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23. September 2008

Ein bisschen verfahren

Es ist selten genug, dass Sportler Bücher schreiben. Schreiben im Sinne von selbst verfertigen, sich hinsetzen und vor einem Text sitzen und brüten und sich fragen, ob das überhaupt Sinn hat, was man formuliert. Fast alle greifen auf Ghostwriter zurück. Leider. Das sorgt für eine langweilige Gleichförmigkeit in der Herangehensweise und im Stil. Also sollte man jeden Selbstversuch zuerst einmal gut heißen und neugierig sein. Und man sollte die New York Times loben, wenn sie jemandem anschließend die Chance gibt, noch einmal seine Gedanken zu sortieren und zu pointieren. Ungefiltert und umfassend. Aber das heißt nicht, dass man dann auch noch dem Resultat applaudieren muss. Schon jenes Buch hat Leute geärgert, weil es im Titel (Inside the Postal Bus: My Ride With Lance Armstrong and the U.S. Postal Cycling Team) ziemlich viel von der Realität verbiegt und dann sehr dünn bleibt. Michael Barry war damals so etwas wie ein B-Team-Fahrer. Und das Jahr, mit dem er sich hauptsächlich beschäftigt, war er auch nicht bei der Tour de France in der Mannschaft. Sein bisher größter Erfolg: Neunter auf der Straße bei den Olympischen Spielen in Peking.

Zum Timing des Barry-Textes darf man annehmen, dass es etwas mit dem Auftritt von Lance Armstrong morgen in New York zu tun hat. Weshalb wohl auch das Wort Doping mit keiner der zwei Silben erwähnt wird. Genauso wie verschwiegen wird, dass Barry Kanadier ist und sich als solcher gar nicht so platt mit dem US-Radsport identifizieren müsste, wie er es tut. Aber er ist ja auch mittendrin. Was ebenfalls unterschlagen wird: dass er für Columbia fährt. Dafür erfahren wir erstmals, dass es eine besondere Mentalität und eine Verhaltenskultur im amerikanischen Radsport gibt, für die man aber keine vernünftige Begründung bekommt und die auch auch nicht damit abgeglichen wird, dass die amerikanischen Top-Fahrer wie Greg LeMond und Lance Armstrong gar nicht in das Profil passen. Aber was soll's, man möge den ganzen Text selbst lesen und nach dem Korn suchen, in dem die Wahrheit steckt. Hier eine Kostprobe: "Radfahrer in den Vereinigten Staaten sind schwerer und massiver, verlassen sich auf Muskelkraft und den Sprint, um zu gewinnen. Sie haben weniger Angst, sich mit den Ellenbogen, den Lenkern und den Hüften an ihren Rivalen zu reiben, um kurz vor dem Ziel für eine bessere Ausgangsposition zu kämpfen. Stilistisch ist das wie der Unterschied zwischen NASCAR und der Formel 1 in Europa."

16. September 2008

Serenas Memoiren gehen ins Geld

Wenn man die Memoiren von Pete Sampras gelesen hat, die der sehr geschätzte Tennis-Fachmann Pete Bodo in eine gute und intelligente Form gebracht hat, liegt die Latte für Selbstbespiegelung von Tennisspielern eigentlich ziemlich hoch. Solche Bücher kosten schließlich gebunden mehr als 20 Dollar. Sie sollten also Inhalte bieten, die das Geld wert sind. In Kürze: Der Mann, der noch immer den Rekord für die meisten Grand-Slam-Einzelsiege hält (knapp vor Roger Federer), war nie ein Showtyp und Blender und hat auch ein paar Jahre später Anhängern der Sportart eine Menge zu sagen. Weshalb es sehr viel Vergnügen bereitet hat, für das Schweizer Fachmagazin Smash eine ausführliche Betrachtung zu schreiben. Sie wird in der Oktoberausgabe erscheinen (die Zeitschrift stellt kaum Content online).

Irgendeine Stimme tief in einem drin sagt einem, dass das Buch auch nach dem Erscheinen der Serena-Williams-Autobiographie im kommenden Jahr als das gehaltvollere Werk dastehen wird, das mehr Einsichten in den amerikanischen Tennissport vermittelt, als die Bemühungen der Familie Williams. Aber Serenas Geschichte wird ganz bestimmt besser vermarktet werden. Das muss sie auch. Der Verleger hat bei einer Auktion 1,3 Millionen Dollar für das Manuskript ausgelobt. Um das Geld einzuspielen, müssen mehr als 500.000 Exemplare verkauft werden.

30. August 2008

Mit eins Komma zwei Frauen pro Tag ins Bett

Produkt: Buch.

Zielgruppe: weibliche Sportfans, die noch immer nicht genau begreifen, wie Sportler in den USA ticken und was man von ihnen erwarten darf.

Erkenntnisse: Athleten sind aggressiv und ehrgeizig. Weshalb erwarten wir von denen eigentlich, dass sie nach dem Spiel den Schalter umlegen und sich wie honorige Staatsbürger verhalten? "Profis haben viel Geld, sind berühmt und haben Egos in Überlebensgröße. Warum sollten sie nicht mit 1,2 Frauen am Tag ins Bett gehen, wenn sie dazu die Gelegenheit haben?"

Gute Frage (wenn auch irgendwie zu spät gestellt für Michael Vick oder Mike Tyson und ein paar andere US-Profis, die aufgrund ihrer Haltung gegenüber den Regeln der Zivilgesellschaft im Gefängnis landeten). Wirklich gute Frage vor allem an die Adresse jener Frauen, die sich mit Sportlern einlassen und dann später vergeblich auf die gut dotierten Alimentezahlungen warten, weil die Jungs pleite sind.

Übrigens spielt die Dezimalzahl 1,2 (eins Komma zwei) auf einen Wert an, der sich ergibt, wenn man die Behauptung des überragenden NBA-Centers Wilt Chamberlain herunterbricht. Der will es mit 20.000 Frauen getrieben haben.

Das Buch hat den Titel: Gameface: The Kick-Ass Guide for Women Who Love Pro Sports. Die Autoren sind Erica Boeke and Chris De Benedetti. Es ist nicht ihre Schuld, dass Leute, die ihr Buch bei Amazon kaufen, sich ganz offensichtlich auch für dieses Thema interessieren.

1. Juli 2007

Landis: Warten auf den Schiedsspruch

Wir warten schon seit ein paar Wochen auf das Urteil des Schiedsgerichts in Sachen Doping und Floyd Landis. Aber während wir Däumchen drehen, ist Floyd wenigstens fleißig. Zuletzt wurde er in seiner Heimatregion in Pennsylvania erspäht, wo er sein neues Buch mit persönlichen Auftritten in Buchläden bewirbt. Der Mann braucht schließlich noch immer Geld, um die extravaganten Prozesskosten zu finanzieren (und die Reisen durchs Land, um das Geld aufzutreiben). Er findet zwar keine Top-Medienvertreter in den USA mehr, die sich seine ellenlange Geschichte anhören wollen. Aber es gibt ja noch andere, die in die Harfe greifen wollen. Und so entstehen dann so umfängliche, unkritische neue Texte wie dieser, in denen nicht die Spur von den ständig zunehmenden Geständnissen und Enthüllungen aus Deutschland die Rede ist, die beweisen, dass jede Menge Leute im Radsport gedopt waren, die nie erwischt wurden. Da kann einer wie Landis behaupten, dass er das Opfer irgendwelcher Machenschaften ist und dass er 10 Millionen Dollar Einnahmeeinbuße verzeichnet hat, weil er nicht fahren darf. Und niemand fragt auch nur nach und will wissen: Sag mal, Floyd, um dich herum bricht gerade ein Radsportkartenhaus zusammen, von dem sich potenzielle Sponsoren mit Schrecken abwenden. Und du willst behaupten, da seien für Leute wie dich noch Millionen mitzunehmen? Da wird in einer Woche eine Tour de France auf die Reise gehen, deren Version des Jahres 2007 man als den Anfang vom Ende einer großen Sporttradition ansehen muss. Dieses Rennen wird bald nicht länger die Alpen hoch gehen, sondern den Bach runter. Und da stellst du den Anspruch in den Raum, da sei doch nichts gewesen (außer einer behaupteten Vendetta gegen amerikanische Radrennfahrer wie Lance Armstrong und dich)? Das Buch trägt übrigens den Titel: Positively False: The Real Story of How I Won the Tour de France. Keine Ahnung, wie lange der Verlag an dieser Zeile gebastelt hat. Die Ironie an der Wortwahl muss ihm entgangen sein. Der Titel sagt beim genauen Lesen nämlich nichts anderes, als dass seine "wahre Geschichte" schlichtweg falsch ist. Und das hatten wir schon immer vermutet.
Blick zurück: Beim Ende der Beweisaufnahme vor Wochen war bereits klar: Das dauert:

16. Mai 2007

Nun auch als Buch: Q steht für Qual

John Feinstein ist ein amerikanischer Sportautor, der hauptsächlich davon lebt, Bücher zu schreiben. Die meisten waren rechercheaufwändig und setzten Maßstäbe in der Art und Weise, wie man das Geschehen hinter den Kulissen und die Stimmung der Aktiven vor und nach großen Ereignissen einfängt. Sein jüngstes Produkt ist ein Buch über die Q School der PGA Tour, jenes legendäre Qualifikationsturnier, bei dem sich selbstgestandene Profis sechs Tage und sechs Runden lang bewähren müssen, um die sogenannte Tourkarte zu erwerben. Es wird extrem gesiebt und bedeutet für die meisten Teilnehmer Frust und Enttäuschung. Feinstein hat das Turnier im Jahr 2005 unter die Lupe genommen und seine Beobachtungen in dem Buch Tales from Q School zusammengetragen. Hier das Radiointerview mit ihm zum Thema vom Anfang der Woche beim Sender NPR, für den er hin und wieder als Mitarbeiter tätig ist.

24. April 2007

David Halberstam - zur Erinnerung

Es ist fast keines der Bücher von David Halberstam auf Deutsch erschienen. Was bedeutet, dass in der Mitte von Europa so gut wie noch niemand etwas von einem der besten Journalisten und Autor seiner Generation gelesen oder gehört hat. Das darf man getrost bedauern, besonders an einem Tag wie diesem, an dem reihenweise die Nachrufe auf Halberstam erscheinen, der gestern bei einem Autounfall außerhalb von San Francisco an den Folgen schwerer innerer Verletzungen gestorben ist. Man sollte ihn nicht vergessen (und deshalb vielleicht das eine oder andere Buch von ihm auf Englisch lesen). Es gibt nicht so viele Leute, die den Pulitzer-Preis gewonnen haben. Die sich nicht scheuen, populäre amerikanische Präsidenten wie John F. Kennedy mit ihren Reportagen zu verärgern. Die eine geistige Spannbreite besitzen, mit denen sie ebenso intensiv und genau gesellschaftspolitische Themen (die Bürgerrechtsbewegung im Süden der Vereinigten Staaten), den Krieg in Vietnam (für die New York Times) und die unterschiedlichsten Spielfelder des professionellen Sports aufarbeiten. American-Arena-Lesern mit einer etwas tiefer gehenden Begeisterung für amerikanischen Sport kann man zumindest drei Bücher empfehlen:
• das letzte - über Football - Bill Belichick: The Education of a Coach,
• das über den Mann mit der Nummer 23, ohne den eine Firma wie Nike heute noch immer ein kleiner Hecht im Karpfenteich wäre: Playing for Keeps: Michael Jordan and the World He Made
• und Summer of '49, sein erster stimmungsvoller Spaziergang hinein in die mythische Vergangenheit des Baseballspiels, ein Buch, in dem er den Kampf zwischen den New York Yankees und den Boston Red Sox um den Titel in der American League nacherzählte.

Mir ist vor allem seine Stimme zu einem bleibenden Eindruck geworden. Er sprach langsamer als die Hektiker des Fernsehalltags, mit einer eigenwilligen Satzmelodie. Er hatte einen nasalen Ton und schaute, während er sprach, am liebsten ziemlich stur gerade aus. Weil er wusste, dass er in keinem Talk-Show-Gewitter auch nur einen Stich machen würde, sah man ihn nur in den ruhigen Sendungen - auf C-Span oder beim Public-Television-Interviewer Charlie Rose.

Laut International Herald Tribune war er in der Bay Area, um ein neues Projekt mit Sportbezug vorzubereiten: Es sollte sich mit dem NFL-Championship-Spiel im Dezember 1958 zwischen den Baltimore Colts und den New York Giants beschäftigen, das als eines der besten in der Geschichte der Sportart gilt. Halberstam wurde 73 Jahre alt.

Hier ein Fernsehinterview von 1999 mit Rose aus Anlass des Jordan-Buchs, das unter anderem der Frage nachgeht, wie ein junger schwarzer Athlet zur Identifikationsfigur schlechthin im amerikanischen Sport werden konnte.

29. März 2007

Agassis Memoiren: Mehr als 5 Millionen Dollar Honorar

Die Wechselwirkung zwischen dem Teufel und den größten Haufen ist vermutlich bereits in der Vor-Luther-Zeit von den fliegenden Ablaßhändlern hinreichend analysiert worden. Also können wir uns das hier sparen. Stattdessen wollen wir auf diesem Wege ganz honett Andre Agassi gratulieren. Der hat offensichtlich einen Verlag gefunden, der ihm für seine Lebenserinnerungen Minimum 5 Millionen Dollar Honorar bezahlen will. Plus das Geld für einen Schreiber von Format, was mindestens noch mal 300 000 Dollar kosten wird. Das wäre ein neuer Rekord in der Sportpublizistik. Wer das ewige lange Porträt in Sports Illustrated vor seinem Abtritt von Anfang bis Ende gelesen hat, wird sich nicht um ein Exemplar dieses Buches bemühen müssen. Agassi ist zwar das eloquenteste Licht unter der Sonne von Las Vegas und hat ein paar Dinge im Leben erlebt. Er ist auch ein humorvoller Typ, der pointiert formulieren kann. Aber in seiner gründelnden Art schafft er es trotzdem nicht, irgendetwas zum besseren Verständnis von Hochleistungssport, Kommerz, Tennisfabriken, Sportlerehen etc. zu sagen. Eine Reinkarnation von Buddha wäre konkreter und hilfreicher, um diesen Kontext klar und verständlich aufgezeichnet zu bekommen. Das viele Geld sei ihm und seiner Gefährtin gegönnt. Und den Kindern auch. Den Teufel gönnen wir ihm nicht. Den wünschen wir Nick Bolletieri.

3. Januar 2007

Sieben Sekunden verpackt in eine Ewigkeit

Man kann jedem Sportblogger und jedem Sportjournalisten nur wünschen, wenigstens einmal im Leben eine Erfahrung zu machen, die einen ähnlich nahe an das Thema heranbringt wie die Recherche von Jack McCallum für sein jüngstes Buch: Seven Seconds or Less: My Season on the Bench with the Runnin' and Gunnin' Phoenix Suns. Der Redakteur von Sports Illustrated hatte ein Jahr Zeit, um sich auf der Bank eines der attraktivsten Teams der NBA herumzudrücken und das Erlebnis aufzuschreiben. Als Einstieg für alle, die nicht an das Buch herankommen können, sehr zu empfehlen: das ausführliche Interview mit ihm beim GelfMagazine-Blog von vor vier Wochen. Bei True Hoop gibt es auch Spurenelemente aus einem separaten Gespräch mit McCallum und folgendes Zitat: "Ich mache das schon seit 36 Jahren. Ich bin seit 25 Jahren bei Sports Illustrated. Und ich schreibe seit zswei Jahrzehnten über die NBA. Du kommst an einen Punkt, an dem du dich fühlst, als wärst du zwischen Mühlsteine geraten. Das ist mir bei den Suns nie passiert...Es war wirklich regenerierend."

30. Dezember 2006

Zeit zum Lesen: Geschichten mit dem Siegel "Erste Sahne"

Bevor wir hier nostalgisch werden (es ist Jahresende und da kommen einem alle möglichen Dinge in den Sinn) und zu irgendwelchen Reminiszenzen an das vor langer Zeit verblichene Magazin namens Sports anheben: Es gibt sie immer noch, die Medienoutlets, die feine Lesegeschichten publizieren. Nur nicht in Deutschland, wo man vermutlich nirgendwo eine Reportage über einen Sportler in Auftrag geben würde, der vor 15 Jahren zu den größten Talenten gehörte, aber dann im dunklen Tann verschwand. Oder einen Schriftsteller bitten würde, sein Porträt eines der besten Tennisspieler aller Zeiten zu schreiben.

Zum Glück entstehen solche Texte aber immer noch in den USA, wo man eine Tradition im Sportjournalismus pflegt, in der sich Nachdenken, Beobachten, Recherchieren und stilvoll Schreiben zu einem eigenen Genre vermischt haben, das man sportswriting nennt. Seit geraumer Zeit widmet der Buchverlag Houghton Mifflin diesem Genre einen alljährlichen Sammelband, der jeweils von einem anderen prominenten Autoren zusammengestellt wird. Man kann die Bücher bei amazon finden. Obwohl: die Liste scheint nicht komplett.

Wer weniger Interesse oder weniger Zeit hat, sich auf diesem Wege einzulesen, sollte mal auf folgende Website der Online-Ausgabe des Wall Street Journal klicken. Die Überschrift - The Best Sports Columns of 2006 - ist irreführend. Tatsächlich haben die beiden Kollegen aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Texte ausgewählt. Sehr gut ausgewählt, muss man sagen. Besonders die Geschichte von Wayne Coffey in der New York Daily News über den ehemaligen Pitcher Brien Taylor ragt heraus. Wenn man sie liest, erfährt man nicht nur ein ordentliches Stück über die amerikanische Gesellschaft (um Baseball geht es nur am Rande) und über das Leben in einem armseligen Teil von North Carolina, wo Hautfarbe noch immer ein wichtiger Faktor für Erfolg und Misserfolg sind, sondern auch über die Melancholie, die um Spitzensport herum mitschwingt und die von den hektischen Berichten im Fernsehen und in den Tageszeitungen ständig und beharrlich konsequent weggefegt wird. Es würde mich wundern, wenn dieser Text nicht im nächsten Sammelband von Houghton Mifflin auftaucht.

Aber das ändert nichts an der Frage: Weshalb werden solche Geschichten nicht rund um den deutschen Sport entdeckt, geschrieben und publiziert? Ich habe schon oft über eine Antwort nachgedacht. Im Moment fällt mir nur eine Gegenfrage ein: Vielleicht weil sie niemand lesen will? Dass es die Geschichten nicht gibt, soll mir keiner erzählen.

3. Dezember 2006

Schlag nach bei Pelé

Sein Name ist lang. Also ist sein Buch dick und schwer. Pelé: Edson Arantes do Nascimento heißt es und soll mit 1700 Bildern und 300 000 Wörtern einen 66jährigen Fußballer würdigen, der schon zu Lebzeiten alle anderen seines Fachs weit überragt hat. Muss man dafür wirklich soviele Bäume opfern, damit 16 Kilogramm wiegende Schwarten auf 720 feisten Seiten auf den Markt kommen, die der Meister allesamt persönlich signiert hat?

Die Frage hat der Initiator Ovais Naqvi, der den Gloria-Verlag aufgemacht hat, aus einem puren Reflex heraus schon verneint. Der Mann, der als einer der Berater des Taschen-Verlags an dem Muhammad-Ali-Projekt GOAT: Greatest of All Time beteiligt war, das 2004 erschien und anfänglich zwischen 3000 und 7500 Dollar pro Exemplar kosten sollte (die teure Version kam mit einer Skulptur des New Yorker Künstlers Jeff Koons), denkt nun mal größer. "Dieses Buch wird Fußball-Fanatikern gefallen", sagte er der New York Times, nachdem sich die Zeitung animiert fühlte, ihren reichen Lesern, die sich gerne an Pelés Zeit bei Cosmos New York erinnern, das Werk vorzustellen. Angeblich nur 2500 Stück kamen in den Handel, um Sammlern von Sport-Memorabilia den Mund wässrig zu machen. Ach, ja: Hier noch der Preis: 3000 Dollar pro Exemplar.

Nachtrag: Nachspiel warnt alle vor der grossen Pelé-Orgie im deutschen Fernsehen. Auf QVC.

9. August 2006

Das gibt's nur im Sport: Multimillionär und Sklave in einer Person

Es ist nicht ganz leicht, die komplexe Beziehung der Rassen in den USA auf eine griffige Schlagzeile zu reduzieren. Nicht mal dann, wenn man sich auf den Erfolg schwarzer Sportler beschränkt, die im Basketball und im Football zu dominierenden und bestens bezahlten Figuren geworden sind. William C. Rhoden, der schwächste von einer Handvoll Sportkolumnisten der New York Times, hat es trotzdem versucht. Und zwar mit dem Titel seines neuesten Buchs. Heraus gekommen ist durchaus eine schlagkräftige Zeile - 40 Million Dollar Slaves. Aber hinter dem Pappdeckel steckt leider nur ein müdes Buch, das einerseits das weiße Amerika dafür verantwortlich macht, dass es schwarze Sportler so wie die Plantagenbesitzer von einst betrachtet und instrumentalisiert. Andererseits wirft es denselben schwarzen Sportlern vor, dass die mit ihrem vielen Geld und ihrem Celebrity-Status nichts tun, um zu zeigen, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe mehr können als nur eine Show abzuziehen. Wo sind die schwarzen Geschäftsleute im Sport? Ja, wo sind sie?

Rhodens Beweisführung will zeigen, dass eine weiße Power-Schicht konsequent den schwarzen Amerikanern den Weg versperrt. Sie kommt wie ein Stuhl mit zweieinhalb Beinen daher. Denn die Bilanz von weißen, hochdotierten Sportlern sieht nicht besser aus. Woran das liegt? Vielleicht sollte man mal die soziale Intelligenz von Hochleistungssportlern testen. Dann ließe sich bestimmt eine Antwort finden.