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15. Juli 2010

Armstrongs Geschichten haben kurze Beine

AVORIAZ, FRANCE - JULY 11: American Lance Armstrong with team RadioShack speaks to the media following the end of stage eight of the Tour de France July 11, 2010 in Avoriaz , France. Armstrong crashed twice and lost 11 minutes to the leading group. The 189 km route through the Alps features two first category climbs from Station Des Rousses to the small alpine town of Morzine Avoriaz. Andy Schleck of Luxembourg from team Saxo Bank won the stage while Australia's Cadel Evans took over the race leader's yellow jersey. The iconic bicycle race will include a total of 20 stages and will cover 3,642km before concluding in Paris on July 25. (Photo by Spencer Platt/Getty Images)
Wenn Leute anfangen müssen, die entscheidenden Kleinigkeiten in ihrem Leben zu vernebeln und wegzudiskutieren, tun sie das oft, weil sie sich in der Vorstufe zu einer schwierigen Lage wähnen. So produziert der Mensch beim Versuch, Dinge zu erklären, die man gar nicht erklären kann, weil sie ganz anders abgelaufen sein müssen, eine fatale Tendenz zum Umgang mit der Wahrheit oder sagen wir besser mit der Wahrhaftigkeit. So wie heute der Anwalt von Lance Armstrong, der in Vertretung seines Mandanten die Glaubwürdigkeitskrise meistern soll, in die der Radfahrer geraten ist.

Armstrong war am Mittwochmorgen vor der zehnten Etappe der Tour de France nach seinen Anteilen an der Radsport-Managementfirma Tailwind gefragt worden, die das US Postal Team aufgezogen hatte, in dem er einst mit Floyd Landis an den Start ging. Und was sagte er in vielen, vielen Worten, die aus seinem Mund immer so farbig und gleichzeitig so eindeutig klingen und so, als ob der Rest der Welt zu doof ist, die Handlungsweise des siebenfachen Tour-Siegers zu verstehen: "Die krasseste Sache ist das Missverständnis, dass ich der Besitzer des Teams war. Das ist komplett falsch. Kein Besitzer, ganz und gar nicht. Es war nicht meine Firma. Ich kann es euch gegenüber nicht klar genug sagen. Ich hatte keine Stelle inne. Ich hatte keinen Anteil. Ich bekam keine Gewinnausschüttung. Ich saß nicht im Vorstand. Ich war ein Fahrer im Team. Klarer kann ich es nicht sagen."

Vielleicht sagt er solche Sachen, weil er denkt, dass der Rest der Welt zu doof ist, seine Einlassungen zu überprüfen. Oder weil er über die Jahre viele Leute in seinem Umfeld eingeschüchtert hat, die Angst bekamen vor dem langen mächtigen Arm seines Einflusses in der Branche. Auch die amerikanischen Medien haben sich lange Zeit als Cheerleader von Armstrong verstanden, weil sie einfach glauben wollten, dass er stets sauber war. Dass die Franzosen einfach nur gehässig waren und ihn zu Fall bringen wollten, weil er Amerikaner ist. Und dass die wenigen Menschen, die den Mut hatten, auszuplaudern, was sie wussten, irgendein niederes Motiv verfolgen. Obwohl sie mit ihren gegen Armstrong gerichteten Aussagen ihre beruflichen Aussichten gefährdeten.

Tempi passati. Es dauerte gestern nicht sehr lange, da hatten die ersten fleißigen Blogger und Reporter die entsprechenden Stellen im Protokoll der Vernehmung von Lance Armstrong in einem Schiedsgerichtsverfahren von 2005 gefunden. In der hatte er unter Eid etwas ganz anderes gesagt. So war also in ein paar Stunden war er und dieser ganze pseudo-puritanische Ernst desavouiert. Und das steht so in vielen Zeitungen. Auf die Frage des gegnerischen Rechtsanwalts, ob er einen Anteil an Tailwind halte, antwortete er damals: "Einen kleinen." Auf die Bitte hin, das zu präzisieren, sagte er: "Vielleicht zehn Prozent." Genaues über den Zeitpunkt seines Geschäftseintritts konnte er nicht mitteilen. Er wirkte so, als ob ihm die Details einer solcher geschäftlichen Beziehung eher wenig interessierten. So hackte der Anwalt nicht weiter darauf herum:
"Wer würde die Antwort wissen, wann Sie einen Anteil an Tailwind erworben haben?", wollte er wissen
Armstrong verwies auf seinen Manager und nannte dessen Namen: "Bill Stapleton."
"Ist das schriftlich dokumentiert? Gibt es einen Anteilsschein oder andere Papiere, die Ihren Anteil an Tailwind bestätigen?"
Armstrong: "Ich bin sicher, dass es das gibt."

Heute nachmittag versuchte Armstrong Anwalt Tim Herman den offensichtlichen und markanten Widerspruch zwischen den beiden Aussagen wegzuerklären. Der Radfahrer habe zwar laut Vorstandsbeschluss aus dem Jahr 2004 einen Anteil erhalten sollen, der wurde aber erst im Dezember 2007 vergeben. Interessant, denn das widerspricht Minimum der Aussage des erwähnten Bob Stapleton aus dem September 2005, der damals in der gleichen Sache vernommen wurde und folgendes erklärte: Armstrong sei einer von zehn oder 15 Tailwind-Partnern. Sein Anteil: 11,5 Prozent. Darauf dass auch diese Aussage unter Eid von damals nicht zur der heutigen Einlassung passt, ging Herman nicht ein. Gleich zwei Leute haben sich damals geirrt? Und war dann auch die Aussage von Stapleton falsch, wonach Tailwind vom Winter/Frühjahr 2003/2004 an von Stapletons Firma Capital Sports & Entertainment gemanaged wurde, an der Armstrong einen beachtlichen Anteil hatte? Auch das wissen wir aus den Protokollen der Vernehmung von 2005. Für die Managementrolle erhielt CSE einen Anteil an Tailwind von 11,5 Prozent.

Ehe wir uns in den Details verlieren, hier noch mal das Ganze vereinfacht: Armstrong bestreitet heute, was er und sein Manager 2005 unter Eid ausgesagt haben. Warum? Weil er gehört hat, dass ihm die ermittelnden Behörden, die die Landis-Vorwürfe ernst nehmen, als Teilhaber einen Anklage wegen Betrug und Verschwörung an die Kappe heften wollen. Also wird bestritten, dass er Teilhaber war. Interessant ist aber auch, mit welcher Nebelkerze sein Anwalt heute gearbeitet hat. Danach soll Armstrong Ende 2007 Anteilseigner von Tailwind geworden sein, obwohl die Firma just zu diesem Zeitpunkt ihre einzige relevante Einnahmequelle einbüßte - das Sponsorengeld des Discovery Channel? Das Discovery Team war schon vorher aufgelöst worden.

Erneut dauerte es nicht lange, bis heute ein amerikanisches Medien-Outlet – NBC Sports – diesen Sachverhalt aufdeckte und damit aufzeigte, dass sich Lance Armstrong beim Bau seiner Kartenhäuser einen schlechten Architekten ausgesucht hat: sich selbst. Der Druck der staatsanwaltlichen Ermittlungen und der ziemlich präzisen Beschuldigungen von Floyd Landis werden nicht weniger, sondern mehr. Eine Firma namens Tailwind Sports Corporation, die in Kalifornien registriert worden war, führte übrigens seit 2002 als Adresse die gleiche Anschrift wie Capital Sports & Entertainment und ein von Armstrong aufgemachter Fahrradladen.

Zur Einordnung: meine Geschichte für die Freitagausgabe der FAZ. Dazu der Hinweis auf ein informatives Interview von Sebastian Moll mit einem amerikanischen Spezialanwalt für dopingbeschuldigte Sportler in der Financial Times.

31. Januar 2010

Der Klingelbeutel: Obama auf Jobsuche

Mit sechzehn beim Dopen erwischt zu werden, ist für einen Baseballspieler in den USA vergleichsweise preiswert. Duanel Jones verlor zwar seinen Vertrag mit den San Francisco Giants, der ihm als hoch gehandelten jungen Third Baseman 1,3 Millionen Dollar garantierte. Aber die 50 Spieltage Sperre kann er gemütlich absitzen, sobald ihm ein neues Team eine Vereinbarung offeriert. Als Free Agent kann er mit jedem Club verhandeln. Jones kommt aus der Dominikanischen Republik, dem Land, aus dem sich Alex Rodriguez jahrelang die Anabolika besorgte.

• Wer weiß, ob er solche Anwandlungen wie sein Altersgenosse Brett Favre bekommt, der einfach nicht aufhören will und letzten Sonntag mit Minnesota nur knapp vor dem Einzug in den Super Bowl abgefangen wurde? Aber vielleicht tritt er endgültig ab? Von Kurt Warner ist die Rede, der von der Nachrichtenagentur Reuters zum Abschied mit dem Attribut "brilliant" ausgestattet wurde. Bilanz: so viele Super-Bowl-Erfolge wie Favre (einen mit den St. Louis Rams, aber mehr Auftritte im Finale – nämlich zwei weitere, einer mit den Rams und einer im letzten Jahr mit den Arizona Cardinals).

• Der Präsident der Vereinigten Staaten als Aushilfs-Fernsehkommentator beim College-Basketball mit Verne Lundquist, einem der besten der Branche. Auf dem Spielfeld Duke und Georgetown in einem Match in Washington, zu dem Barack Obama nicht weit fahren musste.
Jemand am Resultat des Spiels interessiert? 89:77 für die Hoyas. Coach K hatte seine Republikaner-Fahne wohl freiwillig vorher eingerollt.

23. Januar 2010

Ein aufgepumpter Feigling

Mark McGwire hat neulich versucht, sein Dopinggeständnis mit einem netten Aperçu zu dekorieren. "Mir hat man das Geschenk gegeben, Home Runs zu erzielen", sagte er Interviewer Bob Costas. "Anabole Steroide habe ich nur aus gesundheitlichen Gründen genommen." Mit anderen Worten: Ja, er hatte sich aufgepumpt. Aber nein, seine Leistung auf dem Spielfeld wurde dadurch nicht beeinflusst. Jetzt hat der Doping-Lieferant der ersten Jahre in einem Interview erklärt, dass er solch eine Darstellung einfach nur lächerlich findet. Der Cocktail aus Testosteron und Anabolika, den sich McGwire gespritzt hat, diente nur einem Zweck: "größer, schneller, schneller" zu werden. So schnell kommt also jemand vom Regen, in dem er in den letzten Jahren stand, in die Traufe. Von einer Lüge und Beschwichtigung zu einer nächsten (abgeschwächten) Lüge und Beschwichtigung. Eigentlich seltsam, dass jemand, dem man eine offene und freundliche Art nachsagt, derart planvoll und ängstlich mit der Wahrheit hantiert. Sein weinerlicher Auftritt vor dem Kongress unter Eid war demnach tatsächlich der Blick in die Seele dieses Menschen. Schon damals hatte er nicht den Mumm, endlich die Hosen herunterzulassen und beschimpfte stattdessen seinen Ex-Freund Jose Canseco, dessen Buch die Washingtoner Abgeordneten auf den Plan gerufen hatte. Was ihn damals zu solchen Scheingefechten führte, gab er inzwischen zu: Er hatte Angst, dass ihn ein Staatsanwalt anklagt, weil die Verjährungsfrist für seinen Drogenmissbrauch noch nicht abgelaufen war. Sein Anwalt versuchte damals, mit dem Kongress-Ausschuss Straffreiheit im Tausch für ein offenes Wort auszuhandeln. Das Privileg wurde ihm damals nicht gewährt. Gut so, sonst hätte McGwire damals noch sein Image günstig aufpoliert. Statt dessen wissen wir nun, was er wirklich ist: ein aufgepumpter Feigling.
Blick zurück: Der mutmaßliche Grund für das Geständnis jetzt

12. Januar 2010

McGwires Doping-Geständnis – ein Flashback

Übrigens: Falls sich jemand fragt, weshalb Mark McGwire nach so vielen Jahren den Mund aufmacht und zugibt, was er im Grunde nie bestritten, sondern immer nur pflaumenweich umschifft hatte. Dies wäre eine Spur: Sein Bruder Jay, mit dem er schon jahrelang keinen Kontakt mehr hat, wird nach Angaben von Amazon in ein paar Tagen mit einem Buch auf den Markt kommen, dass das Doping-Thema Schwarz auf Weiß belegt. Jay hatte eigenen Angaben zufolge einst als Bodybuilder und Fitnesstrainer den Baseball-Bruder mit Anabolika bekannt gemacht und ihm wohl auch die ersten Spritzen verpasst. McGwire wollte vermutlich den neuerlichen Anschuldigungen (die alten kamen konkret von seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Jose Canseco) den Wind aus den Segeln nehmen. Trotzdem hat er mit dem späten Eingeständnis aus heiterem Himmel gestern keine Sympathiepunkte gesammelt. Der Tenor vor allem unter anderen ehemaligen Spielern, ist eindeutig: Die Leistungen von Leuten wie McGwire haben in dem statistikversessenen Spiel natürlich ihre eigenen Werte schlechter aussehen lassen. Wer weiß, wer alles in jener Zeit als Trainer oder redlicher Spieler seinen Job verloren hat, weil plötzlich die aufgepumpten Michelin-Männchen antraten und die Maßstäbe für Erfolg verschoben.

Mir ist in diesem Zusammenhang übrigens eine Episode aus dem Jahr 1998 wieder eingefallen, als ich für den Züricher Tages-Anzeiger zunächst über McGwire schrieb: "Zu seinem Aufbauprogramm gehören nicht nur Steaks und Hamburger, sondern ebenso die unter Amerikas Profis populäre Muskelsubstanz Kreatin und das testosteronfördernde Mittel Androstenedion, das ausser im Baseball und Basketball in fast allen Sportarten auf der Dopingliste steht." Wenige Tage später monierte ich die Art und Weise, wie man in den USA das Auslöschen des alten Rekords von Roger Maris gefeiert hatte: Mit einer Unterbrechung mitten im Spiel, in der McGwire ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekam und eine Ansprache halten durfte. Parallel liefen damals auf der Anlage in Flushing Meadow die US Open im Tennis. Und die Schweizer Spielerin Martina Hingis wurde tatsächlich von den anwesenden Journalisten in der Pressekonferenz genötigt, zu diesem Baseball-Theater eine wohlwollende Stellungnahme abzugeben.

Ich charakterisierte diesen Vorgang als "krankes Wir-Gefühl". Das gefiel den Baseball-Fans in der Schweiz ganz und gar nicht. Und so findet man noch heute in den Archiven der Zeitung einen ärgerlichen Leserbrief mit pauschalen und völlig überzogenen Vorwürfen an meine Adresse.

Schwamm drüber. Es war natürlich krank. Und ein Symbol für all das, was an dem Massenwahnsinn des amerikanischen Sports bisweilen durchknallt. Ja, und Mark McGwire war gedopt. Seinen Ruf als Sportbetrüger zementierte er allerdings erst vor vier Jahren, als er bei einer Anhörung im Kongress in einem denkwürdigen Auftritt unter Eid wiederholt einer Antwort auf die zentrale Frage auswich. Ein Betrüger. Geständig, ja. Aber ein Mann ohne Mumm, der sich immer nur Sorgen um sich selbst machte, weil der Anabolika-Konsum gegen Gesetze verstoßen hatte und die Verjährungsfrist für seine Vergehen noch nicht abgelaufen war. So jemand wirkt im Jahr 2010 denn einfach nur wie eine Karikatur.

Die nächste Frage lautet: Wann wird Major League Baseball darüber nachdenken, die Rekorde aus der Anabolika-Zeit zu streichen? Mit jedem Geständnis der Top-Spieler wie zuletzt Alex Rodriguez fällt die Blase in sich zusammen. Aber wahrscheinlich darf man von Commissioner Bud Selig in der Richtung nichts erwarten. Amerikas nostalgisch angehauchte Sportart leistet sich im höchsten Amt einen Menschen, der aussieht wie einen Schluck Wasser in der Kurve.

15. Dezember 2009

Pfuschen mit der Zentri-pfui-ge

Das hübsche an gründlichen Recherchen über die Arbeit von Ärzten: Sie werfen Licht auf ganz erstaunliche Reflexe, wie sie vermutlich auch in anderen Branchen existieren. Aber dort geht es meistens nicht um Leben und Tod. Man nehme den Fall des kanadischen Arztes Dr. Anthony Galea, der sich im Laufe der Jahre im Sportbereich eine beachtliche Reputation erarbeitet hat. Zur Zeit steht die vor allem aus einem Grund auf der Kippe: Er soll den Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden in seinem Heimatland zufolge den schmalen Grat zwischen gerechtfertigter therapeutischer Intervention und unmoralischer Leistungsmanipulation bei seinen Patienten überschritten haben.

Einen Tag später allerdings liest man in der New York Times, dass der Mann seinen guten Ruf womöglich gar nicht verdient hat. Denn zum Beispiel einer Reihe von Major-League-Baseballspielern, die sich bei ihm in Behandlung befunden haben, konnte er offensichtlich gar nicht helfen. Wir gehen aber mal davon aus, dass er seine teuren Rechnungen trotzdem liquidiert hat.

Wie wird ein Mann, der Leuten Blut abzapft, es durch eine Zentrifuge jagt und es als mit Plättchen-angereichertes Plasma in die verletzten und operierten Sehnen, Bänder und Muskeln injiziert, eigentlich zum Wunderdoktor? Wieso bestellt jemand wie Tiger Woods den Mann ins Haus und lässt ihn für teures Geld monatelang immer wieder einfliegen, wenn seine Methoden ganz offensichtlich keinen dauerhaften Erfolg produzieren konnten? Die Antwort auf eine solche Frage hat sehr viel mit dem Wirkungszusammenhang von Angebot und Nachfrage und dem von Public Relations und Reputations-Management zu tun. Es gibt keine Ärzte, die jedem bei jedem Leiden helfen können. Aber es gibt den Mythos des weißen Kittels, die bestens eintrainierte Verkaufsmasche von Medizinern, die nie allen alles versprechen, aber immer betonen, wie sehr sie es trotzdem versuchen.

Welche Alternativen hat der Hochleistungssportler denn auch, wenn er nicht seinem Körper mehr Zeit und vernünftige Ernährung gönnen will, um die im biologischen Bauplan verankerten Heilungsprozesse zu fördern? Soviele vermeintliche Wunderheiler gibt es selbst in den USA nicht. Und dort gibt es sehr viele ausgewiesene Spezialisten. Also lässt man sich bei der Entscheidung für den Sportarzt von anderen Dingen leiten. Zum Beispiel von einer Liste von Patienten, die ein erfolgreicher Arzt auf Anfrage vermutlich immer gerne Preis gibt. Dr. Galea zum Beispiel hat Alex Rodriguez betreut, ist der Mannschaftsarzt der Toronto Argonauts in der Canadian Football League, und er hat einen Praxispartner, der als Chiropraktiker in der Sportbranche einen Ruf wie Donnerhall genießt. Der kann einem notfalls auch Patienten ins Haus holen, so wie das im Fall von Tiger Woods geschehen sein muss, wenn die New York Times nichts falsch verstanden hat. "Enttäuscht von den Fortschritten bat im Februar Dr. Lindsay Dr. Galea, sich Woods anzuschauen. Der litt unter Larsen-Johansson-Krankheit [eine schmerzhafte Entzündungsreaktion des Ursprungs der Kniescheibensehne an der Spitze der Kniescheibe] und hatte Narbengewebe im Muskel entwickelt." Das sei üblich nach einer Außenband-Operation, meinte Dr. Mark Lindsay, der übrigens mit einer ehemaligen kanadischen Weltcup-Skifahrerin verheiratet ist und aus dem Teil der Welt sicher eine Menge über kaputte und geflickte Knie weiß. Und angeblich half der Schuß aus der Zentrifuge ja auch. Bis dann... irgendwann... doch nicht mehr.

Auch so etwas ist üblich: Denn tatsächlich gibt es für ärztliche Maßnahmen so gut wie keine Garantien. Erstens, weil die Diagnose oft nicht greift. Und zweitens, weil die Natur aus irgendeinem komischen Grund den Wissenschaftlern noch immer irgendwelche Schnippchen schlägt. Das wird dann meistens nur so gut wie nie den herumdokternden Ärzten aufs Butterbrot gestrichen. Weshalb es oft Jahre dauert, bis Kurpfuschern und Scharlatanen die Kundschaft davonläuft.

Immerhin scheint die Eigenblut-Injektion bestimmte Wirkungen zu haben, wenn auch womöglich nicht in dem Bereich der Gelenktherapie, in dem Dr. Galea sich seinen Namen gemacht hat. Sondern im Bereich der akuten, aber betrügerischen Form der Leistungsteigerung, die man aus Sicht der Sportethik gerne als Doping bezeichnet. Galeas Zentrifugalkräfte (und die seiner Kollegen) werden deshalb von der WADA beäugt.

Für 2010 gilt darum übrigens folgendes: Blood Spinning, wie die Behandlungsmethode üblicherweise genannt wird, ist verboten, wenn intramuskulär gespritzt wird. Andere Formen der Anwendung verlangen, dass die Sportler und ihre Ärzte der Dopingaufsicht dies mitteilen ("declaration of use"), um sich eine Ausnahmegenehmigung zu besorgen ("therapeutic use exemption"). Eine solche Regelung besagt nichts anderes als: ja, die Methode wirkt – um zu dopen.

Das hat man auch von Tiger Woods vernommen, der sich dem gestrigen Bericht der Times nach der ersten Fixe ins linke Knie zufolge derart stark vorkam, dass er auf einen Tisch hätte springen wollen. Geheilt war er nicht, aber Energie hatte der Junge im großen Stil.

Advent, Advent, die Doping-Kerze brennt

Weil die New York Times und die New York Daily News gestern abend im Wettbewerb miteinander das Thema nach ganz oben gezogen und mit sehr vielen Hintergrundinformationen ausgestattet haben, gehen kurz vor Weihnachten erstmals ein paar Kerzen an, die Einblick in eine noch nicht besonders gut ausgeleuchtete Zone des Dopings geben. Wir reden von Doping mit zentrifugiertem und angereichertem Eigenblut. Und von einem Mittel namens Actovegin, das man aus Kalbsblut gewinnt und das den Sauerstofftransport im Körper stimuliert. Und von Wachstumshormonen.

Das ganze Reden zielt ab auf eine neue Figur im Zentrum des von Medizinern unterfütterten Athleten-Komplotts: auf den kanadischen Arzt Dr. Anthony Galea. Die ausführliche Darstellung der ihm zur Last gelegten Vorwürfe, die ihm eine Festnahme und eine Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft in Toronto eingehandelt haben, findet man auf faz.net und am Mittwoch in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstands wird heute abend im Deutschlandfunk zu hören sein. Interessante und vielleicht auch pikante Note: Die Querverbindungen zwischen Galea, seinem Praxispartner in Kanada, einem Chiropraktiker und dessen einstige Beziehungen zu BALCOs-Doping-Bemühungen um den ehemaligen 100-Meter-Weltrekordler und Lebensgefährten von Marion Jones: Tim Montgomery. Der war übrigens der erste Athlet, der lange vor Claudia Pechstein auf der Basis von Indizien und ohne Geständnis und ohne Testresultate gesperrt wurde. Inzwischen sitzt er eine fünfjährige Strafe wegen Heroinhandel ab.

Man sollte zwar nicht gleich so etwas wie "guilt by association" kreieren. Weder was Tiger Woods betrifft, der ohnehin schon ziemlich tief in der Tinte sitzt, nachdem sich die ersten Sponsoren von ihm distanzieren, weil ihnen das Medienecho auf seine außerehelichen Eskapaden nicht gefällt. Noch was den Chiropraktiker Mark Lindsay angeht. Aber die Informationen daüber, wer eigentlich wen kennt und wer wen fit macht, sind wertvolle Hilfen, um das Koordinatensystem zu verstehen, in dem Sportler (und Doper) wandeln.

In dem Zusammenhang als Lektüre ebenso zu empfehlen: Neue Hinweise zur Wiener Blutbank und den Ermittlungen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen – auch nach Norden. Thomas Kistner hat den letzten Stand für die Süddeutsche zusammengetragen.

25. Oktober 2009

Jetzt redet Trevor Graham

Die Weißwaschkampagne des ehemaligen Trainers von Marion Jones, Tim Montgomery und Justin Gatlin hat begonnen. New-York-Times-Reporter Duff Wilson durfte Trevor Graham in seinem Haus in Raleigh/North Carolina besuchen, wo er bis zum letzten Freitag als Teil seiner Strafe unter Hausarrest stand. Graham hatte eines die Kanüle mit jenem Stoff an ein Dopinglabor in Los Angeles geschickt, die das Ausmaß der bestens verschleierten Dopingaktivitäten der Firma BALCO dokumentierten. Der amerikanische Leichtathletikverband hat Graham auf Lebzeiten gesperrt. Angeblich trainiert er jedoch wieder Sportler. Welche das sind, wollte er der Zeitung nicht verraten. Nur soviel wollte er sagen: Natürlich hat er niemals niemandem Dopingmittel gegeben. Wer etwas anderes im Prozess gegen ihn gesagt hat, der habe gelogen. Graham gegen den Rest der Welt...
Blick zurück: Alle Beiträge über Trevor Graham

4. September 2009

Armstrong: Verdacht auf Blutdoping

Wir hatten schon fast aufgegeben zu hoffen, dass mal irgendjemand kommt und Lance Armstrong über eine Auswertung seiner Laborwerte etwas ans Zeug flickt. Aber nun hat es doch jemand geschafft: Der dänische Blutforscher Jakob Mørkeberg. Die einfache Interpretation seiner Erkenntnisse liest sich nach Angaben der Webseite der dänischen Sportethik-Organisation Play The Game so: Während des diesjährigen Giro zeigten die Daten das normale Profil eines Menschen, der jeden Tag Schwerstarbeit verrichtet. Bei der Tour de France, bei der Armstrong Dritter wurde, seien die Werte so gut wie unverändert geblieben. Ein Anzeichen für Blutdoping. Der Astana-Teamarzt hat die Mutmaßungen inzwischen als Spekulation abgetan. Armstrong selbst hat sich noch nicht geäußert. Woraus man nichts schlussfolgern sollte. Sobald die großen amerikanischen Medien einsteigen, wird er sich schon lauthals beschweren. Das einzige, was er diesmal nicht sagen kann, ist, dass ihm die Franzosen schlecht gesonnen sind, weil er deren Schleife beherrscht hat. Erstens hat er nicht gewonnen. Und zweitens kommt der Befund aus Dänemark.

25. August 2009

Mit Windeln wedeln

Seit Tagen braut sich aus dem verletzten Stolz einer Nation und dem Unverständnis vieler Leute, die sich nur hin und wieder mit Sport beschäftigen, eine seltsame Aufwallung der Gefühle zusammen. Als sei eine junge 800-Meter-Läuferin mit einer tiefen Stimme, Barthaaren im Gesicht und einem maskulinen Körper tatsächlich eine Symbolfigur für eine verfehlte Auslegung der Regeln im Sport. Einmal mehr werden ausgerechnet die Kontrollmaßnahmen als übermächtige Eingriffe in die Privatsphäre diffamiert. Ohne dass auch nur jemand fragt: Was ist mit der Chancengleichheit? Warum nimmt niemand Partei für die anderen Teilnehmer des Endlaufs, die um den Lohn ihrer Arbeit gebracht wurden?

Man kann ja noch den Vater verstehen, der ihre Windeln gewechselt hat und der einem Bericht auf bild.de zufolge eine Geburtsurkunde vorweisen kann, auf der ihr Geschlecht mit "weiblich" angegeben wurde. Aber das Echo auf den Vorgang beim Deutschen Ärzteblatt ist schon bizarr. Die Untersuchung einer Sportlerin auf ihr Geschlecht leiste "einer Diskriminierung von Sportlern Vorschub", schrieb ein nicht genannter Autor, nachdem er sich ein paar Zeilen zuvor auf die Vorstellung eingetaktet hatte, die biologisch fundierte Einkreisung der Frage, ob jemand männlich oder weiblich sei, wäre "für den Sport unerheblich".

Mit der gleichen Begründung könnte man natürlich auch sagen: Dopingkontrollen diskriminieren. Auch sie haben etwas Entwürdigendes, wenn die Sportler vor den Augen des Kontrolleurs ihren Urin lassen müssen. Man könnte dann gleich noch weiter gehen und sagen: Auch Qualifikationsnormen diskriminieren. Gewichtsklassen und das Wiegen vorm Kampf diskriminieren. Auch die unterschiedlich guten Trainingsbedingungen diskriminieren. Warum baut die IAAF nicht in allen Ländern hervorragende Stadien und Anlagen, um den Wettbewerb zu entzerren? Auf diese Weise kommt man ziemlich schnell auf die schiefe Ebene hin zum Absurden.

Es gibt angesichts des aktuellen Fallbeispiels aber auch Beschwerden entlang einer feministischen Gedankenkette. So las ich bei Jens Weinreich den Kommentar der Kollegin Barbara Klimke von der Berliner Zeitung, deren Anmerkungen in dem Satz endeten: "Männer aber mussten sich nie in Frage stellen lassen." Das war ein Anwurf aus dem Gedankenkreis der alten Fairness-Debatte, die entstand, als Frauen sich gegen erhebliche Widerstände ihren Platz im gesellschaftlichen Alltag erkämpfen mussten.

Das Argument hätte sicher mehr Gewicht, wenn Frauen im Sport so wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch an den Wettbewerben der Männer teilnehmen würden. Aber solange sie – anders als bei den Ärzten und Anwälten, Lehrern und Journalisten – eine eigene Leistungskategorie für sich in Anspruch nehmen wollen, klingt das nicht gut. Sie wollen schlechteren Sport abliefern dürfen und wollen dafür mit eigenen Medaillen und Geldprämien gefeiert werden, aber Kriterien für diesen Sonderstatus nicht akzeptieren. Nach dieser Lesart wäre es also in Ordnung, wenn in Zukunft Männer an den Frauenwettbewerben teilnehmen und eine Aufklärung über ihr Geschlecht mit dem Hinweis verweigern, das verletze ihre Würde. Auch das wäre absurd.

Das Thema wäre nur halb so interessant, wenn sich nicht eine Denkart im Sport verselbständigt hätte, die aus der Zeit vor der Professionalisierung stammt. Damals konnte man noch auf den Gleichheitsgrundsatz pochen. Aber heute – im Zeitalter einer kompletten Kommerzialisierung – sollte man mit solchen Forderungen etwas vorsichtiger hantieren. Es ist eine simple Tatsache, dass Frauensport (abgesehen von den Einzelsportarten Tennis und Golf) alleine wirtschaftlich gar nicht überleben könnten. Sie werden von den Männern subventioniert, wie man bei der WBNA im Basketball unschwer nachvollziehen kann. Die erste Frauenfußball-Liga in den USA ging vor ein paar Jahren pleite, nachdem sie 50 Millionen Dollar Anfangskapital durch den Schornstein gejagt hatte. Dabei wurden die Spielerinnen keineswegs exorbitant bezahlt. Das Problem waren die fehlenden Zuschauer und die fehlenden Fernseheinnahmen und die fehlenden Sponsoren. Warum fehlten die? Weil sie sich nicht im gleichen Maße für Sport auf einem schlechteren Leistungsniveau interessieren wie für die Top-Kategorie.

Der Fall Semenya taugt deshalb eigentlich nur zu einem – zu einer redlichen Selbstbefragung: Ist man für den subentionierten Frauensport mit Leistungen zweiter Klasse, um auf diese Weise möglichst vielen Frauen eine Chance zu geben, sich zu exponieren? Oder ist man für den ehrlichen Sport, bei dem Frauen gegen die Männer antreten und dann auch nicht mehr befürchten müssen, dass man sich für ihren Chromosomensatz interessiert?

Wer für die erste Variante ist, sollte nicht über den Umgang mit Frau Semanya jammern, sondern lieber lesen, was die BBC heute berichtet: Es gab schon vor der WM Hinweise auf extreme Testosteron-Werte bei der Guten, die womöglich einen anderen Schluss nahelegen: einen stinknormalen Fall von Doping. Nicht zu unterschlagen: Der verantwortliche Trainer für die süddafrikanischen Frauenleichtathletik ist ein gewisser Dr. Ekkart Arbeit, der in der DDR für jene Form der Leistungsförderung verantwortlich war, deren Opfer noch heute unter den Folgen leiden.

Wer die zweite Variante will, muss sich übrigens nicht grämen. Es gibt eine Reihe von Sportarten, in denen Frauen den Männern Paroli bieten können.

6. August 2009

Doping-Fall in der NBA: Zehn Spiele Sperre

Die NBA sperrt Doper für zehn Spiele. Zum Beispiel Rashard Lewis von den Orlando Magic, der soeben bei einem Test mit dem Steroid-Precursor DHEA aufgefallen ist. Lewis verteidigt sich mit dem Spruch, wonach das ohne jede Absicht passiert sei. Die Substanz habe sich in einem normal im Geschäft verkauften Mittel befunden. Die NBA-Doping-Strafenliste sieht so aus: Erster Verstoß – zehn Spiele Sperre, zweiter Verstoß – 25 Spiele Sperre, dritter Verstoß – ein ganzes Jahr (via Deadspin)

2. August 2009

Baseball-Gewerkschaft: Veröffentlichung der Doper-Namen "ein Verbrechen"

Der Manager der Chicago White Sox hatte neulich eine gute Idee: Veröffentlicht doch endlich alle Namen auf der "dummen Liste" der im Jahr 2003 positiv getesteten Baseball-Profis. "Das ist lächerlich", sagte Ozzie Guillen, nachdem die Namen David Ortiz und Manny Ramirez bekannt geworden war. "Das ist beschämend, das ist ein Witz. Wer drauf steht, steht drauf. Mach die Namen bekannt und Schluss damit."

Ein guter Gedanke. Aber so schnell wird das wohl nicht passieren. Die Spielergewerkschaft, die die Akten mit den Namen verwaltet hatte, die von der Staatsanwaltschaft im Barry-Bonds-Meineidprozess beschlagnahmt wurde, hat eine andere Idee: Warum nicht Reporter Michael S. Schmidt und die New York Times verklagen? Das sei kriminell, was die Zeitung da mache. Einfach Informationen zu veröffentlichen, die sie sich besorgt habe, damit muss jetzt Schluss sein.

"Das Heraussickern von Informationen, die ein Gericht zur Verschlusssache erklärt hat, ist ein Verbrechen", erklärte die Arbeitnehmer-Organisation, deren Mitglieder im Schnitt 3,2 Millionen Dollar brutto im Jahr verdienen, in einer Stellungnahme. "Das aktive Bestreben, Informationen zu erhalten, die auf legale Weise nicht veröffentlicht werden dürfen, weil sie von einem Gericht zur Verschlusssache erklärt wurden, ist ein Verbrechen. Dass die Informanten nach Angaben der Times Rechtsanwälte sind, ist zugleich schockierend und traurig."

Vermutlich wäre nach dieser Rechtsauffassung auch das Schreiben über die Beschwerde der Gewerkschaft
ein Verbrechen, denn es zwingt einen dazu, die Recherchen der New York Times zu zitieren. Aber diesen Vorwurf hat man am Freitag nicht erhoben, als man die entsprechende Presseerklärung herausgab. Sonst hätte ja niemand darüber berichtet. Und das wollte Donald Fehr sicher überhaupt nicht.

Eine solche massive Drohung an die Adresse von Journalisten ist übrigens nicht neu. Rund um den BALCO-Skandal wurde zwei Journalisten des San Francisco Chronicle zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie die Quellen für die Informationen in ihrem Buch – unter Verschluss gehaltene Protokolle von staatanwaltschaftlichen Vernehmungen – nicht preis geben wollten. Die Angelegenheit wurde schließlich niedergeschlagen, nachdem sich ein Anwalt als Informant geoutet hatte und bestraft wurde.

30. Juli 2009

Schmutzige Socken: Auch Ortiz war gedopt

Die Mannschaft, die im Jahr 2003 2004 nach Jahrzehnten der Erfolglosigkeit die World Series gewinnen konnte, hatte mehr als nur einen Doper im Team. Das berichtet die New York Times, die sich seit Wochen um die Frage kümmert: Welche Spieler wurden im Rahmen der damals durchgeführten so genannten anonymen Proben positiv getestet? Der neue Name ist David Ortiz von den Boston Red Sox. Offiziell sind die Namen unter Verschluss, auch nachdem die Ermittlungsbehörden bei einer Beschlagnahmeaktion bei der Spielergewerkschaft die fraglichen Daten sichern konnten. Statt die Unterlagen zu schreddern (etwas, was die Spieler vermutlich gerne gehabt hätten), waren sie aufbewahrt worden. 104 Spieler wurden vor sechs Jahren als Doper identifiziert, eine Zahl, die hoch genug war, um eine Vereinbarung der Liga mit der Gewerkschaft wirksam werden zu lassen, wodurch ab 2004 ein reguläres Testprogramm begann.

Die Einführung von Tests sorgte für ein auffälliges Phänomen: Spieler, die bis dahin wie Popeye-Klone aussahen, schrumpften gleich reihenweise. Die Home-Run-Flut ging zurück. Zu den Spielern, die inzwischen die Einnahme von Anabolika zugegeben haben, gehört der höchst bezahlte Spieler der Liga, Alex Rodriguez von den New York Yankees.

Bei den Red Sox konnte man bislang immer sehr ahnungslos tun. Denn ihr ehemaliger Outfielder Manny Ramirez wurde erst neulich offiziell positiv getestet. Er spielt jedoch seit dem letzten Jahr bei den Los Angeles Dogders und nicht mehr in Boston. Dank der Sache mit Ortiz wird man sich nun wohl doch befleißigen müssen, das Thema abzuarbeiten. Die Flecken auf der Weste werden wohl trotzdem bleiben.

Blick zurück: Der Name Sosa befindet sich vermutlich auch auf der Liste

24. Juli 2009

Weißwäscher mit Flecken auf der Weste

Nur ein Jahr nach dem Medaillenfestival in Peking hat die jamaikanische Leichtathletik jene Spuren der Leistungsmanipulationen offenbart, für die es schon immer Indizien gab, nur keine Beweise. Gleich fünf Dopingfälle hat das kanadische Labor identifiziert, das die Proben aus Kingston erhalten hatte, die bei den Meisterschaften von 50 Athleten genommen wurden. Die betroffenen Sportler wurden noch nicht benannt. Es soll sich um vier Männer und eine Frau handeln. Das gab ausgerechnet jener Mann öffentlich bekannt, der im vergangenen Jahr als Weißwäscher herumlief und jeden Verdacht ins Reich der Fabel verwies: Dr. Herb Elliott, ein Arzt. Die Öffentlichkeit hatte schon damals jeden Grund, diese frivole Haltung anzuzweifeln. Auch wegen solcher Geschichten. Wir sind auf die Namen der glorreichen Fünf gespannt.

17. Juni 2009

Sosa in der Falle

Sammy Sosa ist in Schwierigkeiten. Denn nachdem die New York Times gestern die begründete Vermutung publizierte, dass der Baseball-Profi 2003 genauso wie Alex Rodriguez bei anonym durchgeführten Dopingtests mit einem positiven Resultat erwischt wurde, interessiert sich der Kongress für ihn. Warum? In jenem legendären Hearing im Abgeordnetenhaus im Jahr 2005, als mehrere Spieler unter Eid aussagen mussten, hatte der ehemalige Home-Run-Held schlichtweg folgendes erklärt: “Ich habe mir nie etwas injiziert oder wurde von niemanden mit etwas injiziert. Ich habe weder die Gesetze der Vereinigten Staaten gebrochen noch die der Dominikanischen Republik [sein Heimatland]. Ich bin zuletzt 2004 getestet worden, und ich bin sauber." Des weiteren mimte er den Ausländer mit dem kräftigen spanischen Akzent, dem man verzeihen möge, dass er nicht alles richtig versteht und sich nicht in jedem Fall sehr gut ausdrücken kann.

Die Sätze klingen im Nachhinein ziemlich messerscharf gewählt. Vor allem dann, wenn sich Sosa statt per Spritze den Stoff oral verabreicht haben sollte, was man einst in der DDR hinreichend praktizierte. Dann hätte er nicht mal gelogen. Und die Feststellung, dass er keine Gesetze gebrochen habe, müsste man ihm als legitime Meinungsäußerung durchgehen lassen. Auch wenn der Besitz von nicht verordneten Anabolika in den USA damals strafbar war. Ein positives Testresultat aus dem Jahr 2003 wäre aber zumindest die Basis für den Vorwurf, dass er die Politiker unter Eid bewusst an der Nase herumgeführt haben könnte. In wie weit das justiziabel ist, wird man sehen.

In der Zwischenzeit sei die Lektüre dieser Kolumne von Rick Reilly anempfohlen, in der der ehemalige Sports-Illustrated-Autor beschreibt, wie er im Jahr 2002 Sosa in der Umkleidekabine ansprach und ihm anbot, mit ihm zu einem Labor zu gehen. Ziel: Herauszufinden, ob der Baseballprofi wirklich so sauber ist, wie er immer behauptet hatte. Was war an der Konfrontation so ungewöhnlich? Sosa hatte zuvor öffentlich posaunt, man könne ihn jeder Zeit testen. Reilly wurde jetzt noch einmal zu dieser Geschichte befragt, die damals viel Staub aufwirbelte.
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11. Juni 2009

Die Hügel der Maulwürfe sind unübersehbar

Setzen Sportblogs in den USA jetzt schon die Themen? Vielleicht noch nicht oft. Aber man wird den Verdacht nicht los, dass wir bald so weit sein werden. Zumindest wenn man sich anschaut, wie und auf welche Weise eine Generalverdachtsgeschichte zum Thema Doping in Philadelphia hochgespült wurde. Der Sportler, um den es geht, ist Baseballprofi Raul Ibanez von den Philadelphia Phillies, dessen Leistungswerte auffällig besser geworden sind – im stolzen Alter von 37 Jahren. Das wurde im Blog Midwestsportsfans thematisiert und nahm von dort aus ziemlich schnell Fahrt auf. Beim Philadelphia Inquirer, der alteingesessenen Tageszeitung, spitzte man die Sache zu, ließ Ibanez zu Wort kommen und watschte den Blogger ab. Von dort aus wanderte die Geschichte in die Fernsehsendung Outside The Lines bei ESPN, wo man sich anstrengt, kritische Gedanken zum Sport aufzugreifen.

Natürlich dient die Ereigniskette in erster Linie einem politischen Zweck: Die etablierten Medien zeigen den nachwachsenden jungen Medien bei einer solchen Gelegenheit gerne, dass sie das Verantwortungsbewusstsein in Person sind und weit davon entfernt wären, Gerüchte welcher Art auch immer in die Welt zu streuen. Aber mal abgesehen davon, dass die Etablierten viel und lange schlafen, wenn es um kritische Berichterstattung geht und darüberhinaus ebenso gerne Gerüchte fabrizieren, gibt einem diese Auseinandersetzung das Gefühl, dass sich die tektonischen Platten verschieben. Niemand wäre gezwungen gewesen, das Thema überhaupt zu vertiefen oder aufzuwerten. Aber in diesen Tagen, in denen Zeitungen schließen oder Stellen abbauen, kann man sich offensichtlich nicht mehr leisten, heiße Eisen nach Wunsch zu ignorieren. Denn so viel steht fest: Die Frage, ob Ibanez gedopt ist und ob die Tests in der Baseball-Liga wirklich viel bringen, ist legitim.

11. Mai 2009

Red Sox: Doping-Tipps vom Doktor?

Wir hatten das bereits in anderen Sportarten: Dopende Sportler sind gewöhnlich nicht nur Einzelgänger und Hasardeure, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, weil sie Angst haben, andernfalls ihren Job zu verlieren. Hinter massenhaftem Doping steckt meistens eine gut verschleierte, verharmloste und verharmlosende Kompetenzstruktur, die sich nur selten einmal zu rechtfertigen oder gar Konsequenzen zu tragen hat (Warten wir mal ab, wie sich die Causa rund um die Freiburger Ärzte noch entwickelt).

Natürlich dauert es manchmal Jahre, bis irgendjemand einen Beitrag leistet, um den Schleier zu lüften. Den Fall haben wir jetzt im Baseball in Boston (dem ehemaligen Club von Manny Ramirez), wo man immer so tut, als besäße man keine schmutzige Unterwäsche. Interessant: Nicht, dass (wie jetzt herauskommt) ein Arzt den Spielern der Red Sox ganz offensichtlich Informationen gegeben hat, wie sie mit Nadeln und Spritzen umgehen müssen, wenn sie sich Anabolika geben. Sondern mit welcher Wucht vom ehemaligen Red-Sox-Chefmanager zurückgeschlagen wird. Statt darum zu bitten, dass die Sache gründlich untersucht wird, um angesichts einer nicht von der Hand zu weisenden Doping-Epidemie weitere Belege dafür zu sammeln, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen konnte, wird einfach so getan, als könnte es das nicht gegeben haben: Doping-Beratung von Ärzten. Man kann davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine Vorneverteidigung von Leuten aus den oberen Abteilungen der Baseball-Hierarchie handelt, die ganz gewiss immer genau gewusst haben, was los war, die aber damals alles getan haben, um die Seuche zu beenden, und jetzt Angst vor etwaigen harschen Reaktionen aus der Öffentlichkeit haben.

7. Mai 2009

Manny hatte genascht

Manny Ramirez lebt nicht gesund. Das hat ein Dopingtest gezeigt, der ihm die Einnahme einer Substanz nachwies, die auf der Liste steht. Normalerweise behandelt man mit dem Stoff die Fruchtbarkeit von Frauen oder auch Probleme von Jungen in der Pubertät. Ramirez muss 50 Spiele aussitzen. Das entspricht einem Drittel der regulären Saison. Das Geräusch aus Boston anlässlich der Nachricht? Ein Raunen der Erleichterung. Man hatte Ramirez in der letzten Saison an die Los Angeles Dogers abgegeben, weil man ihn nicht mehr tragbar fand. Man wird in den nächsten Tagen sicher lesen könnnen, ob der Outfielder eventuell auch schon in Boston von verschreibungspflichtigen Mitteln genascht hat. Die Anti-Ramirez-Stimmung bei den Red Sox ist ziemlich ausgeprägt. Hier erst mal nur der Hinweis auf eine Meldung von neulich über eine Aussage von Jose Conseco, der schätzt, dass Ramirez' Name auf der Liste der mehr als hundert Spieler steht, die 2003 bei der allerersten Testrunde positiv auffielen. Auf dieser Liste befand sich unter anderem auch Alex Rodriguez.

17. April 2009

Good bye, Tyler

Wir verabschieden uns von Tyler Hamilton, der angesichts des ihm drohenden Strafmaßes wegen eines zweiten Dopingvergehens seine Karriere als Berufsradfahrer beendet. Diesmal hat er gar nicht solche hanebüchenen Geschichten wie einen damals im Mutterleib neben ihm verstorbenen Zwilling als Ursache für den Befund angegeben. Der verbotene Stoff DHEA befand sich in einem Präparat, das man in den USA ohne Rezept im Laden kaufen kann. Immerhin schönte er seine Geschichte noch etwas in Richtung Mitleidserheischung. Er bezeichnete das Produkt als Anti-Depressivum. Wikipedia weiß genug über die Substanz, um diesen vermeintlichen Wirkmechanismus zu erklären und zeigt gleichzeitig auf, dass man beim IOC solche Einschätzungen nicht weiter wichtig nimmt. DHEA ist ein Prohormon und verboten.

Blick zurück: Die Sache mit dem Zwilling

7. April 2009

Der Klingelbeutel: Obamas Wille geschehe


So sieht's aus in den USA: Der amtierende Präsident wird von ESPN vor dem K.O.-Turnier gefragt, wie es ausgeht, und er erklärt: North Carolina wird Meister. Gestern in Detroit wurde die Sache besiegelt. North Carolina gewann die NCAA Championship im Basketball. 89:72 bedeutet: ein ziemlich schnelles Spiel, in dem beiden Seiten im Angriff nicht lange fackelten. Gegner Michigan State hatte Sympathiepunkte, die nichts mit Basketball zu tun haben. Kein Bundesstaat leidet so sehr unter der akuten Krise und der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der amerikanischen Autoindustrie. Die Arbeitslosigkeit liegt über 12 Prozent.

• Die Süddeutsche hat sich einem absoluten Minderheitenthema gewidmet: Sie berichtet über den Erfolg von Lacrosse in Deutschland. "Mehr und mehr etabliert" sagen sie, nachdem sie ganze 1600 Spieler ausgemacht haben. Gut zu wissen. Es gibt eine deutsche Nationalmannschaft. Und die war auch schon mal Europameister. Leider enthält der Bericht keinen Hinweis darauf, dass das Spiel in den USA und Kanada von zehntausenden von Mädchen gespielt wird (mit leicht modifzierten Regeln, denn die Sportart ist ruppig). Hier noch ein Link für Interessenten: Auch Lacrosse hat eine Hall of Fame. In Baltimore.

• Man durfte sich all die Jahre wundern, in denen immer mehr Sportveranstaltungen auf einen Tag in der Woche wanderten, den so manche christliche Konfession zum absolut freudlosesten von allen erklärt hatte, wo bleiben die Proteste? Sie waren einfach nur verstummt. Jetzt sind sie wieder da. Zumindest mit Blick auf den kommenden Sonntag, den österlichen. Und bezogen auf England und seine Traditionen, die da einst unverrückbar lautete: Sport? "Sonntags nie". Der nächste Erzbischof von Westminister, fast so etwas wie eine Eminenz, hat das Thema in die Öffentlichkeit getragen. Seiner Beschwerde an die Premier League liegt ein heftiges Argument zu Grunde. Die Liga würde die Gefühle ihrer Angestellten verletzen. Der Erzbischof ist Liverpool-Fan.

• Man kann das Thema Anabolika im Sport auch lustig sehen (wenn man zum Beispiel nicht über die medizinischen Folgen von Missbrauch nachdenkt). Und dann entwickelt man ein Online-Spiel wie dieses (via the Big Lead).

9. März 2009

Doping: Chambers erzählt, wie's war

Nachdem in der vergangenen Woche der Meineid-Prozess gegen Barry Bonds auf unbestimmte Zeit vertagt wurde, werden wir uns in Geduld üben müssen, wenn wir herausfinden wollen, wie es wirklich damals bei BALCO zuging. Auch das Buch von BALCO-Chef Victor Conte hängt noch in der Luft. Von ihm erhoffen wir uns noch ein paar hübsche Enthüllungen. Es gibt Anzeichen dafür, dass der Bonds-Prozess wie das Horneberger Schießen ausgeht. Eines der Indizien sind die Signale aus Washington, wo mit Präsident Obama und seinem neuen Justizminister Eric Holder zwei Männer an der Steuerseilen sitzen, die in Sachen Doping nichts von der starken Hand des Staates halten. Dazu mehr in einem Radiobeitrag im Deutschlandfunk, der am Sonntag über den Sender ging.

Einer der gedopten Sportler aus Contes Kundenkreis, der britische Sprinter Dwain Chambers, hat inzwischen sein eigenes Buch publiziert und erzählt davon, wie er sich vollpumpte. Chambers wurde gesperrt und musste seine Siegprämien zurückzahlen. Am Wochenende in Turin wurde er Europameister in der Halle über 60 Meter. Aber der Fall geht in die zweite Runde. Chambers hat in dem Buch zugegeben, was ihn die Doping-Mast kostete: 30.000 Dollar im Jahr. Ein happiger Kostenansatz in der Kalkulation, aber wiederum nicht so hoch, als dass er sich angesichts der Erfolge nicht auch wirtschaftlich rechtfertigen ließe. Angeblich will der Internationale Leichtathletikverband IAAF sich noch mal mit der Akte Chambers beschäftigen.