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14. Juli 2010

Schwere Jungs und alte Männer

Foto: Spider.Dog/flickr/creative commons/Attribution 2.0

Morgen beginnen in St. Andrews an der schottischen Ostküste die British Open, das dritte Major des Jahres im Golf. Abgesehen von der Tatsache, dass es ein wenig langweilig anmutet, wenn ein solch bedeutendes Turnier alle fünf Sommer auf demselben Platz stattfindet, verführt er die Golf-Journalisten zu verschnörkelten Reminiszenzen der Geschichte des Spiels. Denn – so geht die Saga – St. Andrews ist die Geburtsstätte der Sportart. Tatsächlich hat sich das Spiel seit seiner Geburt gravierend verändert. Nachdem zunächst die Bälle durch eine enorme technische Revolution gingen, wurden auch die Schläger zu Präzisionswerkzeugen, und beides zwang die Golfplatzbesitzer, ihre Anlagen immer mehr in die Länge zu ziehen. Länger ist nicht besser, sondern einfach nur länger. Da ist es umso angenehmer zu sehen, dass die Spieler selbst sich nur unwesentlich verändert haben. Im Gegenteil. So wie die Bevölkerung in den reichen westlichen Ländern, deren Ernährungsgewohnheiten in naher Zukunft eine Gesundheitskrise heraufbeschwören werden (zusätzlich zum Bedarf an breiteren Sitzen in Flugzeugen und den Wartezimmern der Ärzte), wirken derzeit eine Menge ziemlich erfolgreicher Golfprofis. Rundlich, übergewichtig, um nicht zu sagen dick. Und auch alte Spieler, woanders in der Alterskategorie "Männer IV" eingestuft, halten mit. Mit anderen Worten: Golf wirkt selbst in der Zeit des roboterhaften Erfolgsprofis Tiger Woods noch immer irgendwie ganz menschlich.

Zu diesem Thema habe ich vor ein paar Wochen für die Züricher Sonntagszeitung einen Text geschrieben. Er passt noch immer in die Zeit:

Von allen Kennziffern, die die amerikanische PGA Tour über ihre Profis veröffentlicht, wirkt eine besonders kurios. Die Statistik nennt nicht nur das gewonnene Preisgeld, das Geburtsdatum oder die Körpergrösse. Die Unterlagen machen ein weiteres Detail publik: das Körpergewicht des Golfspielers. So konnten Zuschauer, die noch nie etwas über einen gewissen Brendan de Jonge aus Simbabwe gehört hatten, rasch ermitteln, wieviel der rundliche 29-jährige aus Simbabwe auf die Waage bringt, nachdem der überraschend nach dem ersten Tag der US Open den ersten Platz belegte: satte 103 Kilogramm.

Das Turnier auf dem schwierigen, 6300 Meter langen Platz von Pebble Beach ist kein Spaziergang. Die vier Tage verlangen den Teilnehmern in Wind und Wetter eine Menge ab. Weshalb sich im Laufe der Jahre ein Typ von Golfprofi durchgesetzt hat, der dem Vorbild des im Fitness-Studio gestählten Weltranglistenersten Tiger Woods ähnelt: Der verfügt über wohlproportionierte Muskelpäckchen in den Armen und Schultern.

Doch ein Erfolgsrezept ist das nicht. Man denke nur an all jene Herren, die mit schwerem Schritt über den Platz wandern, aber am Ende die bedeutendsten Titel gewinnen. Ob der Argentinier Angel Cabrera (Gewinner US Open 2007 und Masters 2009, Gewicht laut offiziellen Angaben: 95 Kilo und dazu Kettenraucher) oder ob Phil Mickelson (Sieger beim Masters 2004, 2006, 2010, 91 Kilo) – sie alle schleppen bei wichtigen Ereignissen stärker an dem Gewicht der eigenen Erwartungen als an der Masse aus überflüssigem Fettgewebe. So zählte der Amerikaner Mickelson bei diesem Turnier zu den Favoriten, nachdem er sich am Freitag mit einer hervorragenden zweiten Runde von 66 Schlägen auf den zweiten Rang im Zwischenklassement vorgearbeitet hatte (hinter dem späteren Sieger, dem Nordiren Graeme McDowell).

Aber nicht nur Körperumfang scheint im Spitzengolf kein Problem zu sein. So konnte sich für die US Open in diesem Jahr ein Spieler qualifizieren, der vor zwei Jahren bereits sein zweites neues Herz eingepflanzt bekommen hatte. Die Geschichte des Amerikaners Erik Compton, der am Freitag allerdings am Cut scheiterte, zeigt zumindest eines: Die wahren Qualitäten eines Golfers müssen aus etwas anderem bestehen, als jenem Schaltkreislauf, den Athleten in Sportarten wie der Leichtathletik oder beim Radrennen inzwischen zunehmend mit Dopingmitteln manipulieren.

Man denke nur an die British Open im schottischen Turnberry im letzten Jahr, als bis zum vorletzten Loch ein 59-jähriger an der Spitze lag. Der amerikanische Ausnahmegolfer Tom Watson, der vier Tage lang mit einer erstaunlichen Präzision gespielt hatte, verlor erst im Stechen gegen den um 23 Jahre jüngeren Landsmann Stewart Cink. Eine ähnlich ungewöhnliche Leistung hatte 2008 der Australier Greg Norman geschafft. Der ging in Royal Birkdale als Führender in die entscheidende Runde und wurde Dritter – im Alter von 53 Jahren.

Immerhin: Sowohl Watson als auch Norman haben im Unterschied zu vielen Kollegen auf der Champions Tour der Profis über 50 kein überflüssiges Gramm zugenommen. Ein Aspekt, von dem vor einiger Zeit der ehemalige Weltranglistenerste David Duval sprach, als er davon hörte, mit welchem Argument der übergewichtige Engländer Lee Westwood (offiziell: 94 Kilo) jede Frage nach seinen Essensgewohnheiten abschmetterte: “Hätte ich Athlet werden wollen, dann wäre ich 400-Meter-Läufer geworden. Ich bin kein Athlet, ich bin Golfer.”

“Der Golfschwung ist ein sehr athletischer Bewegungsablauf”, rechtfertigte Duval seine damalige seine rigorose Hinwendung zu intensivem Hanteltraining. Wenig später gewann er die British Open. “Fitness", so meinte er, "sorgt für eine längere Karriere und hilft Verletzungen zu vermeiden.”

Tatsächlich leidet Duval seit dem größten Erfolg seiner Karriere an einer unerklärlichen Formschwäche und liefert nur noch selten und inzwischen auch mit einigem ziemlichen Extra-Gewicht in der Bauchgegend bemerkenswerte Resultate ab. Westwood hingegen spielt seit ein paar Jahren bei den wichtigen Turnieren ständig um den Titel mit und steht auf Platz drei der Weltrangliste. Nach zwei Runden in Pebble Beach lag er in Lauerstellung auf dem 16. Platz. “Ich habe gute Chancen”, sagte er.

27. Februar 2010

Alte Kamellen mit viel zu jungen Turnern

Es hat ein Jahr gedauert, den Fall zu untersuchen, und zehn Jahre, um den Regelverstoß offiziell zu brandmarken. Entsprechend leise kam die Nachricht über den Ticker, die bestätigt, was in China an der Tagesordnung ist: Sie fälschen das Alter ihrer Turnerinnen. Der Internationale Turnverband konnte vor anderthalb Jahren in Peking nicht viel ausrichten, obwohl die Indizien überwältigend waren. Jetzt will er die Bronzemedaille aus dem Mannschaftswettbewerb von Sydney wiederhaben und den Amerikanerinnen geben, die damals auf dem vierten Platz landeten. Die fragliche Turnerin heißt Dong Fangxiao und war damals ganze 14 Jahre alt.

22. Juli 2009

Pfusch mit dem Alter: DNA-Tests schaffen Klarheit

Major League Baseball nutzt DNA-Tests, um das wahre Alter von Spielern zu ermitteln, die aus Mittelamerika kommen. Der Hintergrund: Die Dominikanische Republik gehört seit Jahren zu einer der Hauptnachwuchsschmieden der amerikanischen Profiligen. Aber immer wieder gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass das wahre Alter nach unten korrigiert wird. Der Grund ist einleuchtend: Wenn man stärker ist, als die angeblich gleichaltrige Konkurrenz, hat man bessere Chancen auf einen Vertrag. Inzwischen werden prospects ziemlich gut bezahlt, selbst dann wenn nicht klar ist, ob sie jemals das höchste Spielniveau erreichen.

Auf den ersten Blick wirken solche Tests wie eine gute Sache. Aber juristisch gibt es da ein Problem: die Geninformationen gehören zur Privatsphäre und obliegen dem Datenschutz. Mehr in einem ausführlichen Bericht in der New York Times von heute (via The Big Lead, wo das Thema als "gefährlicher Tanz" aufgebauscht wurde). Im Grunde geht es um nichts anderes als bei den Dopingregeln auch. Die greifen weit über das Übliche im normalen gesellschaftlichen Alltag in die Privatsphäre ein und verstoßen dabei sogar gegen einen im Alltag geltenden Rechtsgrundsatz, wonach erst einmal ein begründeter Verdacht vorliegen muss, ehe die Sanktionsautorität ermittelt. Für den Dopingbereich wurde der Grundsatz festgezurrt: der Athlet muss bei den Kontrollen mitmachen, sonst kann er nicht mitmachen. Leistungssport ist schließlich freiwillig. Genauso wurde das Prinzip verankert, wonach der Athlet für den Befund in seinem Körper verantwortlich ist, ganz egal ob die Substanzen mit Absicht, aus Versehen oder ganz ohne seinen umittelbaren Einfluss in diesen Körper gelangt sind.

In der Welt der amerikanischen Baseball-Profis wird man vermutlich die Nachricht über das DNA-Thema mit Widerwillen und bösen Vorahnungen quittieren. Man erinnere sich: Die Befunde aus der anonymisierten ersten Doping-Kontrollphase wurden am Ende von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, obwohl die Sportler sich nur unter der Prämisse hatten testen lassen, dass die Resultate anonym bleiben.

Davon abgesehen, was hindert eigentlich den Internationalen Turnverband und das IOC, solche Tests auch bei den chinesischen Turnerinnen vorzunehmen, die ganz offensichtlich bei den Olympischen Spielen gegen die Altersregeln verstoßen haben?

17. März 2009

NFL: Junge Cheftrainer

Nicht jede Anhäufung von singularen artverwandten Sachverhalten ist gleich ein Trend. Denn das würde voraussetzen, das sich in den Köpfen der Entscheidungsträger jeweils ähnliche Gedanken abspielen. Was wiederum zwingend voraussetzen würde, dass sich in diesen Köpfen überhaupt etwas abspielt.

Aber auffällig ist das schon, dass man in der NFL neuerdings ganz gerne ziemlich junge Leute auf die Position des Head Coach beruft. Josh McDaniels in Denver und Raheem Morris in Tampa sind 32 Jahre alt. Lane Kiffin, der neulich ein unerfreuliches Intermezzo bei den Oakland Raiders erlebte und jetzt das Traditionsfootballprogramm an der University of Tennessee leitet, war 31, als er den Zuschlag bekam. Zur Jugendbewegung gehören fraglos Mike Tomlin von den Pittsburgh Steelers, der mit 34 den Job übernahm und ziemlich rasch danach einen Super-Bowl-Gewinner produzierte, und auch Eric Mangini, der ebenfalls mit 34 auf den Chef-Posten der New York Jets berufen wurde (inzwischen nach dem Misserfolg mit Brett Favre und dem Rauswurf in Cleveland unter Vertrag).

Die Sache ist deshalb interessant, weil wir gerade im Football und dort viel stärker als in anderen Mannschaftssportarten noch ziemlich alte Trainer in Lohn und Brot sehen. Da wurde zwischendurch Joe Gibbs in Washington wieder aus der Rente geholt (ein Mann in den Sechzigern). Da durfte Marv Levy bis in die Siebziger bei den Buffalo Bills arbeiten. Dick Vermeil hatte ein halbes Altersheim an Assistenten um sich versammelt, als mit den St. Louis Rams den Super Bowl gewann. Er selbst war damals 63. Don Shula war fast Mitte 60, als ich ihn nach einem Spiel der Miami Dolphins in New York fragte, ob er nicht bald ans Aufhören denkt. Er hat mich strafend angeschaut und erklärt: "Über so etwas denke ich nicht nach. "

Alter an und für sich ist irrelevant. Die Frage ist immer: Was bringen Head Coaches auf die Waagschale? Aber genau das lässt sich angesichts ständig wachsender Bataillone von Assistenten gar nicht mehr so genau sagen. Wir sehen sie zwar immer an der Seitenlinie herumhampeln, in ihre Mikrofone murmeln und auf die Referees einreden. Aber das ist nicht mal die Spitze des Eisbergs. Das sind nur jene kurzen Momentaufnahmen, in denen sich eine Spur der Persönlichkeitsstruktur der jeweiligen Person offenbart. Und die sagt sehr wenig über die Football-Intelligenz und den Erfolg der Managementleistung dieser Herren. Denn so viel ist klar: Es führen viele Wege nach Rom, nicht nur die, die die aggressiven Schreihälse so gerne beschreiten, wenn sie ihre Spieler herunterputzen und immer so tun, als säße die Macht, die sie ausüben, in ihren Stimmbändern und nicht zwei Handbreiten höher.

Profi-Football hat immer auch den Stil der stilleren Typen akzeptiert, die sich nicht als Zampanos inszenieren, sondern in Gesprächen vor und nach dem Spiel ihre Erkenntnisse vermitteln und die ihren Stab zu motivieren verstehen. Das liegt daran, dass die im Football ausentwickelte extreme Arbeitsteiligkeit – sowohl was die Spieler auf dem Platz betrifft als auch die die Arbeit der Trainer – einen Führungsstil verlangt, der einem modernen Unternehmen ähnelt. Die vielen Rädchen greifen nur dann synchron in einander, wenn konsequent kommuniziert wird. Profi-Football hat allerdings auch immer eine mönchische und asketische Hingabe der Trainer ans Analytische gefördert. Man schaut sich in diesem Job jeden Tag stundenlang auf Video aufgezeichnete Spielzüge von Gegnern und eigenen Formationen an, um darin Ansätze für neue Ideen zu finden. Das ist kein gesundes Arbeiten. Denn es befreit nicht, sondern blockiert die Synapsen mit tausenden von vorgefundenen Details. Und es lenkt ab von anderen Aufgaben.

Jüngere Trainer sind besonders in diesem Bereich im Vorteil, weil sie noch ohne viel Gepäck reisen und offener sind, wenn es ums Ausprobieren geht. Das heißt nicht, dass ihre Entscheidungen in kritischen Momenten profunder sind. Aber es bedeutet, dass die besseren unter ihnen der Spielkultur Impulse geben werden. Nehmen wir Bill Belichick, dem besten und prägendsten Coach der letzten Jahre. Der war mit Ende 30 noch zu feucht hinter den Ohren, um bei den damaligen Cleveland Browns (heute Baltimore Ravens) als Hauptveranwortlicher viel auszurichten. Aber wenige Jahre später hatte er in New England die Puzzlestückchen zusammen und zeigte in der entscheidenden Phase der Saison mit seinem Votum für den jungen Quarterback Tom Brady und gegen den erfahrenen Drew Bledsoe, dass er solchen Aspekten wie Alter und Erfahrung nur wenig beimisst.

Bei den Denver Broncos geht Belichick-Zögling Josh McDaniels zur Zeit offensichtlich einen anderen Weg. Er verunsichert erst mal seinen Quarterback Jay Cutler, der als Erstrunden-Pick anno 2006 vermutlich eher uneinsichtig auf Kritik an seinen Leistungen reagiert. In jenem Jahr wurden Matt Leinart und Vince Young vor ihm ausgewählt, die seitdem auf unterschiedliche Weise dokumentiert haben, dass es blendend auch ohne sie geht. Cutler auf der anderen Seite hat in den letzten beiden Spielzeiten hinreichend bewiesen, dass es mit ihm nicht geht. Kein Wunder, dass man ihm abgeben wollte. Die ersten Trade-Gespräche im Februar führten zu keinem Resultat. Jetzt ist Cutler sauer und will nicht mehr in Denver bleiben. Wir werden sehen, aus welchem Holz der junge McDaniels gebaut ist.

1. Oktober 2008

Neue olympische Disziplin: Dreimaliges Niederwerfen

"Mit Kotau (chin. 磕頭 / 磕头, kētóu) bezeichnet man den ehrerbietigen Gruß im Kaiserreich China. Dabei wirft sich der Grüßende in gebührendem Abstand zu dem zu Begrüßenden nieder und berührt mehrmals mit der Stirn den Boden. Gegenüber dem Kaiser erfolgte ein dreimaliges Niederwerfen mit je dreimaligem Berühren des Fußbodens mit der Stirn. Nach der Vollführung des Kotau blieb man häufig in kniender oder sitzender Körperhaltung", sagt Wikipedia. Eine kniende oder sitzende Körperhaltung ist für Turner ja nichts Besonderes. Bei manchen sieht das sogar ganz elegant aus. Nicht so bei der Entscheidung des Internationalen Turnerverbandes, die Papiere der Chinesen als echt zu akzeptieren, die vorgelegt wurden, um die zu jungen Mädchen altersmäßig in die Olympia-Mannschaft hineinzufälschen. Aber es war das zu erwartende Resultat, nachdem die Amerikaner, obwohl Hauptbetroffene, darauf verzichtet haben, dass Thema hochzuspielen. Vielleicht hat das etwas mit der Goldmedaille von Athen zu tun, die der Amerikaner Paul Hamm bekam und später nicht wieder aberkannt wurde, obwohl sie ihm nicht zustand. Vielleicht illustriert dies auch nur die neuen Machtverhältnisse bei den Olympischen Sportarten. Falls das so sein sollte, sind für die USA harte Zeiten angebrochen.

22. August 2008

Respekt, Respekt

Die neue Realität des internationalen Sports wurde soeben vom Trainer der chinesischen Turner so formuliert: "The Chinese government and the Chinese athletes must be respected." Wenn sie sagen, sie fälschen keine Dokumente, dann fälschen sie keine. Wenn sie sagen, sie dopen nicht, dann dopen sie nicht. Und wenn sie sagen, sie erlauben Proteste, dann..... Geschenkt.

21. August 2008

Im Keller des Internet finden Blogger noch immer die Wahrheit

Arglose Chinesen, die gedacht haben, sie könnten für die eigens für Proteste vorgesehenen Zonen in Peking bei den Behörden tatsächlich um eine Erlaubnis zum Protest nachsuchen, sind auf dem Weg ins Arbeitslager. Wie wird angesichts solcher Härte in harmlosen Fällen das Strafmaß gegen die chinesische Fälscherbande ausfallen, die für die Teilnahme von Turnerinnen bei den Olympischen Spielen verantwortlich ist, die nicht alt genug sind? Das werden wir vielleicht nie erfahren. Denn zuerst einmal muss das IOC, das nach einer ewig langen Karenzzeit endlich die Ermittlungen eingeleitet hat, die Belege für den Fälschungsakt als plausibel akzeptieren. Wer weiß, ob Jacques Rogge daran ein Interesse hat. Und zweitens müssen erst einmal die Sportfunktionäre in China ihre Betrugsversuche zugeben. Aber falls sie den krassesten Fall weiter abstreiten, werden sie das vor allem mit einer Paranoia unterfüttern, die alle Beschuldigungen erst mal auf die bösen Ausländer schiebt, das wären die, die ein Problem mit der chinesischen Unterdrückungskultur haben.

Aber vielleicht erstmal zu dem konkreten Vorgang, der nach Informationen der Londoner Times endlich vom IOC untersucht wird, nachdem der Internationale Turnverband offensichtlich seine Unfähigkeit dokumentiert hat, eine Angelegenheit zu klären, die in seiner Zuständigkeit liegt, weil sie das Regelwerk betrifft: Man muss 16 sein, um international turnen zu dürfen. Die fragliche Chinesin ist 14.

Es gab in den letzten Tagen schon Fundstellen im Internet, die belegten, dass die Aufsicht gepennt hat. Ich schrieb dann aber lakonisch: "Niemand hat den Mut oder möchte in China den Chinesen ins Gesicht sagen, dass sie betrügen." Warum? Die Turnwettbewerbe und die Spiele standen noch am Anfang. Eine Aufklärung des Sachverhalts und die Aufhellung der unmoralischen Haltung der Chinesen hätte mit einem Schlag die Stimmung gekippt – und das mehr als eine Woche vor dem Ende der Veranstaltung.

Kurz vor Schluss der Spiele ist diese Gefahr gebannt. Zumal sich die betroffenen US-Turnerinnen und ihre Begleiter nicht sonderlich echauffierten. Wer weiß, welchen Dreck die am Stecken haben, dass sie (außer Ex-Trainer Bela Karoly, der im Studio als Fachkommentator seinen Einschätzungen freien Lauf ließ) so still vor sich hin schwiegen? Sie hatten jeden Grund zu meckern: Sie haben schließlich die Goldmedaille in der Mannschaft und am Stufenbarren verpasst.

Als ich gestern las, was der New Yorker Blogger Mike Walker herausgefunden hatte, habe ich denn auch ehrlich gedacht: Das wird niemanden weiter beschäftigen, dass es nun noch mehr Beweise für den Betrug gibt. Denn obwohl die Hinweise auf die Verschleierungsmaßnahmen der chinesischen Sportführung nun klar und deutlich werden, nachdem sie die entscheidenden Webseiten mit den inkriminierenden Excel-Dateien klammheimlich aus dem Netz genommen hat: Wahrscheinlich brauchen die Verantwortlichen die Beweise auf dem Silbertablett, ehe sie einen Anfangsverdacht entwickeln und selbst ermitteln. Aus diesem Grund habe ich nichts über die Fundsachen geschrieben. Obwohl es mich ziemlich in den Fingern gejuckt hat.

Einen Tag später hat sich der Skandal weiterentwickelt und der Blogger scheint auf dem Weg zum Stardetektiv. Ich denke, er wird (sicher nicht bei NBC) im Fernsehen auftauchen. Und er wird allen kleinen Kindern, die davon träumen, mal selbst einen großen Fall zu knacken, als Vorbild dienen. Man fühlt sich übrigens unweigerlich an dogfood, allesaussersport und die "Tonstörung namens Godefroot" erinnert. Denn auch in jenem Fall vor einem Jahr war kein Journalist in der Lage gewesen, den Knackpunkt aufzuhellen. Das war die Leistung eines Bloggers gewesen. Etwas, was man beim Spiegel in der umstrittenen Blogger-Geschichte neulich sehr gerne übersehen hat. Einen Monat später allerdings zollt man dem findigen Blogger Walker bei diesem Spiegel sehr viel mehr Respekt. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil er in New York sitzt und nicht in Hamburg?

Walker selbst spielt sich in der Sache bis zu einem gewissen Grad herunter. "I am one, but You are Many. Good luck.", schrieb er seine Leser, um sie ermuntern, sich mit der Technik des Auffindens von Informationen im Internet vertraut zu machen. Sein eigentliches Thema: Das Ausmaß an Zensur, in die offensichtlich in China auch Google verwickelt ist. Denn über die chinesische Suchmaschine Baidu gab es bei seiner Suche durchaus relevante Resultate.

14. August 2008

Altersfrage: Erste chinesische Turnerin entlarvt

Die ersten Dokumente sind aufgetaucht, die belegen, dass zumindest ein Mitglied der chinesischen Turnerinnen-Mannschaft nicht so alt sein kann, wie in ihrem aktuellen Reisepass steht. Der erste Verdacht, der Ende Juli von der New York Times gestreut und auch in Deutschland zitiert wurde, lässt sich durch Kopien von Artikeln und Listen erhärten. Eine Arbeit, um die sich der internationale Verband bislang gedrückt hat. Wie so oft, wenn es um Politik hinter den Kulissen geht, dürften die Funktionäre im Moment vor allem herumtaktieren, um das Problem vom Tisch zu schieben. Niemand hat den Mut oder möchte in China den Chinesen ins Gesicht sagen, dass sie betrügen. Ein Nebenaspekt, wenn Olympische Spiele in Ländern stattfinden, in denen das Volk nur auf dem Papier etwas zu sagen hat.