Mark McGwire hat neulich versucht, sein Dopinggeständnis mit einem netten Aperçu zu dekorieren. "Mir hat man das Geschenk gegeben, Home Runs zu erzielen", sagte er Interviewer Bob Costas. "Anabole Steroide habe ich nur aus gesundheitlichen Gründen genommen." Mit anderen Worten: Ja, er hatte sich aufgepumpt. Aber nein, seine Leistung auf dem Spielfeld wurde dadurch nicht beeinflusst. Jetzt hat der Doping-Lieferant der ersten Jahre in einem Interview erklärt, dass er solch eine Darstellung einfach nur lächerlich findet. Der Cocktail aus Testosteron und Anabolika, den sich McGwire gespritzt hat, diente nur einem Zweck: "größer, schneller, schneller" zu werden. So schnell kommt also jemand vom Regen, in dem er in den letzten Jahren stand, in die Traufe. Von einer Lüge und Beschwichtigung zu einer nächsten (abgeschwächten) Lüge und Beschwichtigung. Eigentlich seltsam, dass jemand, dem man eine offene und freundliche Art nachsagt, derart planvoll und ängstlich mit der Wahrheit hantiert. Sein weinerlicher Auftritt vor dem Kongress unter Eid war demnach tatsächlich der Blick in die Seele dieses Menschen. Schon damals hatte er nicht den Mumm, endlich die Hosen herunterzulassen und beschimpfte stattdessen seinen Ex-Freund Jose Canseco, dessen Buch die Washingtoner Abgeordneten auf den Plan gerufen hatte. Was ihn damals zu solchen Scheingefechten führte, gab er inzwischen zu: Er hatte Angst, dass ihn ein Staatsanwalt anklagt, weil die Verjährungsfrist für seinen Drogenmissbrauch noch nicht abgelaufen war. Sein Anwalt versuchte damals, mit dem Kongress-Ausschuss Straffreiheit im Tausch für ein offenes Wort auszuhandeln. Das Privileg wurde ihm damals nicht gewährt. Gut so, sonst hätte McGwire damals noch sein Image günstig aufpoliert. Statt dessen wissen wir nun, was er wirklich ist: ein aufgepumpter Feigling.
Blick zurück: Der mutmaßliche Grund für das Geständnis jetzt
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23. Januar 2010
12. Januar 2010
McGwires Doping-Geständnis – ein Flashback
Übrigens: Falls sich jemand fragt, weshalb Mark McGwire nach so vielen Jahren den Mund aufmacht und zugibt, was er im Grunde nie bestritten, sondern immer nur pflaumenweich umschifft hatte. Dies wäre eine Spur: Sein Bruder Jay, mit dem er schon jahrelang keinen Kontakt mehr hat, wird nach Angaben von Amazon in ein paar Tagen mit einem Buch auf den Markt kommen, dass das Doping-Thema Schwarz auf Weiß belegt. Jay hatte eigenen Angaben zufolge einst als Bodybuilder und Fitnesstrainer den Baseball-Bruder mit Anabolika bekannt gemacht und ihm wohl auch die ersten Spritzen verpasst. McGwire wollte vermutlich den neuerlichen Anschuldigungen (die alten kamen konkret von seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Jose Canseco) den Wind aus den Segeln nehmen. Trotzdem hat er mit dem späten Eingeständnis aus heiterem Himmel gestern keine Sympathiepunkte gesammelt. Der Tenor vor allem unter anderen ehemaligen Spielern, ist eindeutig: Die Leistungen von Leuten wie McGwire haben in dem statistikversessenen Spiel natürlich ihre eigenen Werte schlechter aussehen lassen. Wer weiß, wer alles in jener Zeit als Trainer oder redlicher Spieler seinen Job verloren hat, weil plötzlich die aufgepumpten Michelin-Männchen antraten und die Maßstäbe für Erfolg verschoben.Mir ist in diesem Zusammenhang übrigens eine Episode aus dem Jahr 1998 wieder eingefallen, als ich für den Züricher Tages-Anzeiger zunächst über McGwire schrieb: "Zu seinem Aufbauprogramm gehören nicht nur Steaks und Hamburger, sondern ebenso die unter Amerikas Profis populäre Muskelsubstanz Kreatin und das testosteronfördernde Mittel Androstenedion, das ausser im Baseball und Basketball in fast allen Sportarten auf der Dopingliste steht." Wenige Tage später monierte ich die Art und Weise, wie man in den USA das Auslöschen des alten Rekords von Roger Maris gefeiert hatte: Mit einer Unterbrechung mitten im Spiel, in der McGwire ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekam und eine Ansprache halten durfte. Parallel liefen damals auf der Anlage in Flushing Meadow die US Open im Tennis. Und die Schweizer Spielerin Martina Hingis wurde tatsächlich von den anwesenden Journalisten in der Pressekonferenz genötigt, zu diesem Baseball-Theater eine wohlwollende Stellungnahme abzugeben.
Ich charakterisierte diesen Vorgang als "krankes Wir-Gefühl". Das gefiel den Baseball-Fans in der Schweiz ganz und gar nicht. Und so findet man noch heute in den Archiven der Zeitung einen ärgerlichen Leserbrief mit pauschalen und völlig überzogenen Vorwürfen an meine Adresse.
Schwamm drüber. Es war natürlich krank. Und ein Symbol für all das, was an dem Massenwahnsinn des amerikanischen Sports bisweilen durchknallt. Ja, und Mark McGwire war gedopt. Seinen Ruf als Sportbetrüger zementierte er allerdings erst vor vier Jahren, als er bei einer Anhörung im Kongress in einem denkwürdigen Auftritt unter Eid wiederholt einer Antwort auf die zentrale Frage auswich. Ein Betrüger. Geständig, ja. Aber ein Mann ohne Mumm, der sich immer nur Sorgen um sich selbst machte, weil der Anabolika-Konsum gegen Gesetze verstoßen hatte und die Verjährungsfrist für seine Vergehen noch nicht abgelaufen war. So jemand wirkt im Jahr 2010 denn einfach nur wie eine Karikatur.
Die nächste Frage lautet: Wann wird Major League Baseball darüber nachdenken, die Rekorde aus der Anabolika-Zeit zu streichen? Mit jedem Geständnis der Top-Spieler wie zuletzt Alex Rodriguez fällt die Blase in sich zusammen. Aber wahrscheinlich darf man von Commissioner Bud Selig in der Richtung nichts erwarten. Amerikas nostalgisch angehauchte Sportart leistet sich im höchsten Amt einen Menschen, der aussieht wie einen Schluck Wasser in der Kurve.
9. Januar 2007
Hall of Fame - nicht für McGwire
Profi-Baseball in Amerika und sein gesellschaftliches Umfeld wird sich womöglich noch 14 geschlagene Jahre mit einem Thema beschäftigen, dass jeder gerne als abgehakt achtlos unters Sofa schieben würde. Oder vielleicht noch länger. Das Gefühl beschlich heute die Kommentatoren, die sich mit dem Votum der Baseballjournalisten beschäftigten, die für eine Aufnahme von Tony Gwynn und Cal Ripken jr. in die Hall of Fame in Cooperstown stimmten, aber diese Ehre Mark McGwire ausdrücklich verwehrten. McGwire ist zum Poster Boy der sogenannten Steroid-Ära geworden, als Baseballspieler immer muskulöser wurden und den Ball immer weiter schlugen, was die Home-Run-Manie der späten neunziger Jahre entfachte.Dem 43jährigen wurde zum Verhängnis, dass er im Frühjahr 2005 vor einem Ausschuss des Kongresses in Washington mehrfach die Aussage verweigert hatte, als er gefragt wurde, ob er sich in seiner Zeit als Aktiver mit Anabolika aufgepumpt hatte. Denn diese Taktik konnte man eigentlich nur vor dem Hintergrund der Tatsache sehen, dass ein öffentliches Eingeständnis strafrechtliche Folgen nach sich ziehen kann. Anabolika standen zwar in den neunziger Jahren nicht auf der Dopingliste von Major League Baseball, ihr Besitz und ihre Einnahme ohne ärztliche Verordnung war jedoch schon damals ein Straftatbestand.
McGwire kann jedoch nach den Regularien der Hall-of-Fame-Abstimmungen noch 14 Jahre immer wieder neu zur Abstimmung vorgeschlagen werden. Alles, was es braucht, ist die Nominierung eines der wahlberechtigten Fachjournalisten. Erst danach würde sein Name endgültig aus dem Kreis der Aspiranten gestrichen. Doch solange wird es gar nicht dauern, bis die Verklemmungen rund um das Thema Doping im Baseball ein weiteres Crescendo erleben werden. Spätestens wenn der noch aktive Barry Bonds die Bedingung erfüllt hat, um als Kandidat für die Ruhmeshalle nominiert zu werden (fünf Jahre nach dem offiziellen Ende der Karriere), wird die Anabolika-Frage über allen Entscheidungen schweben. Bonds könnte bis dahin immerhin wegen Meineids überführt werden. Seine Zeugenaussagen im BALCO-Verfahren in San Francisco legen den Verdacht nahe, dass er nicht so einfach vom Haken kommen wird wie andere ebenfalls verwickelte Baseball-Profis wie etwa Jason Giambi von New York Yankees.
Den Bericht zum Hearing des Kongresses 2005 in der FAZ kann man hier nachlesen. Mehr über die Hall of Fame man hier in diesem Arena-Post.
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Mark McGwire
4. Januar 2007
Home-Run-Karneval 1998: War alles eine große Scharade?
Der Sommer 1998 entwickelt sich in den Memoiren des amerikanischen Sports zu einer seltsamen Hinterlassenschaft. Wer das Theater des Home-Run-Wettrennens live erlebt hat, konnte nur noch staunen: So fasste ich das damals für die FAZ zusammen:

Niemand vermag zu sagen, wie die anderen Bälle aussahen, die damals zum Einsatz kamen. Ob sie ebenfalls "juiced" waren, wie das in der Sprache der Sportart heißt. Dass Major League Baseball an der Aufklärung ernsthaft interessiert ist, darf bezweifelt werden. Die Liga fand den Home-Run-Karneval damals unwiderstehlich, musste später von den Politikern zu halbwegs vernünftigen Dopingtests geschleift werden und bestraft Übeltäter nachwievor eher milde. Mark McGwire steht während dessen als Kandidat für die ehrenvollste Baseball-Institution zur Debatte: die Hall of Fame in Cooperstown. Das wird noch interessant... (via The Big Lead)
"Die Jagd von Mark McGwire von den St. Louis Cardinals und Sammy Sosa von den Chicago Cubs nach dem Home-Run-Rekord hat die amerikanische Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen fast so sehr elektrisiert wie die Amouren ihres Präsidenten im Weißen Haus. Am Montag erreichte die Begeisterung ihren ersten Höhepunkt. McGwire, ein muskulöser, breitschultriger First Baseman, erzielte beim 5:2-Heimsieg gegen die Chicago Cubs, das Team seines direkten Konkurrenten Sosa, im 144. Spiel den 61. Home Run dieser Saison, zog mit Maris gleich und widmete die Rekordeinstellung am 61. Geburtstag seines Vaters dem Herrn Papa."Als er im nächsten Spiel den Rekord verbesserte, wurde das Spiel sogar angehaltenund dem Athleten mitten im Stadion ein drahtloses Mikrophon in die Hand gedrückt, damit er ein paar gesalbte Worte an die Menge richtet. Erredete nicht von den Steroiden, die er damals konsumierte. Und auch nicht von den Manipulationen, die offensichtlich im Gange waren, um den Ball ein wenig elastischer und flugtauglicher zu machen. Als er im letzten Jahr vor einem Kongressausschuss in Washington unter Eid zu dem Thema Doping aussagen sollte, wand er sich heraus. Jetzt wurde bekannt, wie das Innere des Balls aussieht, mit dem er damals den 70. Home Run produzierte und der von einem Memorabilia-Sammler gekauft und unlängst in Ohio computertomographisch untersucht wurde. Nämlich so:

Niemand vermag zu sagen, wie die anderen Bälle aussahen, die damals zum Einsatz kamen. Ob sie ebenfalls "juiced" waren, wie das in der Sprache der Sportart heißt. Dass Major League Baseball an der Aufklärung ernsthaft interessiert ist, darf bezweifelt werden. Die Liga fand den Home-Run-Karneval damals unwiderstehlich, musste später von den Politikern zu halbwegs vernünftigen Dopingtests geschleift werden und bestraft Übeltäter nachwievor eher milde. Mark McGwire steht während dessen als Kandidat für die ehrenvollste Baseball-Institution zur Debatte: die Hall of Fame in Cooperstown. Das wird noch interessant... (via The Big Lead)
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