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12. Januar 2010

Patriots im Tief – aber vermutlich nicht lange

Baltimore Ravens v New England Patriots - Wild Card Round
Wenn eine Mannschaft wie die New England Patriots von dem strikten Regime der Salary Cap in der NFL in die Mangel genommen wird, dann kommt irgendwann der Tag, an dem man die Auswirkungen mit Händen greifen kann: Raus in der ersten Playoff-Runde, ohne die Spur einer Chance. Ein Team von dieser Güteklasse mit drei Super-Bowl-Erfolgen und einer weiteren Super-Bowl-Teilnahme kann man nämlich nicht ewig zusammenhalten. Genauso wie man nicht den alten Trainerstab bezahlen kann, wenn von anderen Clubs lukrative Angebote an die Assistenten eintreffen. Angebote mit dem hochdekorierten und bestens bezahlten Posten des Head Coach.

Trotz des ständigen Talentabflusses hat der ewige Griesgram Bill Belichick seinen Laden auf erstaunliche Weise jahrelang in Schuss gehalten. In manchen Phasen generierte er die Überlegenheit aus klugem und genau getaktetem Tun, vor allem in der Defensive. Dann griff er nach Spielern, die woanders als untrainierbare Diven in die Ecke gestellt worden waren und nicht halb so viel kosteten, wie sie in seinem gut geölten Spielschema wert waren (man denke an Randy Moss 2007 für einen Viert-Runden-Draftplatz oder an Corey Dillon für einen Zweit-Runden-Pick 2004 oder auch an Wes Welker, der 2007 aus Miami kam und sich seitdem auf Platz eins der Wide Receiver in der Liga in der Kategorie Receptions vorgearbeitet hat).

Und dann waren da noch jene couragierten und konsequenten Entscheidungen gegen den Strich eines konventionellen Football-Wissens. Man kann mit dem Namen Tom Brady das eine Ende der Zeitachse markieren. Und mit dem Namen von Sebastian Vollmer das andere Ende. Niemand gab nur einen Rattenschiss auf Vollmer, als vor ein paar Monaten die Draft anstand. Und niemand, der das Team und den Trainer einigermaßen zu kennen glaubte, konnte sich ausmalen, was Belichick an dem relativ unbeschriebenen deutschen Blatt gesehen hatte. Die Saison der Patriots ging am Sonntag in der kalten Brise des Gillette Stadium zu Ende. Vollmer war die Offenbarung schlechthin. Er spielte absolut fehlerfrei, ließ keinen Ravens-Spieler an sich vorbei und zeigte nach einem von Baltimore abgefangenen Brady-Wurf, dass er im Falle einer Interception nicht den Stecker aus dem mentalen Stromnetz zieht. Er war einer der beiden Tackler, der sich lang machte und sich dem Gegner entgegenwarf, um das Schlimmste zu verhindern.

Ein Vollmer ist natürlich nicht genug. Schon gar nicht an einem Tag, an dem man mindestens zwei gebraucht hätte. Und obendrein einen motivierten Randy Moss, einen gesunden Wes Welker und einen Tight End, der besser blockt. Aber warum sollte Belichick nicht im Frühjahr den einen oder anderen Nachwuchsspieler von Format aus dem Topf ziehen? Wieder mal scheinen die Patriots vorbereitet – auch auf dieses zwangsläufige Formtief einer unabwendbaren zyklischen Entwicklung – mit dem die Buffalo Bills, die Detroit Lions, die Kansas City Chiefs und andere nicht umgehen können. Sie haben für die beiden kommenden Jahre eine ganze Reihe von guten Draftplätzen gehortet. 2010 sind dies zwei zusätzliche Picks in der zweiten Runde. 2011 ist es ein zusätzlicher Pick in der ersten Runde und zwar der von den Oakland Raiders, die noch immer schlecht genug sind, um daraus einen Spitzenplatz werden zu lassen.

Ehemalige Belichick-Assistenten, die sich woanders den Chefposten sichern konnten und die beim letzten Super-Bowl-Erfolg der Patriots 2004 noch zu Belichicks Stab gehörten, wirken nachträglich weniger als Aderlass, wie man das annehmen durfte. Unterm Strich: Alle vier haben ohne Belichick nichts für ihren Ruf tun können. Nur ihr Bankkonto sieht inzwischen sehr viel besser aus.

• Romeo Crennel, vier Jahre bei Cleveland Browns – kein einziges Mal in den Playoffs. Im letzten Jahr entlassen und ersetzt durch

• Eric Mangini, der vorher die New York Jets trainiert hatte, die ohne ihn endlich wieder in Fahrt gekommen sind und am Wochenende gegen die San Diego Chargers spielen.

• Charlie Weis wurde soeben nach vier Jahren in Notre Dame entlassen, nachdem er kein besonders gutes Bild abgegeben hatte. Was nicht an seiner Leibesfülle lag.

• Josh McDaniels, der zu Beginn der laufenden Saison die Denver Broncos übernahm und nach einem Blitzstart aus dem Ruder laufen ließ.

Noch ein paar Namen aus der Zeit, als Belichick in Cleveland amtierte: Dort hatte er Rex Ryan als Linebacker-Coach, jetzt hauptverantwortlich für das Defensivmonster in Grün besser bekannt als New York Jets. Dazu: Jim Schwartz (Detroit Lions) und die College-Cheftrainer Nick Saban (Alabama), Kirk Ferentz (Iowa), Pat Hill (Fresno State) and Al Groh (Virginia).

14. September 2008

Kaputte Knie (Teil 2)


Der schwergewichtige Cheftrainer der Universitäts-Football-Equipe von Notre Dame war vor seinem Wechsel in die Division I der Offensive Coordinator der New England Patriots in der NFL. Dort war er unter anderem für die Entwicklung von Quarterback Tom Brady zum besten Spielgestalter der Liga mitverantwortlich. Brady wurde vor einer Woche umgenagelt und wird Monate brauchen, um sich von den Folgen des gerissenen Außenbands im Knie zu erholen. Seine Saison ist zu Ende. Kurios, aber wahr: Eine Woche später widerfährt Weis, bei Amerikas erfolgreichster Football-Uni mangels Erfolg ziemlich unter Schuss, ein ähnliches Schicksal, als er im Match gegen Michigan an der Seitenlinie von einem eigenen Spieler umgerannt wurde. Er litt einen zweifachen Bänderriss im rechten Knie. Vor einer Woche hatte Weis Brady noch nette Genesungsgrüße getextet. Der Coach wird nicht ausfallen, sondern auf Krücken seine Arbeit abwickeln. Warum auch nicht? In dieser Saison läuft es erstmals seit seiner Amtsübernahme einigermaßen in South Bend. Das Video oben ist übrigens nichts für schwache Nerven.

P.S.: Weis gehört mit über 2 Millionen Dollar Jahresgehalt übrigens ebenfalls in die Top Ten der Geldschneider im College-Football. Er stand nur deshalb nicht auf der Liste, weil er für eine private Uni arbeitet. Die im letzten Eintrag erwähnten sind Angestellter von öffentlichen Bildungseinrichtungen.

17. September 2007

Notre Dame: Weis weiß nicht weiter


Wir sollten mal über Notre Dame reden. Über den Klang des Namens im amerikanischen College-Football und das Wrack, das daraus geworden ist und wie hässlich es sich dieser Tage bei näherem Ansehen gestaltet. Drei Spiele, drei Niederlagen, kein einziger Touchdown der Offensive Line. Aber ein dicker fetter Fernsehvertrag mit NBC, der noch bis 2010 dem Team als einzigem in den USA exklusive Lizenzeinnahmen garantiert, aber immer mehr an Wert für den Sender verliert, weil die Zuschauerzahlen von seit 1993 (6,2 Millionen Haushalte waren im Schnitt eingeschaltet) auf unter 3 Millionen gefallen sind und weiter sinken werden.

Sagte jemand dick und fett? Angesichts des Sechs-Jahres-Vertrages über 2 Millionen Dollar im Jahr, den Trainer Charlie Weis bekam, als man ihn von den New England Patriots weglotste, sicher kein so falscher Eindruck. Der war in der NFL Offensive Coordinator und ersetzte in Notre Dame einen Trainer, der gefeuert wurde, weil er in seiner letzten Saison eine 6:5-Bilanz aufwies. So hoch waren mal die Ansprüche. In seinen zwei ersten Jahren kam Weis auf Saisonleistungen von 9:2 respektive 10:2. Damit löste er die anfänglichen Erwartungen ein.

Und jetzt das. Wenn ein Deutscher Papst werden kann, warum soll dann nicht eine katholische Universität in den USA beim Footballspiel ins Schleudern kommen? Nichts ist mehr so wie es war. Nicht mal der Mythos vom Touchdown Jesus zieht, der direkt hinterm Stadion an der Wand hängt (siehe Bild). Nicht der Glaube daran, dass eine Mannschaft, die mehr amerikanische Collegemeisterschaften gewonnen hat als jede andere (elf) und sieben Heisman-Trophy-Gewinner hervorgebracht hat, quasi durch Handauflegen die Gegner bezwingt. The Fighting Irish, so der Spitzname, waren sicher mal etwas Besonderes, besonders zu jener Zeit, als College-Football noch dem Profi-Football den Rang ablief und Geschichten über Spieler wie über die Four Horsemen die Runde machten:
"Outlined against a blue-gray October sky, the Four Horsemen rode again. In dramatic lore they are known as famine, pestilence, destruction and death. These are only aliases. Their real names are: Stuhldreher, Miller, Crowley and Layden. They formed the crest of the South Bend cyclone before which another fighting Army team was swept over the precipice at the Polo Grounds this afternoon as 55,000 spectators peered down upon the bewildering panorama spread out upon the green plain below."
So schrieb der Sportjournalist Grantland Rice anno 1924. Epigonen von heute können diese Passage auswendig herunterbeten.

In Notre Dame, was in einer kleinen Stadt namens South Bend/Indiana direkt an der Grenze zu Michigan liegt, haben sie solche Reverenz stets genossen und poliert. So tragen die Spieler nicht nur goldene Helme, sondern bekommen sie jede Woche von fleißigen Kommilitonen frisch lackiert, damit sie im herbstlichen Sonnenlicht so grell glänzen wie nur möglich. Vor jedem Spiel geht die Mannschaft zur einer Messe in der Sacred Heart Basilika, nach der Fans Spalier auf dem Weg zum Stadion stehen, durch das die Spieler marschieren. Nun muss Weis wohl woanders hinpilgern, um himmlischen Ratschluss der Qualitätsstufe extrastark zu finden. Ein lautes plärriges Hosianna, das wusste schon Alois Hingerl, der Münchner im Himmel, reicht nicht. Und dieses Video von seinem legendären Vorgänger Knut Rockne, einem der mitreißendsten Motivatoren, den es im US-Sport je gab, das hat er sicher auch schon hundertmal angeschaut.