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5. Februar 2010

Zeit für ein paar Häppchen zum Super Bowl

Hier eine Salatplatte zum Super Bowl zwischen den Indianapolis Colts und den New Orleans Saints (Sonntag in Miami, live ab 23.35 Uhr in der ARD, Kommentatoren Andres Witte, Dirk Forberg, Moderation Rolf Scholt):

Tony Dungy prophezeit überlegenen Sieg seines Ex-Clubs.

• Die beiden Videospiele EA Team und Madden sehen es anders: Beide tippen auf einen knappen Erfolg für die Saints. Die Madden-Vorhersagen sind besonders aufschlussreich. Ihre Super-Bowl-Simulationen liegen in fünf von sechs Fällen richtig.

• Wir dürfen aus gegebenem Anlass auf einen Beitrag von Ende Dezember verweisen. Eine Anlayse der Treffgenauigkeit von Quarterback Drew Brees (mit Video). Mal abgesehen von dem schrägen Vergleich mit den Bogenschützen. Unterm Strich bleibt zumindest eines: Der Mann ist extrem präzise.

• Da Super-Bowl-Ringe so prestigeträchtig sind, lotet diese Geschichte von Mike Wise in der Washington Post eine gewisse emotionale Tiefe aus. Die Hauptperson: ein ehemaliger Redskins-Spieler, der auf die schiefe Bahn kam. Die Nebenperson, der Mann, der dafür sorgte, dass der Ring dabei nicht in den Gully kullerte und weggespült wurde.

• Übrigens: Samstag in der gedruckten Ausgabe der FAZ: ein Porträt der New Orleans Saints, die fast 40 Jahre lang in der NFL nichts zu bestellen hatten, aber sich trotzdem nicht unterkriegen ließen. Big Easy nahm es locker. Jetzt allerdings wird's ernst.

• Jason Whitlock denkt schon eine Ecke weiter: an den anstehenden Tarifstreit zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft und dass es vermutlich keine Aussperrung geben wird. Warum auch? Die NFL-Profis sind die härtesten Typen, wenn es darum geht, auf dem Spielfeld ihre Knochen hinzuhalten. Aber die schwächsten, wenn es um Arbeitskämpfe geht. Die werden schon keinen Streik ausrufen – aus lauter Angst, dass er in sich zusammenbricht. Da können die Liga-Fürsten auf die sanfte Tour arbeiten. Was besser fürs Bild in der Öffentlichkeit ist. Allerdings hat der neue Gewerkschaftschef schon mal die Trommel in die Hand genommen und artikuliert lauthals seine Befürchtungen in Sachen Aussperrung. Interessantes Detail in diesem Beitrag: Die NFL hat Fernsehverträge, die ihr die üblichen Einnahmen garantieren, selbst wenn die Spiele einem Arbeitskampf zum Opfer fallen. Dieses Faktum zeigt, welche Macht die Liga gegenüber den TV-Sendern entwickelt hat. Keine andere Sportinstitution, abgesehen vielleicht vom IOC, könnte solche Vereinbarungen durchsetzen. Die Leute von den Sendern würden wohl eher nur leicht lachen, wenn sie mit derartigen Forderungen konfrontiert würden.

10. Dezember 2009

Die Moral der Tanz-Clowns

Die Tiger Woods Webseite tigerwoods.com wird ganz offensichtlich nicht von ängstlichen Betreibern überwacht. Sonst würden sich nicht seit Tagen unter einem älteren Beitrag über ihn und seine Reisen hunderte von Leuten mit hässlichen Kommentaren verewigen dürfen. Der Auslöser war die Frage eines Menschen und die Antwort dazu, in der Tiger Woods sich wie ein Briefkastenonkel gibt. "Ich kann mir vorstellen, dass es hart ist, von ihnen so weit weg zu sein, wo du jetzt Kinder hast", schrieb ein Rupert aus Houston. Worauf der Golfer mit den Worten reagierte: "Du hast total recht. Es ist sehr schwer geworden, Elin und die Kinder zurückzulassen. Und ich denke, das wird nur noch schwieriger." Solche Sätze sind ein gefundenes Fressen für ein Publikum, das jedes Wort des ehemaligen Mister Clean Image auf die Goldwaage legt.

Tiger Woods hat nicht viele Apologeten. Aber zumindest einer ist darunter, der wortmächtig genug ist, die gesamte amerikanische Medienmaschinerie zu attackieren. Jason Whitlock, der schon häufiger den Antagonisten heraushängen ließ, weist in einem ellenlangen und nicht wirklich kohärenten Text darauf hin, dass die Tatsache, dass Woods als Repräsentant des schwarzen Amerika (durch die Abstammungslinie seines Vaters, die Mutter kommt aus Thailand) vor allem darunter leiden muss, dass er eine weiße Frau und dazu noch eine Blondine geehelicht hat. Andernfalls wären seine Verfehlungen auf dem Niveau von Mike Tyson und seiner ersten Frau Robbie Givens abgehandelt worden und schnell abgehakt gewesen.

Wo Whitlock gut auf den Punkt kommt, ist in dem Vorwurf an die Adresse irgendwelcher selbsternannter Moralapostel aus den Medien, darunter auch Herm Edwards (Sohn eines schwarzen Armeeangehörigen und einer deutschen Mutter), die so tun, als gehe es wirklich darum, einem Menschen wie Woods das Gelöbnis zur Monogamie abzuverlangen (während der Rest der Welt nicht die Bohne nach diesem Standard lebt). Ganz zu schweigen von jenem völlig verzerrten Blick auf das Leben von Stars.

"Zu dem Zeitpunkt, als das Geld des Fernsehens und das Scheinwerferlicht dafür sorgte, dass ein 20-jähriger Athlet auf einen Schlag ein Millionär, ein Prominenter und eine Marke werden kann, wurden die Jordans, Peyton Mannings, Le Bron James, Roger Clemens, Tiger Woods und die Michael Phelps dieser Welt so etwas wie Jon Bon Jovi, Mick Jagger, George Clooney, LL Cool J, Brad Pitt, Britney Spears, Elizabeth Taylor und Robert Redford. Mit wievielen Frauen hat deiner Meinung nach Jagger in seiner besten Zeit gepennt? Sein Reichtum, sein Ruhm und sein Aussehen sind blass im Vergleich zu dem von Tiger." Mit anderen Worten: "Der typische Rock- oder Filmstar würde über Tiger lachen und seinen Sexualtrieb in Frage stellen, wenn der Golfer sich auf eine Zahl von 50 [Frauen] oder weniger seit seiner Heirat beschränlen würde und auf 500 in seinem gesamten nachpubertären Leben."

Wer hat hauptsächlich Schuld daran, dass so gut wie niemand in den amerikanischen Medien das Thema Woods auf eine kluge Weise bearbeitet? Der world wide leader in sports? "ESPN hat den Sportjournalismus umgebracht. Es hat unsere Besten und Intelligentesten angestellt und sie überbezahlt und sie mit Ruhm überschüttet und dabei viele von ihnen in Tanz-Clowns verwandelt, die nicht darauf vorbereitet sind, die Sportwelt zu analysieren, die sie angeblich behandeln."

Und dann zitiert Whitlock einen Soziologen, der sich an den Fall O. J. Simpson erinnert fühlt, in dem die weiße Ex-Frau eines der beiden Mordopfer war. Der meint, dass sich das weiße und das Geschäfts-Amerika sich betrogen fühlt, wenn ein Schwarzer mit Wohlstand und Privilegien versorgt worden ist und dann doch nicht dem übermenschlichen Image entspricht, dass seine Sponsoren von ihm entworfen haben.

9. Oktober 2009

Der Klingelbeutel: Pfänderspiele

Der Arm der amerikanischen Justiz ist nicht wahnsinnig lang, aber ziemlich stark und ausdauernd. Das dürfte Olympiakos Piräus in diesen Tagen zu spüren bekommen. Die Mannschaft befindet sich im Anflug auf die USA zu einem Freundschaftsspiel gegen die Cleveland Cavaliers mit LeBron James und Shaquille O'Neal. Da aber noch aus einem alten Rechtsstreit um die Bezahlung eines amerikanischen Spieleragenten eine Rechnung offen ist, hat dieser Agent vor Gericht den Antrag gestellt, dass die für solche Aufgaben zuständigen US Marshalls alles pfänden, was am griechischen Team nicht niet- und nagelfest ist. Eventuell sogar das Flugzeug, mit dem die Truppe anreist. Der Betrag, um den es geht, ist nicht gering. Er liegt bei 400.000 Dollar. Das Spiel ist für Montag geplant. Die ausführliche Geschichte über den Fall gibt es hier.

* Golf und Rugby wurden heute ins Programm der Olympischen Spiele aufgenommen. Darüber wird an anderer Stelle noch ein wenig ausführlicher zu berichten sein. Nur soviel: Rio de Janeiro als erster Austragungsort, den die Expansion betrifft, hat keinen passenden Golfplatz und wird noch ein paar Millionen Dollar mehr im Budget finden müssen, um das Problem zu lösen.

• Die mysteriöse Rolle des ehemaligen Football- und Baseballprofis Deion Sanders und derzeitigen Fernsehkommentators im privaten Umfeld von jungen amerikanischen Sportlern wie Michael Crabtree. "Seit Jim Jones eine Gruppe von Anhängern nach Guayana führte, ist kein religiöser Hochstapler mehr für soviele irregeleitete junge Leute verantwortlich gewesen." Schreibt Jason Whitlock. Der Vergleich mit Jones ist extrem, aber griffig. In Jonestown starben mehrere hundert Menschen bei einem von Jones angeordneten Massen-Suizid. Bei den jungen Leuten steht allenfalls die sportliche Karriere auf dem Spiel.

10. Juli 2009

Lieber essen und meckern

Glücklicherweise schrieb er nur: "Sie ist möglicherweise der begabteste weibliche Athlet unserer Zeit." Betonung auf "Athlet" – von Tennisspieler war nicht die Rede. Denn sonst hätte man Jason Whitlock vielleicht mal einen Vortrag über die Feinheiten dieser Sportart und die mangelnden Fähigkeiten jener Dame halten müssen, um die es in seinem jüngsten Traktat geht. Um Serena Williams. Und natürlich hätte man ihm Vorhaltungen darüber machen müssen, dass eine Frau, die sehr viel mehr rohe Kraft (und Energie und Ausdauer) hat als ihre Gegnerinnen, durchaus gegen technisch bessere Spielerinnen Erfolg haben kann. Dass es also gar kein Wunder ist, dass sie die anderen von der Platte putzt. Aber zum Glück hat er sich nicht darauf versteift, sondern nur auf die Behauptung, dass Serena Williams in ihrer Karriere viel zu wenig aus ihren Möglichkeiten gemacht hat. Und auf der Basis dieser Hypothese gibt er ihr ordentlich Saures. Zitat:

"Sie würde lieber essen und halbärschig unbedeutende Turniere abspulen und sich darüber beschweren, dass sie wegen ihrer elf Grand-Slam-Titel nicht genug Respekt erhält. Sie beschwert sich darüber, dass sie auf Platz zwei der Weltrangliste steht, wenn sie nicht auf Twitter oder ihrem Blog über die die neuen Regeln in Wimbledon herummeckert, die es Spielern untersagen, in der Umkleidekabine zu essen. Ernsthaft: Wie könnte Serena auch ihre Shorts in Grösse 44 ausfüllen, ohne zwischen Spielen vor ihrem Spind zu sitzen und zu futtern?"

Blick zurück: Wenn Jason Whitlock den Mund voll nimmt, dann richtig
Blick zurück: Was Serena schon vor langer Zeit in einem ausgelöst hat und Was Leute beim Googlen suchen

30. Mai 2008

Weniger Tatoos, bessere Quote?

Ziemlich provokativ und überhaupt nicht demoskopisch abgesichert, aber trotzdem des Nachdenkens wert: Sportkolumnist Jason Whitlock glaubt zu wissen, weshalb die Einschaltquoten bei der NBA in den Playoffs wieder nach oben steigen: Weil die wichtigsten Spieler nicht mit Tätowierungen übersät sind. Wer will schon Sportler im Fernsehen sehen, die wirken, als ob sie gerade aus dem Gefängnis entlassen wurden, fragt Whitlock, der als schwarzer Schreiber schon oft und gern und ganz bewusst gegen den Strich gebürstet hat. Der Gedanke hat etwas. Zumal die Tatoo-Epidemie noch immer nicht abgeebbt ist.

10. Mai 2008

Sportblogs in den USA: Zeit für Qualitätsdebatten und Kritik

Dies ist eine Einladung zu einem geistigen Spagat für alle, die sich für die Sportbloggerei interessieren und die wissen wollen, was unsere amerikanischen Vorreiter erleben. Um die Übung gut hinzubekommen, sollte man ein paar Eckdaten kennen:
Deadspin ist der erfolgreichste Sportblog der USA, sein Hauptschreiber und Vorturner heißt Will Leitch. Er hat vor ein paar Monaten ein Buch herausgebracht und sich damit noch einen Hauch stärker profiliert.
HBO ist ein Pay-TV-Sender, der im Laufe der Jahre viele gute neue Serien (Sopranos, Sex and the City) und Fernsehformate entwickelt hat und auf eine eklektische Weise auch Sport-Themen serviert.
Bob Costas ist ein Sportfernsehmoderator mit einem guten Namen und bei NBC unter Vertrag. Bei HBO geriert er sich als Medienmann, der in seiner Talk-Show über allem zu stehen versucht. Mit Bloggern kann er nichts anfangen - wie so viele approbierte Journalisten von altem Schrot und Korn.
H. G. "Buzz" Bissinger galt dank eines Pulitzer-Preises als überdurchschnittlich begabter Sport-Autor. Seit seinem Auftritt bei Costas gilt er eher als schlecht informierter Meckerfritze, dessen Probleme man gar nicht richtig versteht.

Wer wissen will, was da neulich bei Costas passiert ist, möge über diese Seite einsteigen und sich erst einmal die Videoaufzeichungen anschauen. Für den zweiten Gang empfehlen wir diese Betrachtung vom Blog The Big Lead, die die seltsame Attacke gegen Leitch (“[Blogging] really pisses the shit out of me. It is the dumbing down of our society.”) in einen erhellenden Zusammenhang stellt. Aber man muss Leitch nicht unbedingt einen Freispruch aushändigen. In den letzten Tagen wurde dieses Radio-Interview mit ihm wieder hochgespült, das einen Mann zeigt, der zwar gerne so tut, als habe er ein durchdrungenes Verhältnis zur Beschäftigung mit Sport. Aber vermutlich ist er nicht mehr als der Protyp des spätpubertierenden Energiebündels, der schnell schreibt und schnell Witze reißt und erst, wenn alles publiziert ist, entdeckt, wie unreflektiert er dabei arbeitet.

Leitch hat viele Fans, vor allem unter anderen Bloggern, die eine enorme Menge an Besuchern abstauben, wenn er einen Hinweis auf eine Geschichte gibt. Viele Kritiker unter Gleichgesinnten hat er nicht. Umso bemerkenswerter war der Text von Jason Whitlock, der nach der Sendung nicht nur das Gesehene durchkaute, sondern einen neuen Gedanken in die Debatte einführte: Es sei an der Zeit, dass sich Sportblogger mal etwas kritischer miteinander beschäftigen – etwa nach der Art wie der bildblog mit der Bild-Zeitung verfährt. Und in einem Interview mit dem Blog Fanhouse erläuterte er die Konstellation noch etwas genauer.

Neben seinen kritischen Anmerkungen sagte er noch folgendes: "Die Zeitungsindustrie hasst alles, was anders ist. Und die Manager von Zeitungen haben keine Ahnung, wieso Blogger Erfolg haben ... Blogger sind eine gute Sache. Sie sind großartige Wachhunde für die etablierten Medien."

1. Dezember 2007

Ein Toter, vier Verdächtige und ein paar Merkwürdigkeiten

Das Thema hat seit Tagen die Leute beschäftigt. Vor allem auch weil es eine Reihe von Journalisten gab, die voreilig Rückschlüsse auf den Lebensstil des Footballprofis zogen und das Gefühl hatten, es sei mal an der Zeit eine populistische Haltung zu beziehen. Seit gestern stellt sich die Sache so dar: Die Polizei hat vier Verdächtige verhaftet, die für den Tod von Sean Taylor, dem begabten Safety der Washington Redskins, verantwortlich sein sollen. Und sie hat eine Vorstellung davon, wie es zu der tödlichen Konfrontation kam: Die Tat hatte als Einbruch begonnen, weil niemand damit gerechnet hatte, dass sich der NFL-Profi (und seine Lebensgefährtin mit dem gemeinsamen Kind) während der Saison in der Villa in Miami aufhält. Als Taylor sich den Eindringlingen in den Weg stellte, wurde er von einem Pistolenschuss getroffen. Das Projektil verletzte eine der wichtigen Arterien. Er starb Stunden später, nachdem er Unmengen an Blut verloren hatte.

Und damit wenden wir uns zu den voreiligen Betrachtungen von Leuten, die diesmal gar nicht erst abwarten wollten, zu welchen Ermittlungsergebnissen die Behörden kommen. Und denen es so leicht fiel, den schwarzen Sportler als Vertreter aus dem Ghetto abzustempeln, obwohl sein Vater der Polizeichef im benachbarten Florida City ist. In der Washington Post, die die Meinungsführerschaft rund um die Redksins beansprucht und nicht erst seit Watergate einen Ruf als ausgezeichnete Zeitung genießt, waren gleich zwei Leute ziemlich sicher, dass Taylor nicht das unschuldige Opfer einer Attacke gewesen sein konnte. Leonard Shapiro schrieb (nach ein paar eloquenten Vorbemerkungen, die die Aussage abmildern sollten: "Trotzdem, könnte irgendjemand ehrlich sagen, er hätte das nicht kommen sehen? Man muss blind sein, um nicht die schillernde Vergangenheit von Taylor in Betracht zu ziehen." Sein Kollege Michael Wilbon, der im Nebenberuf bei ESPN die Sendung Pardon the Interruption mitmoderiert, hatte in einem Chat mit Lesern erklärt: Taylor sei in einer gewallttätigen Welt groß geworden und habe sie gut geheißen und "sich geweigert, sich davon zu verabschieden". Ein ESPN-Radiomann (Colin Cowherd), der über ein beachtliches Publikum verfügt, insinuierte in einer ausführlichen Tirade ganz ohne konkrete Anhaltspunkte, dass da bestimmt noch irgendeine Enthüllung käme, die den Toten in einem schlechteren Licht erscheinen lassen würde.

Solche Reaktion produzierten ein enormes Echo und Beschwerden. Besonders die Klagen aus dem schwarzen Lager über die Mainstream-Media-Rufschädigung provozierten Jason Whitlock, sich mit einem weitreichenderen Gedanken zu beschäftigen: der Tendenz von schwarzen Amerikanern, die Verbrechen von Schwarzen an Schwarzen zu verharmlosen. Whitlock nannte in diesem Zusammenhang die Täter mit Hilfe eines drastischen historischen Vergleichs: Black KKK.

Die vier Fotos, die die Polizei nach den Festnahmen von den Verdächtigen veröffentlichte, zeigen drei dunkelhäutige Gesichter. Das vierte zeigt einen Latino.

7. November 2007

Der Zeitgeist-Clown

Auf das Wort muss man erst mal kommen: urban journalism. Denn das macht wortwörtlich keinen Sinn. Jeder Lokalredakteur aus einer Großstadt praktiziert das. Aber das ist dem furchtbar unbegabten, aber trotzdem immer noch bestens bezahlten amerikanischen Schreiber Scoop Jackson bestimmt egal. Denn er setzt Wörter anders ein. Nicht als Ausdruck von Gedankenketten und Wissensformation, sondern als Codebegriffe, als Attitüdensprache.

Im Grunde ist der Erfolg von Scoop Jackson nicht zu begreifen. Weshalb sich ein gewisser Jason Whitlock bereits darüber öffentlich aufgeregt hat. Aber daraufhin verlor der seinen Job, weil er einen Kardinalfehler der Zunft begangen hat: Man kritisiert nicht einen Kollegen laut und vernehmlich, wenn man sein Honorar vom selben Arbeitgeber bezieht.

Jackson verdankt seinen Aufstieg einem Zeitgeist-Produkt (auf das er vermutlich anspielt, wenn er von urban journalism spricht). Es sind Lifestyle-Magazine, die jenes Publikum bedienen, das sich an der Schnittstelle von Streetball/Basketball/Hip-Hop/Ghetto-Schick/Musik-Video eingefunden hat. An diesen Magazinen und der Musik ist nichts weiter bemerkenswert, außer das in beiden Formaten immer so getan wird, als leiste man einen Kulturbeitrag. Beide bestärken sich gegenseitig in der Illusion, dass die Rapper die Könige der von Drogendealern in Schach gehaltenen Ghettos und als Poeten und Berichterstatter einer Lebenswirklichkeit zu betrachten sind, die dem Rest der Welt die Geschichten aus der totalen gesellschaftlichen Sackgasse serviert (die dann noch ein Schlupfloch offenbart: den Weg ins Gefängnis).

So wie es den Rappern bei ihrer Sprachartistik weniger ums Konkrete geht, sondern hauptsächlich um Entertainment und Plattenumsatz und um eine Starrolle, so ignorieren auch die sie begleitenden Schreiber aus dem Medienumfeld gerne die Kernaufgabe. Sie begreifen sich als kreative Cheerleader, die offensichtlich darauf hoffen, dass sie am Ende selber so etwas wie Stars werden. Vor allem dieser Szene ist es zu verdanken, dass Basketballspieler wie Allen Iverson und Stephon Marbury so populär sind, was in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung auf dem Platz steht. Und dass sie sich in Interviews so artikulieren, als hätten ihnen jemand den größten Teil des Verstands herausgeschraubt.

Die Verwirrung ist Teil des Spiels um Popularität, Status und finanziellen Erfolg. Keiner der Multimillionäre (ob im Sport oder in der Musikszene) würde auch nur im Traum daran denken, etwas zu tun, was den unreflektierten mythischen Charakter seiner Entertainment-Persona in eine politisch relevante Bahn lenken könnte. Die Typen könnten tatsächlich Einfluss nehmen auf das Leben im Ghetto. Alles, was sie tun, ist Bojangling, wie Whitlock das nennt. Eine Anspielung an Bill Bojangles Robinson, ein schwarzer Filmschauspieler, der in der dreißiger und vierziger Jahren die Klischeerollen schlechthin spielte: der immer lächelnde, devote Schwarze, der zur Unterhaltung oder als Dienstbote des weißen Mannes existiert.

Keiner verkörpert das Prinzip in den amerikanischen Medien so wie Jackson, der inzwischen bei espn.com eine Kolumne hat - also eine beachtliche Plattform besitzt, mit Lesern, die aber längst nicht so leicht zu beeindrucken sind wie die Käufer von Blättern wie Slam! oder Vibe. "Scoop ist ein Clown. Und die Veröffentlichung seiner vorgetäuschten Ghetto-Pose ist eine Beleidigung schwarzer Intelligenz", meinte Whitlock in seinem legendären Interview mit dem Blog The Big Lead. Die meisten Leute halten sich allerdings gar nicht mehr damit auf, den Mann und seine Texte zu kritisieren. Nur manchmal bricht in jemandem etwas auf - wie hier. Und dann erinnern sich noch ein paar Leser an solche Sachen wie diese, als Jackson sich kreativ bei einem Blog bediente, ohne den auch nur zu erwähnen.

Und so kommen wir zum eigentlichen Auslöser dieses Beitrags - zu Jacksons neuester Arbeit: einem puren PR-Stück, in dem er den halbgottgleichen Michael Jordan, seine neuen bei Nike hergestellten Schuhe und vor allem sich selbst abfeiert. Das kommt davon, wenn man keine wirklichen Geschichten erlebt und deshalb nichts zu erzählen hat. Und wenn man keinen Sinn für eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit der Welt hat. Dann entstehen solche Kracher: The Jordan Experience.

26. Oktober 2007

Der Klingelbeutel: Bode Miller fährt mit Amerika Schlitten

Auf eine solche Weise gelingt es dem leidlich renitenten Skifahrer Bode Miller, mal wieder mit den USA Schlitten zu fahren. Nachdem er sich vor ein paar Monaten offiziell aus der Mannschaft des amerikanischen Skiverbandes absetzte, ließ er jetzt durchblicken, wie sein Ein-Mann-Laden heißen wird: Team America. Miller kann beim World Cup als Solist starten, nicht jedoch bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

Das kommt davon, wenn man ohnehin schon unter Verdacht steht, Spiele wegzuschenken, die bei den Sportwettbüros mit dubiosen Quoten gehandelt werden: Nikolai Dawidenko wurde von der ATP mit einer Busse von 2000 Dollar belegt, nachdem er in einem Match bei den St. Petersburg Open eine etwas andere Methode praktizierte, das Ding noch zu verlieren. Er hatte den ersten Satz mit 6:1 in 27 Minuten gewonnen, aber sich danach aufs Produzieren von Doppelfehlern verlegt. Vier Doppelfehler im zweiten Satz, folgten sechs im dritten. Davidenkos Gegner Marian Cilic nahm das gelassen. Der Stuhlschiedsrichter jedoch nicht. Er ermahnte den an Nummer eins gesetzten Russen wegen seiner unsportlichen Haltung. Die ATP sah es nicht anders.

Die Miami Dolphins und New York Giants spielen am Sonntag in London, was ein Vorgeschmack auf kommende Saison werden könnte: Dass die NFL dann zwei Begegnungen in Europa auf die Beine stellen wird. Eine erneut in London, die andere in Deutschland. Die Dallas Cowboys werden nicht zu den Teams gehören, die den Flug nach Europa antreten. Eigentümer Jerry Jones ist das zu mühsam. Also wird man sie und ihre Trikots auch weiterhin aus der Ferne studieren müssen.

Der gute Jason Whitlock hat sich das Video-Wunderwerk der E:60-Redaktionskonferenz angeschaut und war begeistert: Die Sendung habe das Zeug "zur ehrlichsten, unabsichtlich lustigen Show im Kabelfernsehen" - vorausgesetzt sie zeige einfach nur die Themenkonferenzen und verzichtet auf den Rest. Auf diese Weise erhalte man "einen echten Einblick darin, wie die Medien arbeiten und warum so viele Märchen senden und publizieren". Whitlock kann das nur ironisch meinen. Denn tatsächlich muss man in den USA mindenstens derart gekonnt an die Sache herangehen wie die Daily Show auf Comedy Central, wenn man den Medien-Märchenwald täglich aufmischen will. Wir hatten das Gusterl-Stückerl schon gestern im Visier.

19. Oktober 2007

NFL: Die Weißwäsche hat begonnen

Als der Name Jason Whitlock zum ersten Mal in diesem Blog erwähnt wurde, geschah das mit einer bestimmten Absicht. Amerika ist - was man trotz der vielen Verrückten und Chaoten am Rand der Gesellschaft nicht vergessen sollte - das Heimatland des Begriffs political correct. Und selbst wenn der amtierende Präsident eine Oligarchen-Fascho-Gesinnung hat (gepaart mit einer unglaublichen Inkompetenz, was unser aller Glück ist) und seine Parteifreunde gerne mitmachen: die Strömung darunter, gelebt von den sogenannten kleinen Leuten, wird von dieser Sorge geprägt, dass man jemand anderem auf die Schuhe treten könnte und ihn wegen seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Vorlieben, seines enormen Gewichts und Essgewohnheiten diskriminert.

Was macht Jason Whitlock? Er bürstet gegen den Strich. Und ist damit derzeit der einzige, der öffentlich und konsequent bemängelt, wie sich eine beachtliche Zahl von schwarzen amerikanischen Sportstars besonders in der NFL verhalten. Verhalten ist milde ausgedrückt:
"Afroamerikanische Footballspieler, gefangen in der Rebellion und Possenreißerei der Hip-Hop-Kultur, haben NFL-Besitzern und Trainern einem guten Grund gegeben, ihre Kader weißer zu machen. Das wird das Erbe von Chad, Larry und Tank Johnson, Pacman Jones, Terrell Owens, Michael Vick und all den anderen Football-Clowns sein."
Kaum jemand habe es bemerkt, schreibt Whitlock, aber die beiden vorbildlichen Clubs in der Liga - die Indianapolis Colts und die New England Patriots - haben die weißesten Mannschaften. Und warum? Hip-Hop-Athleten werden zunehmend abgelehnt, "weil sie nicht gut fürs Geschäft sind", und weil sie nicht zu einer konstant erfolgreichen Arbeitsatmosphäre beitragen. Hautfarbe sei nicht der Grund für den Unterschied zwischen positiver oder negativer Haltung eines Sportler. "Es ist die Kultur."

Das Problem sitzt tiefer: Denn innerhalb der letzten 50 Jahren hat es keinen größeren Kampf im amerikanischen Sportalltag als den um Chancengleichheit für Schwarze gegeben. Die Integration brachte eine NBA, in der Weiße zeitweilig nur Randfiguren waren, und eine NFL, in der irgendwann die letzten Bastionen fielen: die Positionen des Quarterbacks und die des Head Coaches. Dass sich die nachgewachsenen Generation auf den Erfolgen ihrer Vorläufer ausruht und so tut, als ginge sie das alles gar nichts an und als seien die Millionen von Dollar, der teure Schmuck und die Unmengen von Groupies einfach Standardbelohnung für Leute, die schnell laufen und hoch springen können, führt jedoch nicht nur zu Konflikten mit den Ordnungshütern (und ins Gefängnis). Am Ende reagieren auch die Verantwortlichen in den Sportorganisationen.

So wurden immer mehr Ausländer in die NBA geholt (darunter übrigens sehr viel Schwarze, die sich aber nicht als Entertainer betrachten, weil sie in einem anderen kulturellen Umfeld aufgewachsen sind). Der Trend in der NFL ist nur ein weiterer Beleg für den Umschwung. Auch Major League Baseball darf man in diesem Licht betrachten. Dort hat eine andere Minderheit enorm an Bedeutung zugelegt: Spieler aus den Ländern in der Karibik und drumherum. Die Nachwuchsförderung, die sich einst in den Metropolen nach jungen Talenten umsah (die dann oft aus den schwarzen Ghettos kamen), hat sich komplett auf die Latino-Welt und Japan eingepolt.

Den kompletten aktuellen Whitlock zum Thema gibt es hier. Was er zum All-Star-Wochenende der NBA in Las Vegas zu sagen hatte, wurde damals ausführlich zitiert. Es lohnt sich, die Tags durchzugehen. Der Mann wird hier relativ oft erwähnt.

22. April 2007

Fähnchen im Wind: Unser Mann Jason Whitlock soll Don Imus ersetzen

Die Fähnchen im Wind drehen sich in New York genauso schnell wie anderswo. Nur sieht es hier meistens weit weniger opportunistisch aus. Weshalb? Schwer zu erklären. Das hat sehr viel mit dem wirtschaftlichen Eigenwicht der Stadt, der überschwappenden Kreativitität vieler ihrer Einwohner und dem Tempo zu tun, mit dem hier Sachen erörtert, umgesetzt oder andernfalls verworfen werden. Hauptstadt der Welt, eben. Und nur so kann man erklären, weshalb der Radiosender WFAN nach ein paar Tagen der abebbenden Kontroverse rund um den abgesetzten weißen Verbal-Rassisten Don Imus einem Mann diesen Posten angeboten hat, der dem Skandal seinen eigenen Stempel aufgedrückt hat: Jason Whitlock, seines Zeichens Kolumnist und Blogger, schwarz und übergewichtig und nicht auf den Mund gefallen. Der hatte die Affäre zum Anlass genommen, Amerikas Hip-Hop-Industrie und ihre kulturellen Ausfallerscheinungen sowie die selbst ernannten Anführer und Sprachrohre des schwarzen Amerikas (Jesse Jackson, Al Sharpton) zu attackieren und damit sogleich sehr viel Echo produziert. Bei Oprah Winfrey, der First Lady of Talk, die jeden Nachmittag Millionen von Zuschauerinnen an die Bildschirme fesselt, saß er inmitten zahlloser Muttchen auf der Bühne und wirkte wie der attraktive, warmherzige Chedideologe einer neuen Bewegung: Schluss mit dem ständigen Gemecker Richtung Weiß-Amerika. Schwarz-Amerika hat mehr als genug eigene schmuddlige Wäsche zu waschen.

Whitlock reagierte zunächst einmal reserviert auf die Offerte. Nicht wegen der Fallhöhe eines solchen neuen Podiums, sondern weil er nicht weiß, ob er wirklich aus Kansas City weg und nach New York ziehen will. "Ihr Jungs", sagte er den zwei Moderatoren, die zur Zeit die Morgensendung betreiben in einem Telefoninterview, "ihr alle denkt, New York ist das Größte. Und wie kann einer nicht dort leben wollen? Ich habe ganz gerne ein normales Leben."

Die Angst vor dem Leben in dieser, unserer Stadt kann man verstehen. Zumindest bei Leuten mit Promi-Bonus. So wie hier die Boulevardblätter arbeiten (und zunehmend auch die Gossip-Blogger) - das kann einem das Gefühl geben, man sei auf eine Zielscheibe gespannt und werde mit tausend Dartpfeilen abgeschlachtet. Aber Kansas City? Das soll eine Alternative sein?
Blick zurück: Die Imus-Story und die Folgen
Blick zurück: Jason Whitlock schreibt nach dem All-Star-Wochenende der NBA etwas ins Stammbuch

16. April 2007

Amerika ganz schwarz-weiss: Imus muss gehen, Whitlock findet Gehör

Es wäre schön, irgendwann mal ein Thema ad acta legen zu können, dass die USA immer noch zu einem enormen Teil definiert: Rassimus. Der Umgang mit Rassisten. Und das Selbstwertgefühl von Menschen anderer Hautfarbe in diesem Mustopf aus unbewältigter Geschichte. Aber weil es in den letzten Tagen einen weitreichenden Zwischenfall im Medienalltag gegeben hat, lohnt es sich, insbesondere auf eine Stimme aufmerksam zu machen, die so konträr zu den üblichen Schemata antritt, dass die Debatten eine neue Inhaltstiefe erreicht haben. Der Auslöser waren die Äußerungen von Don Imus in seiner eigenen Radiosendung, die über den Kabelsender MSNBC auch im Fernsehsen übertragen wird. Die handelten dem alten Herrn mit der griesgrämigen Ausstrahlung zuerst eine zweiwöchige Sendepause und nach etwas längerem Gegrummel den Rauswurf ein. Der weiße Imus, der schon immer gerne die halbe Welt annölte, hatte dieses eine Mal den Bogen überspannt. Er hatte die Mitglieder der Frauen-Basketballmannschaft der Universität Rutgers als “nappy-headed hos, als "krausköpfige Huren" bezeichnet.

Aus dem Kontext gerissen klingt das unerhört aggressiv. Aber wenn man es zurückführt auf den Sprachgebrauch von schwarzen Rappern, kommt man zu einem etwas anderen Ergebnis. Vor allem, wenn man auch noch geschulte Aufregung der als selbsternannte Bürgerrechtsbewegungsanführer agierenden Jesse Jackson und anderer abstreicht. Klar wird das vor allem, wenn man liest und sieht, worauf der schwarze Kolumnist Jason Whitlock (siehe hier seine Ansichten zum NBA-All-Star-Weekend) vor ein paar Tagen mehr als deutlich hinwies. Sinngemäß: Die Menschen, die permanent jeden Weißen kalt stellen wollen, der ein falsches Wort in den Mund nimmt (und vielleicht sogar als Rassist etikettiert werden sollte), ignorieren das für die schwarze Minderheit weit größere Problem: die Kommunikation der dunkelhäutigen Amerikaner untereinander.

So sagte er in einer amerikanischen Fernsehsendung (auf MSNBC) folgendes über Imus: "Für uns als schwarze Menschen hat er kein Gewicht. Er hat keinen Einfluss auf uns. Er definiert uns nicht. Er definiert nicht nicht unsere Frauen als Schlampen und Huren. Wir wissen, wer das tut." In seiner Kolumne im Kansas City Star hatte er vorher das eigentliche Epizentrum geortet - die Musikkultur: "Wir haben unseren Jugendlichen erlaubt, an eine Kultur zu glauben, die von der Gefängniskultur pervertiert, korrumpiert und übermannt wurde. Die Musik, die Haltung und das Verhalten, das sich in dieser Kultur artikuliert ist anti-schwarz, anti-Schulbildung, erniedrigend, selbstzerstörerisch, pro-Drogenhandel und gewalttätig. Anstatt diesen fiesen Feind von innen heraus zu konfrontieren, lehnen wir uns zurück und warten auf jemanden wie Imus, bis ihm die Zunge entgleist, und machen den Fehler, die Dinge zu wiederholen, die wir über uns sagen."

The Big Lead hat den besten Überblick über den Erfolg von Whitlock und das Echo auf seine Bereitschaft, gegen den Strich zu bürsten. Eine Bereitschaft, die ihn am Montag bis in die populärste Talk-Show des Landes geführt hat - zu der schwarzen Oprah Winfrey.

20. Februar 2007

Las Vegas im Rückspiegel: "Der perfekte Sturm der Ghettofabelhaftigkeit"

Wenn man den Einfluss und das Selbstverständnis schwarzer Sportler, ihre Hip-Hop-Connections und ihre Ausraster verstehen will, lohnt es sich, hin und wieder Jason Whitlock zu lesen. Er hat nicht nur die Hautfarbe (sprich: Zugang und Einfühlungsvermögen), sondern vor allem auch den Grips und die Schreibe, um sehr unterhaltsame und zugleich distanziert vorgetragene Texte zu produzieren. Die charakterisieren ein Milieu, für das ein weißer Betrachter weder den richtigen Blick noch die richtige Ausgangslage hat. Das schwarze Amerika ist angesichts der politischen und gesellschaftlichen Geschichte nicht besonders empfänglich für Vorhaltungen, die auch nur einen kleinen Hauch nach racial profiling riechen. Whitlock schafft den Slalom aus Kritik und Faszination hingegen wie kaum ein anderer.

Ein Beispiel: seine Erlebnisse beim All-Star-Wochenende in Las Vegas. hier ein paar Auszüge:
"Das All-Star-Wochenende ist das Freaknik dieses Jahrtausends, ein einst populäres, alljährliches Straßenfest. Als Atlantas Freaknik 1999 an selbstzugefügten Wunden starb - an Plünderungen und Gewalt - wurde die NBA-Show in der Mitte der Saison bei Schwarzen beliebt, die nach einer alljährlichen Ausrede dafür suchten, um im großen Stil zu feiern. Das All-Star-Wochenende ist jetzt der perfekte Sturm..."

"Das All-Star-Wochenende hat ein riesigen Vorzug gegenüber dem Super Bowl, der anderen Sportveranstaltung, die große Partys bietet. Dieses Wochenende ist ebenso eine Frauenveranstaltung, wenn nicht sogar überwiegend. Das ist vermutlich das Resultat der Tatsache, dass das Basketballspiel eine totale Nebenangelegenheit ist. Beim Super Bowl ist das Spiel immer noch die größte Attraktion, weshalb Wetter und Hardcore-Footballfans die Partys, die Werbespots und die Show in der Halbzeit akzeptieren, in der Hoffnung ein spannendes Spiel zu sehen.... Bei einer typischen Super-Bowl-Party kommt eine Frau auf zehn Männer. Bei den Partys beim All-Star-Wochenende ist es halbe-halbe....Nicht zu vergessen, wir reden über den perfekten Sturm der Ghettofabelhaftigkeit - Alkohol, attraktive Frauen, Zocken, Stars, ein Dunk-Wettbewerb und keine Polizeistunde. Du konntest den Ruf des All-Star-Wochenendes in Vegas aus dem Inneren deines Bauches vernehmen und aus Gegenden, die noch etwas weiter unten sitzen."
Hier der Link zum Text.

Nachtrag: Whitlock hat darüberhinaus einen Posten beim AOL Fanhouse als Kolumnist, wo er heute noch viel kräftiger aufgetischt hat. Er warnte, dass die Entwicklung beim All-Star-Wochenende Richtung Gesetzlosigkeit und Kriminalität, mit immer mehr Zuhältern, Gangstern, Prostituierten und Drogenhändlern, seit ein paar Jahren eskaliert und New Orleans 2008 Militär einsetzen muss, wenn im French Quarter nicht alles zusammenbrechen soll. Sein Rat an Commissioner David Stern: in den nächsten Jahren die Veranstaltung in ferne Länder zu verlegen, dorthin wo die "Bloods und Crips und Nutten und Huren nicht ohne Reisepass und Flugticket hinkönnen". Wenn Stern auch weiterhin die internationale Attraktion des Spiels steigern wolle, habe er "die perfekte Entschuldigung, um das All-Star-Spiel nach Deutschland, china, England zu verlegen".

In der Washington Post gab Kolumnist Ivan Carter seine Eindrücke zum besten. Dies die Passage, die auf den Punkt bringt, welche Stimmung auf dem Strip herrschte, auf dem nichts ging, kein Straßenverkehr, kein Fußgängerverkehr, weil die ganze Gegend voller Leute war. Und was man erleben konnte, wenn man nicht zu den exklusiven Partys eingeladen war:
"Nun, vergesst nicht, dass in Vegas rund zwei Drittel der Besucher schwarz waren. Und im MGM, dem Palms und anderen Treffpunkten auch mehr. Wie dem auch sei. Ich gehe durch das New York, New York [ein Casino-Hotel], um dringend eine Stelle zu finden, wo ich ein Bier trinken kann und kam an einem Irish Pub vorbei, der gleichzeitig als Pianobar fungierte. Ich glaube, jeder Weiße in der Stadt hing dort ab, um Harp zu trinken, schlechte Achtziger-Jahre-Musik zu hören und kitschige Bar-Lieder wie Sweet Caroline und, oh, um zu tanzen. Wenn man das so nennen kann. Der Laden war weißer als die NHL. Ein paar Schwarze gingen vorbei, schauten hinein, wussten nicht, was sie damit anfangen konnten und liefen weiter. Lustig, das Ganze."