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27. Februar 2010

Alte Kamellen mit viel zu jungen Turnern

Es hat ein Jahr gedauert, den Fall zu untersuchen, und zehn Jahre, um den Regelverstoß offiziell zu brandmarken. Entsprechend leise kam die Nachricht über den Ticker, die bestätigt, was in China an der Tagesordnung ist: Sie fälschen das Alter ihrer Turnerinnen. Der Internationale Turnverband konnte vor anderthalb Jahren in Peking nicht viel ausrichten, obwohl die Indizien überwältigend waren. Jetzt will er die Bronzemedaille aus dem Mannschaftswettbewerb von Sydney wiederhaben und den Amerikanerinnen geben, die damals auf dem vierten Platz landeten. Die fragliche Turnerin heißt Dong Fangxiao und war damals ganze 14 Jahre alt.

1. Oktober 2008

Neue olympische Disziplin: Dreimaliges Niederwerfen

"Mit Kotau (chin. 磕頭 / 磕头, kētóu) bezeichnet man den ehrerbietigen Gruß im Kaiserreich China. Dabei wirft sich der Grüßende in gebührendem Abstand zu dem zu Begrüßenden nieder und berührt mehrmals mit der Stirn den Boden. Gegenüber dem Kaiser erfolgte ein dreimaliges Niederwerfen mit je dreimaligem Berühren des Fußbodens mit der Stirn. Nach der Vollführung des Kotau blieb man häufig in kniender oder sitzender Körperhaltung", sagt Wikipedia. Eine kniende oder sitzende Körperhaltung ist für Turner ja nichts Besonderes. Bei manchen sieht das sogar ganz elegant aus. Nicht so bei der Entscheidung des Internationalen Turnerverbandes, die Papiere der Chinesen als echt zu akzeptieren, die vorgelegt wurden, um die zu jungen Mädchen altersmäßig in die Olympia-Mannschaft hineinzufälschen. Aber es war das zu erwartende Resultat, nachdem die Amerikaner, obwohl Hauptbetroffene, darauf verzichtet haben, dass Thema hochzuspielen. Vielleicht hat das etwas mit der Goldmedaille von Athen zu tun, die der Amerikaner Paul Hamm bekam und später nicht wieder aberkannt wurde, obwohl sie ihm nicht zustand. Vielleicht illustriert dies auch nur die neuen Machtverhältnisse bei den Olympischen Sportarten. Falls das so sein sollte, sind für die USA harte Zeiten angebrochen.

22. August 2008

Respekt, Respekt

Die neue Realität des internationalen Sports wurde soeben vom Trainer der chinesischen Turner so formuliert: "The Chinese government and the Chinese athletes must be respected." Wenn sie sagen, sie fälschen keine Dokumente, dann fälschen sie keine. Wenn sie sagen, sie dopen nicht, dann dopen sie nicht. Und wenn sie sagen, sie erlauben Proteste, dann..... Geschenkt.

21. August 2008

Im Keller des Internet finden Blogger noch immer die Wahrheit

Arglose Chinesen, die gedacht haben, sie könnten für die eigens für Proteste vorgesehenen Zonen in Peking bei den Behörden tatsächlich um eine Erlaubnis zum Protest nachsuchen, sind auf dem Weg ins Arbeitslager. Wie wird angesichts solcher Härte in harmlosen Fällen das Strafmaß gegen die chinesische Fälscherbande ausfallen, die für die Teilnahme von Turnerinnen bei den Olympischen Spielen verantwortlich ist, die nicht alt genug sind? Das werden wir vielleicht nie erfahren. Denn zuerst einmal muss das IOC, das nach einer ewig langen Karenzzeit endlich die Ermittlungen eingeleitet hat, die Belege für den Fälschungsakt als plausibel akzeptieren. Wer weiß, ob Jacques Rogge daran ein Interesse hat. Und zweitens müssen erst einmal die Sportfunktionäre in China ihre Betrugsversuche zugeben. Aber falls sie den krassesten Fall weiter abstreiten, werden sie das vor allem mit einer Paranoia unterfüttern, die alle Beschuldigungen erst mal auf die bösen Ausländer schiebt, das wären die, die ein Problem mit der chinesischen Unterdrückungskultur haben.

Aber vielleicht erstmal zu dem konkreten Vorgang, der nach Informationen der Londoner Times endlich vom IOC untersucht wird, nachdem der Internationale Turnverband offensichtlich seine Unfähigkeit dokumentiert hat, eine Angelegenheit zu klären, die in seiner Zuständigkeit liegt, weil sie das Regelwerk betrifft: Man muss 16 sein, um international turnen zu dürfen. Die fragliche Chinesin ist 14.

Es gab in den letzten Tagen schon Fundstellen im Internet, die belegten, dass die Aufsicht gepennt hat. Ich schrieb dann aber lakonisch: "Niemand hat den Mut oder möchte in China den Chinesen ins Gesicht sagen, dass sie betrügen." Warum? Die Turnwettbewerbe und die Spiele standen noch am Anfang. Eine Aufklärung des Sachverhalts und die Aufhellung der unmoralischen Haltung der Chinesen hätte mit einem Schlag die Stimmung gekippt – und das mehr als eine Woche vor dem Ende der Veranstaltung.

Kurz vor Schluss der Spiele ist diese Gefahr gebannt. Zumal sich die betroffenen US-Turnerinnen und ihre Begleiter nicht sonderlich echauffierten. Wer weiß, welchen Dreck die am Stecken haben, dass sie (außer Ex-Trainer Bela Karoly, der im Studio als Fachkommentator seinen Einschätzungen freien Lauf ließ) so still vor sich hin schwiegen? Sie hatten jeden Grund zu meckern: Sie haben schließlich die Goldmedaille in der Mannschaft und am Stufenbarren verpasst.

Als ich gestern las, was der New Yorker Blogger Mike Walker herausgefunden hatte, habe ich denn auch ehrlich gedacht: Das wird niemanden weiter beschäftigen, dass es nun noch mehr Beweise für den Betrug gibt. Denn obwohl die Hinweise auf die Verschleierungsmaßnahmen der chinesischen Sportführung nun klar und deutlich werden, nachdem sie die entscheidenden Webseiten mit den inkriminierenden Excel-Dateien klammheimlich aus dem Netz genommen hat: Wahrscheinlich brauchen die Verantwortlichen die Beweise auf dem Silbertablett, ehe sie einen Anfangsverdacht entwickeln und selbst ermitteln. Aus diesem Grund habe ich nichts über die Fundsachen geschrieben. Obwohl es mich ziemlich in den Fingern gejuckt hat.

Einen Tag später hat sich der Skandal weiterentwickelt und der Blogger scheint auf dem Weg zum Stardetektiv. Ich denke, er wird (sicher nicht bei NBC) im Fernsehen auftauchen. Und er wird allen kleinen Kindern, die davon träumen, mal selbst einen großen Fall zu knacken, als Vorbild dienen. Man fühlt sich übrigens unweigerlich an dogfood, allesaussersport und die "Tonstörung namens Godefroot" erinnert. Denn auch in jenem Fall vor einem Jahr war kein Journalist in der Lage gewesen, den Knackpunkt aufzuhellen. Das war die Leistung eines Bloggers gewesen. Etwas, was man beim Spiegel in der umstrittenen Blogger-Geschichte neulich sehr gerne übersehen hat. Einen Monat später allerdings zollt man dem findigen Blogger Walker bei diesem Spiegel sehr viel mehr Respekt. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil er in New York sitzt und nicht in Hamburg?

Walker selbst spielt sich in der Sache bis zu einem gewissen Grad herunter. "I am one, but You are Many. Good luck.", schrieb er seine Leser, um sie ermuntern, sich mit der Technik des Auffindens von Informationen im Internet vertraut zu machen. Sein eigentliches Thema: Das Ausmaß an Zensur, in die offensichtlich in China auch Google verwickelt ist. Denn über die chinesische Suchmaschine Baidu gab es bei seiner Suche durchaus relevante Resultate.

14. August 2008

Altersfrage: Erste chinesische Turnerin entlarvt

Die ersten Dokumente sind aufgetaucht, die belegen, dass zumindest ein Mitglied der chinesischen Turnerinnen-Mannschaft nicht so alt sein kann, wie in ihrem aktuellen Reisepass steht. Der erste Verdacht, der Ende Juli von der New York Times gestreut und auch in Deutschland zitiert wurde, lässt sich durch Kopien von Artikeln und Listen erhärten. Eine Arbeit, um die sich der internationale Verband bislang gedrückt hat. Wie so oft, wenn es um Politik hinter den Kulissen geht, dürften die Funktionäre im Moment vor allem herumtaktieren, um das Problem vom Tisch zu schieben. Niemand hat den Mut oder möchte in China den Chinesen ins Gesicht sagen, dass sie betrügen. Ein Nebenaspekt, wenn Olympische Spiele in Ländern stattfinden, in denen das Volk nur auf dem Papier etwas zu sagen hat.

13. August 2008

Weg und wegger

Einer der Nachteile, wenn Olympische Spiele in China stattfinden: Die meisten Skandale kommen gar nicht richtig hoch und werden nicht in der notwendigen Energie breitgetreten. Man nehme den Verdacht, dass einige chinesische Turnerinnen noch nicht das notwendige Alter von 16 erreicht haben (oder im Verlauf dieses Jahres noch 16 werden). Der Verband wischt das weg. Das IOC wischt es noch wegger. Und die Medien von Belang und mit den entsprechenden Resourcen haken nicht nach, weil sie in dem riesigen Land mangels Sprachkenntnissen gar nicht wissen, wo und wie und was. So hat selbst die New York Times mit ihrem riesigen Reporter-Team nur Zeit für ein Lamento von einem Kolumnisten. Dabei gebe es auch andere Wege, das Problem anzupacken. So wie bei der Achterbahn, wo man einen Längenstab einsetzt, um zu bestimmen, wer mitfahren darf und wer nicht. Die Chinesinnen sind zwischen 1,35 und 1,40 Meter groß. Weshalb gibt es keine Mindestmaß von, sagen wir, 1,50 Meter? Das wäre für alle gesünder. Und die Zwerge gehen gleich zum Zirkus. Sie rücken nicht über Los. Und sie ziehen keine Goldmedaillen ein.

29. Juli 2008

Hamm sagt Olympia ab

Die USA können für die Olympische Spiele ein paar ihrer Posten in den Medaillenvorkalkulationen durchstreichen: Paul Hamm hat im Männerturnen verletzungsbedingt abgesagt. Die Mehrkampfentscheidung (mit Fabian Hambüchen und dem großen Favoriten Yang Wei) findet ohne den Amerikaner statt. Mehr dazu in einem Bericht auf faz.net.

4. März 2008

Hamm und Hambüchen im Garden

Einer der Gründe, warum hier in letzter Zeit nicht so viele neue Beiträge aufgetaucht sind, hat mit Paul Hamm zu tun. Und mit Fabian Hambüchen. Der eine ist der umstrittene Turn-Olympiasieger von Athen, der sich nach einer langen Pause auf die nächsten Spiele in Peking vorbereitet. Und der andere ist der deutsche Reck-Weltmeister, der zwar im Mehrkampf in China nur als Außenseiter auf einen Platz auf dem Treppchen gilt, aber an seinem Paradegerät die schwerste Übung von allen turnen wird. Die hätte ich mir am Samstag im Madison Square Garden gerne von Nahem angeschaut. Aber Hambüchen meldete sich kurzfristig ab, weil ihn noch immer die Nachwehen eines Infekts plagen. Wer möchte schon oben am Reck mitten im Flug gegen Schwindelgefühle ankämpfen oder gar gegen Brechreiz? Und wer möchte sehen, wie der Bursche absteigt und sich verletzt?

Mit Fabian und seinem Vater und Trainer Wolfgang konnte man schon am Vortag ausgiebig reden. Was gut war. Denn wenn man nur alle hundert Jahre über Turnen schreibt, braucht man verlässliche Gesprächspartner, die nicht murren, wenn man sie löchert. Das etwas ausführlichere Resultat der Arbeit erschien heute in der Dienstagausgabe der FAZ und wurde gerade online gestellt. Es geht vor allem um Paul Hamm, von dem man in den kommenden Monaten in den USA sicher noch zum Erbrechen hören wird. Aber es wird nicht Fabian sein, dem es dabei hochkommt. Die beiden sind schon ziemlich gute Freunde, nachdem der Jüngere, der zwar nur eine Zwei im Sport-Abitur schaffte, aber ganz hervorragend Englisch spricht (kein Vergleich mit dem Dummschwätzer), sich mit einer netten Geste beim Älteren gemeldet hatte und ihm seine deutsche wohl erprobte Lederriemen-Marke fürs Reck angetragen hatte. Stände nicht die Gesundheit im Vordergrund, wäre Hambüchen zur Zeit für eine Woche bei Hamm in Columbus/Ohio zum Trainieren. So flog er lieber wieder zurück nach Wetzlar, um sich auszukurieren.