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24. Juni 2008

Absprung zum Establishment

"The Times They Are A-Changin'" ist eine ziemlich berühmte Zeile und auf vieles anzuwenden. Auch auf die Los Angeles Times, eine der auflagenstärksten Zeitungen der USA. Das Blatt baut Personal ab, um bei sinkender Auflage und abnehmenden Anzeigenumsätzen auch weiterhin Umsatzrenditen von oberhalb der 10 Prozent zu erwirtschaften. Da wirft man dann schon mal redaktsionsintern neugierig ein Auge nach draußen auf den Rest des Medienalltags und stellt beruhigend fest: The times they are a-changin' - bei den Sportbloggern, die nach zwei Jahren kantenscharfem kreativen Daseinskampf mit einer neuen Entwicklung fertig werden müssen - mit Erfolg und Beachtung (sicher bald auch mit Umsatzrenditen). Und mit dem Weiterwandern des qualifizierten Personals in andere, etablierte Abteilungen des Medienbetriebs.

So verlässt Will Leitch Deadspin, nachdem er die Seite mit seinem Dreh und enormer Energie zur Nummer eins gemacht hat. Er geht zu New York Magazine, einer Urmutter des Stadtillustrierten-Formats, deren journalistische Kompetenz umumstritten ist. Dort lebt man - noch - von der Printausgabe, zumal sie Programminformationen aus dem New Yorker Kulturleben enthält, die man zwar genausogut online abgreifen kann, aber nirgendwo so übersichtlich dargeboten findet (es sei denn man kauft TimeOut, der anderen Urmutter, die einst in London gestartet wurde und seit mehr als zehn Jahren auch in New York existiert). Es handelt sich dabei um Programminformationen, die ein anzeigenträchtiges redaktionelles Umfeld bieten.

Leitch hat vor dem Abgang erst mal gemeckert, weil ihm an dem Artikel in der Los Angeles Times die Logik besonders eines dort zitierten Bloggers (Big Lead's Jason McIntyre) nicht gefällt: Dass man als erfolgreicher Blogger anders an seine Arbeit herangeht - vorsichtiger und sicher auch weniger streitbar und angreifbarer. Wills Attacke ähnelt einer Politdiskussion im Fernsehen. Da werden oft Sachen gesagt, um etwas Gegensätzliches loszuwerden.

Tatsächlich sind die Trends unabsehbar. So wie Leitch abwandert zum Establishment werden auch Sportblogs demnächst zum Teil des Medienestablishments werden. Und als solche werden sie erstens die spitze Feder weglegen und vor allem nicht mehr frechweg irgendwelche haltlosen Gerüchte streuen. Das Problem ist simpel. Man wird nicht ernst genommen, wenn man nicht seriös arbeitet. Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit sind nun mal die wichtigsten Währungseinheiten im Medienbetrieb.

Blick zurück: Leitch und die Frage der Qualität
Blick zurück: Leitch, der Selbstvermarkter
Blick zurück: Leitch und Mark Cuban und der Zutritt von Bloggern in der Umkleidekabine
Blick zurück: Leitch und sein Erzfeind ESPN

10. Mai 2008

Sportblogs in den USA: Zeit für Qualitätsdebatten und Kritik

Dies ist eine Einladung zu einem geistigen Spagat für alle, die sich für die Sportbloggerei interessieren und die wissen wollen, was unsere amerikanischen Vorreiter erleben. Um die Übung gut hinzubekommen, sollte man ein paar Eckdaten kennen:
Deadspin ist der erfolgreichste Sportblog der USA, sein Hauptschreiber und Vorturner heißt Will Leitch. Er hat vor ein paar Monaten ein Buch herausgebracht und sich damit noch einen Hauch stärker profiliert.
HBO ist ein Pay-TV-Sender, der im Laufe der Jahre viele gute neue Serien (Sopranos, Sex and the City) und Fernsehformate entwickelt hat und auf eine eklektische Weise auch Sport-Themen serviert.
Bob Costas ist ein Sportfernsehmoderator mit einem guten Namen und bei NBC unter Vertrag. Bei HBO geriert er sich als Medienmann, der in seiner Talk-Show über allem zu stehen versucht. Mit Bloggern kann er nichts anfangen - wie so viele approbierte Journalisten von altem Schrot und Korn.
H. G. "Buzz" Bissinger galt dank eines Pulitzer-Preises als überdurchschnittlich begabter Sport-Autor. Seit seinem Auftritt bei Costas gilt er eher als schlecht informierter Meckerfritze, dessen Probleme man gar nicht richtig versteht.

Wer wissen will, was da neulich bei Costas passiert ist, möge über diese Seite einsteigen und sich erst einmal die Videoaufzeichungen anschauen. Für den zweiten Gang empfehlen wir diese Betrachtung vom Blog The Big Lead, die die seltsame Attacke gegen Leitch (“[Blogging] really pisses the shit out of me. It is the dumbing down of our society.”) in einen erhellenden Zusammenhang stellt. Aber man muss Leitch nicht unbedingt einen Freispruch aushändigen. In den letzten Tagen wurde dieses Radio-Interview mit ihm wieder hochgespült, das einen Mann zeigt, der zwar gerne so tut, als habe er ein durchdrungenes Verhältnis zur Beschäftigung mit Sport. Aber vermutlich ist er nicht mehr als der Protyp des spätpubertierenden Energiebündels, der schnell schreibt und schnell Witze reißt und erst, wenn alles publiziert ist, entdeckt, wie unreflektiert er dabei arbeitet.

Leitch hat viele Fans, vor allem unter anderen Bloggern, die eine enorme Menge an Besuchern abstauben, wenn er einen Hinweis auf eine Geschichte gibt. Viele Kritiker unter Gleichgesinnten hat er nicht. Umso bemerkenswerter war der Text von Jason Whitlock, der nach der Sendung nicht nur das Gesehene durchkaute, sondern einen neuen Gedanken in die Debatte einführte: Es sei an der Zeit, dass sich Sportblogger mal etwas kritischer miteinander beschäftigen – etwa nach der Art wie der bildblog mit der Bild-Zeitung verfährt. Und in einem Interview mit dem Blog Fanhouse erläuterte er die Konstellation noch etwas genauer.

Neben seinen kritischen Anmerkungen sagte er noch folgendes: "Die Zeitungsindustrie hasst alles, was anders ist. Und die Manager von Zeitungen haben keine Ahnung, wieso Blogger Erfolg haben ... Blogger sind eine gute Sache. Sie sind großartige Wachhunde für die etablierten Medien."

24. Januar 2008

Der Blogger und sein Buch

Dieser Mann wird vermutlich in die Annalen der noch jungen Sonderdisziplin der Werbewirtschaft eingehen, die Viral Marketing genannt wird. Er heißt Will Leitch und macht dieser Tage nicht mehr, als sein soeben erschienenes Buch zu pushen: God Save the Fan. Das heißt: Zwischendurch schreibt er auch weiterhin seine Beiträge für das von ihm herausgegebene Internet-Pamphlet Deadspin, dem erfolgreichsten Sport-Blog Amerikas. Und auch für Schwester-Blogs. Aber fast alles steht unter dem Zeichen einer geschickten Kampagne. Beispiel: Leitch interviewt Dallas-Mavericks-Besitzer Mark Cuban für das Monatsmagazin GQ, eine Geschichte, die mindestens zwei Verweise auf den Blog enthält (und einen auf das Buch). Dann schreibt Leitch über das Interview für Valleywag und äußert die Prognose, dass Cuban ganz bestimmt nicht die Chicago Cubs übernehmen wird (weil die anderen Baseballclub-Besitzer angeblich einen wie ihn nicht in ihren Reihen aufnehmen wollen). Natürlich geht es auch um das Buch. Leitch hat sich sogar für das Nackedei-Blatt Penthouse interviewen lassen (nicht online), was vorab nicht ganz die Propaganda-Wirkung hatte, die die PR-Leute in seinem Buchverlag vielleicht erhofft haben. Aber da der Mann hin und wieder für New York Magazine schreibt und auch für die New York Times (wann ist ein Rätsel), wird sich da noch irgendeine Verknüpfung finden. Und schwupp-di-wupp wird dieses Buch auf der Bestseller-Liste auftauchen. Die ersten Jubelarien über das "ultimative Manifest" regnen bereits herein. Freunde von Leitch aus der Bloggerszene wie Dan Shanoff machen Stimmung.

17. Juli 2007

Verbeugung vor dem Spin-Meister

Die meisten amerikanischen Sportblogger träumen von nichts Größerem, als irgendwann von Branchenführer Deadspin wahrgenommen zu werden und durch ein Link jenen Traffic zu bekommen, den sie alleine nie auf die Beine stellen würden. Viele schaffen das auch irgendwann - mit kuriosen Fundsachen und verqueren Ideen. Denn Deadspin-Macher Will Leitch hat Sinn für Schräges, braucht viel Stoff und weiß sehr gut, wie man aus kleinen Geschichten große bunte Luftballons macht. Deshalb ist er die Nummer eins. Und deshalb verdient sein Arbeitgeber (Gawker Media in New York) richtiges Geld mit Blogs.

Als ich heute morgen die Will-Leitch-Steve-Van-Pelt-Geschichte gepostet habe, ist mir nicht im Traum eingefallen, dass sie bei Deadspin aufschlagen könnte. Die wenigsten US-Blogger verstehen Deutsch. Und humorvoll war der Beitrag auch nicht. Aber nur wenige Stunden später kam eine Reaktion:
That Van Pelt interview caused such a ruckus that they're even talking about it in other languages, languages that we do not understand. We're trying to find the German word for "he blew it!"
Kommentare folgten. Darunter eine dieser unsäglichen Babelfish-Übersetzungen. Und viele Leser, denen man anmerkt, dass sie stolz darauf sind, keine Fremdsprachen zu sprechen und wichtige Ereignisse aus der Geschichte durcheinander bringen (Pearl Harbor und die Deutschen?) Trotzdem haben bis jetzt mehr als tausend Deadspin-Leser American Arena angeklickt, was angesichts der offensichtlichen Sprachbarriere ganz erstaunlich ist. Bei einem ähnlichen multilateralen Austausch vor ein paar Monaten (mit Dan Steinberg von der Washington Post) war der Ansturm vergleichsweise nachgerade kläglich ausgefallen.