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23. Juni 2009

Gutes Rad ist teuer

Es ist wirklich nicht so klug, sich mit Lance Armstrong anzulegen oder sich seinen Privatbesitz anzueignen. Der Heilige der Velo-Welt hat überall seine Freunde. Auch in Kreisen der Justiz. sonst wäre sicher nicht dieses Urteil zustande gekommen: Drei Jahre Gefängnis für den Mann, der vor ein paar Monaten in Kalifornien aus dem Astana-Lager Armstrongs Rad gestohlen hatte. Kein Schreibfehler: DREI Jahre Gefängnis.

Der Mann aus Texas hat trotz seines Comebacks viel Zeit. Neulich legte er sich per Leserbrief mit dem Wall Street Journal an und bestritt Aussagen, die ein Reporter über seine Rolle im Hintergrund eines Rechtsstreits zwischen Greg LeMond und dem Radhersteller Trek getroffen hatte. Wie immer, wenn er sich beschwert oder sich verteidigt, argumentierte Armstrong nicht besonders genau und faktenorientiert, sondern wie ein getroffener Hund mit Hirn, der hofft, dass die anderen Mitleid mit ihm haben, weil er bellt. Aber so kennen wir ihn – als großen Nebelwerfer vor dem Herrn. Beispiel aus dem Schrieb, den er auf seinem eigenen Blog komplett publizierte, nachdem sich die Zeitung weigerte, den ganzen Sermon ("generell gesprochen lag der Artikel auf vielen Ebenen unter einem Minimum an journalistischen Standards") zu publizieren.

Ein Beispiel für Armstrong und seine Verdrehungsmethode: "Wäre ich für Treks Verhalten verantwortlich, wäre ich in diesem Fall ein Beklagter; hätte ich mit böser Absicht seine Geschäftsaktivitäten behindert, wäre ich in diesem Fall ein Beklagter. Ich bin es nicht."

Das hatte die Zeitung aufgrund ihrer Recherchen geschrieben: "Die Zivilklage behauptet ebenfalls, dass Herr Armstrong mit böser Absicht andere Geschäftsaktivitäten von LeMond behindert hat."

Ehe wir das hier zu einem Seminar über die Kunst des Schreibens ausarten lassen: Das Blatt zitiert ein Rechercheergebnis. Armstrong zieht daraus seine eigene Schlussfolgerung, baut darauf eine Absurdität ("wäre ich in diesem Fall ein Beklagter") und bemüht sich auf diese Weise den Originaltext zu desavouieren. Armstrong ist nur deshalb kein Beklagter, weil LeMond ihn nicht vor den Kadi gezerrt hat. Das ist keine Frage der Rechtslogik, sondern eine der angewandten Rechtsmechanik. LeMond hat sich einfach ein anderes Ziel ausgesucht als den Mann, den er vor Monaten bei einer Pressekonferenz mit kritischen Fragen auf den Keks gegangen war.

Die Taktik von LeMonds Anwälten ist nicht schlecht. So versuchen sie, Armstrongs Ex-Frau Kristin im Rahmen des Vorverfahrens als Zeugin zu vernehmen. Sie soll beschwören, dass Lance einst bei einem Abendessen gesagt haben soll, er würde dafür sorgen, dass Trek LeMond in die Mangel nimmt. Die Radfirma stellte lange Jahre die Räder des dreifachen Tour-de-France-Siegers und ersten amerikanischen Radheroen her. Im letzten Jahr beendete sie die Geschäftsbeziehung vorfristig, offensichtlich weil LeMond erneut die alten Dopingvorwürfe an die Adresse von Armstrong aufgegriffen hatte. Trek ist auch Geschäftspartner von Armstrong, der wichtigsten Werbefigur des Unternehmens, und hatte einst LeMond abgenötigt, den Mund zu halten.

28. September 2008

Die Aura des Befreiten


Man kann nicht überall sein. Leider. Aber es sieht so aus, als ob unsereins die interessantere Pressekonferenz mit Lance Armstrong diese Woche verpasst hat. Die gehübschte Veranstaltung in New York aus Anlass der Clinton Global Initiative war allerdings sehr viel einfacher zu erreichen. Das bedeutete eine Fahrt, drei Stationen, mit der U-Bahn. Und danach ein Spaziergang durch den Central Park, um das Gehörte zu verdauen und um wenig später über den Auftritt zu berichten. Als Armstrong einen Tag später in Las Vegas saß (siehe Video), war denn auch im Prinzip das meiste schon gesagt und geschrieben. Aber halt: In Nevada bei der Interbike Messe saß niemand anderer als Greg LeMond in der ersten Reihe und stellte gleich die erste Frage.

Es ist ein interessantes Duell, das die beiden da öffentlich ausfechten. Denn LeMond, der einst den amerikanischen Straßenradsport aus dem Dornröschenschlaf geholt und dreimal die Tour de France gewonnen hatte, ist nicht irgendein Dopinggegner. Er ist der Mann, dessen langjähriger Vertrag über die Herstellung von teuren LeMond-Rädern von Radhersteller Trek gekündigt wurde, weil man seine Äußerungen zu Armstrong nicht länger hinnnehmen will. Schon gar nicht, nachdem man ihn schon einmal – 2001 – massiv an die Kandarre genommen und zu einer Entschuldigung genötigt hatte. Die beiden Parteien streiten sich vor Gericht.

LeMond läuft seit seinem Auftritt im Landis-Doping-Verfahren eine Aura des Befreiten herum. Die Taktik der Landis-Leute, die ihn mit Enthüllungen über seine Erfahrungen als sexuell missbrauchtes Kind unter Druck setzen wollten, scheint eher das Gegenteil produziert haben: ihn an sein kämpferisches Ich zu erinnern. Es gibt keine Berichte darüber, weshalb er sein Haus verkauft, in dem er noch vor einem Jahr der Londoner Times das Interview gab. Aber er braucht sicher auch Geld, um diesen Rechtsstreit in Montana zu finanzieren, wo sich in um den Yellowstone Club herum eine hässliche Gemengelage ergeben hat (Bei dem Club handelt es sich um einen Privatberg mit einem Gipfel in 3000 Metern Höhe im Bundesstaat Montana mit allem, was ein typisches amerikanisches Ski-Resort hat: viele Lifte, Pulver ohne Ende, aber alles exklusiv. Greg LeMond hatte sich hier 12 Hektar gekauft und einen Wohnkomplex aus sechs opulenten Holzfäller-Hütten errichten lassen).

Dass Armstrong übrigens so mir nichts dir nichts in Australien im Januar an einem Etappenrennen teilnehmen wird, glauben längst nicht alle. Diese AFP-Meldung streut Zweifel.

18. Mai 2007

At-Landis: Die Insel sinkt

Foto: flickr/creative commons/zlink33

Die Sache mit Greg LeMond gestern in dem nachgebauten Gerichtssaal der juristischen Fakultät der Pepperdine University hat den für Amerikaner scheinbar undurchsichtigen Fall Floyd Landis endlich auf die Ebene gehoben, auf der sich alle einmischen können: Die Clowns wie David Letterman und Jay Leno abends im Fernsehen mit ihren Witzen. Besorgte Mütter, die schon immer wussten, dass jeder Onkel ein potenzieller Päderast ist. Menschen, die gerne Kriminalromane lesen und der Meinung sind, dass sich niemand die schlimmsten Dinge ausmalen kann, weil die Wirklichkeit schon so schlimm genug ist. Und die Sportseiten der Tageszeitungen, denen das Gerede über Laborwerte und die genaue Durchführung von Dopingtests viel zu langweilig war. Jetzt haben wir endlich ein kolportiertes Halbgeständnis von Landis und einen rausgeworfenen Manager, der zwar vermutlich nicht ohne Wissen seiner Auftraggeber gehandelt hat, aber weil diese dumme Einschüchterungsversuch aufflog, die Verantwortung zugeschoben bekam. Und so haben wir einen Plot und die Aussicht auf die eine oder andere mediengerechte Konfrontation. Und alles nur, weil Floyd Landis dachte, er käme am besten bei einer öffentlichen Verhandlung seiner Dopingakten weg. So kann man sich vertun...

Mehr zum Thema findet man hier - bei Steroid Nation und hier bei ESPN (hervorragendes Video mit Bildern aus dem Verhandlungssaal. Und demnächst sicher auch auf diesen Seiten.