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4. September 2009

Armstrong: Verdacht auf Blutdoping

Wir hatten schon fast aufgegeben zu hoffen, dass mal irgendjemand kommt und Lance Armstrong über eine Auswertung seiner Laborwerte etwas ans Zeug flickt. Aber nun hat es doch jemand geschafft: Der dänische Blutforscher Jakob Mørkeberg. Die einfache Interpretation seiner Erkenntnisse liest sich nach Angaben der Webseite der dänischen Sportethik-Organisation Play The Game so: Während des diesjährigen Giro zeigten die Daten das normale Profil eines Menschen, der jeden Tag Schwerstarbeit verrichtet. Bei der Tour de France, bei der Armstrong Dritter wurde, seien die Werte so gut wie unverändert geblieben. Ein Anzeichen für Blutdoping. Der Astana-Teamarzt hat die Mutmaßungen inzwischen als Spekulation abgetan. Armstrong selbst hat sich noch nicht geäußert. Woraus man nichts schlussfolgern sollte. Sobald die großen amerikanischen Medien einsteigen, wird er sich schon lauthals beschweren. Das einzige, was er diesmal nicht sagen kann, ist, dass ihm die Franzosen schlecht gesonnen sind, weil er deren Schleife beherrscht hat. Erstens hat er nicht gewonnen. Und zweitens kommt der Befund aus Dänemark.

23. September 2008

Ein bisschen verfahren

Es ist selten genug, dass Sportler Bücher schreiben. Schreiben im Sinne von selbst verfertigen, sich hinsetzen und vor einem Text sitzen und brüten und sich fragen, ob das überhaupt Sinn hat, was man formuliert. Fast alle greifen auf Ghostwriter zurück. Leider. Das sorgt für eine langweilige Gleichförmigkeit in der Herangehensweise und im Stil. Also sollte man jeden Selbstversuch zuerst einmal gut heißen und neugierig sein. Und man sollte die New York Times loben, wenn sie jemandem anschließend die Chance gibt, noch einmal seine Gedanken zu sortieren und zu pointieren. Ungefiltert und umfassend. Aber das heißt nicht, dass man dann auch noch dem Resultat applaudieren muss. Schon jenes Buch hat Leute geärgert, weil es im Titel (Inside the Postal Bus: My Ride With Lance Armstrong and the U.S. Postal Cycling Team) ziemlich viel von der Realität verbiegt und dann sehr dünn bleibt. Michael Barry war damals so etwas wie ein B-Team-Fahrer. Und das Jahr, mit dem er sich hauptsächlich beschäftigt, war er auch nicht bei der Tour de France in der Mannschaft. Sein bisher größter Erfolg: Neunter auf der Straße bei den Olympischen Spielen in Peking.

Zum Timing des Barry-Textes darf man annehmen, dass es etwas mit dem Auftritt von Lance Armstrong morgen in New York zu tun hat. Weshalb wohl auch das Wort Doping mit keiner der zwei Silben erwähnt wird. Genauso wie verschwiegen wird, dass Barry Kanadier ist und sich als solcher gar nicht so platt mit dem US-Radsport identifizieren müsste, wie er es tut. Aber er ist ja auch mittendrin. Was ebenfalls unterschlagen wird: dass er für Columbia fährt. Dafür erfahren wir erstmals, dass es eine besondere Mentalität und eine Verhaltenskultur im amerikanischen Radsport gibt, für die man aber keine vernünftige Begründung bekommt und die auch auch nicht damit abgeglichen wird, dass die amerikanischen Top-Fahrer wie Greg LeMond und Lance Armstrong gar nicht in das Profil passen. Aber was soll's, man möge den ganzen Text selbst lesen und nach dem Korn suchen, in dem die Wahrheit steckt. Hier eine Kostprobe: "Radfahrer in den Vereinigten Staaten sind schwerer und massiver, verlassen sich auf Muskelkraft und den Sprint, um zu gewinnen. Sie haben weniger Angst, sich mit den Ellenbogen, den Lenkern und den Hüften an ihren Rivalen zu reiben, um kurz vor dem Ziel für eine bessere Ausgangsposition zu kämpfen. Stilistisch ist das wie der Unterschied zwischen NASCAR und der Formel 1 in Europa."

18. März 2008

Landis: Alles noch einmal von vorne

Irgendwann zwischen all den Elogen auf den Ritter der Landstraße und den unablässigen Versuchen, ihn vor den schwersten Angriffen in Schutz zu nehmen, muss dem amerikanischen Autor und Radsportexperte Martin Dugard doch noch ein Licht aufgegangen sein. Kein großes. Denn dazu war er viel zu lange von den verwinkelten Facetten der klassischen Aufsteiger-Biographie von Floyd Landis gefangen. Aber ein kleines. Und also beschloss er, einen Artikel zu schreiben, der letzte Woche, nur wenige Tage vor dem Beginn der Berufungssverhandlung in der Dopingsache Floyd Landis in einem Lifestyle-Magazin in Kalifornien erschien und in der Radszene für Aufsehen sorgte.

Der Text enthält keine sensationellen Erkenntnisse. Außer vielleicht jenem hingeworfenen Zitat, mit dem Dugard zum ersten Mal andeutet, dass Landis wohl schon immer mehr über illegale Substanzen gewusst hat, als er öffentlich zugibt: “Nur dass du es weißt, Marty”, hat der 32-jährige Sportler seinem Bewunderer mal in einem achtlosen Moment in einem Restaurant in Kalfornien gesagt. “Lance hat gedopt.” Es war denn auch weniger der Mangel an handfesten Informationen, der die große Fangemeinde des berühmtesten Manipulateurs in der Geschichte der Tour de France in Wallung brachte. Sondern dass er am Ende erklärte, dass ein Mann mit seinem Wissensstand auf gar keine andere Schlussfolgerung als diese kommen kann: “Denkst du, dass er es getan hat? Ja.”

Das Schiedsmännergremium des Court of Arbitration of Sports (CAS), das ab Mittwoch in einer Anwaltskanzlei in New York mit einer auf sechs Tage angesetzten Beweisaufnahme den Fall Landis noch einmal aufrollt, könnte durchaus zu einem anderen Urteil kommen. Denn das Sportgericht wird sich nicht darauf beschränken, die rechtmäßige Abwicklung des erstinstanzlichen Verfahrens zu bewerten, das im September des letzten Jahres mit einem Schuldspruch und einer Sperre bis zum Januar 2009 endete. Bei der neuerlichen Verhandlung wird alles ganz genau ein zweites Mal durchgenommen, um zu bestimmen, ob Landis auf der 17. Etappe der Tour 2006 nach Morzine synthetisches Testosteron im Körper hatte und ob das französische Labor, das den Nachweis führte, korrekt gearbeitet hat.

Der größte Unterschied zum ersten Verfahren in Santa Monica vor knapp einem Jahr, das mehr als eine Woche dauerte und eine 84 Seiten starke Urteilsbegründung produzierte: Die Öffentlichkeit ist diesmal, so wie sonst auch, ausgeschlossen. Und sie ist darauf angewiesen zu spekulieren. Immerhin wollen die CAS-Juroren am Ende der Beweisaufnahme in New York einen verbindlichen Termin dafür nennen, wann sie ihre Entscheidung verkünden wollen.

Während dessen hat Dugard erfahren dürfen, was es heißt, “der Prügelknabe dieser Quasi-Radsportfans” zu sein, die glauben, dass “Fahrer aus jedem anderen Land dopen, nur nicht aus Amerika”. Früher hat er von dieser engstirnigen Haltung durchaus profitiert. Sein Buch “Chasing Lance”, das den siebten Tour-de-France-Erfolg von Armstrong im Jahr 2005 unkritisch beschreibt, verzichtet auf die Auseinandersetzung mit dem Kernthema des Radsports.

Dabei signalisiert die wetterwendische Neuorientierung des Autors nicht mehr als einen Stimmungswandel im ganzen Land. Der geht vor allem auf die Meineidprozesse zurück, die als Ausläufer der BALCO-Ermittlungen Sportler wie Marion Jones ins Gefängnis gebracht haben. Ein ähnliches Schicksal versucht übrigens derzeit in San Francisco die ehemalige Radfahrerin Tammy Thomas abzuwenden. Sie war ebenfalls am Rand der staatsanwaltlichen Untersuchungen gegen Victor Conte und das von ihm vertriebene THG ins Räderwerk der Justiz geraten. Sie bestitt unter Eid, Mittel aus der Fabrikation des inzwischen ebenfalls verurteilten Steroid-Designers Patrick Arnold genommen zu haben. Inzwischen wurde im Rahmen der Anklageerhebung bekannt, dass sich bereits ihre Ärztin im Jahr 2000 besorgt darüber geäußert hatte, dass sich bei der Bahnradfahrerin der Bartwuchs eines Mannes eingestellt hatte und ihre Stimmlage in ein tieferes Fach gesunken war.

Thomas, die im zweiten Semester Jura studiert, bekannte sich im ersten Verfahrensgang erneut nicht schuldig. Die Beweisaufnahme beginnt am 24. März. Der Prozess wird vor allem von den Anwälten des Baseballprofis Barry Bonds mit großem Interesse verfolgt. Denn ihr Klient - ebenfalls im Rahmen der BALCO-Ermittlungen unter den Verdacht des Meineids geraten – ist als nächster an der Reihe. Die Verteidiger erhoffen sich Einblick in die taktische Vorgehensweise der Anklagevertreter, die bislang noch in keinem Fall ihr Arsenal auf den Tisch legen mussten. Alle Fälle endeten bislang mit Teilgeständnissen der Beschuldigten.

21. Februar 2008

Wenn der Pendler mit dem Velociped...

Das Leben geht weiter - auch ohne Lance Armstrong. Aber immer mal wieder taucht sein Name auf. Zum Beispiel bei der Konferenz von Sportnetzwerk und dem Institut für Journalistik der TU Dortmund, wo David Walsh erzählte, wie schwierig es ist, einem Mann etwas nachzuweisen, der zu den besten Vertuschern der Welt gehört. Die Nachricht heute ist harmloser. Armstrong will im Mai in Austin/Texas einen Fahrradladen aufmachen, weil er eine Marktlücke im Zentrum seiner Heimatstadt gesehen hat: die Pendler auf dem Velociped, die verschwitzt und verdreckt im Büro ankommen. Die dürfen dann bei ihm - Mellow Johnny's - absteigen und duschen. Dopen dürfen sie wohl nicht (via Deadspin). Kuriose Duplizität: Wer auf der Seite von Macrochip landet, wo die Geschichte steht, bekommt auch noch eine Banneranzeige mit Sheryl Crow serviert (oder steckt da eine Absicht dahinter, damit die Ex-Verlobte ihre neue CD bei der richtigen Zielgruppe los wird?)