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28. August 2008

Eine Buch-Empfehlung aus besonderem Anlass: Das Rock-Lexikon

Der erste Song, den Siegfried Schmidt-Joos auf einem imaginären Sampler zur Geschichte der Rock-Musik unterbringen würde, ist eine Blues-Nummer von Betty Roche mit dem Titel Trouble Trouble. Vermutlich kennt kaum jemand die Komposition und ihre Stimme. Was sicher auch daran liegen dürfte, dass sich kaum jemand auch nur halb so ausgiebig mit den Preziosen der Musikgeschichte und den Vorläufern des Rock-Genres beschäftigt wie besagter Siegfried Schmidt-Joos, Initiator und Co-Autor des Rock-Lexikon.

Ich habe dieses Wissen und diese besondere Begabung zur Einordnung und zur Beschreibung von Musik und Musikerbiographien, wie sie sein Lexikon bietet, immer ein bisschen bewundert. Und zwar seit 1973, als ich mir die erste Ausgabe mit der Jimi-Hendrix-Illustration auf dem Cover gekauft habe. Das Buch war vermutlich indirekt für ein paar persönliche Entscheidungen mitverantwortlich, die ich im Laufe der Jahre getroffen habe: Studium der Musikwissenschaften in Berlin, die journalistische Beschäftigung mit Rockmusik, die Neugier auf und das bessere Basisverständnis für Interviews mit Figuren wie Mark Knopfler, Steve Winwood, Bette Midler, Sheryl Crow und vielen anderen sowie die Recherchenreise nach Woodstock (wo das Festival übrigens nicht stattfand) und nach Bethel (wo statt dessen drei Tage lang Chaos und Magie herrschten, die durch den Dokumentarfilm und die Alben den Rest der Welt erreichten). Alles ein paar Jahre her. Aber immer wieder lebendig und wach – besonders bei Besuchen von solchen Institutionen wie der Rock 'n' Hall of Fame in Cleveland (gutes Museum), dem Rock 'n' Soul Museum in Memphis (kleiner, aber intelligenter) oder von Graceland, dieser kitschigen großen Kaschemme, die Elvis Presley hinterlassen hat.

Ich bin am Sonntag mal wieder zufällig in Bethel an der Woodstock-Wiese vorbeigekommen, in jener abgelegenen Gegend zwei Stunden außerhalb von New York, wo man 20 Jahre lang Angst hatte, dass die ausgelassen Bataillone von Langhaarigen wiederkommen und noch einmal alle Felder ringsherum verwüsten, und weitere 20 Jahre brauchte, um den langsam verblassenden Ruhm zu akzeptieren. Auf der Fahrt ist mir eingefallen, dass dieser Ausflug ein guter Anlass sein könnte, an dieser Stelle auf die nagelneue, total überarbeitete und erweiterte Ausgabe des Rock-Lexikon hinzuweisen (1500 Stichwörter, 2000 Seiten). Zwei dicke Taschenbuch-Bände, die ich selbst in Zeiten von Wikipedia einfach unersetzlich finde.

Weil das so ist, habe ich neulich ausführlich mit Siegfried Schmidt-Joos über seine Arbeit und seine Einschätzungen gesprochen. Das Interview kann man in der aktuellen Ausgabe des Musikmagazin Rolling Stone nachlesen (leider nicht online). Eine kürzere Fassung ist vor ein paar Tagen im Tages-Anzeiger in Zürich erschienen (ebenfalls nicht online).

Die Rhythm&Blues-Auswahl von Schmidt-Joos für den oben angesprochenen fiktiven Sampler endet mit einem Stück von Stevie Wonder von seinem Album Fulfillingness' First Finale und dem Titel You Haven't Done Nothing (hier live von der Grammy-Verleihung):

Die gesamte Liste der von ihme genannten Musikstücke findet man auf einer Seite vom Rowohlt-Verlag. Dort kann man auch die beiden Bände bestellen.

6. März 2008

22,86 Zentimeter lange Nägel aus keinem besonderen Grund

Warum man eigentlich immer erst einen Anlass braucht, um so etwas Markantes und Ausgefallenes in seinen Blog zu stellen wie das Video vom Auftritt von Nine Inch Nails beim Woodstock-Aufguss anno 1994 in Saugerties? Schwer zu sagen. Aber ich habe einen gefunden. Und niemand möge fragen, wie das zusammenpasst. Also hier die Meldung: Aus der Idee, eine neue Football-Liga auf die Beine zu stellen, die sich hauptsächlich aus Spielern rekrutiert, die bei der Draft durchgefallen sind, wird wohl nichts. Die All American Football League ist nach einem Bericht im Orlando Sentinel kurz davor, den Geist auszuhauchen. Noch ehe richtig Leben in die Sache kam. Dass so etwas in der Planung war, hatten wir gemeldet. Danach war es lange still.

Und nun die Musik und dazu noch ein paar Reminiszenzen. Denn ich habe das Konzert an dem Abend im Sommer 1994 erlebt und war von der Energie und der Musikalität einfach nur geplättet. Notizen zu dem Auftritt habe ich keine mehr. Denn mein eigentlicher Job bei diesem Festival war es, über ein paar andere Bands zu schreiben. Und über die brauchen wir heute kein großes Wort mehr zu verlieren. Genausowenig wie über das Interview mit Sheryl Crow im Tour-Bus, die zu jener Zeit gerade ihre erste CD herausgebracht hatte und sich als eine der Frauen mit Gitarre vorm Bauch profilierte, wie es sie damals zu hunderten gab. Und über die Nails brauchen wir eigentlich auch nicht zu reden. Die sprachen damals eindeutig eine so ausdrucksstarke Sprache, dass eigentlich nur eine Frage bleibt? Ganz aufdrehen oder noch lauter?

In einem Jahr wird es womöglich wieder Woodstock-Nostalgie geben. Wegen vierzig Jahre Jubiläum und so. Dann wird hier vielleicht die Geschichte über diese kleine Stadt ausgepackt. Und über die Konzert-Wiese (die ganz woanders war). Und über den Gedenkstein in jener Wiese, auf dem so mancher, der nicht bei dem Festival dabei war, später saß und gedankenverloren ins Nichts schaute.

30. Oktober 2007

Die Gitarre und das Mehr

Ich komme hier in Manhattan dauernd an dem Haus vorbei, vor dem 1980 John Lennon erschossen wurde, und an dem geschmackvollen kreisrunden Mosaik im Boden im Central Park gleich nebenan, das an ihn erinnert. Da sieht man dann Touristen, die herumknipsen, als gäbe es etwas zu sehen (es sind jedoch nur andere Touristen), aber auch solche Besucher, die still verweilen und vielleicht auch mal eine Gitarre auspacken und ein paar Akkorde anschlagen und etwas summen. Es wird nie richtig laut in Strawberry Fields. Der Ort scheint kultisch gesehen eine würdige Stätte der Erinnerung geworden zu sein.

Ich bin in Elvis seinem Graceland in Memphis gewesen (ein knatschbunter Rummelplatz) und in der Rock'n'Roll Hall of Fame in Cleveland (abgesehen von dem lächerlich hohen Eintrittspreis eine intelligente Präsentation), im Rock N Soul Museum in Memphis (die bislang beste und schlüssigste Darbietung, die beschreibt und erklärt, wie die Musik der Schwarzen die Musik der Welt wurde und wie die Welt die Musik der Schwarzen beeinflusste). Und ich habe mit 20 Jahren Verspätung auf dem Gedenkstein in der Wiese gesessen und meditiert, wo das Drei-Tage-Konzert namens Woodstock stattfand. Mich interessieren die Hinterlassenschaften von populärer Musik und ihren anfänglich so kruden, aber außerordentlich kreativen Gehversuchen. Denn sie erinnern mich an eine Epoche, die solche Produktionen wie MTV Unplugged in ihrer schamlosen inszenierten Pseudo-Intimität nie nachempfinden werden. Die Zeit vor den Fernsehdarbietungen und vor dem Internet-Informationskonsum, der viel zu vielen Menschen das Gefühl gibt, ihre Sekundär- und Tertiärwahrnehmungen seien ebenso bedeutend wie das Erlebnis selbst. Ich würde denen mal einen Besuch an Orten empfehlen, an denen die Musik auf eine sehr viel relevantere Weise weiterlebt.

Ich weiß nicht, ob ich dieses Museum dazu rechnen würde, zu dem mir gerade hier ein lesenswerter Artikel über den Weg gelaufen ist. Der Text behandelt leider nicht die Frage, ob Jimi Hendrix überhaupt jemals die Statur besaß, jenseits seiner enormen Virtuosität als Gitarrist und dem Symbolgehalt seiner Woodstock-Version des Star Bangled Banner, den Rang einer wirklichen Pop-Kulturikone zu erreichen. Es besteht da in diesen Tagen leicht Verwechslungsgefahr. Nur weil sein einmaliges Talent, auf eine verblüffend kontrollierte Weise aus einem Gitarrenverstärker Töne herauszudrechseln, noch immer von keinem Musiker erreicht oder gar übertroffen wurde (Stevie Ray Vaughn starb leider viel zu früh), lässt sich daraus noch kein musealer Wert ableiten. Was gibt es schon zu erzählen und zu präsentieren? Die Alben, die er aufgenommen hat, gibt es schließlich noch immer. Und wer etwas über Jimi Hendrix wissen will, braucht sie sich nur anzuhören.

Der Fall erinnert einen an den Grabstein von Jim Morrison auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris (oder eben auch an Lennons Mosaik im Central Park). Das sind Orte, zu denen sich Menschen hingezogen fühlen und wo sie Nostalgie auf eine spontanere Weise ausleben. Was braucht man immer ein ganzes Museum, um die Lebensleistung einen einzelnen Musiker zu würdigen?