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17. Januar 2008

Gretchen ist ein Aschenputtel

Die meisten Leute würden sicher sagen: Hey, es handelt sich um die Asche von einem toten Pferd. Wegwerfen, verstreuen, fertig. Nicht so schnell, sagt das tapfere Gretchen, dass sich monatelang mit der Entscheidung herumplagte: Schläfern wir Barbaro ein oder nicht? So was will überlegt sein. Gut überlegt sein. Und so steht die Urne noch immer irgendwo herum und ist nicht standesgemäß deponiert. Ein Museum soll die Überreste erhalten. Aber bloß welches? (via Deadspin)

5. Mai 2007

Der Stammbaum-Club hat hohen Besuch

Ein Jahr nach dem überragenden Sieg von Barbaro beim Kentucky Derby findet heute in Louisville die Neuauflage statt. Und obwohl eine neue Generation von Dreijährigen am Start ist, wollen fast alle nur über Barbaro reden, der letzten Mai ein Rennen später in Baltimore mehrere komplizierte Beinbrüche erlitt und dann doch irgendwann trotz enormer und teurer Bemühungen in einer tiermedzinischen Klinik in Pennsylvania eingeschläfert werden musste (mehr über das Phänomen Barbaro in diesem Artikel in der FAZ aus dem Januar) Bis der vor kurzem geborene Bruder von Barbaro so weit ist und zeigen kann, ob in ihm das Potenzial eines guten Galoppers steckt, wird noch sehr viel Zeit vergehen. Die Nachricht von seinem Entstehen zeigt jedoch, dass sich die Barbaro-Besitzer einige Hoffnungen machen und auf jeden Fall jene Tierliebe weiter anstacheln werden, die in der Zucht von Vollblütern auf einen seltsamen biologischen Mythos reduziert wird: den Stammbaum. Da passt es ganz gut, dass sich Fernsehkameras heute bei der Live-Übertragung vermutlich auf eine Person konzentrieren werden, die in der Loge von Churchill Downs sitzt und die den Amerikanern im letzten Jahr mit Hilfe eines oscar-preisgekrönten Kinofilms (The Queen) wurde. Pferdefreundin Elizabeth II., Repräsentantin der alten, anderswo längst auf die Müllhalde der Geschichte geworfenen Prinzips, wonach Herkunft und Abstammung darüber entscheiden, welche Rolle jemand in der Gesellschaft spielt. Die gute Frau sieht übrigens inzwischen verdammt alt aus. Aber das wird die US-Regie nicht bremsen. Aus Ermangelung echten Adels herrscht in der ehemaligen Kolonie eine unausrottbare Faszination mit der Familie Windsor, die während der Zeit mit Diana ihre Blüten trieb.
Blick zurück: Barbaro - die Projektionsfläche

31. Januar 2007

Der Tod eines Pferdes

Man kann sich vorstellen, wie die ersten Professoren in den Journalismus-Abteilungen amerikanischer Colleges (ja, das ist ein Fach zum Studieren, mit Abschluss und so) die Liste für die Seminararbeiten noch einmal redigieren und dieses Thema einflicken: Wie kommt es, dass ein halbes Tausend Leute auf der Online-Seite der New York Times in der Kommentarspalte den Tod eines Pferdes betrauern? Und was haben sie zu sagen? Diese sonst so hellwachen, aufgeschlossenen, kritischen Leser der bedeutendsten Tageszeitung der Welt? Sie reden über "schöne und zerbrechliche Kreaturen" und dass sie "gelegentlich geweint" haben, als sie die Nachricht gehört haben und so weiter und so weiter. Es handelt sich zwar nicht um eine ähnliche ausgeprägte Massenhysterie wie beim Tod von Prinzessin Diana, aber um einen ähnlichen Impuls, der in dieser medial so intensiv vernetzten Welt das Verhalten und den emotionalen Haushalt von Millionen von Menschen steuert. Und jeder der das komisch findet, muss sich als herzloser Geselle beschimpfen lassen. Wir trauern....weil es so weit kommen konnte.
Blick zurück: Die Nachricht mit ihren Querverweisen

29. Januar 2007

Barbaro eingeschläfert

Nachdem es lange Zeit so ausgesehen hatte, als ob sich Kentucky-Derby-Sieger Barbaro von seinen schweren Hinterhandbrüchen, der Hufrehe und den zahlreichen veterinärmedizinischen Eingriffen erholen könne, gaben die Besitzer heute auf. Der Hengst wurde einer Meldung von AP zufolge am Montagmorgen in der Klinik in Pennsylvania eingeschläfert, in der er in all den Monaten seit seinem Unfall beim Preakness in Baltimore betreut worden war. Das ist auch das Ende einer seltsamen Barbaro-Verehrung, die sich im Laufe des Sommers im Internet hochgeschaukelt hatte. Aus der Ferne kamen nicht nur Grüße, sondern immer wieder auch Geschenkkörbe mit Karotten und Blumen für den mittlerweile Vierjährigen, der bis zu seinem schweren Unfall zu den vielversprechendsten amerikanischen Galopper der letzten 50 Jahre gehörte. Er hatte jedes Rennen gewonnen, in dem er angetreten war.

Die FAZ publizierte diese Geschichte vor wenigen Tagen über den Kult. Hier ist der erste Arena-Beitrag zum Thema aus dem November. Hier gibt es das YouTube-Video von dem Zwischenfall auf der Rennbahn. Das ist die Kopie der Liveübertragung auf NBC, die das gesamte Rennen zeigt. Wer es gewonnen hat? Den Namen haben sich viele gar nicht gemerkt: Bernadini hieß er. Er hatte sechs Längen Vorsprung.

2. November 2006

Pferdeflüsterer jetzt auch online

Der Spruch war abgehalftert und durchgeritten: Man möge das Denken den Pferden überlassen, lautete der. Denn die hätten den größeren Kopf. Trotzdem müssen jede Menge Amerikaner immer noch daran glauben. Würden sie sonst Pferden schreiben, damit die Stoff zum Denken haben? Das heißt: Eigentlich schreiben sie nur einem - dem Kentucky-Derby-Sieger Barbaro - und zwar besonders intensiv per Message Board bei der Veterinärabteilung der University of Pennsylvania im Internet, wo der Hengst seit seinem schweren Beinbruch und mehreren Operation stetige gesundheitliche Fortschritte macht. Aber dieser Vollblüter steht seit dem Zwischenfall stellvertretend für die ganze vernarrte Tierliebe in diesem Land, die sicher bedeutend höher ist als die Wertschätzung für Menschen von, sagen wir mal, irakischer Herkunft. Sagte jemand Pferdeflüsterer? Dem Vierbeiner wird inzwischen eine gute Prognose gegeben: Nächste Woche soll der Gipsverband abgemacht und durch eine Manschette ersetzt werden. Als denkendes Pferd hat Barbaro sicher schon die Presseerklärung für diesen besonderen Anlass schon getextet. Jetzt muss er sie nur noch ausspucken.