14. Mai 2008

Zweimal die halbe Wahrheit ist auch eine ganze


Zuerst war da diese neue Werbeidee der NBA, jeweils zwei namhafte Spieler einen pathetischen Text über den Stellenwert des Basketball-Championat sprechen zu lassen. Vom gestalterischen Prinzip her genial. In der Umsetzung gelungen. Die Beispiele lassen sich jetzt leicht auf YouTube finden. Zur aktuellen Playoff-Serie zwischen Cleveland und Boston siehe das Video oben.

Die Einprägsamkeit und Eindeutigkeit hat kreative Bastler herausgefordert, es mit der einen oder anderen Parodie zu probieren. Da zählt dann mehr die Idee und weniger die Umsetzung. Denn keiner von denen besitzt das Geld oder die technische Ausstattung, um mit der NBA mitzuhalten. Ein paar Beispiele hat der Medien-Journalist Daren Rovell auf CNBC.com zusammengetragen. Bei denen geht es nicht nur um Sportler. Was schade ist: Allein die Barry Bonds/Roger Clemens-Parodie zeigt, dass man im US-Sport noch so manche Figur in knapp 30 Sekunden herrlich auf die Schippe nehmen kann (via SportsbyBrooks).

13. Mai 2008

Abschied von Suite 1402

Aus der Abteilung: "Über Geschmack lässt sich nicht streiten". Dies ist die Etagenwohnung von Herrn Avery Johnson, die er gleich nach seinem Abschied von den Dallas Mavericks auf den Markt getan hat. Er möchte für das schmucke Stück mehr als 4 Millionen Dollar haben. Und das obwohl die vergleichbar große Nachbarwohnung soeben nur auf 2 Millionen Dollar geschätzt wurde. Es handelt sich nach Angaben von db.com übrigens um die Suite Nummer 1402 im Ritz-Carlton-Condominum-Hotel, woraus man ableiten kann, dass der Trainer einst vom 14. Stock aus auf die Welt herunterblickte und sich eine Mannschaft erträumte, die dann doch nicht so wollte wie er. Averys Stilwelt in seiner ganzen Pracht gibt es auch noch auf der Webseite des Immobilienmaklers, von der wir uns das bezeichnendste Bild einfach heruntergeladen haben. Hat-Tip an den Dallas Mavericks Blog der Morning News.

Avery wird nicht gleich verarmen. Auch nach der Kündigung bekommt er das Geld vertragsgemäß ausgezahlt: 12 Millionen Dollar in den nächsten drei Jahren. Es sei denn, er kommt woanders unter. Aber dann wird er dort vermutlich eher mehr verdienen und nicht weniger.



Wie der neue Mann wohnt, wissen wir nicht. Wie er tickt, allerdings schon eher. Auch wenn dieses Statement bei seinem derzeitigen Arbeitgeber ESPN eher dürftig ausfiel. Die Pressekonferenz ist für morgen Mittwoch geplant.

NHL: Rauswurf für Ron Wilson in San Jose

Wenn es so etwas wie einen deutschen Club in der NHL gibt, dann sind es die San Jose Sharks. Nachdem Marco Sturm dort jahrelang als Stürmer rackerte, wurde Christian Ehrhoff als Verteidiger zum Stammspieler. Und auch wenn sich Marcel Goc wahrscheinlich in diesem Jahr aus der Mannschaft gespielt hat, sind da noch die beiden deutschen Torleute Thomas Greiss und Dimitri Pätzold im Farm-Team in Worcester an der Ostküste, die immer mal wieder in der NHL auf der Ersatzbank Platz nehmen durften. Darüberhinaus hatte man lange Zeit die Rechte am Rosenheimer Goalie Patrick Ehelechner (die wurden im Sommer 2006 allerdings an die Pittsburgh Penguins weitergereicht).

Wie sehr diese Pipeline etwas mit Ron Wilson zu tun haben könnte, lässt sich schwer beurteilen. Ein NHL-Team beschäftigt Scouts. Und die endgültigen Entscheidungen über die Verpflichtung von Spielern trifft der General Manager. Aber auf irgendeiner Meta-Kommunikations-Ebene darf man wohl vermuten, dass der Coach eine Affinität zum deutschen Nachwuchs besitzt. Und das, obwohl er durch seine Jahre als Spieler in der Schweiz eher eine Affinität für die Eisgenossenschaft haben sollte.

Gestern hat Ron Wilson seinen Posten als Cheftrainer der Sharks verloren.
Der Mann war zwar der beste Regular-Season-Coach der letzten Jahre, aber so etwas beindruckt im niemals eiskalten Kalifornien schon länger niemanden mehr. In Silicon Valley will man endlich den Pott Und weshalb auch nicht? Das Potenzial ist da. Was in den letzten Jahren fehlte, war die Durchsetzungskraft und der X-Faktor. Und am Ende muss man für solche Defizite einen Trainer in die Pflicht nehmen (Einschub: Siehe Dallas Mavericks, wo man soeben mit Rick Carlisle einen bemerkenswerten Nachfolger für Avery Johnson gefunden hat. Einen Game Coach, wie er im Buche steht. Einen Mann, der endlich eine Mannschaft rund um Dirk Nowitzki herum aufbauen und auf ihn einkalibrieren wird und der nicht versuchen wird, Nowitzki zu einem anderem Spieler zu machen, als er tatsächlich ist. Einschub Ende).

Wilson ist 52 Jahre alt und muss sich nach Trainer-Stationen in Anaheim, Washington und zuletzt San Jose keine Sorgen machen, einen neuen Job zu finden. Um dort sein altes Karriereziel weiterzuverfolgen, das er mir bei einem anregenden Interview vor ein paar Jahren so beschrieben hat: "Mein Vater und mein Onkel haben ihn gewonnen. Ihre Namen stehen auf dem Cup. Ich kann mir nichts Befriedigenderes vorstellen, als meinen Namen auch darauf wiederzufinden."

12. Mai 2008

Ein neuer Polen-Witz

Weil es in den USA keine Ostfriesen gibt (und nur sehr wenige Österreicher) wurde der gleiche Witzevorrat schon vor vielen Jahren auf eine etwas zahlenstärkere Minderheit gemünzt: auf die Polen. Kein Wunder, dass jetzt ein paar Leute gelacht haben, als sie erfuhren, dass es irgendwo in der Pampa von Michigan eine National Polish-American Sports Hall of Fame gibt. Die Pointe hatte aber vor allem mit dem Namen Christian Laettner zu tun. Und mit der Tatsache, dass dieser Laettner nach dem Ende seiner erfolgreichen Laufbahn an der Universität Duke und nach seinem Auftritt im Dream Team von Barcelona in der NBA zu einer eigenen Lachnummer wurde. Er spielte unter anderem bei den Dallas Mavericks, den Minnesota Timberwolves, Atlanta Hawks, Detroit Pistons, Washington Wizards und Miami Heat. Einen journeyman nennt man so jemanden.

Den polnischen Anteil hat seine Mutter in die Familie eingebracht, deren Vater mal den Ursprungsnamen der Familie – Turkowski – in Turner verwandelte. Bisher dachten wir das polnischste an dem Basketballer sei sein Trainer bei Duke gewesen, der Mann mit dem Zungenbrecher-Namen Krzyzewski.

Kaputte Knie oder was war wohl Darwins Lieblingssport?

Wo wir gerade über Frauenfußball sprechen: Die Sportart hat in den USA eine enorme Reichweite. Millionen von Mädchen kicken in Schulmannschaften aller Altersgruppen quer durchs ganze Land. Da bleibt es nicht aus, dass sich einige von ihnen verletzen. Neu ist das nur für ehrgeizige Eltern von ehrgeizigen Kindern, die dachten, Fußball sei eine Art von Yoga-Klasse mit Ball. Das passiert vermutlich Leuten, die nicht mit dem Spiel aufgewachsen sind und die nicht sonntags um den Platz herumgeschlichen sind, wenn die Großen um Punkte kicken, immer auf der Flucht vor dem Kassierer mit der Zigarrenkiste und den numerierten Abreißfitzeln. Wenn mich nicht alles täuscht, kam schon damals immer wenigstens ein Sanitäter selbst zu Kreisligaspielen. Und durch die Arbeit an kaputten Knien erwirtschaftete sich die "Sportlerheilstätte" Hellersen ein paar Kilometer weiter ihren legendären Namen.

Wie gesagt: Neu ist das nur für Amerikaner. Die gehen dann gleich noch einen ganzen Schritt weiter und behaupten auch ohne abgesichertes Zahlenmaterial, dass Mädchen weit häufiger im Fußball Bänderrisse erleiden als Jungen. Das wäre nur halb so wild, wenn nicht die New York Times am Wochenende eine ganze Titelgeschichte in ihrem Magazin dazu verschwendet hätte, den unbewiesenen Sachverhalt durch meterlange Dönekes zu ersetzen und so zu tun, als sei das individuelle Verletzungsrisiko eine massive Gefahr für das soziale Wohlergehen einer Unzahl von Betroffenen (weil sie monatelang nicht mitmachen können und sich dadurch aus der Gruppe ausgeschlossen fühlen, die ihnen doch alles bedeutet). Und als sei es ein Risiko für ihre Aussichten auf ein über den Sport vorangetriebenes Stipendium an der Universität. Oder um es kürzer zu formulieren, was der Autor da murmelt: Mädchen, die Sport treiben, ruinieren womöglich ihr Leben, wenn ihnen nur jemand von hinten auf die Socken tritt.

Vor 30 Jahren hätte man mit solchem Kokolores vielleicht noch die emanzipatorischen Bemühungen um Mädchensport an die Wand fahren können. Inzwischen jedoch gibt es Frauen, die gleich montags den sorgsam zusammengekehrten Gedankenmix einfach auseinanderfieseln und auf das reduzieren, um was es geht: um einen Propagandaversuch.

Eine ganz andere Frage ist, ob Jungen UND Mädchen in den USA nicht womöglich viel zuviel trainieren und zuviel organisierten Sport betreiben. Es gehört nämlich zu den merkwürdigen Entwicklungen in diesem Land, dass man Kinder nicht einfach nachmittags sich selbst und ihrer eigenen Kreativität überlässt, sondern sie gezielt in Programme hineinschiebt, in denen es nur in zweiter Linie um Sport und Körperertüchtigung geht. In erster Linie geht es um die Züchtung von Selbstbewusstsein, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit, also um den angewandten Darwin, der in den Vereinigten Staaten im menschlichen Zusammenleben ungefiltert zur Herausformung von Charakter und Persönlichkeit genutzt wird. Die Ellenbogen-Gesellschaft, die auf diese Weise perpetuiert wird, wurde vielerorts schon beschrieben und beklagt. Das müssen wir an dieser Stelle nicht noch einmal tun.

Kai aus der Kiste

Es war vor noch gar nicht langer Zeit schlichtweg genug, sich sein Hemd vom Leib zu reißen und dergestalt halbentblößt im BH über den Platz zu rennen. So machte sich die Amerikanerin Brandi Chastain jenen Namen, zu dem es vielleicht andernfalls nicht gereicht hätte. Der Ball ist rund und dreht sich weiter. Dieser Tage muss man als Kickerin unterm Leibchen jede Menge Tätowierungen tragen, um aufzufallen. "Sie ist verrückt", sagen sogar ihre Mannschaftskolleginnen über Natasha Kai. Was man wohl nicht nur an den Hautbemalungen ablesen kann, sondern noch an so manchem anderen Erscheinungsmodalitäten. An ihrer MySpace-Seite zum Beispiel, wo sie mit diesem Foto den Stand der Dinge dokumentiert. Oder in diesem Video ihrer Sponsorfirma Nike

Sie kann übrigens auch mit dem Ball umgehen. Siehe hier.

10. Mai 2008

Sportblogs in den USA: Zeit für Qualitätsdebatten und Kritik

Dies ist eine Einladung zu einem geistigen Spagat für alle, die sich für die Sportbloggerei interessieren und die wissen wollen, was unsere amerikanischen Vorreiter erleben. Um die Übung gut hinzubekommen, sollte man ein paar Eckdaten kennen:
Deadspin ist der erfolgreichste Sportblog der USA, sein Hauptschreiber und Vorturner heißt Will Leitch. Er hat vor ein paar Monaten ein Buch herausgebracht und sich damit noch einen Hauch stärker profiliert.
HBO ist ein Pay-TV-Sender, der im Laufe der Jahre viele gute neue Serien (Sopranos, Sex and the City) und Fernsehformate entwickelt hat und auf eine eklektische Weise auch Sport-Themen serviert.
Bob Costas ist ein Sportfernsehmoderator mit einem guten Namen und bei NBC unter Vertrag. Bei HBO geriert er sich als Medienmann, der in seiner Talk-Show über allem zu stehen versucht. Mit Bloggern kann er nichts anfangen - wie so viele approbierte Journalisten von altem Schrot und Korn.
H. G. "Buzz" Bissinger galt dank eines Pulitzer-Preises als überdurchschnittlich begabter Sport-Autor. Seit seinem Auftritt bei Costas gilt er eher als schlecht informierter Meckerfritze, dessen Probleme man gar nicht richtig versteht.

Wer wissen will, was da neulich bei Costas passiert ist, möge über diese Seite einsteigen und sich erst einmal die Videoaufzeichungen anschauen. Für den zweiten Gang empfehlen wir diese Betrachtung vom Blog The Big Lead, die die seltsame Attacke gegen Leitch (“[Blogging] really pisses the shit out of me. It is the dumbing down of our society.”) in einen erhellenden Zusammenhang stellt. Aber man muss Leitch nicht unbedingt einen Freispruch aushändigen. In den letzten Tagen wurde dieses Radio-Interview mit ihm wieder hochgespült, das einen Mann zeigt, der zwar gerne so tut, als habe er ein durchdrungenes Verhältnis zur Beschäftigung mit Sport. Aber vermutlich ist er nicht mehr als der Protyp des spätpubertierenden Energiebündels, der schnell schreibt und schnell Witze reißt und erst, wenn alles publiziert ist, entdeckt, wie unreflektiert er dabei arbeitet.

Leitch hat viele Fans, vor allem unter anderen Bloggern, die eine enorme Menge an Besuchern abstauben, wenn er einen Hinweis auf eine Geschichte gibt. Viele Kritiker unter Gleichgesinnten hat er nicht. Umso bemerkenswerter war der Text von Jason Whitlock, der nach der Sendung nicht nur das Gesehene durchkaute, sondern einen neuen Gedanken in die Debatte einführte: Es sei an der Zeit, dass sich Sportblogger mal etwas kritischer miteinander beschäftigen – etwa nach der Art wie der bildblog mit der Bild-Zeitung verfährt. Und in einem Interview mit dem Blog Fanhouse erläuterte er die Konstellation noch etwas genauer.

Neben seinen kritischen Anmerkungen sagte er noch folgendes: "Die Zeitungsindustrie hasst alles, was anders ist. Und die Manager von Zeitungen haben keine Ahnung, wieso Blogger Erfolg haben ... Blogger sind eine gute Sache. Sie sind großartige Wachhunde für die etablierten Medien."

Heumacher vom Rechtsausleger: Das Urteil gegen die Hartplatzhelden

Die schlechte Nachricht: Die Hartplatzhelden haben den Prozess, den der Württembergische Fußballverband gegen sie angestrengt hat, verloren. Die gute Nachricht: Die Hartplatzhelden lassen sich nicht von einem Urteil in der ersten Instanz einschüchtern. Sie werden Berufung einlegen. Vielleicht stoppt ja die nächste Instanz den Irrsinn einer solch absurden Rechtsauslegung. Bislang fehlt die Begründung für das Urteil aus Stuttgart. Deshalb kann man auch noch nicht abschätzen, welche Schöpfungshöhe die kreative Leistung des Gerichts besitzt. Demnächst mehr. Hier der Beitrag von dieser Stelle aus, der begründet weshalb der Verband aufgrund seiner eigenen Satzung gar nicht das Recht hat, sich kommerzielle Rechte zuzusprechen: Weil sie als Geschäftemacher unter anderem gegen den Gemeinnützigkeitsgrundsatz verstoßen, dem sich der Verband verpflichtet hat. Ganz zu schweigen davon, dass er die Rechte gar nicht besitzt.

5. Mai 2008

Scharapowa: 300.000 Dollar Strafe?

Für Maria Scharapowa scheint die Welt aus zwei Sorten von Leuten zu bestehen. Die eine Sorte, das ist sie. Und die andere, das sind die nützlichen Idioten, die ihr bei ihrem Versuch helfen, so viele Tennisturniere wie möglich zu gewinnen (und die dazugehörigen lukrativen Werbeverträge). So vermag sie denn auch nicht einzusehen, dass eine Untergruppe der Nützliche-Idioten-Fraktion - die WTA - von ihr hin und wieder ein paar Gegenleistungen verlangt. Die WTA sorgt für die Turniere und braucht dafür Werbefilme, um das Rad in Schwung zu halten. Offensichtlich können sich Spielerinnen, die einen WTA-Aufnäher auf dem Oberteil tragen, aus dieser Verpflichtung herausmanövrieren. Denn auch das ist Werbung. Aber Scharapowa trägt den nicht. Dafür nörgelt sie auf ihrer Webseite herum, dass sie ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit abtreten soll oder andernfalls laut den Regeln der WTA 300.000 Dollar abdrücken muss. Sie hätte gerne ein paar Ratschläge von den Fans, was sie tun soll. Dass sie sich für Hinweise von Nicht-Fans interessiert, braucht man nicht anzunehmen.

Noch eine Anmerkung: Scharapowa nennt einen Fototermin einen "shoot". Das ist die korrekte Form. Selbst wenn man in Deutschland denkt, so etwas hieße "Shooting" und das Wort pausenlos - falsch - benutzt (via SportsByBrooks)

1. Mai 2008

Die cuban-ische Lösung

Mark Cuban hat uns endlich den Wunsch erfüllt, den wir schon lange gehegt haben. Er hat das eigentliche Problem der Dallas Mavericks in Angriff genommen: die Position des Cheftrainers. Der Abschied von Avery Johnson passierte sehr schnell nach der Niederlage und war natürlich Grund genug, sich um das Thema zu kümmern.