verloren, weil Nowitzki so schlecht spielte. Und das in einer Mannschaft, die damals meilenweit davon entfernt war, auch nur die Play-offs zu erreichen. Nowitzki wurde dank der Hege und der Geduld in Dallas langsam besser und wirkungsvoller, hat aber nach elf Jahren NBA noch immer nicht die Mannschaft, die er als formidabler riesengroßer Sprungwurfspezialist verdient.

Deutsche Medienrealität, Unterabteilung "Knick in der Optik": Ich kann mich noch gut erinnern, wie man damals Nowitzki, nur weil er in die US-Liga geholt wurde, in seinem Heimatland hochschrieb und feierte. Der Junge hatte nichts geleistet, nichts vorzuweisen und hatte es nicht mal zu einem Stammplatz in einer Bundesligamannschaft gebracht. Und er stellte auch in Texas lange nichts auf die Beine. Aber das kümmerte die angeblichen Experten zuhause nicht. Sie pflegten ihre Projektionen, wonach Nowitzki ein Überflieger und ein gemachter Mann sein müsse. Hätte er nicht selbst hart an sich gearbeitet, wäre das ganze German Wunderkind-Gerede in sich zusammengefallen.

Zur Zeit kann man ähnliche unscharfe Betrachtungen immer dann lesen, wenn ein junger deutscher Baseballspieler in den USA einen Vertrag bekommt. Jeder der in die Rookie League wechselt, wo man auf Bezirksliga-Niveau spielt (wenn man es mit den Qualitätsunterschieden im deutschen Fußball vergleicht), hat angeblich das Zeug, eines Tages in einem Kader in der Major League aufzutauchen. Der Wunsch als Vater von Gedanken. Das kennt man, ist aber kein brauchbares Hilfsmittel, um seine Leser sachgerecht zu bedienen.

Ich finde den gerne gemachten Vergleich zwischen Nowitzki und Ohlbrecht übrigens durchaus fair. Aber wer ihn anstellt, sollte auf Vergleichsmaßstäbe zurückgreifen, die Sinn machen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Naja, Nowoitzki hatte nichts vorzuweisen, außer, dass Nowitzki schon zu Würzburger Zeiten zum "Basketballer des Jahres" gewählt wurde und der beste Scorer in der Aufstiegssaison der DJK war...

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Okay, nicht "nichts". Aber ich nehme mal an, die Kategorie "Basketballer des Jahres" bezieht sich auf den Club selbst. Damals eine Mannschaft in der zweiten Liga. Ohlbrecht dagegen spielt und kämpft in Bamberg um sein Renommée – auf einem weit höheren Niveau. Vor allem wenn man die Euroleague dazunimmt. Das wird aber von den "Experten" im Vergeich mit Nowitzki einfach nicht berücksichtigt.

Anonym hat gesagt…

Naja, sie mögen zwar Recht mit Nowitzkis Debütsaison in der NBA (die aufgrund des Streiks auch nur 47 Spiele lang war). Aber schon in der zweiten Saison schaffte er den Durchbruch, steigerte seinen Punkteschnitt enorm und erreichte dementsprechend auch den zweiten Platz der "Most Improved Player"-Wahl – er wurde nicht "langsam" besser, sondern explosionsartig (verdoppelte Punkte- und Reboundschnitt). Schon im nächsten Jahr wurde er – trotz Defizit im Defenseverhalten – in das dritte "All-NBA-Team" gewählt und wurde somit von den Sportjournalisten als sechstbester Forward gesehen – sein Offensivpotential machte seine Schwächen in der Verteidigung also mehr als wett. In den Playoffs wurden überraschend die Utah Jazz mit Stockalone mit 3-1 Siegen herausgekegelt - Nowitzki war dabei Hauptscorer, Go-To-Guy und steigerte im Gegensatz zu Finley seinen Punkteschnitt in den Playoffs.
Insgesamt ein kometenhafter Aufstieg!

Das Nowitzki kein Stammspieler in Würzburg war ist natürlich Käse! Würzburg spielte zu dieser Zeit (Saison 98/99) in der ersten Liga und Nowitzki war auch in der ersten Bundesliga klar bester Spieler seines Teams und meist einfach nur dominant (aufgrund des Streiks spielte er mehr als die Hinrunde): Kann mich noch gut erinnern, wie er meine Gießen Flippers mit 33 Punkte fast alleine abschoss.

Autsch...

Anonym hat gesagt…

Ach ja - Nowitzki spielte 98/99 16 Spiele in der ersten Bundesliga, bevor es über den Teich ging...und war in dieser Saison Topscorer der Liga mit 23 Punkten im Schnitt.
All dies hätte man mit zwei Klicks herausfinden können:
http://www.basketball-bundesliga.de/linkit.php?menuid=269&topmenu=4&keepmenu=inactive
und für Recherche im Bereich NBA, die Ihnen bestimmt geläufige Seite
http://www.basketball-reference.com/players/n/nowitdi01.html

Das Niveau der deutschen Liga war in meinen Augen zu dieser Zeit übrigens höher...

Anonym hat gesagt…

Sorry, aber noch eins: Nowitzki war auch mit überaus weitem Abstand effektivster Spieler (statistisch gesehen) in der BBL-Saison 98/99...

Steven D. S. hat gesagt…

Ich liebe deinen Blog aber mir fällt immer wieder auf das du ein Nowitzki HASSER bist.

Man kann keinen Spieler dieser Welt in einem Teamsport danach bewerten wie viele Titel er gewonnen hat, weil man dazu halt mehr braucht als einen Spieler.

Nowitzki ist der beste europäische Spieler aller Zeiten mit der besten Statistik. In addition ist er als erster Europäer MVP geworden.

Ich persönlich finde auch das Sportler in Deutschland meistens schlechter "geschrieben" werden als sie sind, zumal man die BBL nun wirklich nicht mit der NBA vergleichen kann. Man kann nicht vorher wissen wie sich ein Spieler entwickelt. Man wird sehen.

Das was auf jedemfall über Dirk geschrieben wurde stimmt nicht und ist nach meiner Meinung etwas respektlos gegenüber dem was er in seiner Zeit in bisher geleistet hat.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Es bleibt jenseits der Fakten (Punkte, Rebounds etc.) immer auch eine philosophische Frage: Nämlich, wie bewerte ich diese Infos? Dass Nowitzki ein Ausnahmetalent war und ist, bestreite ich keineswegs. Aber er war ein guter Mann in einer unterdurchschnittlichen Mannschaft in einer unterdurchschnittlichen Liga. Es war ein Indiz für die Vermutung, dass aus ihm etwas Herausragendes werden kann. Mehr nicht. Ein ebenso guter Spieler in einer viel besseren Mannschaft ist gewöhnlich nicht halb so auffällig. So kam es im deutschen Fußball vor der WM 2006 zu der Kuriosität, dass Klinsmann Leute in den Kader holte, die bei ihren Clubs gar nicht im Einsatz waren.

Zurück zu Nowitzki: Sein Potenzial bestand schon immer hauptsächlich aus seiner Gefährlichkeit als Wurfspezialist. So etwas fällt automatisch auf dem Score Sheet auf. Leute auf anderen Positionen und mit anderen Begabungen tun sich schwer, solche Zahlen abzuliefern. Wenn man die aber hauptsächlich an ihrer Korbausbeute misst, wird man weder ihnen gerecht noch einem gesunden Verständnis vom Mannschaftspiel Basketball.

Wenn Nelson damals in Dallas rausgeflogen wäre und Nowitzki woanders hin abgeschoben, wäre dessen Vita ganz anders verlaufen. Andere Trainer hätten ihn in ihr stures Konzept hineingepresst und ihm nicht die Chancen gegeben, sich zu entwickeln. Allerdings - vielleicht wäre er so bei einer Meistermannschaft gelandet. Man weiß es halt nie...