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11. Dezember 2009

Tiger Woods: Pause vom Golf

Freitagnachmittags, wenn das Wochenende heraufzieht, pflanzt man gewöhnlich jene Pressemitteilungen von denen man hofft, dass sie so wenig Aufsehen wie möglich erregen. Das wird Tiger Woods nicht viel nützen, der heute zum ersten Mal "Untreue" zugegeben hat und bei der Gelegenheit eine zeitlich unbeschränkte Pause vom Golf ankündigte.

Der Mann, der gewöhnlich über einen enormen inneren Kontrollimpuls das Spiel auf dem Platz und sein Bild in der Öffentlichkeit zu steuern versuchte, hat offensichtlich beschlossen, dass es besser für ihn ist, diese zwei Terrains komplett aufzugeben und hinter den Kulissen zu arbeiten, um den Overkill zu bekämpfen, der ihn effektiv handlungsunfähig gemacht hat. Was an den Spekulationen dran ist, wonach er eventuell als Nächstes mit seiner Familie nach Schweden umzieht – ah, Winter in Schweden, wenig Tageslicht, aber viel Melancholie – wird sich zeigen. Theoretisch wollte die Familie eigentlich im Frühjahr die riesige neue Bleibe auf Jupiter Island beziehen, deren Bauarbeiten sich hingezogen haben.

Der nächste Schachzug wird wohl von den Werbepartnern ausgehen, denen es nicht viel bringt, wenn sie die Werbespots nicht zeigen können, für die sie ihn und seinen Namen eingekauft haben. Das Verhalten der Firmen wird sich unweigerlich auf den Schwebezustand auswirken, in dem sich der 33-jährige zur Zeit befindet. Natürlich hat er soviel Geld, dass er niemals in seinem Leben wieder arbeiten muss. Aber es dürfte nicht seinem Naturell entsprechen, einen solchen Schritt in Erwägung zu ziehen.

Der Anlass scheint gekommen, mal wieder in jenem Buch nachzublättern, mit dem ich vor etwas mehr als zehn Jahren die Figur Tiger Woods von allen Seiten betrachtet habe, und hinter dessen Siegen sich schon damals "die erstaunliche Geschichte einer Ausbildung zu einem neuen Beruf: der des Champions" verbarg. "Eine Geschichte, die verdeutlicht, was jemand mitbringen muss, wenn er als Angehöriger einer ethnischen Minderheit in eine Welt hineindrängt, die seinesgleichen bis dahin nur als Köche und Caddies kannte."

Dies ist eine Passage aus der Einleitung, die damals zumindest andeutete, was Tiger Woods bevorstand und die die jüngsten Entwicklungen bereits skizziert.

"Es wird der Tag kommen, und dann wird er es wissen. Er wird sich auf die Höhepunkte seiner Karriere besinnen und im Kopf noch einmal die wichtigsten Ereignise zusammenrechnen: die Siege beim Masters in Augusta, wo sein Stern im Frühjahr 1997 aufging, als wäre er der neue Elvis Presley. Und die Triumphe bei den anderen Majors, die in jedem Sommer den Höhepunkt des Golf-Kalenders bilden.
Er wird einen Strich unter die Resultate bei den Ryder-Cup-Begegnungen ziehen und sich an die Match-Play-Duelle mit den besten Europäern erinnern. Er wird die siebenstelligen Betraege überschlagen, die er jedes Jahr an Preisgeldern verdient hat, und dann mit der für ihn typischen Entschiedenheit Bilanz ziehen und erklären, wie das Fernduell mit den großen Legenden Jack Nicklaus, Bobby Jones und Ben Hogan ausgegangen ist. Ob ihm tatsächlich gelungen ist, wovon er als kleiner Junge geträumt hat: als bester Golfspieler aller Zeiten in die Sportgeschichte einzugehen. Oder ob seine Laufbahn durch den Druck der Erwartungen einer ganzen Nation in ein handlicheres Format zusammengepresst wurde und er sich in der Ruhmeshalle des Sports mit einem Platz in der zweiten Reihe begnügen muss.
Zu welchem Ergebnis er bei seinem selbstkritischen Rückblick auch immer kommen wird - wir werden es ebenfalls wissen. Denn mit seinem Erscheinen ist seine Sportart, die früher allenfalls eine Handvoll von Experten beschäftigte, zu einem Ereignis geworden, das die Massen interessiert... Bis allerdings feststeht, wie gut er wirklich ist, werden noch einige Jahre vergehen. Eine Zeitspanne, in der wir, während er die ganz normalen Höhen und Tiefen einer Sportler-Karriere durchläuft, gelegentlich darüber nachdenken werden, weshalb Tiger Woods eine Beachtung erhält, die gemeinhin nur Figuren zufällt, die der Welt etwas bedeuten - Wohltäter etwa, und Würdenträger, Wissenschaftler und Weltverbesserer.
Allein an seiner Art, Golf zu spielen, kann es nicht liegen. Sein eleganter Schwung und seine lockeren Bewegungen verleiten sein Publikum allenfalls dazu, sich für die romantische Idee zu begeistern, einmal im Leben das majestätische Gefühl zu spüren, das bei den großen Turnieren über solch exotischen Orten wie Augusta, St. Andrews oder Pebble Beach schwebt. Sein spielerisches Können inspiriert seine Zuschauer bestenfalls dazu, mit etwas mehr Tiefenschärfe in die Seele eines altehrwürdigen Spieles zu blicken. Ein Spiel, das heute, nachdem es vor Jahrhunderten an den Küsten von Schottland ein profanes Freizeitvergnügen für jedermann war, mit seinen ritterlichen Herausforderungen an die Charakterfestigkeit der Spieler, seinen mysteriösen Ritualen und dem kuriosen Vokabular so wirkt, als existiere in seinem Kern eine geheimnisvolle philosophische Erkenntnis.
Es muss etwas anderes sein als pure Sportbegeisterung, die die Begeisterung für den 22jährigen Tiger Woods ausgelöst hat und die alte Demarkationslinie zwischen den esoterischen Anstrengungen eines Profisportlers und dem Unterhaltungsbedürfnis der Gesellschaft ausradiert hat.
Tatsächlich wäre diese ungewöhnliche Resonanz nicht ohne eine Entwicklung möglich, die sich unaufhaltsam in Amerika ausbreitet, wo eine wachsende Zahl von Athleten, ohne sich je danach gedrängt zu haben, eine Rolle übernehmen, die einst von Politikern, Professoren und Pastoren versehen wurde. Sie setzen in einem System von Bildschnipseln und Tonhäppchen als neue Leitbilder Zeichen für eine Diskussion um Wertvorstellungen und philosophische Prinzipien. Sie sind, auch dann, wenn sie nicht viel reden und - noch schlimmer - nicht viel zu sagen haben, die Quasi-Ideologen einer neuen Zeit. Einer Epoche, in der demokratische Kulturen in allen sozialen Bereichen nach Leistungshierarchien suchen und sich nach Eliteförderung sehnen. Und in der Spitzensportler vorleben, wie einfach eine solche Gesellschaft funktionieren kann, wenn sie perfekt organisiert ist und den immensen Leistungsabraum aus Verlierern und Sportinvaliden geschickt verdeckt: Man spielt und kämpft, akzeptiert alle Regeln und ein paar moralische Grundsätze wie Fairness und Teamgeist und vertraut darauf, dass man sich auf diese Weise nach oben arbeitet.
Das Besondere an Tiger Woods: Er ist nicht nur ein idealer Prototyp für die soziologische Umschichtung. Er ragt gleichzeitig - als dunkelhäutiges Wunderkind, das sich über alle Benachteiligungen hinwegsetzen konnte, weil es sein Leben lang nichts anderes getan hat, als Golf zu spielen, aus ihr heraus. Und zwar in einer Weise, die ihn zum ersten ernsthaften Kandidaten dafür macht, die politische Entwicklung, die vor einer Weile in Amerika begann, in andere Teile der Welt zu tragen. Die Voraussetzungen sind günstig. Die Sportart, die er repräsentiert, ist international und hat einen elitären Beigeschmack. Er hat einen griffigen Spitznamen, einen multikulturellen Background, tadellose Manieren und ein gewinnendes Lächeln. An seiner Seite stehen weltweit agierende Werbepartner, die in Größenordnungen von Milliarden denken - und nicht zu vergessen, er besitzt eine unwiderstehliche Art, mit einem Golfschläger umzugehen.
Bis wir beurteilen können, welchen Einfluss ein Individuum wie Tiger Woods auf das Sozialgefüge im globalen Dorf hat und welchen Einfluss das Gefüge auf ihn, werden wir uns allerdings noch eine Weile mit den Teilen eines Puzzles benügen und mit Fragen beschäftigen, die niemand beantworten kann, wenn ein Athlet im Raketentempo zum Medien-Phänomen wird und zum Futter für die Instant-Kultur, die darauf angelegt ist, alle möglichen Reiz-Rezeptoren zu stimulieren, ohne sie je wirklich zu befriedigen...
...Wie stark sein Charakter ist, sich auch weiterhin in dem mächtigen Energiekreislauf aus Sport, Glamour und Werbung zu behaupten, kann niemand sagen. Auch nicht sein redegewaltiger Vater Earl, der das Talent förderte und formte. Idole zehren nicht von der Macht der Marketing-Mechanismen. Sie reflektieren die Stimmungsströmungen einer Welt, die nach neuen Identifikationssymbolen sucht und die ihre Vorbilder nur so lange akzeptiert, wie sie den Ansprüchen genügen."


Aus Tiger Woods – Charisma für Millionen, erschienen 1998 im Sportverlag.

Der Züricher Tages-Anzeiger schrieb bei Erscheinen in seiner Rezension: "Ein Buch, das dort beginnt, wo die Tages- und Fan-Berichterstattung aufhört..."

12. November 2009

Kluge Bekenntnisse auf Lettermans Couch

Das bislang beste Interview mit Andre Agassi seit der Veröffentlichung seiner Autobiographie (Titel: Open) hat David Letterman auf die Beine gestellt. Weil die Enthüllungen – Drogenmissbrauch und künstliche Haare – keine Nachrichtenwert mehr haben, schlägt der Showmensch eine andere Route ein, um den ehemaligen Tennisspieler zum Reden zu bringen. Das Resultat: kleine, aber kluge Bekenntnisse zur Psychologie des Sports und den Tennisspiels im besonderen: "Da musst du nicht gut sein, sondern nur besser als der Gegner. Das ist wie bei einem Wettbewerb, bei dem man sich gegenseitig anstarrt." Agassi wäre, so sagt er, lieber Mannschaftssportler geworden, um in etwas mitwirken zu können, dass größer ist als er selbst. Sein Vater, der ihn früh in die Misere trieb, aus der er sich erst nach der großen Selbstbefragung nach der Leistungskrise der neunziger Jahre herausarbeiten konnte, hat sich über die in dem Buch enthaltene familieninterne Abrechnung nicht weiter aufgeregt. Der allzu geldfixierte Erzeuger sagte seinem Sohn: "Ich würde alles genauso machen. Mit einer Ausnahme: Ich hätte dich Baseball oder Golf spielen lassen sollen. Da ist man länger im Geschäft."
Blick zurück: Die Ankündigung der Memoiren im Jahr 2007 mitsamt den Angaben zum Autorenhonorar und einer Fehleinschätzung: Agassi hatte tatsächlich noch ein paar interessante Details aus seinem Leben auf Lager

29. Oktober 2009

Verlag zieht Enthüllungsbuch des NBA-Schiedsrichters zurück

Der amerikanische Verlag, der das Buch des verurteilten NBA-Schiedsrichters Tim Donaghy veröffentlichen wollte, hat sich kurzfristig dazu entschieden, von dem Projekt zurückzutreten. Das Unternehmen, eine Unterabteilung des Bertelsmann-Verlags, der seit einiger Zeit seine Buchaktivitäten unter dem Namen Random House betreibt, hat kalte Füße bekommen. Man ließ zumindest intern durchblicken, dass man Angst vor Prozessen wegen Verleumdung hat. Weshalb die Furcht erst so spät hochkroch, nachdem Blowing the Whistle – The Culture of Fraud in the NBA eigentlich in wenigen Tagen auf den Markt kommen sollte, lässt sich nicht ergründen. Denn Donaghys detaillierte Beschreibungen des merkwürdigen Verhaltens seiner Kollegen gegenüber bestimmten Spielern standen sicher bereits im Rohmanuskript. Wer angesichts solcher Vorwürfe nicht gleich den Hausanwalt konsultiert, macht sich selbst das Leben schwer.

Die Sache spitzte sich allerdings erst in dieser Woche zu, als Deadspin Auszüge aus dem Buch druckte, nachdem man eine Kopie zugespielt bekommen hatte. Darin wird namentlich genannten NBA-Schiedsrichtern vorgeworfen, dass sie Star-Spieler wie Kobe Bryant bei der Zumessung von Fouls besser behandelten, einer zeigte in seinem Hass auf Allan Iverson dem kleinen Dribbler meistens die kalte Schulter. Selbst wenn er regelwidrig behindert wurde.

Wegen üblicher Nachrede oder Verleumdung eines Prominenten belangt zu werden, ist in den USA übrigens ziemlich schwierig. Und dass NBA-Schiedsrichter den Status von Prominenten genießen, dürfte unbestritten sein. Dazu muss der Betroffene einem Gericht glaubwürdig nachweisen, dass der Urheber der Vorwürfe mit voller Absicht etwas behauptet hat, das komplett unwahr ist.

Dass das Buch das Zeug zu eine Beststeller hat, dürfte unbestritten sein. Da Donaghy keine Repressalien zu fürchten hat, dürfte er kein Blatt vor den Mund genommen haben. Dass in der NBA Manipulationen seitens der Unparteiischen vorkommen, ist ein offenes Geheimnis. Nur wie sie ablaufen und von wem sie auf welche Weise betrieben werden, das hat sich bisher noch niemand zu sagen getraut.

Blick zurück: Der NBA-Schiedsrichter und die Mafia

Das AP-Video zur Urteilserkündung:

12. Mai 2009

Michikonie

Michiko Kakutani ist die Nummer eins unter den Literaturkritikerin der New York Times. Mit Sport hat sie normalerweise nichts am Hut. Umso bemerkenswerter ihr Text über das neue Buch von vier Sportjournalisten der New York Daily News über Baseball-Pitcher Roger Clemens. Es trägt den Titel American Icon und zeigt unter anderem auf, dass die Formkurve von Clemens bezogen auf das Alter gar keine andere Schlussfolgerung zulässt, als dass da gedopt wurde. In New York ist der einstige Held der Yankees inzwischen persona non grata. Sein Verfahren wegen Falschaussage vor dem Kongress läuft.

6. März 2009

Wenn Münchhausen Baseball gespielt hätte

Es gibt Millionen, die sich an komplett erfundenen Geschichten ergötzen, weil ihnen einfach egal ist, ob die beschriebenen Umstände stimmen oder nicht. Hauptsache die Dramaturgie macht Sinn. Ganze Literaturgattungen wie der Kriminalroman konnten auf diese Weise zum Dauerbrenner werden. Nicht zu vergessen die Märchenkategorie der Gebrüder Grimm.

Es gibt aber vermutlich fast ebenso viele, die immer wissen wollen, wie's wirklich wahr. Die wollen in einem Buch die Realität abgebildet haben. Egal ob es um Schlüsselloch-Geschichten aus dem Alltag der Reichen und Berühmten geht. Oder um das kuriose abenteuerliche Dasein von ganz gewöhnlichen Menschen irgendwo an einer Wegbiegung der Gesellschaft. Weil es diesen Markt gibt, können Bücher wie Odd Man Out entstehen und es bis auf die unteren Ränge der Bestsellerlisten schaffen. Besonders dann, wenn die Ingrediznien verlockend klingen.

In diesem Fall geht es um einen erfolglosen jungen Baseball-Pitcher, der in der Rookie-Welt der vielschichtigen Liga-Strukturen amerikanischer Clubs in Utah anheuert, scheitert, um am Ende lieber Medizin zu studieren. Sein Name: Matt McCarthy. Er lebt inzwischen in New York und macht seinen Facharzt. Sein Problem mit seinem Buch: Zuviele Details, besonders die saftigen und spannenden sind nach Recherchen von zwei New-York-Times-Reportern frei erfunden oder nicht in der behaupteten Version abgelaufen. Was unter anderem den Eindruck verstärkt, dass da jemand, der ganz offensichtlich des Schreibens mächtig ist, ganz gut wusste, wie man die Memoiren eines eher profanen Alltags mit ein paar guten dramaturgischen Überlegungen auf ein spannenderes Niveau hochkitzelt.

Nichts gegen frei erfinden – solange man das deutlich auf den Buchdeckel schreibt. Aber wenn man das unterlässt und so tut, als basiere das Manuskript auf wahren Begebenheiten, riskiert man seinen Ruf. Man wird dann nicht als Erfinder gelobt, sondern als Lügner gescholten.

2. Juni 2008

Von allen guten Ghostwritern verlassen

Wie wertvoll kann ein Buch sein, dass Zinedine Zidane schreibt? Oder sagen wir besser: Dass Zinedine Zidane mit Hilfe von zahlreichen Ghostwritern verfertigt? So wertvoll, dass Einbrecher die Computer stehlen, auf denen die Ghostwriter die Manuskripte erstellen? Offensichtlich. Sonst gäbe es nicht diese bizarre Geschichte zu erzählen, die uns auf dem Umweg über Italien und SportsbyBrooks erreicht. Das Leben des 35jährigen ist nicht einfach: Eigentlich hatte man fest mit ihm in Australien gerechnet - zusammen mit den Recken der 98er WM, die dieser Tage durch die Gegend tingeln. Bis auf so ferne Inseln wie Neu-Kaledonien. Aber angeblich hat der Franzose die Faxen dick, dass Leute mit seinem Namen Geschäfte machen. Und nun ist er abgetaucht.

23. Mai 2008

Keimfrei, aber nicht zu milde

Am 1. Juni soll ein wichtiges Buch in Deutschland erscheinen. Es heißt einfach nur wie sein Thema: "Nowitzki".

Das heißt: Vielleicht kommt es auch am 1. Juli heraus. Das lässt sich zur Zeit noch nicht so genau sagen. Weshalb einen, ehrlich gesagt, eine gewisse Ungewissheit beim Tippen dieser Meldung plagt. "Nowitzki" würde vermutlich sagen, es handelt sich um ein Kribbeln. Ich denke, es ist mehr ein Jucken. Und es sitzt in den Fingern. Und nicht in jener Region, wo "Nowitzki" die Schaltstelle des zentralen Nervensystem vermutet. Es juckt einem vor allem deshalb in den Fingern, weil man sagen möchte: Bloß gut, dass ihm "die Autoren" nicht "bis in die Unterhose gekrabbelt sind". Und dass er "meinen Senf dazugegeben" hat. Denn so sollen Bücher schließlich sein: keimfrei und trotzdem nicht zu milde. Pappig und papieren, aber auch ein wenig appetitlich.

Das Krabbeln in der Unterhose gehört bekannterweise - anders als das Klappern - beim Schreiben nicht zum Handwerk. Es gehört wohl eher in die Abteilung Doktorspiele oder - später im Leben - zum Verhalten von Verkehrsteilnehmern, die gleich zur Sache kommen wollen. Was sich "Nowitzki" dabei gedacht hat, als er das so formuliert hat, wissen wir nicht. Zumal die Autoren sich noch bedeckt halten. Sonst hätte man vielleicht in diesem jüngsten Bericht ein paar Zeilen über das Buch erfahren. Geheimsache "Nowitzki"? Wir bleiben weiter gespannt auf die Enthüllungen.

29. Januar 2008

Das Nabel-der-Welt-Syndrom

Das griechische Wort "Hybris" beschreibt auf eine kuriose Weise die Ego-Dimensionen der Leute in Boston. In der alten Stadt an der Mündung des Charles River betrachtet man sich seit ewigen Zeiten ohne jede Selbstironie als hub of the universe - den Nabel der Welt. Der Anspruch schien spätestens mit dem Niedergang des Hafens und der damit verbundenen großen Wirtschaftskrise Makulatur. Boston ist sicher ein hübsches Städtchen mit einem gediegenen Umland, aber nicht mal der Nabel der USA.

Aber Größenwahn ist vermutlich nicht heilbar. Nicht im Weichbild von Harvard, MIT, den vielen neuen High-Tech-Firmen und im Dunstkreis der Familie Kennedy. "We're proud to put the Hub into hubris", schrieb jemand vom Boston Herald heute. "Hubris" ist die englische Version von "Hybris". Als ob man das nicht schon immer geahnt hätte. Dieser Tage wirkt es nur viel krasser. Dank des in Boston entfachten Minderwertigkeitsgefühls gegenüber New York und der Begegnung der New England Patriots und der New York Giants im Super Bowl in Phoenix am kommenden Sonntag.

Kein Wunder, dass die Konkurrenz des Herald, der Boston Globe, einen Weg gefunden hat, den Wahn aus diesem Anlass noch einmal um ein paar Grad anzuheizen. Die Redaktion hat bereits ein Buch in Arbeit und an Amazon gemeldet, das möglicherweise am Sonntag gleich in die Tonne muss: 19:0: The Historic Championship Season of New England's Unbeatable Patriots.

24. Januar 2008

Der Blogger und sein Buch

Dieser Mann wird vermutlich in die Annalen der noch jungen Sonderdisziplin der Werbewirtschaft eingehen, die Viral Marketing genannt wird. Er heißt Will Leitch und macht dieser Tage nicht mehr, als sein soeben erschienenes Buch zu pushen: God Save the Fan. Das heißt: Zwischendurch schreibt er auch weiterhin seine Beiträge für das von ihm herausgegebene Internet-Pamphlet Deadspin, dem erfolgreichsten Sport-Blog Amerikas. Und auch für Schwester-Blogs. Aber fast alles steht unter dem Zeichen einer geschickten Kampagne. Beispiel: Leitch interviewt Dallas-Mavericks-Besitzer Mark Cuban für das Monatsmagazin GQ, eine Geschichte, die mindestens zwei Verweise auf den Blog enthält (und einen auf das Buch). Dann schreibt Leitch über das Interview für Valleywag und äußert die Prognose, dass Cuban ganz bestimmt nicht die Chicago Cubs übernehmen wird (weil die anderen Baseballclub-Besitzer angeblich einen wie ihn nicht in ihren Reihen aufnehmen wollen). Natürlich geht es auch um das Buch. Leitch hat sich sogar für das Nackedei-Blatt Penthouse interviewen lassen (nicht online), was vorab nicht ganz die Propaganda-Wirkung hatte, die die PR-Leute in seinem Buchverlag vielleicht erhofft haben. Aber da der Mann hin und wieder für New York Magazine schreibt und auch für die New York Times (wann ist ein Rätsel), wird sich da noch irgendeine Verknüpfung finden. Und schwupp-di-wupp wird dieses Buch auf der Bestseller-Liste auftauchen. Die ersten Jubelarien über das "ultimative Manifest" regnen bereits herein. Freunde von Leitch aus der Bloggerszene wie Dan Shanoff machen Stimmung.

25. Dezember 2007

Mal Federer treffen

Selbst die älteren und schon etwas abgeklärteren Mitglieder des amerikanischen Ski-Teams betrachten die Welt wie mit den Augen von Sportfans. Wie sagte Lindsey Vonn neulich, als sie ihr Bedauern darüber ausdrückte, dass sie es in diesem Jahr wegen weitreichender Trainingsverpflichtungen nicht nach Flushing Meadows geschafft hatte? "Ich wäre nur zu gerne bei den US Open dabei gewesen. Es wäre ein Traum für mich, einmal Roger Federer zu treffen." Wie anspruchslos.

Weil das noch nicht geklappt hat, liest sie derzeit das Buch, das René Stauffer über den Schweizer Tennisspieler geschrieben hat (Titel: Das Tennis-Genie, näheres weiter unten in der rechten Spalte bei den Buchempfehlungen). Und zwar auf Deutsch, obwohl das Buch inzwischen auch auf Englisch zu haben ist. Das hat jedenfalls der Kollege von der New York Times geschrieben, der allerdings in einem Satz gleich zwei Fehler produziert: Es handelt sich nicht um eine Autobiographie, und es ist nicht in der Mundart der Schweizer erschienen, sondern in der Schriftsprache des deutschen Sprachraums, auch Hochdeutsch genannt. Dass die Mitarbeiter der besten Zeitung der Welt schnell mal irgendetwas hinschludern, wussten wir ja schon (siehe die Desinformationskampagne vor dem Irak-Krieg). Aber zwei Schnitzer in einem Satz?

17. Dezember 2007

Roddick und die Bratpfanne

Zuerst muss man begreifen, was Sport ist und wie einzelne Sportarten funktionieren. Dann muss man sich vorstellen, wie man das alles in Frage stellen und auf absurde Kleinigkeiten reduzieren kann. Anschließend ist man so weit und sicher auch in der Stimmung, sich auf ein Buch wie dieses einzulassen: Andy Roddick Beat Me With a Frying Pan. Auf eine solche Arbeit wie die von Todd Gallagher hat man lange warten müssen. Warum? Die eine Hälfte der Menschheit geht an Sport bierernst heran. Und die andere mit einem solchen Maß an Ignoranz, dass man ganz sprachlos ist, wenn man beim Fernsehkonsum von Großereignissen von Fragen von Neugierigen eingedeckt wird, die immer ganz naiv nach den Regeln und den Sinn vom Ganzen fragen. Der Sinn des Ganzen?

Wie wär's stattdessen mal mit Fragen nach dem Unsinn des Ganzen? Mit Themenstellungen wie "Könnte ein lebensgefährlich verfetteter Eishockey-Torwart gegen eine gegnerische Mannschaft das Tor sauber halten?" Die Antwort in Kürze: Kommt auf das Gewicht an.

Weitere brennende Fragen lauten: Könnte ein Mann in der Frauenbasketball-Liga WNBA mitspielen? Wie gut sind Profigolfer beim Minigolf? Wie käme ein normaler Baseball-Fan mit den Würfen seiner Major-League-Pitchers zurecht? Die Antworten kennt nicht nur der Wind. Die kennt Todd Gallagher. Denn der hat sie recherchiert.

8. November 2007

Wir schreiben einen bin-Laden-Hüter

Wieviel Leute das wohl interessiert, wenn der Kicker der Denver Broncos einen Roman schreibt, in dem es darum geht, dass muslimische Terroristen einen Anschlag auf den Austragungsort eines Monday Night Football-Spiels der NFL planen? Jason Elam (siehe Kommentare) muss annehmen, dass seine Schwarte Kreise zieht, sonst hätte er wohl nicht folgendes von sich gegeben: “Falls Osama bin Laden das Buch in die Hand nimmt und liest, will ich, dass er sagt: 'Ja, deshalb tue ich was ich tue. So rechtfertige ich es, so sehe ich das, dass ist das, woran ich glaube."

Ich weiss, dass Football-Kicker (ähnlich wie Eishockey-Torleute) als ziemlich abgedrehte Sorte gelten. Aber das einer von ihnen denkt, der gute Osama liest seine Machwerke, übertrifft den Grad an Gaga noch gewaltig. Das Buch kommt erst im Januar heraus. Sein Co-Autor ist ein Pastor.

21. Oktober 2007

Beten und Dopen - das hormonelle Tandem

Es gibt Sportler, die wollen der Welt glauben machen, dass man durch Beten zu einem besseren Athleten werden kann. Das dürfte ungefähr genausogut funktionieren wie die Trainingstipps eines Schamanen oder eines Medizinmanns aus dem Busch. Obwohl. Das Wort Medizinmann bringt einen plötzlich auf Gedanken. Denn während Paul Byrd, der Pitcher der Cleveland Indians, der heute abend im siebten Spiel gegen die Boston Red Sox um den Einzug in die Word Series eingesetzt werden soll, seit Wochen so tut, als habe Beten etwas mit seinen anhaltenden Erfolgen zu tun (er hat sogar ein Buchmanuskript darüber geschrieben und es nett angepriesen), ist seit diesem Artikel im San Francisco Chronicle völlig klar, was für ein Medizinmann, seine Finger im Spiel hatte: Ein Zahnarzt in einer Anti-Alterungsspezialklinik in Florida, der die Rezepte ausstellte, mit deren Hilfe Byrd im Laufe der Zeit Wachstumshormone im Wert 25 000 Dollar erwarb. Der Pitcher hat bislang eine eigene Version zu dieser Geschichte parat, die an die alten Ausreden der vielen ertappten Dopingsünder erinnert. Angeblich hat er einen Tumor an der Hirnanhangdrüse. Und der Arzt habe Wachstumshormone verschrieben, um seinem Körper das zuzuführen, was er selbst nicht produziert.

Die hübschen Kleinigkeiten der Geschichte machen sehr viel Vergnügen. So hörte Byrd mit dem Einkauf auf, als Major League Soccer 2005 die Substanz offiziell auf die Dopingliste setzte. Die Indiskretion entsprang den gleichen Ermittlungen, die vor ein paar Monaten ruchbar wurden und bereits mehrere Sportler als schwere Dopingkonsumenten entlarvt haben. Die besondere Kuriosität an der Enthüllung von heute sind die Namen der beiden Autoren Mark Fainaru-Wada und Lance Williams, die das Buch Game of Shadows geschrieben hatten, in den versiegelte Informationen aus den Ermittlungen des BALCO-Skandals enthalten sind. Ihre investigative Arbeit hätte sie beinahe ins Gefängnis gebracht.
Blick zurück: Warum die Reporter dann doch nicht hinter Gittern mussten

26. August 2007

Football wird durch Tennis erst schön

In dieser Woche beginnen die US Open da draußen auf der weitläufigen Tennisanlage hinter dem Shea Stadium und dem Flughafen La Guardia, der seine Flugzeuge zwei Wochen lang umlenkt, damit die Zuschauer das Spiel der stöhnenden Knüppler, die einen armen unschuldigen gelben Filzball verdreschen, auch akustisch in voller Dröhnung genießen können. Obwohl: Damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: New Yorker Zuschauer sind nicht besonders respektvoll. Die machen selber gerne Krach, laufen durch die Ränge während auf dem Platz gespielt wird und gehen jedes Mal so richtig mit, wenn Spannung knistert. Das Interesse und die Zuneigung zu Tennis verbreitet sich über seltsame Wege. Man denke nur an diese Geschichte aus der Los Angeles Times, in der der erfolgreichste College-Football-Coach der letzten Jahre, begründet, weshalb er für seine Mannschaftssportart so viel Inspiration aus einem Buch gewinnt, das 1972 erschienen ist: The Inner Game of Tennis - ein Schwarte über die mentale Seite des Spiels, geschrieben von einem gewissen W. Timothy Gallwey. Pete Carroll, Head Coach von USC, ist vernarrt in die simplen vom Zen-Buddhismus inspirierten Weisheiten von Gallwey und hat dies endlich zugegeben. Es kann schon sein, dass man als Football-Philosoph mit solch alten Traktaten noch viel ausrichten kann. Im Tennis aber bestimmt nicht. Es wurde geschrieben, ehe die Navratilova und der Lendl, der Borg und der McEnroe, die Graf und der Federer ihre besten Jahre hatten. Spieler, die allesamt gezeigt haben, dass man beim Tennis auf unterschiedliche Weise die eigene Psyche aktiviert und dem Gegner aufzwingt und dass es nicht nur ein Patentrezept für den Erfolg gibt.

23. Februar 2007

Willkommen in WAG's World: Coleen scheibt ein Buch

Das Image-Aufbauprogramm für Wayne Rooney wäre eigentlich ein leichtes für einen mittelmäßigen PR-Berater, wenn der Bursche auf dem Platz und abseits vom Spielfeld auch nur ein bisschen mehr Charme entfalten würde. Der Junge kann nämlich wirklich mit dem Ball umgehen. Aber irgendetwas kommt immer dazwischen. Wie 2004, als er zugab, als Sechzehnjähriger Massageinstitute und Prostituierte frequentiert zu haben. Oder bei der WM in Deutschland im letzten Jahr, als mal wieder die Sicherung rausflog. Aber zum Glück hat er eine 20jährige Verlobte, die die menschliche Seite des ManU-Manns richtig warmherzig und hübsch auftischen kann. Und zwar gleich in Buchform, damit es sich auch finanziell lohnt. Coleen McLoughlin ist die Autorin eines Werks mit dem Titel Welcome to My World, das im März in Großbritannien erscheinen wird.

Der Blog Kickette weiß mehr. Darunter auch solch pikante Details über die damals schwer angeknackste Coleen, die bereits ein Verhältnis zu Rooney hatte, aber noch kein intimes. Inzwischen hat er ihr die Ehe versprochen. Im Auto sitzend. In einer Tankstelle. Wie romantisch.

Wikipedia berichtet übrigens Gigantisches über den Geschäftserfolg von Ms. McLoughlin, die in Liverpool aufwuchs und Rooney das erste Mal über den Weg lief, als sie zwölf war: Danach wird sie auf ein Vermögen von über 3 Millionen Pfund eingeschätzt, die sie sich mit Hilfe von lukrativen Verträgen verdient hat. Ihre Trainings-DVD Coleen McLoughlin's Brand New Body Workout läuft wie geschmiert. Sie ist das Gesicht einer Werbekampagne für eine Supermarktkette. Und auf dem Weg zur Über-WAG (wives and girlfriends). Victoria Beckham wird sich anstrengen müssen hier in den USA, um den Platz an der Sonne nicht zu verlieren (via deadspin und The Offside)

Nachtrag am 24. Februar: Ein hübscher Bericht aus der Abteilung "Wer WAGt, gewinnt". Der Rund-Blog erzählt ausführlich die Detektivgeschichte über das hübsche Kind, das sich während der WM als angebliche Ronaldinho-Geliebte ins Gespräch bringen konnte und von der englischen Sun und der deutschen Bild darin kräftig unterstützt wurde. Vorher war sie ein niemand. Jetzt ist sie zumindest eine bekannte Nummer (via indirekter-freistoss.de)

20. Juli 2006

Vetternwirtschaft

So steht's ganz offiziell und nüchtern auf der Website www.sportnetzwerk.org:
Am 10. Juli ist das erste Buch des sportnetzwerks erschienen. Der Sammelband Korruption im Sport - Mafiose Dribblings, organisiertes Schweigen, für den 24 Journalisten, Wissenschaftler, Juristen und Sportfunktionäre aus neun Ländern zwei Dutzend Kapitel zugearbeitet haben, umfasst 320 Seiten.
Mein persönlicher Beitrag ist im Vergleich zu den anderen Texten eher bescheiden und weit weniger brisant. Er beginnt auf Seite 289: "Vetternwirtschaft jeder Art" - ein ausführlicher Bericht über den größten Skandal in der Geschichte des amerikanischen NOK. Die Affäre zeigt vieles. Unter anderem wie eine angeblich so transparente Institution des Sports ohne Aufsicht aus den Medien und dem Parlament alle ethischen Grundsätze ignoriert.

Mehr über das Buch (18,60 Euro) findet man hier.

Was ist das sportnetzwerk? Ein erstes ernsthaftes Kontrastprogramm zu einer inhaltlich anspruchslosen Berufsorganisation, dem Verband deutscher Sportjournalisten, dessen Repräsentanten sich auf den Schlips getreten fühlen, weil dieser vorerst lose Zusammenschluss eine Diskussion drängender sportjournalistischen Themen voranzutreiben versucht. Es geht um die Suche nach besseren Inhalten: um Recherche statt Quote, Distanz statt Nähe, um Analyse statt Stimmungsmache, um Berichterstattung statt Präsentation.