15. Oktober 2009
Sport und Politik: Limbaugh scheitert
Bei ProFootballTalk spielte sich die Entwicklung unter anderem in den Kommentaren ab. Limbaugh-Fans - und Apologeten (Spitzname: "Dittoheads") schrieben sich in den Kommentaren die Finger wund und beschuldigten Florio, er sei eine Marionette von NBC und deren Eigentümer General Electric und damit der Regierung. Ein Teil der Meinungsäußerungen dokumentierte allerdings eine subtile und sehr viel gefährlichere Haltung: Der Anspruch von rechts gestrickten Sportanhängern, dass man ihnen in einem Sportblog möglichst keine Texte serviert, die auch nur im entferntesten etwas mit Politik zu tun haben. Diese Gruppe von Lesern stellt gerne die Behauptung auf, dass das eine (Sport) und das andere (Politik) nichts miteinander zu tun haben, um auf Basis dieses denkschwachen Axioms die Inhalte zu beeinflussen.
An dieser Haltung ist zumindet soviel bemerkenswert: Sie dürfte bei einer großen Mehrheit der Sportjournalisten auf Zustimmung stoßen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Sportberichterstattung nach Möglichkeit jeden systemkritischen und systemanalytischen Ansatz vermeidet. Obwohl die Strukturfehler des kommerziellen Sports (sei es die Abhängigkeit von Fernsehgeldern und Sponsoren, Doping zur Leistungssteigerung, Korruption und Betrug) nicht mehr von der Hand zu weisen sind. Ob und wie Mike Florio der Gegenwind aus den Kommentaren beeinflusst, wird man sehen.
9. Oktober 2009
Neuer Podcast: Die besten Sportspielfilme
Podcast Nummer zwei ist im Kasten. Diesmal geht es um Kinofilme, die mit ihren Geschichten um Figuren aus dem Sportmilieu kreisen. Genauer gesagt: Es geht um die Glanzlichter des Genres. Interviewgast ist Carsten Elleszus, der unter dem Namen tumulder den lesenswerten Blog Zeitverschwender betreibt. Bei ihm geht es um Film, Musik und Schalke. Allerdings nicht immer in dieser Reihenfolge. Seine Kritiken sind ausführlich und bieten Stoff für eine kluge Auseinandersetzung mit einem emotionalen Material, das Sportspielfilme nun einmal sind. Denn sie wandern auf einem schmalen Grat zwischen heroisierendem Kitsch und distanzierter Sympathie, zwischen konventionellen Liebe-Triebe-Hiebe-Plots und einem Auge für eine glaubwürdige Darstellung der jeweiligen Sportart.
Eines der Probleme ist: Die meisten Filme werden in der Illusionsmaschine Hollywood produziert. Was bedeutet, dass sie von Geldgebern finanziert werden, denen mehr an formelhaftem und klischiertem Kino liegt als an eigenständigen, pointierten Produkten von Autoren, die auf der großen Leinwand vielleicht nicht den großen visuellen Punch besitzen, aber viele kleine Momente, die stimmen.
Trotzdem sind in Hollywood immer wieder bemerkenswerte Sportspielfilme entstanden. Von denen haben die besten oft allerdings diesen einen Haken: Weil sie sich mit einem Milieu wie Baseball oder Football beschäftigen, fehlt den Zuschauern in Europa die Beziehung zum Kern der Sache. So wirkt denn auch für viele Kinofans in Deutschland eine Rangliste wie die des American Film Institute – abgesehen von den beiden Topfilmen Raging Bull und Rocky mit ihren Boxer-Stories – eher mysteriös. Obendrein wurden von den im Rahmen einer Umfrage zu Wort gebetenen Drehbuchautoren, Kameraleuten, Regisseuren und Schauspielern Filme aus dem nicht-amerikanischen Teil der Kinowelt komplett ignoriert.
Wer sich wirklich einen Überblick verschaffen will, der wird spätestens beim Blick auf diese Wikipedia-Seite die Stirn in Falten legen. Hunderte von Titeln gibt es, und zig Sportarten sind vertreten. Auch Fußball. Bei sportwissenschafen.info kann man sich weiter in die Materie einlesen. Deren Verzeichnis umfasst sogar Kurzfilme.
Carsten a.k.a. tumulder ist da vielleicht sogar die etwas bessere Quelle. Denn er liefert im Blog auch die Antwort auf die Frage: Wie ordnet man die einzelnen Filme ein? Er hat ein Bewertungssystem mit maximal zehn Punkten eingeführt und pflegt seine Ansprüche. Selbst die unumstrittenen Klassiker müssen froh sein, wenn sie bei ihm neun Punkte bekommen.
Und weil er sich auskennt, während sich unsereins sich nur punktuell mit dem Thema beschäftigt, soll es in diesem Podcast in erster Linie um seine Einschätzungen gehen. Ganz nach dem Konzept dieses Formats. Denn der American Arena Podcast ist keine Videobude für Monologe eines Kappeskopps mit Mikrofon vorm Bauch noch soll er ein Debattierclub werden. Er soll anregen und informieren.
Obwohl: Meinungen und Kommentare – sei es hier im Blog oder auf
Selbstverständlich haben Carsten und ich uns ausführlicher über dieses breit gefächerte Thema unterhalten, als sich dies in einem Video in dem von
Blick zurück: Der erste Podcast – "Baseball zieht in den Krieg" war der Auslöser für eine Leserdebatte auf zeitonline über den Wert oder Unwert von Werbevideos, die sich martialischen Symbole der Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu eigen machen. Titel: "Darf Werbung alle Waffen einsetzen?" Die Kommentare im Blog von Gesprächspartner Philip Würfel auf MLB-Insider.de beschäftigen sich mehr mit der Stimm-Performance der beiden Podcast-Protagonisten.
P. S. Vielleicht an dieser Stelle noch ein Hinweis auf ein anderes, sehr vielversprechendes Podcast-Projekt: Am Dienstag erschien die fünfte Ausgabe jener Fußball-Blogger-Gemeinschaftsarbeit, die bislang noch unter dem Arbeitstitel Nullnummer firmiert. Die Themen: Die Lage bei Hertha BSC und Bayern München sowie ein Ausblick auf das WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Russland. Die Drähte laufen alle zwei Wochen in der Münchner Küche von probek zusammen, der zu den Initiatoren gehört. Weil er gewöhnlich als Moderator mit seinem Lieblingsthema – dem FCB – zu kurz kommt, wurden diesmal die Rollen verteilt. Er wurde interviewt. Die Produktionsweise des Podcasts ist übrigens bemerkenswert. So läuft während der Aufnahmesession über UStream das Live-Videobild aus der Küche übers Internet, während die Mitwirkenden aus den anderen Städten parallel in einem Chat-Room versammelt sind und nicht nur miteinander, sondern auch mit probek kommunizieren. Gemischt wird in Hamburg von dogfood, der bei der Gelegenheit die Musik einbaut. Wann die Stützräder abgenommen werden und das Ganze auch tontechnisch in der oberen Liga spielt, steht noch nicht fest. Die Trainingsphase geht zunächst noch weiter.
30. Juli 2009
Olympisch fern sehen
In Deutschland stand dieser Reflex zwar jahrzehntelang offiziell auf der schwarzen Liste, weil dadurch die unfrohe Erinnerung an das na(r)zis(s)tische Debakel wach gerufen wurde. Aber ausgerottet wurde er nicht. Er tobte sich nur – gut kaschiert – in anderen Segmenten des gesellschaftlichen Alltags aus.
Im Sport zum Beispiel, wo man sich mit einer Fußballnationalmannschaft identifizieren kann, die tradionell zu den besten der Welt gehört und die Mythologie mit dem “Wunder von Bern” bereichert hat. Wo man bei Olympischen Spielen seit den denkwürdigen Tagen von Berlin 1936 im Medaillenspiegel zwar nicht mehr mit den Übermächten wie den USA, Russland (vorher UdSSR) und neuerdings China Schritt halten kann, aber sich notgedrungen auch an Disziplinen begeistert wie Synchron-Turmspringen oder Dressurreiten.
Der Faszinationsmechanismus funktioniert vermutlich so ähnlich wie bei den Modeweinen, die immer etwa fünf Jahre lang brauchen, bis sogar die Frau an der Kasse im Supermarkt weiß, welche Sorte man trinken muss, um als Kenner zu gelten. Nach weiteren fünf Jahren haben sich alle den immer gleichen Geschmack leidgetrunken. Im Sport haben wir uns auf diese Weise eine Zeitlang an Tennis besoffen. Und dann an Skispringen. Radrennfahrer waren auch mal penetrant populär. Dieser Tage erreicht die Abwärtsbewegung in der Geschmackskurve gerade solche Kuriositäten wie Boxen und Biathlon. Nicht schlimm: Die Triathleten stehen bereit. Snowboarder könnten Lücken schließen.
Die Beispiele zeigen, dass Spitzensport jenseits der etablierten großen Ligen in wenigen Mannschaftssportarten weltweit trendabhängig ist und von der Hand in den Mund lebt. Das Fernsehen leistet einen erheblichen Teil in der besinnungslosen Verwertungs- und Verwurstungskette: Es schüttet Geld in die Maschine und erzeugt Aufmerksamkeit. Dieser Mechanismus ist mitverantwortlich für die Bereitschaft von Athleten zum Doping und zum Betrug und für den Zynismus der Hintermänner, die ein idealtypisches Bild von einem sauberen Sport auf die Fahnen geheftet haben, das sich naiven Sponsoren aus der Industrie verkaufen lässt, die die Medienpräsenz von Sport als Vehikel für ihre eigenen Geschäfte nutzen.
Da ist es nachgerade absurd, dass ausgerechnet die Gebührenzahler des öffentlich-rechtlichen Fernsehens solche Netzwerke mit ihrem Geld füttern. Genauso wie die Tatsache, dass das nach eigener Einschätzung so anspruchsvolle öffentlich-rechtliche Fernsehen keine Distanz zum Thema Sport herstellen kann, sondern sich lieber als Transmissionsriemen von Interessen einspannen lässt, die in einem effektiv unkontrollierbaren, immer häufiger auf Pump in Milliardengrößenordnungen basierenden, grenzenüberschreitenden Kartell das Unterhaltungsbedürfnis der Massen bedienen.
Aber weil es an der notwendigen Distanz fehlt, darf man sich über das Lamento nicht wundern, das Bernd Gäbler in seiner neuesten Kolumne bei stern.de aufgreift (siehe Das Schachem um die Olympiarechte). Da beklagen sich Vertreter des Gebührenfernsehens doch tatsächlich darüber, dass das IOC ihnen nicht mehr einfach für vergleichsweise kleines Geld die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2014 und 2016 überlässt. Die Olympiabosse hatten nämlich das Lizenzpaket, das sonst immer geschlossen an die European Broadcasting Union (EBU) ging, einem Makler in die Hand gedrückt, der mit jedem einzelnen Land Verträge abschließen darf und nun hofft, dass die ARD, das ZDF und die BBC im Wettbewerb mit Privatsendern wie SAT1, RTL oder Sky mehr bieten als sie bisher gezahlt haben.
Was bei den Beschwerden stets untergeht, ist die Frage: Wer leidet eigentlich wirklich darunter, sollten die öffentlich-rechtlichen Sender dabei den Kürzeren ziehen? Die Sportler, die in den Glanzsportarten hinreichend Geld verdienen und in Deutschland obendrein in einem beachtlichen Umfang vom Steuerzahler als Soldaten oder Polizisten alimentiert werden? Oder vielleicht die Zuschauer, die womöglich nicht mehr wochenlang von morgens bis abends zäh dahinzappelnde Veranstaltungen mit Athleten aus 200 Ländern geboten bekommen, die keiner kennt (die Athleten nicht und auch nicht die Länder)? Die Modernen Fünfkämpfer und andere Exoten, die sowieso niemand wahr nimmt? Oder leidet am Ende doch nur das Selbstverständnis der Programmverantwortlichen, die nicht von alten Gewohnheiten lassen können? Wozu in Deutschland die absurde Sondersituation gehört, dass man nicht ein Team, sondern gleich zwei komplette Reporter-, Redakteur- und Technik-Teams an die Veranstaltungsorte schickt – von ARD und ZDF.
Was hat das mit dem eingangs erwähnten Bauchnabel zu tun, um den in Deutschland bei solchen Themen gekreist wird? Das Betrachten desselben füttert ein falsches Selbstwertgefühl und fördert Verzerrungen in der Einschätzung der wahren Verhältnisse. Nur so lässt sich die Warnung von ARD-Programmdirektor Volker Herres erklären (zitiert nach Gäbler): “Sollte es zu einem Verlust der Fernsehrechte an den Olympischen Spielen kommen, würde dies zahlreiche, vor allem kleinere Sportarten, entwerten. Wir würden unser Engagement zwischen den Spielen für jede Einzelsportart überprüfen.” Da fragt man sich: Warum so lange warten? Warum wird nicht bereits jetzt überprüft? Oder anders: Warum wurde es nicht schon vor Jahren getan?
Dass es dem IOC um viel Geld geht, ist spätestens seit 1984 klar, als die Spiele von Los Angeles erstmals in der Geschichte der Spiele enorme Überschüsse erwirtschafteten. Dass Superstars die Plattform bevölkern dürfen, um Publikum neugierig zu machen, wurde 1992 etabliert, als das Dream-Team der USA den Rest der Welt mit attraktiven Basketball an die Wand spielte. Die Veränderungsprozesse gehen weiter. Wozu gehört, dass inzwischen das ganze antiquierte olympische Sammelsurium aus Kanu und Judo, Segeln und Tontaubenschießen nur noch dann als medienrelevant wahrgenommen wird, wenn es Event-Charakter bekommt. Auch das ist nicht neu. An dem Rad haben die Öffentlich-Rechtlichen doch gerade in Deutschland bis zum Erbrechen selber gedreht –mit den Klitschkos und anderen Import-Boxern aus Ländern, in denen die ARD und das ZDF von niemandem empfangen werden. Wenn das Gebührenfernsehen eine Chance auf Neubesinnung im Umgang mit Sport hätte, dann jetzt. Jetzt, da ihm vom IOC die kalte Schulter gezeigt wird. Dazu müsste man aber den Kopf nach oben bringen und nach vorne schauen. Am besten in die Zeit nach 2016. Wenn die Olympischen Spiele unter der Last des eigenen Größenwahns zusammenfallen.
(Dieser Text ist gleichzeitig bei carta.info erschienen, dem Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie, der in Berlin produziert wird und vor ein paar Wochen mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Redaktion & Autorschaft ausgezeichnet wurde.)
16. April 2009
Spielplanungsplanspiele für Fortgeschrittene
10. Dezember 2008
Neue Dimension
19. September 2008
Die Krise hinterlässt Spuren
5. Juli 2008
Next Stop: Oklahoma City
Angesichts der Vorgeschichte ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass man sich innerhalb der kommenden fünf Jahre in Seattle um ein Team bemühen wird. Denn dort haben die Kommunalpolitiker und die Wähler nach dieser Episode endgültig die Lust daran verloren, die seit 30 Jahren in den USA praktizierte Subventionspolitik für wohlhabende Sport-Clubs fortzusetzen. Diese Form von Sozialismus in einem Land, das gewöhnlich mehrheitlich und mit Nachdruck jede Form von ausgleichender sozialer Gerechtigkeit verschmäht (siehe das extrem teure, aber total kranke Gesundheitswesen) wird inzwischen immer stärker als jene Lüge entlarvt, die es schon immer war. Egal, was Mannschaften in den vier am stärksten beachteten Ligen NFL, Major League Baseball, in der NBA und in der NHL für den Lokapatriotismus tun: Wirtschaftlich bringen sie einer Stadt gar nichts. Bei den Umsätzen, die Sport-Teams generieren, handelt es sich nur um ohnehin herumfließendes Geld, das in einen anderen Kanal umgeleitet wird (und die enormen Gehälter der Spieler und die Profite der Club-Eigentümer finanziert). Es würde andernfalls von den Zuschauern für andere Formen der Freizeitgestaltung ausgegeben. Dass Clubs neue Arbeitsplätze schaffen, ist denn auch eine Fata Morgana. Und dass durch die von ihnen produzierte wirtschaftliche Aktivität neue und zusätzliche Steuereinahmen generiert werden, die dann in die Kassen der investiv tätigen Städte wandern, ist ein Märchen. 50 bis 60 Heimspiele trägt eine NBA-Mannschaft je nach Güteklasse in der "eigenen" Halle pro Jahr aus. Ein Jahr, das immer noch 365 Tage hat.
Das begreifen intelligente Menschen, ohne lange herumzurechnen. Weshalb es niemanden überraschen sollte, wie die Bevölkerung von Seattle denkt. Es ist ihr mehrheitlich völlig egal, wo die SuperSonics spielen und wie sie heißen (in Oklahoma City werden sie einen neuen Namen bekommen).
Vielleicht darf man an dieser Stelle daran erinnern, dass das mit den Stadien und Hallen mal ganz anders war. Sie befanden sich im Privatbesitz und die Eigentümer waren die Betreiber der Clubs. Große Hallen gab es einst nur wenige und auch nur in wirklich großen Städten, zum Beispiel in Boston, New York, Philadelphia und Detroit, den vier Orten in den USA, die in den frühen Jahren eine Mannschaft in der NHL hatten, in der damals nur sechs Teams spielten (die anderen waren Montreal und Toronto). Die Besitzer dieser Hallen waren die Inspiratoren und Wegbereiter für die NBA – nicht irgendwelche Stadtverwaltungen. Denn sie wollten ihre Hallen stärker auslasten. Die Entwicklung blieb aber nicht stehen. Und so ließen beide Ligen irgendwann immer mehr Clubs in den abgelegensten Städten zu. Und zwar unabhängig davon, ob sie wirtschaftlich überleben konnten oder nicht. Die Ausdehnung der Ligen in die Fläche zusammen mit den über die üppigen Fernsehverträge nach oben gekitzelten Spielergehältern sind die zwei Hauptgründe dafür, dass die Kosten für Clubs so sehr anstiegen, dass sie nach neuen Einkommensquellen fahnden mussten. Eine – versteckte – Quelle: Man baut keine Arena, sondern nötigt einer Stadt auf, sie zu errichten und immer wieder zu modernisieren. Das altbewährte Druckmittel: Wenn man nicht bekommt, was man haben will, zieht man in eine andere Stadt. Andere Städte, die Clubs unabhängig von den Kosten für die Steuerzahler importieren wollen, gibt es immer wieder. Zur Zeit buhlt Kansas City um Teams, weil man eine nagelneue Halle besitzt.
Dabei geht es ganz glänzend auch ohne. Das beste Beispiel ist Los Angeles, wo man seit der Rückkehr der Oakland Raiders nach Oakland kein NFL-Team mehr hat (Die Rams waren schon vorher nach St. Louis abgewandert). Das muss man sich mal vorstellen: ein Einzugsgebiet von mehr als 10 Millionen Menschen muss sonntags im Herbst und Winter ohne Identifikationssymbol auskommen. Wie schaffen die das bloß? Unter anderem dadurch, dass sie sich samstags mit den beiden College-Football-Teams beschäftigen – UCLA und USC, die direkt und indirekt hinreichend Rivalität ausstrahlen. Und dadurch, dass sie ganz cool diese Pseudo-Lokalstolz-Debatten aus anderen ziemlich armen und erbarmungswürdigen Städten an sich abperlen lassen. Man denke nur an Cleveland, dem Sitz der größten Sportvermarktungsagentur der Welt, und an das viele Geld, dass die Steuerzahler dort in den Bau in ein Baseball- und ein Football-Stadion gesteckt haben. Cleveland ist eine sterbende Stadt. Die Fixierung auf Sportclubs kaschiert dieses Gefühl zwar ganz gut, ändert aber nichts an den Realitäten.
Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang zwischen Verfall und Aufstieg, den noch niemand richtig untersucht hat. Seattle ist eine Stadt, die wirtschaftlich brummt und kulturell den einen oder anderen Ton angibt. Dort geht es aufwärts. Dort braucht man keine künstlichen Identifikationssymbole. In Cleveland, Cincinnati, St. Louis, Kansas City, Pittsburgh, Buffalo, den alten Industrie-Metropolen, nagt der Zahn der Zeit. Die wollen sich an etwas festhalten. Und sei es an einem Umzugslaster, der demnächst vorfährt und ihre Sport-Devotionalien abtransportiert.
Blick zurück: Wie der Kaffeebaron von Starbucks um die Sonics kämpft
Blick zurück: Nicht alle in Oklahoma City haben auf ein NBA-Team gewartet
Blick zurück: Umzug als Programm – die wandernden NBA-Clubs
12. April 2008
Oh, Atlanta
Wenn man sich das Sportangebot dieser Fabrikationskultur anschaut und es auf einzelne Städte herunterraspelt, dann kommt man wohl irgendwann auf diese Gemütszustands-Analyse. Auch wenn die nichts anderes wiederspiegelt als die Größe einer Stadt, ihre Wirtschaftskraft und das Auf und Ab, das man ebenfalls erlebt, wenn man den Aktienmarkt verfolgt. Auch da gibt es Trauer, Säuernis, Missmut, wenn der Kurs nach unten geht.
Ehe wir das alles in einen Topf werfen und einen allzu kryptischen Beitrag produzieren, hier lieber die Liste:
1. Atlanta
2. Seattle
3. Buffalo
4. Phoenix
5. San Diego
6. Houston
7. Denver
8. Cleveland
9. Philadelphia
10. Minneapolis
Die Kriterien kann man sich ausmalen: Das sind die Städte, deren "Clubs" zuletzt keine Titelgewinner in den populären Mannschaftssportarten Baseball, Football und Basketball hervorgebracht haben. Aber wieso fehlt hier Kansas City? Oder New Orleans? Die Kommentare zum Artikel sind übrigens nicht besonders freundlich, sondern eher griesgrämig. Aber das war zu erwarten. Ist ein freudloses Thema. Hier unser Kommentar: Einer der alten guten Songs von Little Feat: Oh Atlanta.
12. Januar 2008
"Ein saunetter Kerl"
Konkreter Auslöser ist diese Übersicht samt Kommentierung der letzten comscore-Liste auf The Big Lead, wo man ganz offensichtlich davon träumt, eines Tages einen Platz unter den ersten zehn Sport-Seiten zu belegen, aber bis dahin erst mal nur die erfolgreichere Konkurrenz gewissenhaft ausleuchtet. Man kann darüber reden, wie genau die Zahlen wirklich sind, die da ermittelt werden. Man darf sich wundern, wieso eine eingeführte Marke wie Sports Illustrated hinter den anderen herhechelt. Man darf allerdings kaum noch eine solche Momentaufnahme einfach zur Seite schieben und so tun, als habe man in Deutschland mit alledem nichts zu tun. Nicht wenn man weiß, dass yahoo bereits mitmischt. Dass ESPN Europa auf dem Zettel hat. Dass AOL und Sports Illustrated aus einem Haus kommen (Time Warner), womit bewiesen ist, dass eine Zielgruppendiversifikation unter einem Dach durchaus Sinn macht.
Ob es 25 Millionen unique visitors im Monat sind (und 200 Millionen Clicks total) oder auch nur 5 Millionen: Die Relevanz und die Reichweitenkomponente des Informationskanals Internet stellt inzwischen sogar das Fernsehen als extrem teuren Werbeträger in Frage - nicht nur die Printmedien, die immer als das einzige Opfer der Entwicklung angesehen werden. Vor allem zeigen sie die Kompatibilität und die Parallelität von ligaeigenem Content (siehe der Erfolg der Seiten der NFL, von Major League Baseball und NBA) und die kritische Aufarbeitung dessen, was sie symbolisieren, bei der Konkurrenz.
Warum das alles in Deutschland vorläufig keine kompetenten Nachahmer findet? Weil sich kein Pionier nach vorne traut. Weil die meisten Journalisten die neuen Formate ignorieren oder schlimmer - ausführlich vor ihnen warnen. Weil die großen deutschen Sportausrüster und andere potenzielle Sponsoren längst nicht mehr den nationalen Markt im Auge haben, sondern hauptsächlich nach draußen auf die internationalen Märkte schielen. Weil die auf Fußball fixierte Monokultur von wenigen Figuren dominiert wird und die Bundesliga erst dann wirklich wach werden wird, wenn die Champions League ihr das Wasser abgraben wird. Und weil da eine Generation von Fan-Schreibern heranwächst und sich auf den existierenden Plattformen ausmehrt, von denen erstmal keine Hilfe zu erwarten ist. Die berichten von ihren Begegnungen mit Topsportlern, als sei ihnen der Heiland erschienen. Textprobe von spox, dem neuen Entwicklungsprojekt aus dem Hause Premiere: "Nach dem Spiel gings direkt in die Sabres-Kabine, wo ich gemuetlich mit Jochen Hecht plaudern konnte. Wirklich ein saunetter Kerl!....Nachdem Jochen weg war,plauderte ich noch ein bisschen mit Thomas Vanek.Der Oesterreicher freut sich besonders auf das Spiel im Freien gegen die Penguins am Neujahrstag." Solche Informationen sollen Leute bewegen, sich im Internet zu bedienen?
17. Dezember 2007
Roddick und die Bratpfanne
Wie wär's stattdessen mal mit Fragen nach dem Unsinn des Ganzen? Mit Themenstellungen wie "Könnte ein lebensgefährlich verfetteter Eishockey-Torwart gegen eine gegnerische Mannschaft das Tor sauber halten?" Die Antwort in Kürze: Kommt auf das Gewicht an.
Weitere brennende Fragen lauten: Könnte ein Mann in der Frauenbasketball-Liga WNBA mitspielen? Wie gut sind Profigolfer beim Minigolf? Wie käme ein normaler Baseball-Fan mit den Würfen seiner Major-League-Pitchers zurecht? Die Antworten kennt nicht nur der Wind. Die kennt Todd Gallagher. Denn der hat sie recherchiert.
5. Juli 2007
Athleten mit Ambitionen: Immer wieder Sing-Sang
Die Millionen, die die wenigen Spitzenstars der Plattenbranche erzielen, sind hingegen Ausnahmewerte, die angesichts eines auf breiter Front sinkenden Plattenumsatzes nur noch als Luftnummern angesehen werden können. Ohne die Einnahmen aus riesigen Tourneen in riesigen Stadien und Arenen sähen die meisten prominenten Musiker wirtschaftlich ziemlich alt aus. Wie dem auch sei: Dankenswerter Weise hat der Blog 100% Injury Rate die musikalischen Ambitionen von US-Sportlern (und Leuten wie dem Kanadier Jacques Villeneuve und dem Franzosen Tony Parker) aus den letzten Jahren zusammengetragen und kommentiert.
30. Mai 2007
Die Papierheimer lernen nur langsam dazu
Und nun? TAZ-Blogger Rob Alef (Volk ohne Raumdeckung) verbreitet soeben, was wohl schon seit ein paar Tagen kursiert: Die Sportzeitung namens Sportzeitung erscheine nach weniger als einem halben Jahr "in diesen Tagen vorerst zum letzten Mal". Offiziell liegt das Projekt auf Eis, wie der Geschäftsführer vor ein paar Tagen dem Online-Mediendienst DWDL erklärte. Gesucht wird jemand mit Geld für "aktuelle Themen rund um den Sport" (Selbstdarstellung).
Das Geld wäre an anderer Stelle sicher besser angelegt. Die Sportmedienlandschaft wird konsequent ins Internet abwandern, auch wenn die dürftige Situation im deutschsprachigen Bereich einen solche Entwicklung nicht unbedingt vermuten lässt. Mit dem Geld aus fehlinvestierten Print-Konzepten wie Player und Sportzeitung wären einige schon sehr viel weiter. Nicht bei den öden Newsportalen, die sich als Abspielkanäle für Agenturmaterial und Praktikantentexte verstehen. Die haben kein Profil. Nein, bei den Bloggern (mit Profil und Ideen), denen es bislang an der Personalausstattung und der Unterstützung fehlt, wie sie etwa Gawker Media in New York bereit hält. Hier verdient man übrigens mit Blogs Geld und schustert nicht zu.
Bis sich so etwas herumspricht, wird noch ein bisschen Zeit vergehen. Vor allem, wenn Leute wie der Hamburger Journalistik-Professor Dr. Siegfried Weischenberg weiter so tun, als brauche das alles Zeit und ein Umdenken in den Köpfen der Medienverantwortlichen. Mit Verlaub: Das ist Unsinn. Was es braucht ist das Geld von Kapitalisten, die erwarten, dass ihr Einsatz eine Rendite abwirft, und die erkennen, dass sie bei den Baumverbrauchern nicht mehr zu verdienen ist.
17. Februar 2007
Sport in Las Vegas: Eine kipplige Geschichte
Foto: flickr/creative commons/Tim ParkinsonEs sieht immer stärker danach aus, dass die beiden Maloof-Brüder die Sacramento Kings in jene Stadt transferieren werden, in der sie wirtschaftlich weit mehr engagiert sind als an Arnolds Schwarzeneggers Regierungssitz: nach Las Vegas. Das All-Star-Wochenende wird inzwischen von vielen als eine Art Testveranstaltung gesehen, um zu erkunden, ob sich die Mehrheit der Clubeigentümer mit einem solchenm Umzug anfreunden könnten. Es gibt ein paar Kinken: In Las Vegas kann man bislang auf alles legal wetten, auch auf NBA-Basketball. Das riecht nicht gut. Und es gibt noch keine Halle von dem Format, wie man sie heute in der Liga braucht - mit all den Luxus-Suiten etc. Der Steuerzahler in Nevada ist nicht dafür bekannt einzuspringen, wenn es um solche Projekte geht. In Las Vegas kommen die Steuern aus den Taschen der Besucher und werden aufgefangen von den Klimperhallen in den Casinos. Alles wird also davon abhängen, ob sich ein paar Casinos für das NBA-Projekt stark machen und die Baumaßnahme finanzieren.
Las Vegas und Sport - das ist eine Partnerschaft, die nie von langer Dauer scheint. Am besten funktionieren noch die Weltmeisterschaftskämpfe im Boxen, weil sie jeweils hochgehypte Einzelereignisse sind, die traditionell High-Roller und andere Leute mit Geld anziehen. Wäre Andre Agassi nicht in Las Vegas aufgewachsen, er hätte sich dort vermutlich nicht mit Frau Steffi und Kindern niedergelassen. Und wie lange Steffi das dort aushält, muss man sehen. Ein Golfturnier der PGA-Tour und eines der LPGA kriegt man ebenfalls auf die Beine. Das ist schließlich nur eine Frage des Sponsorengeldes. Was ebenfalls funktioniert, ist der Speedway. Trotzdem will man am 8. April die ChampCar-Serie auf einem Straßenkurs im Stadtzentrum antreten lassen - ein Novum für Las Vegas, das 1981 und 1982 Formel-1-Rennen auf einem Casino-Parkplatz ausgerichtet hatte.
Hier ein Überblick über die Versuche, in der Millionen-Metropole Teams aus den Mannschaftssportarten anzusiedeln. Die Liste zeigt, dass es nicht immer nur an Las Vegas liegt, wenn es nicht funktioniert. Die Stadt scheint traditionell gerne bei Projekten mitzumachen, die nur wenig Aussichten auf Erfolg haben. Das muss an der Zockermentalität liegen. Las Vegas ist zwar inzwischen eine ziemlich große Stadt (1,9 Millionen Einwohner), aber ihr fehlt ein Speckgürtel, der in anderen Teilen des Landes die Sportveranstalter übers Fernsehen mitstützt. So steht man nur auf Platz 51 der amerikanischen Fernsehmärkte, noch hinter Hartford und Albuquerque.
Las Vegas Thunder, 1993 bis 1999, spielte in der International Hockey League als Farm Team für Clubs wie Phoenix Coyotes in der NHL und Lokomotive Jaroslawl in der russischen Super League. Das Thomas and Mack Center mit einer Kapazität von 17 000 Zuschauern war zu groß. Der Club wurde dicht gemacht, als die Liga einpackte.
Las Vegas Wranglers, 2004 bis heute, spielt in der ECHL (früher mal Eastern Hockey League genannt), zwei Stufen unter der National Hockey League als Farm Team für die Calgary Flames (NHL) und die Omaha Ak-Sar-Ben Knights in der American Hockey League.
Las Vegas 51s, eine Namensneuschöpfung des örtlichen AAA-Baseball-Teams, nachdem es aus dem Farm-Team-System der San Diego Padres ausscherte und in das der Los Angeles Dodgers wechselte. Die Mannschaft geht in zwei Monaten in ihre 25. Saison. Es hatte vorher immer wieder Versuche gegeben, Minor League Baseball in der Stadt zu installieren, aber das war immer wieder nach kurzer Zeit gescheitert. Sicher auch wegen des Wetters. Auch wenn in der Sommerhitze in der Wüste die meisten Spiele abends ausgetragen werden, hat man es schwer den klimaanlagenverwöhnten Bewohnern der Metropole einen Besuch im Stadion schmackhaft zu machen. Das Team kommt urprünglich aus Spokane, einer Stadt im Osten des Bundessstaats Washington. Es wurde 1982 verpflanzt.
Las Vegas Posse, eines der schlechtesten Teams, die je in der Canadian Football League mitgemischt haben. Die Verantwortlichen für das Spiel mit den etwas anderen Regeln, das im Nachbarland im Norden praktiziert wird, hatten in den neunziger Jahren einen Blick über die Grenze geworfen, und fühlten sich stark, ähnlich zu expandieren wie Major League Baseball und die NBA, die Teams in Toronto haben. Die Posse spielte nur einen Sommer (1994). Ein Versuch, den Club nach Mississippi zu verlagern, scheiterte.
Las Vegas Outlaws gehörte zur XFL, dem Versuch von Wrestling-Unternehmer Vince McMahon und dem Fernsehsender NBC, im Jahr 2001 eine Pseudokonkurrenz zur NFL auf die Beine zu stellen. Das Experiment wurde nach einer Saison beendet. Immerhin: Die Liga hatte höhere Einschaltquoten als die NHL.
Las Vegas Gladiators, ein Club der amerikanischen Arena Football League, der seit 2001 in der Stadt zu Hause ist, nachdem Investoren die Überbleibsel einer Franchise in New Jersey kauften und transferierten. Arena Football hat sich in den USA im Laufe der Zeit neben der NFL etablieren können, da der Spielplan jede Kollision vermeidet.
Las Vegas Strikers, 2003 gegründet und Mitglied der National Premier Soccer League (NPSL), die vierte Liga im amerikanischen Fußball. Das Team ist ein fernes Echo der Las Vegas Dustdevils, die zwischen 1993 und 1997 in der Continental Indoor Soccer League antraten. Das Problem: die Liga fiel im Streit unterschiedlicher Interessen auseinander.
6. Februar 2007
Einer kommt aus dem Kleiderschrank: Homosexuelle im Sport
In den USA kursieren seit gestern Spekulationen, dass sich ein ehemaliger NBA-Spieler zu dem Schritt durchgerungen hat und aus dem Kleiderschrank herauskommen will, wie das hier so schön heißt ("coming out of the closet"). Vorwitzige Blogs nennen bereits einen Namen und bringen Bilder und sind sicher, dass es sich um einen Mann aus Großbritannien handelt, der bei den Utah Jazz unter Vertrag war. Das kann richtig sein oder auch falsch (was sicher grenzenlos peinlich wäre). Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nur so bekommt das Thema - Homosexuelle im Sport - ein Gesicht. Das Gesicht des Reporters von Rund, der eine Geschichte über das Thema schreibt, kann das nicht leisten.
Ergänzung am Mittwoch, einen Tag danach: Der fragliche Spieler heißt John Amaechi. Das hat sein Pressemann offiziell verlautbart und wurde von AP gemeldet. Die Blogger hatten richtig spekuliert.