Auf das Wort muss man erst mal kommen: urban journalism. Denn das macht wortwörtlich keinen Sinn. Jeder Lokalredakteur aus einer Großstadt praktiziert das. Aber das ist dem furchtbar unbegabten, aber trotzdem immer noch bestens bezahlten amerikanischen Schreiber Scoop Jackson bestimmt egal. Denn er setzt Wörter anders ein. Nicht als Ausdruck von Gedankenketten und Wissensformation, sondern als Codebegriffe, als Attitüdensprache.
Im Grunde ist der Erfolg von Scoop Jackson nicht zu begreifen. Weshalb sich ein gewisser Jason Whitlock bereits darüber öffentlich aufgeregt hat. Aber daraufhin verlor der seinen Job, weil er einen Kardinalfehler der Zunft begangen hat: Man kritisiert nicht einen Kollegen laut und vernehmlich, wenn man sein Honorar vom selben Arbeitgeber bezieht.
Jackson verdankt seinen Aufstieg einem Zeitgeist-Produkt (auf das er vermutlich anspielt, wenn er von urban journalism spricht). Es sind Lifestyle-Magazine, die jenes Publikum bedienen, das sich an der Schnittstelle von Streetball/Basketball/Hip-Hop/Ghetto-Schick/Musik-Video eingefunden hat. An diesen Magazinen und der Musik ist nichts weiter bemerkenswert, außer das in beiden Formaten immer so getan wird, als leiste man einen Kulturbeitrag. Beide bestärken sich gegenseitig in der Illusion, dass die Rapper die Könige der von Drogendealern in Schach gehaltenen Ghettos und als Poeten und Berichterstatter einer Lebenswirklichkeit zu betrachten sind, die dem Rest der Welt die Geschichten aus der totalen gesellschaftlichen Sackgasse serviert (die dann noch ein Schlupfloch offenbart: den Weg ins Gefängnis).
So wie es den Rappern bei ihrer Sprachartistik weniger ums Konkrete geht, sondern hauptsächlich um Entertainment und Plattenumsatz und um eine Starrolle, so ignorieren auch die sie begleitenden Schreiber aus dem Medienumfeld gerne die Kernaufgabe. Sie begreifen sich als kreative Cheerleader, die offensichtlich darauf hoffen, dass sie am Ende selber so etwas wie Stars werden. Vor allem dieser Szene ist es zu verdanken, dass Basketballspieler wie Allen Iverson und Stephon Marbury so populär sind, was in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung auf dem Platz steht. Und dass sie sich in Interviews so artikulieren, als hätten ihnen jemand den größten Teil des Verstands herausgeschraubt.
Die Verwirrung ist Teil des Spiels um Popularität, Status und finanziellen Erfolg. Keiner der Multimillionäre (ob im Sport oder in der Musikszene) würde auch nur im Traum daran denken, etwas zu tun, was den unreflektierten mythischen Charakter seiner Entertainment-Persona in eine politisch relevante Bahn lenken könnte. Die Typen könnten tatsächlich Einfluss nehmen auf das Leben im Ghetto. Alles, was sie tun, ist Bojangling, wie Whitlock das nennt. Eine Anspielung an Bill Bojangles Robinson, ein schwarzer Filmschauspieler, der in der dreißiger und vierziger Jahren die Klischeerollen schlechthin spielte: der immer lächelnde, devote Schwarze, der zur Unterhaltung oder als Dienstbote des weißen Mannes existiert.
Keiner verkörpert das Prinzip in den amerikanischen Medien so wie Jackson, der inzwischen bei espn.com eine Kolumne hat - also eine beachtliche Plattform besitzt, mit Lesern, die aber längst nicht so leicht zu beeindrucken sind wie die Käufer von Blättern wie Slam! oder Vibe. "Scoop ist ein Clown. Und die Veröffentlichung seiner vorgetäuschten Ghetto-Pose ist eine Beleidigung schwarzer Intelligenz", meinte Whitlock in seinem legendären Interview mit dem Blog The Big Lead. Die meisten Leute halten sich allerdings gar nicht mehr damit auf, den Mann und seine Texte zu kritisieren. Nur manchmal bricht in jemandem etwas auf - wie hier. Und dann erinnern sich noch ein paar Leser an solche Sachen wie diese, als Jackson sich kreativ bei einem Blog bediente, ohne den auch nur zu erwähnen.
Und so kommen wir zum eigentlichen Auslöser dieses Beitrags - zu Jacksons neuester Arbeit: einem puren PR-Stück, in dem er den halbgottgleichen Michael Jordan, seine neuen bei Nike hergestellten Schuhe und vor allem sich selbst abfeiert. Das kommt davon, wenn man keine wirklichen Geschichten erlebt und deshalb nichts zu erzählen hat. Und wenn man keinen Sinn für eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit der Welt hat. Dann entstehen solche Kracher: The Jordan Experience.
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7. November 2007
19. Oktober 2007
NFL: Die Weißwäsche hat begonnen
Als der Name Jason Whitlock zum ersten Mal in diesem Blog erwähnt wurde, geschah das mit einer bestimmten Absicht. Amerika ist - was man trotz der vielen Verrückten und Chaoten am Rand der Gesellschaft nicht vergessen sollte - das Heimatland des Begriffs political correct. Und selbst wenn der amtierende Präsident eine Oligarchen-Fascho-Gesinnung hat (gepaart mit einer unglaublichen Inkompetenz, was unser aller Glück ist) und seine Parteifreunde gerne mitmachen: die Strömung darunter, gelebt von den sogenannten kleinen Leuten, wird von dieser Sorge geprägt, dass man jemand anderem auf die Schuhe treten könnte und ihn wegen seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Vorlieben, seines enormen Gewichts und Essgewohnheiten diskriminert.
Was macht Jason Whitlock? Er bürstet gegen den Strich. Und ist damit derzeit der einzige, der öffentlich und konsequent bemängelt, wie sich eine beachtliche Zahl von schwarzen amerikanischen Sportstars besonders in der NFL verhalten. Verhalten ist milde ausgedrückt:
Das Problem sitzt tiefer: Denn innerhalb der letzten 50 Jahren hat es keinen größeren Kampf im amerikanischen Sportalltag als den um Chancengleichheit für Schwarze gegeben. Die Integration brachte eine NBA, in der Weiße zeitweilig nur Randfiguren waren, und eine NFL, in der irgendwann die letzten Bastionen fielen: die Positionen des Quarterbacks und die des Head Coaches. Dass sich die nachgewachsenen Generation auf den Erfolgen ihrer Vorläufer ausruht und so tut, als ginge sie das alles gar nichts an und als seien die Millionen von Dollar, der teure Schmuck und die Unmengen von Groupies einfach Standardbelohnung für Leute, die schnell laufen und hoch springen können, führt jedoch nicht nur zu Konflikten mit den Ordnungshütern (und ins Gefängnis). Am Ende reagieren auch die Verantwortlichen in den Sportorganisationen.
So wurden immer mehr Ausländer in die NBA geholt (darunter übrigens sehr viel Schwarze, die sich aber nicht als Entertainer betrachten, weil sie in einem anderen kulturellen Umfeld aufgewachsen sind). Der Trend in der NFL ist nur ein weiterer Beleg für den Umschwung. Auch Major League Baseball darf man in diesem Licht betrachten. Dort hat eine andere Minderheit enorm an Bedeutung zugelegt: Spieler aus den Ländern in der Karibik und drumherum. Die Nachwuchsförderung, die sich einst in den Metropolen nach jungen Talenten umsah (die dann oft aus den schwarzen Ghettos kamen), hat sich komplett auf die Latino-Welt und Japan eingepolt.
Den kompletten aktuellen Whitlock zum Thema gibt es hier. Was er zum All-Star-Wochenende der NBA in Las Vegas zu sagen hatte, wurde damals ausführlich zitiert. Es lohnt sich, die Tags durchzugehen. Der Mann wird hier relativ oft erwähnt.
Was macht Jason Whitlock? Er bürstet gegen den Strich. Und ist damit derzeit der einzige, der öffentlich und konsequent bemängelt, wie sich eine beachtliche Zahl von schwarzen amerikanischen Sportstars besonders in der NFL verhalten. Verhalten ist milde ausgedrückt:
"Afroamerikanische Footballspieler, gefangen in der Rebellion und Possenreißerei der Hip-Hop-Kultur, haben NFL-Besitzern und Trainern einem guten Grund gegeben, ihre Kader weißer zu machen. Das wird das Erbe von Chad, Larry und Tank Johnson, Pacman Jones, Terrell Owens, Michael Vick und all den anderen Football-Clowns sein."Kaum jemand habe es bemerkt, schreibt Whitlock, aber die beiden vorbildlichen Clubs in der Liga - die Indianapolis Colts und die New England Patriots - haben die weißesten Mannschaften. Und warum? Hip-Hop-Athleten werden zunehmend abgelehnt, "weil sie nicht gut fürs Geschäft sind", und weil sie nicht zu einer konstant erfolgreichen Arbeitsatmosphäre beitragen. Hautfarbe sei nicht der Grund für den Unterschied zwischen positiver oder negativer Haltung eines Sportler. "Es ist die Kultur."
Das Problem sitzt tiefer: Denn innerhalb der letzten 50 Jahren hat es keinen größeren Kampf im amerikanischen Sportalltag als den um Chancengleichheit für Schwarze gegeben. Die Integration brachte eine NBA, in der Weiße zeitweilig nur Randfiguren waren, und eine NFL, in der irgendwann die letzten Bastionen fielen: die Positionen des Quarterbacks und die des Head Coaches. Dass sich die nachgewachsenen Generation auf den Erfolgen ihrer Vorläufer ausruht und so tut, als ginge sie das alles gar nichts an und als seien die Millionen von Dollar, der teure Schmuck und die Unmengen von Groupies einfach Standardbelohnung für Leute, die schnell laufen und hoch springen können, führt jedoch nicht nur zu Konflikten mit den Ordnungshütern (und ins Gefängnis). Am Ende reagieren auch die Verantwortlichen in den Sportorganisationen.
So wurden immer mehr Ausländer in die NBA geholt (darunter übrigens sehr viel Schwarze, die sich aber nicht als Entertainer betrachten, weil sie in einem anderen kulturellen Umfeld aufgewachsen sind). Der Trend in der NFL ist nur ein weiterer Beleg für den Umschwung. Auch Major League Baseball darf man in diesem Licht betrachten. Dort hat eine andere Minderheit enorm an Bedeutung zugelegt: Spieler aus den Ländern in der Karibik und drumherum. Die Nachwuchsförderung, die sich einst in den Metropolen nach jungen Talenten umsah (die dann oft aus den schwarzen Ghettos kamen), hat sich komplett auf die Latino-Welt und Japan eingepolt.
Den kompletten aktuellen Whitlock zum Thema gibt es hier. Was er zum All-Star-Wochenende der NBA in Las Vegas zu sagen hatte, wurde damals ausführlich zitiert. Es lohnt sich, die Tags durchzugehen. Der Mann wird hier relativ oft erwähnt.
Labels:
Football,
Hautfarbe,
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Jason Whitlock,
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