16. Juli 2010

Handball in den USA: Ein Tor an der Wand

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Am morgigen Samstag findet in ein als Battle of Chicago bezeichnetes Freundschaftsländerspiel zwischen Deutschland und Polen im Handball statt. Die Veranstaltung gehört zur Strategie des US-Handballverbandes, die Sportart auf den Radarschirm zu schieben. Dahinter steckt vor allem ein Mann: ein rühriger deutscher Emigrant, der sich seit einer Weile darum bemüht, Amerikaner für ein Spiel zu interessieren, das sie überhaupt nicht kennen. Chicago wurde als Austragungsort auch deshalb gewählt, weil es neben einer ganz beachtlichen Gemeinde an polnisch-stämmigen Einwohnern (manche spotten, sie sei die zweitgrößte polnische Stadt nach Warschau), auch viele Menschen mit deutschen Wurzeln hat. Ich habe im letzten Herbst kurz vor der Entscheidung über die Vergabe der Olympischen Spiele 2016 – als unter anderem auch Chicago im Rennen war und von vielen als sicherer Sieger prognostiziert wurde – mit dem Präsidenten gesprochen und über ihn und seine Bemühungen in der FAZ geschrieben. Weil der Text hinter der Bezahlschranke des Archivs verschwunden ist, mache ich ihn mal hier zugänglich.

Am vergangenen Freitag ließ der Präsident des amerikanischen Handballverbandes durchblicken, dass er ziemlich gut vernetzt ist. “Barack Obama wird selbst da sein”, sagte er und nahm damit jene hochpolitische Nachricht um ein paar Tage vorweg, die erst am Anfang der Woche offiziell bekannt gegeben wurde: Der Mann aus dem Weißen Haus will seine ganze Autorität in die Waagschale werfen, damit der IOC-Kongress am 2. Oktober in Kopenhagen Sommerspiele 2016 an Chicago vergibt.

Den einen Präsident kennt die Welt und traut ihm zu, dass er in Dänemark mit seinem Charisma dafür sorgt, dass seine Heimatstadt den erhofften Zuschlag bekommt. An den Namen des anderen Präsidenten muss man sich erst noch gewöhnen. Er heißt Horst-Dieter Esch und hat eine vergleichsweise sehr viel schwierige Aufgabe übernommen: Er will eine Mannschaftssportart, die in den USA ein stiefmütterliches Dasein wie der Moderne Fünfkampf führt, mit aller Kraft ins Scheinwerferlicht schieben.

Esch ist 66 Jahre alt und ein Unternehmer, von dem man in den Vereinigten Staaten nur soviel weiß: dass er vor zwanzig Jahren ins Land kam und die New Yorker Model-Agentur Wilhelmina kaufte, die mittlerweile auch im Bereich Sport-Management aktiv ist und aufstrebende Golfer wie Sandra Gal aus Leichlingen und den berühmten Schwungdoktor David Leadbetter unter Vertrag hat.

Eine Vergabe der Spiele an Chicago würde dieses selbst gesteckte Ziel enorm erleichtern. Denn jedes Ausrichterland darf bei den Olympischen Spielen alle Mannschaftswettbewerbe mit einem Team besetzen und ist damit automatisch qualifiziert. “Für Handball wäre es schön”, sagt Esch, ehe er Obama folgte, um in Dänemark noch ein letztes bisschen Lobby-Arbeit zu betreiben. In jenem Land, in dem vor mehr als hundert Jahren ein Lehrer und Offizier die ersten Regeln für das Spiel aufgestellt hatte.

Networking auf allen Ebenen ist für den ehemaligen Torwart der Feldhandballmannschaft des TV Weingarten unweit des Bodensee das A und O. Denn obwohl das Spiel rein vordergründig dem Interesse der meisten Amerikanern am Sport entgegenkommt – es fallen viele Tore, die Sportler sind kräftig und gehen hart zur Sache – gibt es für die Sportart auf dem Weg zu mehr Publikum überall viele Hürden zu überwinden. Das geht schon mit der Nomenklatur los. In einem Land, in dem man eine Sportart Football nennt, obwohl sie hauptsächlich mit der Hand betrieben wird, sorgt der Begriff für Verwirrung. Denn so heißt offiziell ein einst sehr beliebtes Freizeitspiel mit einer Gummikugel in der Größe eines Tennisballs, das auf Asphaltflächen an den Hauswänden in den Großstädten zuhause ist und so ähnlich funktioniert wie Squash ohne Schläger. Das hatten einst irische Einwanderer mitgebracht.

Eschs Spiel, das in seinen letzten Feinheiten Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt wurde und in Europa seit dem Wechsel in die Halle Millionen begeistert, nennen die Amerikaner deshalb auch eher hilflos “Team Handball”. Der Begriffsunterschied ist markenmäßig nur schlecht vermittelbar. Doch das ist nur ein Teil der Crux. Probleme wie diese könnten vermutlich leicht überwunden werden, würde die Disziplin zunächst einmal überhaupt an Schulen und Colleges etabliert. Die Bildungseinrichtungen stellen nämlich das Rückgrat des organisierten Sportbetriebs in den USA: Sie haben die Spielstätten und Trainingsanlagen, die Trainer und das Geld, um Wettkämpfe auszutragen. Esch öffnete denn auch in den ersten Monaten seiner Amtszeit viele Türen an den Universitäten, um seinem Ziel näher zu kommen, 100.000 Nachwuchsspieler zu rekrutieren, die in den popularen Sportarten wie Football oder Basketball nicht zum Zuge kommen. “Das ist in krassem Gegensatz zu dem, was vorher da war. Vorher hatten wir nur die Miltärakademien in West Point und Colorado Springs.” Auch außerhalb der Collegewelt kam Bewegung ins Programm. “Als wir vor einem Jahr anfingen, hatten wir 23 Spielvereinigungen”, sagt Esch. “Heute haben wir 106.”

Verbandsintern musste der neue Mann allerdings als Außenseiter ohne entsprechende sportlichen Referenzen von Anfang an manches Sperrfeuer überwinden. Der Grund dafür waren nicht nur die Geschichte aus den achtziger Jahren von der sechseinhalbjährigen Gefängnisstrafe wegen Betrugs und Konkursverschleppung, sondern auch Ungereimtheiten im Zusammenhang mit einer Firma namens Wilhelmina Scouting Network, die ebenfalls vor Gericht ausgetragen wurden. Solche Druckstellen im biographischen Gewebe produzierten insbesondere im Internet-Forum “Team Handball News“ Verstörungen. Denn der US-Handballverband hat schlechte Erfahrungen mit seinen Managern gesammelt. Die Organisation ging vor Jahren bankrott und wurde vom amerikanischen NOK in Colorado Springs pro forma, aber ohne jeglichen Initiativgeist weitergeführt.

Mit der Ankunft von Esch, der das Büro des Verbandes an seinen Privatwohnsitz in Park City im Bundestaat Utah verlegte, wurde die Förderation wieder auf eigene Beine gestellt und hat ein Budget von rund einer Million Dollar pro Jahr. Um den Betrieb anzukurbeln, entstanden viele neue Initiativen. Dazu gehört die Partnerschaft mit den Clubs der Handball-Bundesliga, aber auch solche Werbe-Gimmicks wie eine Verlosung für neue Verbandsmitglieder, die kostenlose Flugtickets gewinnen können.

Die Basisarbeit geht weiter. Wozu unter anderem die Rekrutierung von willigen Werbepartnern und Spendern gehört. Das Fernziel ist eine Profiliga, um auf diese Weise auf den Radarschirm der sportinteressierten Öffentlichkeit zu gelangen. Junge Talente sammelt der Verband bei sogenannten Try-Outs in den Zentren der großen Städte ein, also dort, wo die amerikanische Basketballbegeisterung verankert ist. “Wir brauchen keine sensationellen Handballplätze”, sagt Esch, “wir brauchen nur ein gemaltes Tor an der Wand. Und damit kann man anfangen.”

15. Juli 2010

Armstrongs Geschichten haben kurze Beine

AVORIAZ, FRANCE - JULY 11: American Lance Armstrong with team RadioShack speaks to the media following the end of stage eight of the Tour de France July 11, 2010 in Avoriaz , France. Armstrong crashed twice and lost 11 minutes to the leading group. The 189 km route through the Alps features two first category climbs from Station Des Rousses to the small alpine town of Morzine Avoriaz. Andy Schleck of Luxembourg from team Saxo Bank won the stage while Australia's Cadel Evans took over the race leader's yellow jersey. The iconic bicycle race will include a total of 20 stages and will cover 3,642km before concluding in Paris on July 25. (Photo by Spencer Platt/Getty Images)
Wenn Leute anfangen müssen, die entscheidenden Kleinigkeiten in ihrem Leben zu vernebeln und wegzudiskutieren, tun sie das oft, weil sie sich in der Vorstufe zu einer schwierigen Lage wähnen. So produziert der Mensch beim Versuch, Dinge zu erklären, die man gar nicht erklären kann, weil sie ganz anders abgelaufen sein müssen, eine fatale Tendenz zum Umgang mit der Wahrheit oder sagen wir besser mit der Wahrhaftigkeit. So wie heute der Anwalt von Lance Armstrong, der in Vertretung seines Mandanten die Glaubwürdigkeitskrise meistern soll, in die der Radfahrer geraten ist.

Armstrong war am Mittwochmorgen vor der zehnten Etappe der Tour de France nach seinen Anteilen an der Radsport-Managementfirma Tailwind gefragt worden, die das US Postal Team aufgezogen hatte, in dem er einst mit Floyd Landis an den Start ging. Und was sagte er in vielen, vielen Worten, die aus seinem Mund immer so farbig und gleichzeitig so eindeutig klingen und so, als ob der Rest der Welt zu doof ist, die Handlungsweise des siebenfachen Tour-Siegers zu verstehen: "Die krasseste Sache ist das Missverständnis, dass ich der Besitzer des Teams war. Das ist komplett falsch. Kein Besitzer, ganz und gar nicht. Es war nicht meine Firma. Ich kann es euch gegenüber nicht klar genug sagen. Ich hatte keine Stelle inne. Ich hatte keinen Anteil. Ich bekam keine Gewinnausschüttung. Ich saß nicht im Vorstand. Ich war ein Fahrer im Team. Klarer kann ich es nicht sagen."

Vielleicht sagt er solche Sachen, weil er denkt, dass der Rest der Welt zu doof ist, seine Einlassungen zu überprüfen. Oder weil er über die Jahre viele Leute in seinem Umfeld eingeschüchtert hat, die Angst bekamen vor dem langen mächtigen Arm seines Einflusses in der Branche. Auch die amerikanischen Medien haben sich lange Zeit als Cheerleader von Armstrong verstanden, weil sie einfach glauben wollten, dass er stets sauber war. Dass die Franzosen einfach nur gehässig waren und ihn zu Fall bringen wollten, weil er Amerikaner ist. Und dass die wenigen Menschen, die den Mut hatten, auszuplaudern, was sie wussten, irgendein niederes Motiv verfolgen. Obwohl sie mit ihren gegen Armstrong gerichteten Aussagen ihre beruflichen Aussichten gefährdeten.

Tempi passati. Es dauerte gestern nicht sehr lange, da hatten die ersten fleißigen Blogger und Reporter die entsprechenden Stellen im Protokoll der Vernehmung von Lance Armstrong in einem Schiedsgerichtsverfahren von 2005 gefunden. In der hatte er unter Eid etwas ganz anderes gesagt. So war also in ein paar Stunden war er und dieser ganze pseudo-puritanische Ernst desavouiert. Und das steht so in vielen Zeitungen. Auf die Frage des gegnerischen Rechtsanwalts, ob er einen Anteil an Tailwind halte, antwortete er damals: "Einen kleinen." Auf die Bitte hin, das zu präzisieren, sagte er: "Vielleicht zehn Prozent." Genaues über den Zeitpunkt seines Geschäftseintritts konnte er nicht mitteilen. Er wirkte so, als ob ihm die Details einer solcher geschäftlichen Beziehung eher wenig interessierten. So hackte der Anwalt nicht weiter darauf herum:
"Wer würde die Antwort wissen, wann Sie einen Anteil an Tailwind erworben haben?", wollte er wissen
Armstrong verwies auf seinen Manager und nannte dessen Namen: "Bill Stapleton."
"Ist das schriftlich dokumentiert? Gibt es einen Anteilsschein oder andere Papiere, die Ihren Anteil an Tailwind bestätigen?"
Armstrong: "Ich bin sicher, dass es das gibt."

Heute nachmittag versuchte Armstrong Anwalt Tim Herman den offensichtlichen und markanten Widerspruch zwischen den beiden Aussagen wegzuerklären. Der Radfahrer habe zwar laut Vorstandsbeschluss aus dem Jahr 2004 einen Anteil erhalten sollen, der wurde aber erst im Dezember 2007 vergeben. Interessant, denn das widerspricht Minimum der Aussage des erwähnten Bob Stapleton aus dem September 2005, der damals in der gleichen Sache vernommen wurde und folgendes erklärte: Armstrong sei einer von zehn oder 15 Tailwind-Partnern. Sein Anteil: 11,5 Prozent. Darauf dass auch diese Aussage unter Eid von damals nicht zur der heutigen Einlassung passt, ging Herman nicht ein. Gleich zwei Leute haben sich damals geirrt? Und war dann auch die Aussage von Stapleton falsch, wonach Tailwind vom Winter/Frühjahr 2003/2004 an von Stapletons Firma Capital Sports & Entertainment gemanaged wurde, an der Armstrong einen beachtlichen Anteil hatte? Auch das wissen wir aus den Protokollen der Vernehmung von 2005. Für die Managementrolle erhielt CSE einen Anteil an Tailwind von 11,5 Prozent.

Ehe wir uns in den Details verlieren, hier noch mal das Ganze vereinfacht: Armstrong bestreitet heute, was er und sein Manager 2005 unter Eid ausgesagt haben. Warum? Weil er gehört hat, dass ihm die ermittelnden Behörden, die die Landis-Vorwürfe ernst nehmen, als Teilhaber einen Anklage wegen Betrug und Verschwörung an die Kappe heften wollen. Also wird bestritten, dass er Teilhaber war. Interessant ist aber auch, mit welcher Nebelkerze sein Anwalt heute gearbeitet hat. Danach soll Armstrong Ende 2007 Anteilseigner von Tailwind geworden sein, obwohl die Firma just zu diesem Zeitpunkt ihre einzige relevante Einnahmequelle einbüßte - das Sponsorengeld des Discovery Channel? Das Discovery Team war schon vorher aufgelöst worden.

Erneut dauerte es nicht lange, bis heute ein amerikanisches Medien-Outlet – NBC Sports – diesen Sachverhalt aufdeckte und damit aufzeigte, dass sich Lance Armstrong beim Bau seiner Kartenhäuser einen schlechten Architekten ausgesucht hat: sich selbst. Der Druck der staatsanwaltlichen Ermittlungen und der ziemlich präzisen Beschuldigungen von Floyd Landis werden nicht weniger, sondern mehr. Eine Firma namens Tailwind Sports Corporation, die in Kalifornien registriert worden war, führte übrigens seit 2002 als Adresse die gleiche Anschrift wie Capital Sports & Entertainment und ein von Armstrong aufgemachter Fahrradladen.

Zur Einordnung: meine Geschichte für die Freitagausgabe der FAZ. Dazu der Hinweis auf ein informatives Interview von Sebastian Moll mit einem amerikanischen Spezialanwalt für dopingbeschuldigte Sportler in der Financial Times.

14. Juli 2010

Bastille Day mit Thierry

France's Thierry Henry (L) and Franck Ribery greet one another at the end of the 2010 World Cup Group A soccer match against Uruguay at the Green Point stadium in Capetown June 11, 2010. REUTERS/Charles Platiau (SOUTH AFRICA - Tags: SPORT SOCCER WORLD CUP)
In New York hat es heute abend ein kurzes Feuerwerk gegeben. Ich nehme an aus Anlass des französischen Nationalfeiertags, den Ostküsten-Amerikaner ziemlich chic finden. Sie nennen ihn Bastille Day. Es waren auf jeden Fall keine Knallkörper für Thierry Henry, dessen Wechsel in die amerikanische Major League Soccer bekannt gegeben wurde. Obwohl im übertragenene Sinne wurde zumindest einer abgefeuert. Rob Hughes hat ihn gezündet und für die New York Times auf die Schnelle ein ganz vorzügliches Porträt über den Mann geschrieben, den es schon seit langem hierher zog, der aber erst jetzt die Zeit gekommen sah und sich den New York Red Bulls anschließt. Man wünscht sich, jede Personalie von Belang würde mit soviel Wissen und Einfühlungsvermögen für die Besonderheit einer Sportlerpersönlichkeit geschrieben. Und nicht mit jenem Kikeriki, auf das sich die Zunft immer mehr zugute hält. Auch derjenige, der Henry schon kennt, sollte sich die Zeit nehmen für diesen Text, dessen Autor dem Franzosen zubilligt, dass er in den USA einen größeren Einfluss auf den Erfolg der Sportart haben wird als der als Fußballer nur eingeschränkt taugliche David Beckham.

Schwere Jungs und alte Männer

Foto: Spider.Dog/flickr/creative commons/Attribution 2.0

Morgen beginnen in St. Andrews an der schottischen Ostküste die British Open, das dritte Major des Jahres im Golf. Abgesehen von der Tatsache, dass es ein wenig langweilig anmutet, wenn ein solch bedeutendes Turnier alle fünf Sommer auf demselben Platz stattfindet, verführt er die Golf-Journalisten zu verschnörkelten Reminiszenzen der Geschichte des Spiels. Denn – so geht die Saga – St. Andrews ist die Geburtsstätte der Sportart. Tatsächlich hat sich das Spiel seit seiner Geburt gravierend verändert. Nachdem zunächst die Bälle durch eine enorme technische Revolution gingen, wurden auch die Schläger zu Präzisionswerkzeugen, und beides zwang die Golfplatzbesitzer, ihre Anlagen immer mehr in die Länge zu ziehen. Länger ist nicht besser, sondern einfach nur länger. Da ist es umso angenehmer zu sehen, dass die Spieler selbst sich nur unwesentlich verändert haben. Im Gegenteil. So wie die Bevölkerung in den reichen westlichen Ländern, deren Ernährungsgewohnheiten in naher Zukunft eine Gesundheitskrise heraufbeschwören werden (zusätzlich zum Bedarf an breiteren Sitzen in Flugzeugen und den Wartezimmern der Ärzte), wirken derzeit eine Menge ziemlich erfolgreicher Golfprofis. Rundlich, übergewichtig, um nicht zu sagen dick. Und auch alte Spieler, woanders in der Alterskategorie "Männer IV" eingestuft, halten mit. Mit anderen Worten: Golf wirkt selbst in der Zeit des roboterhaften Erfolgsprofis Tiger Woods noch immer irgendwie ganz menschlich.

Zu diesem Thema habe ich vor ein paar Wochen für die Züricher Sonntagszeitung einen Text geschrieben. Er passt noch immer in die Zeit:

Von allen Kennziffern, die die amerikanische PGA Tour über ihre Profis veröffentlicht, wirkt eine besonders kurios. Die Statistik nennt nicht nur das gewonnene Preisgeld, das Geburtsdatum oder die Körpergrösse. Die Unterlagen machen ein weiteres Detail publik: das Körpergewicht des Golfspielers. So konnten Zuschauer, die noch nie etwas über einen gewissen Brendan de Jonge aus Simbabwe gehört hatten, rasch ermitteln, wieviel der rundliche 29-jährige aus Simbabwe auf die Waage bringt, nachdem der überraschend nach dem ersten Tag der US Open den ersten Platz belegte: satte 103 Kilogramm.

Das Turnier auf dem schwierigen, 6300 Meter langen Platz von Pebble Beach ist kein Spaziergang. Die vier Tage verlangen den Teilnehmern in Wind und Wetter eine Menge ab. Weshalb sich im Laufe der Jahre ein Typ von Golfprofi durchgesetzt hat, der dem Vorbild des im Fitness-Studio gestählten Weltranglistenersten Tiger Woods ähnelt: Der verfügt über wohlproportionierte Muskelpäckchen in den Armen und Schultern.

Doch ein Erfolgsrezept ist das nicht. Man denke nur an all jene Herren, die mit schwerem Schritt über den Platz wandern, aber am Ende die bedeutendsten Titel gewinnen. Ob der Argentinier Angel Cabrera (Gewinner US Open 2007 und Masters 2009, Gewicht laut offiziellen Angaben: 95 Kilo und dazu Kettenraucher) oder ob Phil Mickelson (Sieger beim Masters 2004, 2006, 2010, 91 Kilo) – sie alle schleppen bei wichtigen Ereignissen stärker an dem Gewicht der eigenen Erwartungen als an der Masse aus überflüssigem Fettgewebe. So zählte der Amerikaner Mickelson bei diesem Turnier zu den Favoriten, nachdem er sich am Freitag mit einer hervorragenden zweiten Runde von 66 Schlägen auf den zweiten Rang im Zwischenklassement vorgearbeitet hatte (hinter dem späteren Sieger, dem Nordiren Graeme McDowell).

Aber nicht nur Körperumfang scheint im Spitzengolf kein Problem zu sein. So konnte sich für die US Open in diesem Jahr ein Spieler qualifizieren, der vor zwei Jahren bereits sein zweites neues Herz eingepflanzt bekommen hatte. Die Geschichte des Amerikaners Erik Compton, der am Freitag allerdings am Cut scheiterte, zeigt zumindest eines: Die wahren Qualitäten eines Golfers müssen aus etwas anderem bestehen, als jenem Schaltkreislauf, den Athleten in Sportarten wie der Leichtathletik oder beim Radrennen inzwischen zunehmend mit Dopingmitteln manipulieren.

Man denke nur an die British Open im schottischen Turnberry im letzten Jahr, als bis zum vorletzten Loch ein 59-jähriger an der Spitze lag. Der amerikanische Ausnahmegolfer Tom Watson, der vier Tage lang mit einer erstaunlichen Präzision gespielt hatte, verlor erst im Stechen gegen den um 23 Jahre jüngeren Landsmann Stewart Cink. Eine ähnlich ungewöhnliche Leistung hatte 2008 der Australier Greg Norman geschafft. Der ging in Royal Birkdale als Führender in die entscheidende Runde und wurde Dritter – im Alter von 53 Jahren.

Immerhin: Sowohl Watson als auch Norman haben im Unterschied zu vielen Kollegen auf der Champions Tour der Profis über 50 kein überflüssiges Gramm zugenommen. Ein Aspekt, von dem vor einiger Zeit der ehemalige Weltranglistenerste David Duval sprach, als er davon hörte, mit welchem Argument der übergewichtige Engländer Lee Westwood (offiziell: 94 Kilo) jede Frage nach seinen Essensgewohnheiten abschmetterte: “Hätte ich Athlet werden wollen, dann wäre ich 400-Meter-Läufer geworden. Ich bin kein Athlet, ich bin Golfer.”

“Der Golfschwung ist ein sehr athletischer Bewegungsablauf”, rechtfertigte Duval seine damalige seine rigorose Hinwendung zu intensivem Hanteltraining. Wenig später gewann er die British Open. “Fitness", so meinte er, "sorgt für eine längere Karriere und hilft Verletzungen zu vermeiden.”

Tatsächlich leidet Duval seit dem größten Erfolg seiner Karriere an einer unerklärlichen Formschwäche und liefert nur noch selten und inzwischen auch mit einigem ziemlichen Extra-Gewicht in der Bauchgegend bemerkenswerte Resultate ab. Westwood hingegen spielt seit ein paar Jahren bei den wichtigen Turnieren ständig um den Titel mit und steht auf Platz drei der Weltrangliste. Nach zwei Runden in Pebble Beach lag er in Lauerstellung auf dem 16. Platz. “Ich habe gute Chancen”, sagte er.

13. Juli 2010

RIP: Yankees-Besitzer George Steinbrenner

In der Geschichte der New York Yankees gibt es drei wichtige Phasen. Die erste begann, als Babe Ruth in Boston in Ungnade fiel und in der Bronx zum Kern einer unschlagbaren Mannschaft wurde, in der unter anderen der deutschstämmige Lou Gehrig eine wichtige Rolle spielte. Das Leben von beiden wurde in Hollywood verfilmt. Denn solche Figuren gibt es nicht alle Tage.

Die zweite Phase kulminierte in den fünfziger Jahren gegen Ende der Karriere von JoeDiMaggio und ist mit Spielernamen wie Yogi Berra und Mickey Mantle verbunden. Zu jener Zeit waren die Yankees schon so wichtig in der amerikanischen Alltagskultur, das sie zum Ausgangsthema eines Broadway-Musicals wurden, das später auch in Hollywood inszeniert wurde. Es trägt den Titel Damn' Yankees, was der Stimmung im Rest des Landes entsprach. Diese Yankees waren einfach zu gut. Und deshalb verhasst und beneidet. Man denke nur an das Aufsehen, dass die Heirat von Joe DiMaggio mit Marilyn Monroe verursachte. Das war im wahrsten Sinne eine Traumehe, weil sich damals kein Sportler auch nur erträumt hätte, es bis in die Welt der Paparazzi und der Klatsch-Postillen zu schaffen.

Als diese Ära zu Ende ging, hatten die Yankees zwar jede Menge Sportgeschichte geschrieben, aber standen vor einer schwierigen Phase. Dann kam George Steinbrenner, der Nachfahre eines Reeders aus Ohio, der mit seinem Geld und seinem autoritären Charakter ein neues Zeitalter im amerikanischen Ligasport einläutete. Von ihm über Jerry Jones bei den Dallas Cowboys und zu Mark Cuban bei den Dallas Mavericks sowie zu den (amerikanischen, russischen) Hyper-Spekulanten, die sich in die Premier League verirrten, führt eine ziemlich gerade Linie. Und auch diese Phase wurde von der amerikanischen Entertainment-Industrie auf ihre Weise widergespiegelt. George Steinbrenner wurde in den neunziger Jahren in Seinfeld, der erfolgreichsten Sitcom aller Zeiten, zu einer Figur. Während alle anderen Rollen in der Serie fiktiv waren, war Steinbrenner, Spitzname The Boss, er selbst. Die Besonderheit: Man sah ihn meistens nicht von vorne, sondern meistens von hinten. Seine Texte wurden von einem Schauspieler gesprochen – in jenem abgehackten, herausgepressten, rauhen Tonfall, für den er bekannt war. Denn George Steinbrenner war – zumindest in den USA – tatsächlich berühmt geworden.

Sein interventionistischer Stil bei den Yankees führte zu unterschiedlichen Resultaten. Er kaufte teure Spieler ein, wechselte Trainer nach kurzer Zeit aus – das produzierte zunächst ziemlich wenig. Er war abergleichzeitig in der Lage, die Yankees-Mystik in hochdotierte Fernsehverträge im Lokal-TV umzumünzen. Steinbrenner war der Wegbereiter jenes Netzes aus regionalen Fernsehkanälen, wie man es sich heute nicht mehr wegdenken kann. Als Populist verstand er es selbstverständlich auch, die Stadt New York unter Druck zu setzen, der das alte Stadion gehörte, in dem die Yankees für eine lächerlich geringe Miete nur Gast waren. Zwischendurch drohte er, mit dem Club nach New Jersey umzuziehen. Danach wollte er unbedingt in Manhattan ein neues Stadion haben, denn in der schmuddeligen Bronx wirkte sein Yankees-Brand zunehmend angeschabt.

Aber schließlich war er in der Lage, mit seinen Millionen eine Mannschaft auf die Beine zu stellen, die wieder die World Series gewann. Mit den Erfolgen ab Mitte der neunziger Jahre – und sicher auch mit dem Alter – wurde Steinbrenner gnädiger und toleranter. Irgendwann gab er das Management an seine Familie ab und genoss die sportlichen Erträge seiner Arbeit. Das Denkmal, dass er der Nachwelt hinterlässt, ist ein nagelneues Stadion gleich neben dem alten, dass im letzten Jahr eröffnet wurde.

Steinbrenners Rolle als Supporter von Richard Nixon hätte ihn beinahe ins Gefängnis gebracht. Er kam mit einer Geldstrafe davon. Sein Versuch, den Ruf des ehemaligen Yankees-Profis Dave Winfield zu schädigen, handelte ihm eine dreijährige Sperre von Major League Baseball ein. Eigentlich lautete das Urteil auf lebenslänglich. Aber nach drei Jahren wurde er wieder rehabilitiert. Rechtzeitig zu dem Lauf seiner Spieler, die zwischen 1996 und 1999 unschlagbar schienen.

Steinbrenner starb heute im Alter von 80 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Als den Club 1973 erwarb, musste er 10 Millionen Dollar bezahlen. Die Yankees sind heute rund 1,6 Milliarden Dollar wert.

Einer seiner Seinfeld-Auftritte in echt:


Co-Produzent Larry David als Steinbrenner:


Sehr ausführlich und lesenswert zu diesem Thema: dogfood bei allesaussersport

Plus: Steinbrenner-Bilder im Archiv von Sports Illustrated:

12. Juli 2010

Stadt zwingt Team zum Bleiben: Mit riesigen Subventionen

Es wäre alles halb so schlimm, wenn amerikanische Politiker nicht dauernd ganz ganz generell gegen Subventionen wettern würden. Wenn sie Kultur und Museen und Theater fördern würden und nicht alles einfach dem kleinsten gemeinsamen Trash-Geschmacks-Nenner überlassen würden. Stattdessen schmeißen sie immer wieder den Eigentümern von Sportclubs (und damit den überbezahlten Athleten) das Geld des Steuerzahlers in den Rachen. Angeblich ist das gut für die Förderung des Lokalstolzes und soll auch Arbeitsplätze schaffen (klar: für Hot-Dog-Verkäufer und Parkwächter). Die Liste ist ellenlang und riecht nach einem System, bei dem die Wohlhabenden und Gutvernetzten den politische weniger gut Vertretenen in die Tasche fassen. Jüngstes Beispiel: die Indiana Pacers zwangen die Stadt Indianapolis, 33,5 Millionen Dollar auszugeben, um auf diese Weise die Abwanderung des Teams zu verhindern. Das Geld geht in die Unterhaltung der Halle in der Innenstadt (Conseco Fieldhouse) und riecht nach einem hübschen Geschenk. Denn der Club ist der de-facto-Manager der Arena und verdient an allem mit, was sonst noch dort auf die Beine gestellt wird. Um diese Geschäfte abzuwickeln, verlangten die Pacers einen Zuschuss und erhielten zehn Millionen Dollar pro Jahr von der Stadt.

Schon klar, wer den Schaden hat... Die Mannschaft ist auch noch extrem grottig und wird bis auf weiteres keine Rolle in der NBA spielen. Der Interessante im Team: Tyler Hansbrough, der vor einem Jahr aus dem überragenden Pool der Jungs von North Carolina gedraftet wurde.

10. Juli 2010

LeBron & Co. – im Zirkus der Alpha-Tiere

Das größte Spektakel abseits vom Spielfeld, das die NBA je erlebt hat, hinterließ am Ende nur einen faden Eindruck. Es ging zwar um viel. Schließlich war (ist?) LeBron James der rundum beste Spieler in der Liga. Aber das ändert sich nicht durch seinen Wechsel zu einem anderen Club. Er wird, was seine Solo-Performances angeht, in Miami nicht mehr bieten als in den sieben Jahren bisher in Cleveland. Wenn man so will: das Beste von LeBron James haben wir bereits gesehen. Im neuen Trikot mit der Nummer sechs wirken die Kabinettstückchen nicht besser.

Wovon wir allerdings nur einen Vorgeschmack erhalten haben, ist die extreme ESPN-fizierung der Sportberichterstattung. Denn die Sondersendung am Donnerstagabend aus Greenwich/Connecticut sorgte für eine bemerkenswerte Einschaltquote. Der Rating-Wert belief sich auf 7,3, was ungefähr acht Millionen Haushalten entspricht. Das ist das Grundrauschen, um einen Begriff aus der WM-Berichterstattung von dogfood auf allesaussersport zu entlehnen. Eine Kennziffer für den Buzz, der dem Basisinteresse in den USA an einer Figur wie LeBron James, entspricht wenn ein paar Kriterien erfüllt werden:

• Die Ausstrahlung muss in der Prime Time stattfinden.
• Das Sportangebot auf anderen Kanälen muss dünn sein.
• Es muss vorher hinreichend Spannung aufgebaut worden sein, damit die Mitteilung der bereits gefassten Entscheidung als besonderes Ereignis verkauft werden kann.
• Es müssen sich hinreichend andere Medien-Outlets nicht zu schade sein, um den Vorgang selbst tagelang aus allen spekulativen Richtungen zu beackern.
• Die Hauptfigur muss ein Sympathieträger sein, vom dem sich viele wünschen, er käme womöglich auch zu ihrem Club.

Die Ironie der Geschichte ist: LeBron James selbst hat in der Abteilung "Sympathieträger" an diesem Abend sehr viel Kredit verspielt. Da half es auch nichts, dass er ESPN den Weg verbaute, aus dem Event mehr als 2 Millionen Dollar an Werbeeinnahmen zu vereinnahmen (die Werbespots wurden von einem eigens von James und seiner Marketingfirma gegründeten Unternehmen an langjährige Werbepartner verkauft und die Einnahmen angeblich für wohltätige Zwecke bereitgestellt). Die Einlassungen über die Gründe seines Wechsels wirkten schlichtweg nicht begründet, sondern fischig. Denn dass jemand wie er mit den Cleveland Cavaliers keine Titel gewinnen kann, ist schlichtweg nicht wahr. Die Mannschaft zeigte Jahr und Jahr in leicht unterschiedlichen Besetzungen, dass sie Chancen auf die Meisterschaft hat. Die einzige Frage, die sich über die Zeit stellte, war: Ist LeBron James als Star einer Mannschaft überhaupt in der Lage, solch eine Leistung zu produzieren? Es ist die gleiche Frage, die man sich bei Dirk Nowitzki vorlegt. Manche Basketballer sind einfach keine Meisterschafts-Typen, weil sie die innere Struktur eines Teams nicht auf eine Weise dominieren wie das etwa Michael Jordan bei den Chicago Bulls getan hat. In Chicago vergingen übrigens auch viele Jahre, ehe die Bulls eine Formation zusammen hatten, die mehr war als eine Jordan-Highlight-Show. Nicht zu unterschätzen: Der Trainerwechsel, der Phil Jackson, Tex Winter und die Triangle Offense zu den Bulls brachte.

Das heißt: Der Wechsel ist ein Eingeständnis von Schwäche. Das ist a priori kein Problem. Basketball ist eine Mannschaftsportart. Da braucht man eine Reihe von guten Leuten, um eine derartige Mammutsaison an der Spitze zu beenden. Und ebenso ein hervorragendes Trainerteam, das im entscheidenden Moment mit taktischen Geniestreichen aufwarten kann. Aber die Vermarktungsarena rund um den Sport von heute tickt nicht derart differenziert. Alles in der Außendarstellung – vor allem in der NBA – baut sich auf eine Reduktion der Auseinandersetzungen auf dem Platz auf eine Willensleistung der Stars im direkten Spiel gegeneinander auf. Die Medien sind auf diesen Alpha-Tiere-Zirkus hereingefallen und stricken an den entsprechenden Mythen. Sei es in der Vorberichterstattung, wenn die Begegungen von Teams mit namhaften Profis als Duell der stars charakterisiert wird, oder in der Nachbearbeitung, wenn am liebsten spektakuläre Einzelleistungen gefeiert werden. In diesem Schema sah das bisher so aus: In Cleveland war James der King. In Miami ist das Dwayne Wade. LeBron – ein König ohne Land.

Diese Denkfixierungen auf Individuen und deren Persönlichkeitsmerkmale macht nirgendwo halt. So hatten sowohl Dwayne Wade in einem Fernsehinterview bei ESPN als auch LeBron James bei seinem seltsamen Auftritt erklärt, dass sie mit dem seit zwei Jahren amtierenden Trainer Erik Spoelstra zusammen werden. Woher kam die Neugier nach Spoelstra? Nun Team-Präsident Pat Riley hatte schon einmal einen jüngeren Trainer, den er selbst installiert hatte, ohne erkennbaren Grund auf die Seite geschoben und sich selbst wieder zum Inszenator Rex ernannt. Das war die Saison, in der Miami am Ende zum ersten und bisher einzigen Mal die Meisterschaft gewann. Der geschasste Stan van Gundy (offiziell hatte er seinen Rücktritt eingereicht, um "mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen"), zeigte wenig später in Orlando, was er kann. Rileys Post-Titel-Phase hingegen entblößte ihn schließlich als Kaiser ohne neue Kleider. Der höchst unzufriedene Shaquille O'Neal wurde nach Phoenix weggetauscht (für Shawn Marion and Marcus Banks). So zog er sich 2008 wieder in die Chefetage zurück und übergab seinem langjährigen Assistenten Erik Spoelstra den Posten.

Spoelstra hat in der NBA nur in einem Club gearbeitet – bei den Miami Heat, wo er 1995 als Videospezialist anfing und sich allmählich nach oben arbeitete. Als die Mannschaft nach zwei Niederlagen in der Finalserie 2006 gegen die Dallas Mavericks im letzten Viertel des dritten Spiels einen Rückstand von 13 Punkten aufholte und das Match gewann und anschließend auch die Serie, war Spoelstra Chefscout und Taktikfuchs auf der Bank. Eine Rolle, die er heute gerne herunterspielt. Ich nehme mal an, weil man das in der Zunft so macht. Und weil er nicht den Eindruck erwecken möchte, als bräuchte eine Figur wie Pat Riley wirklich Hilfe.

Niemand sollte sich wundern, wenn die Spekulationen eintreffen, die seit gestern von der New York Daily News und von yahoo gestreut werden. Bis zum Beginn der Saison ist es noch weit. Ich tippe allerdings, dass Spoelstra, der mit einer nicht besonders guten Mannschaft in der ersten Runde der Playoffs gegen die Boston Celtics ausschied, eine ganze Weile lang fest im Sattel sitzen wird. Der Rest hängt, wie immer, von den Ergebnissen ab, die die Mannschaft einfährt.

Mehr zu dem LeBron-Tamtam gleich im Deutschlandfunk in der Sendung Sport am Samstag (Beginn: 19.10 Uhr).

Sehr zu empfehlen: Diese Betrachtung von Matt Taibbi im Rolling Stone zum Donnerstags-Ereignis und den Weiterungen dieses Inszenierungsstils aus der Reality-TV-Ecke auf das amerikanische Fernsehen und die von der Medienkultur beherrschte amerikanische Politik.

8. Juli 2010

Wade und Bosh und James gehen zusammen auf Kaperfahrt

LeBron geht zu LeHeat. Der Deal geht über fünf Jahre, aber nicht für die volle mögliche Summe. Die Details müssen noch ausgehandelt werden. Es ist das Modell, das man bei den Boston Celtics probiert hat, wo es geklappt hat. Garnett und Allen wurden geholt, um mit Pierce zusammen einen Dreier-Nukleus zu bilden. Drumherum wurde mit preiswerten Restbeständen ein funktionierendes Gerüst gebaut. Was einmal funktioniert, kann natürlich auch zweimal hinhauen. Aber bis auf weiteres hat man in Miami nicht mal genug Spieler. Und viel Geld können Sie den Stützpfeilern auch nicht bieten. In Cleveland gehen jetzt die Lichter aus (nachdem die LeBron-Trikots abgefackelt sind, die enttäuschte Anhänger seit einer Stunde in Brand stecken).

Blick zurück: Der Cleveland-Blues

7. Juli 2010

Die Welt von Tiger Woods ist flach

Die beste Frage an einen berühmten Sportler weltweit in diesem Sommer, gestellt von einem irischen Journalisten am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Adare (mit Video):

"Mit dem jüngsten Verhalten und den Problemen, die Sie gehabt haben...in einer Zeit, in der Sie riskieren, die Familie zu verlieren, einen Werbepartner zu verlieren, was mit solchen Dingen Hand in Hand geht, denken Sie manchmal darüber nach und fragen sich: War es das wert?"

Gestellt wurde sie Tiger Woods. Dessen Antwort ist erhellend: "Sie graben zu tief."

Wann werden amerikanische Golfjournalisten wohl anfangen, ihrem Landsmann mit ähnlich gründlichen Bohrungen ins Gehirn zu blicken? Oder wollen US-Medien es gar nicht so genau wissen, aus Angst sie könnten den Abstieg ihres wichtigsten Einschaltquotenbringers beschleunigen?

Die LeBron-Vertragsshow geht auf Sendung

LeBron James wird am Donnerstagabend bei ESPN live seine Entscheidung darüber bekanntgeben, bei welchem NBA-Club er einen Vertrag abschließen wird. Welches Schweinderl er gerne hätte? Die Gerüchte machen den Eindruck vom Inneren eines anderen Tieres – einer geschlachteten Gans (oder was die Auguren im alten Rom für ihre Vorhersagen genommen haben). Falls Dwayne Wade bleibt und Chris Bosh auf seine Seite zieht (danach sieht es zur Zeit aus), hat James zwar theoretisch auch die Möglichkeit, nach Florida umzuziehen. Aber das wäre ein Riesenschritt weg aus Ohio. Mit Stoudamire zu den New York Knicks und der Entscheidung von Dirk Nowitzki in Dallas zu bleiben, sind weitere Puzzlestücke vom Tisch. Wen holen die Mavericks, um endlich eine Grade A-Mannschaft zusammenzubauen? Die Ortszeitung spekuliert, dass Jermaine O'Neal in Frage kommt, sollte es Brendan Hawywood woanders hinziehen. Gleichzeitig wird der Dirkster mit seiner Einschätzung zitiert, wonach ein Center im heutigen Spiel nicht mehr besonders wichtig ist. Bewegliche Allrounder seien entscheidender. Konkrete Namen allerdings nennt er nicht. Was dafür spricht, dass die Besten von denen – also Wade, Bosh und LeBron – für die Mavericks unerreichbar sind. Nowitzki mag ja finden, dass Dallas eine attraktive Stadt ist. Aber das klingt aus dem Mund von jemandem, der außer Würzburg sonst noch nirgendwo anders gelebt hat, nicht besonders überzeugend. Immerhin darf man Chefmanager Donnie Nelson zutrauen, dass er im Hintergrund und leise zu antichambrieren versteht und ein paar Möglichkeiten entdeckt, die andere gar nicht sehen. Abwarten, also.