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29. Juli 2009

Sehnsucht nach dem kleinen Karo

Wenn man mal in Cooperstown und in der Baseball Hall of Fame gewesen ist, versteht man die besondere Stellung der Sportart in der amerikanischen Mythologie. Eine kleine, herausgeputzte Stadt am See in einer attraktiven Mittelgebirgslandschaft, die provinziell und traditionell zugleich wirkt, ist das perfekte Passepartout zu jener Mythologie wie sie von solchen kuriosen und gleichzeitig populären Politikern wie Sarah Palin beschworen wird. Die Mehrheit der Amerikaner mag in großen Städten wie New York und aufgedunsenen Agglomerationen wie Los Angeles und den in den Sand gebaggerten exurbanen Ausläufern von Metro-Wohnmaschinen wie Phoenix, San Diego oder Atlanta leben – die Idee, dass das real America, also das echte Amerika, woanders zuhause ist, lässt sich davon nicht beeinflussen. Die Sehnsucht nach dem kleinen Karo in einem so großen Land. Ja, die gibt es. Und sie ist stark.

Es gibt Vorläufer für diese Beharrlichkeit, die zeigen, dass man in den USA unter Selbstreflektion eben nicht so etwas versteht wie Vergangenheitsbewältigung, sondern so etwas wie eine geschönte und gefönte Nachbearbeitung der Realität. Geschichtsbewusstsein kommt so nicht zustande. Man denke nur an den langen Lauf der Cowboy-Filme in Hollywood und im Fernsehen. Bis in die siebziger Jahre wurde ohne Unterlass dieses Genre-Bild gefüttert, das zu dem Zeitpunkt mehr als hundert Jahre alt war und (von wenigen Ausnahmen abgesehen) zu keinem Zeitpunkt den authentischen Westen abzubilden versucht hatte, im gleichen Atemzug aber roboterhaft alle Klischees von Gut und Böse durchratterte.

Wie angenehm zu lesen, dass es im selben Land durchaus Stimmen gibt, die die Luftblase der Wohlanständigkeit und den aufgetragenen Lack des Klischees zum Platzen bringen. Konkret: Das Buch Cooperstown Confidential: Heroes, Rogues and the Inside Story of the Baseball Hall of Fame von Zev Chafets. Mit dem Anstrich "Confidential" produziert das Buch allerdings Erwartungen, die es nicht einlöst. Da wird nichts enthüllt, was nicht bereits bekannt wäre. Sondern einfach nur kompakt zusammengetragen, was oft gerne unter den Teppich gekehrt wird: Dass zu den in Cooperstown geehrten Baseballspielern Leute gehören, die als Drogenhändler verurteilt wurden oder sogar zugegeben haben, dass sie die Regeln ausgetrickst haben, um es in dieses Walhall der Sportart zu schaffen. Das passt übrigens ganz gut zu den aktuellen Diskussionen über die eventuelle Rehabilitation von Pete Rose (der als Trainer auf den Ausgang von Majore-League-Spielen gewettet hat) und die Stimmung gegen die gedopten Stars, denen man gerne die Aufwertung zur Sportlegende verweigern möchte. Man muss wohl nicht das Buch kaufen, aber man sollte vielleicht mal diese Besprechung in der New York Times lesen.

27. Januar 2008

Unnötiges Chang-derassassa

Wenn jemand einen guten Grund nennen kann, weshalb der amerikanische Tennisspieler Michael Chang in die International Tennis Hall of Fame in Newport Rhode Island gehört, möge er sich melden. Aus diesem Artikel geht die Begründung jedenfalls nicht schlüssig hervor. Und nur weil einer mit 17 ein Grand-Slam-Turnier gewinnt und dabei einen Mann wie Ivan Lendl blamiert, muss man ihn doch nicht in einem Sportmusum verewigen. Das kommt davon, wenn eine Institution sich gezwungen sieht, jedes Jahr neue Namen aufzunehmen. Dann werden eben auch Leute geehrt, die man aus guten Gründen längst vergessen hat.

27. Februar 2007

Neuer Versteigerungsrekord bei Baseballkarten: 2,35 Millionen Dollar

Die teuerste Sammelkarte der Sportgeschichte hat erneut ihre Besitzer gewechselt und dabei den erstaunlichen Preis von 2,35 Millionen Dollar erzielt. Über den neuen Eigentümer aus Kalifornien hüllen sich die Auktionäre in Schweigen. meldet Associated Press (via yahoo) Die Karte mit dem Konterfei von Honus Wagner, Shortstop der Pittsburgh Pirates, aus dem Jahr 1909, gehörte einst Wayne Gretzky und einem Geschäftspartner, die dafür Anfang der neunziger Jahre die damals schon stattliche Summe von 451.000 Dollar aufgewendet hatten. Das fragliche Exemplar ist eines von noch existierenden 60, die damals von einer Tabakfirma herausgebracht worden war, die sie in Zigarettenpackungen als Werbemaßnahme wegschenkte. Baseballkarten und ihr Sammelwert beschäftigen vor allem junge Amerikaner seit Generation. Viele kaufen jahrelang alles auf, was aktuell auf den Markt kommt, parken es im Keller oder auf dem Dachboden und hoffen darauf ähnlich wie junge Briefmarkensammler, dass sie eines Tages einen Schnitt machen können. Weil die Leidenschaft für die Karten sich mit der Leidenschaft für das Baseballspiel verbindet, sind sie Teil einer ausgeprägt nostalgischen Beziehung vieler Amerikaner zur Geschichte der Sportart, die seit mehr als hundert Jahren professionell betrieben wird.

Wagner war einer der ersten Spieler, der in die Hall of Fame in Cooperstown berufen wurde, nachdem er 1917 nach einer erfolgreichen Karriere vom aktiven Sport zurückgetreten war.

Übrigens: die Spezialfirma Topps, die heute das Geschäft mit Baseball Cards dominiert, brachte vor dieser Saison die erste gephotoshoppte Version mit Derek Jeter heraus (angeblich ein Versehen - wer's glaubt, wird selig). Unter den Zuschauern auf den Rängen sieht man unter anderem Präsident George W. Bush und den legendären Yankees-Star Mickey Mantle. Die Karte wird inwischen bereits bei ebay versteigert. Aktueller Stand acht Stunden vor dem Ende der Auktion: 122,50 Dollar
Blick zurück: Reminiszenz an Cooperstown
Blick zurück: Eine ganze Generation von schwarzen Baseballprofis wird geehrt

9. Januar 2007

Hall of Fame - nicht für McGwire

Profi-Baseball in Amerika und sein gesellschaftliches Umfeld wird sich womöglich noch 14 geschlagene Jahre mit einem Thema beschäftigen, dass jeder gerne als abgehakt achtlos unters Sofa schieben würde. Oder vielleicht noch länger. Das Gefühl beschlich heute die Kommentatoren, die sich mit dem Votum der Baseballjournalisten beschäftigten, die für eine Aufnahme von Tony Gwynn und Cal Ripken jr. in die Hall of Fame in Cooperstown stimmten, aber diese Ehre Mark McGwire ausdrücklich verwehrten. McGwire ist zum Poster Boy der sogenannten Steroid-Ära geworden, als Baseballspieler immer muskulöser wurden und den Ball immer weiter schlugen, was die Home-Run-Manie der späten neunziger Jahre entfachte.

Dem 43jährigen wurde zum Verhängnis, dass er im Frühjahr 2005 vor einem Ausschuss des Kongresses in Washington mehrfach die Aussage verweigert hatte, als er gefragt wurde, ob er sich in seiner Zeit als Aktiver mit Anabolika aufgepumpt hatte. Denn diese Taktik konnte man eigentlich nur vor dem Hintergrund der Tatsache sehen, dass ein öffentliches Eingeständnis strafrechtliche Folgen nach sich ziehen kann. Anabolika standen zwar in den neunziger Jahren nicht auf der Dopingliste von Major League Baseball, ihr Besitz und ihre Einnahme ohne ärztliche Verordnung war jedoch schon damals ein Straftatbestand.

McGwire kann jedoch nach den Regularien der Hall-of-Fame-Abstimmungen noch 14 Jahre immer wieder neu zur Abstimmung vorgeschlagen werden. Alles, was es braucht, ist die Nominierung eines der wahlberechtigten Fachjournalisten. Erst danach würde sein Name endgültig aus dem Kreis der Aspiranten gestrichen. Doch solange wird es gar nicht dauern, bis die Verklemmungen rund um das Thema Doping im Baseball ein weiteres Crescendo erleben werden. Spätestens wenn der noch aktive Barry Bonds die Bedingung erfüllt hat, um als Kandidat für die Ruhmeshalle nominiert zu werden (fünf Jahre nach dem offiziellen Ende der Karriere), wird die Anabolika-Frage über allen Entscheidungen schweben. Bonds könnte bis dahin immerhin wegen Meineids überführt werden. Seine Zeugenaussagen im BALCO-Verfahren in San Francisco legen den Verdacht nahe, dass er nicht so einfach vom Haken kommen wird wie andere ebenfalls verwickelte Baseball-Profis wie etwa Jason Giambi von New York Yankees.

Den Bericht zum Hearing des Kongresses 2005 in der FAZ kann man hier nachlesen. Mehr über die Hall of Fame man hier in diesem Arena-Post.

30. September 2006

Baseball-Playoffs: Eine kleine Einstimmung

Dies ist die Zeit im Jahr, wenn ich anfange, mich nach Monaten einer gewissen Gleichgültigkeit ernsthaft für Baseball zu interessieren. Oder sagen wir: ernsthaft für die Meisterschaft. Denn meine Neugier auf das Spiel ist davon nicht betroffen. So war ich in diesem Jahr im Rahmen einer Recherche für das Männer-Magazin FELD auf den Spuren von James Fenimore Cooper in der Stadt die seinen Namen trägt: Cooperstown. Und diese Stadt ist Sitz der Baseball Hall of Fame, die ich bei dieser Gelegenheit sehr gerne besucht habe - und zwar stundenlang und ausgiebig. Hier ein Ausschnitt aus dem Text, den ich später für die FAZ anlässlich des Induction-Wochenendes geschrieben habe:
Heute ist die Einrichtung eine Institution und hat den Standard für jedes andere Sportmuseum gesetzt, von denen es mittlerweile quer über die Vereinigten Staaten verstreut für fast jede Disziplin - sei es Golf, Tennis, Basketball, Schwimmen oder Boxen - mindestens eines gibt. So besitzt sie mehr als 35 000 Objekte wie Bälle, Schläger und Trikots, rund eine halbe Million Fotos und zwei Millionen Schriftstücke in ihrem Archiv. Das Kernstück der Ausstellungsräume ist die sogenannte Gallery mit den Bronzetafeln von mehr als 250 Spielern, Trainern, Managern und Schiedsrichtern, die für würdig befunden wurden, die Geschichte der Sportart zu repräsentieren.

Die Gründung der Hall of Fame geht auf eine Idee aus dem Jahr 1936 zurück, als Baseball dank der Spieler der New York Yankees wie des legendären Babe Ruth seinen ersten wirtschaftlichen Boom erlebte. Anfänglich kam man in Cooperstown mit zwei Stockwerken aus. Nach der letzten großen Renovierung, die 2005 abgeschlossen wurde und 20 Milllionen Dollar kostete, kann man auf insgesamt drei Etagen die Geschichte nachempfinden. Das tun rund 350 000 Besucher jährlich. Das Verhältnis der Amerikaner zu Baseball ist ungebrochen - trotz Anabolika-Skandalen und den langen Spielerstreiks der Vergangenheit. Zur Mythologisierung tragen die Filmfabrik Hollywood bei, die sich immer wieder Geschichten aus der Geschichte des Spiels greift und sie auf publikumswirksame Weise zurechtmacht, Musicals, Theaterstücke und Schriftsteller. Aber kaum jemand hat die Faszination so gut auf den Punkt gebracht wie die fiktive Hauptfigur in dem Film "Annie und ihre Männer": Sie habe alle großen Religionen ausprobiert, sagt sie in ihrem Monolog zu Beginn. Aber wirklich glücklich geworden sei sie nur mit einer: "Ich glaube an die Kirche Baseballs."

Der Schrein für die Pilger dieser Glaubensgemeinschaft könnte an jedem Ort stehen. Aber für Cooperstown sprachen zumindest ein paar Indizien. Hier soll nämlich der Armeeoffizier Abner Doubleday im Sommer 1839 das erste Spielfeld abgekreidet und einen Teil der Regeln kodifiziert haben. Inzwischen ist diese Darstellung umstritten. Aber sie genügte einem einflußreichen Erben des Singer-Nähmaschinen-Imperiums. Er trieb die Idee voran, dem heruntergekommenen Städtchen am Lake Otsego, Geburtsort von James Fenimore Cooper und Schauplatz eines Teils seiner Lederstrumpf-Geschichten, eine neue Attraktion zu verschaffen.
Das soll es erstmal als Einstimmung gewesen sein. Mehr über die Playoffs in den nächsten Tagen. Hier noch zwei Links für Menschen, die nicht warten können: Bei Volk ohne Raumdeckung fabuliert Rob Alef über die "geheimnisvolle Schönheit" des Spiels. Bei Wortwelt gibt es viele harte Fakten und Einschätzungen zur aktuellen sportlichen Lage. Zur Hall of Fame gibt es keinen besseren Roman als Unabhängigkeitstag von Richard Ford, die Fortsetzung seines Buches Der Sportreporter, in der die Hauptfigur Richard Bascombe seinen Sohn auf eine Reise nach Springfield/Massachusetts (Basketball Hall of Fame) und Cooperstown mitnimmt. Bascombe ist in diesem Buch kein Journalist mehr, sondern hat den Beruf an den Nagel gehängt und ist Immobilienmakler geworden. Der dritte Band erscheint übrigens in den nächsten Tagen in den USA.