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2. September 2009

Trainer und Twitter

Bei den US Open im Tennis werden die Spieler von offizieller Seite davor gewarnt, nicht zuviel zu twittern. Angeblicher Grund: Die Gefahr, dass sie auf diesem Weg Informationen ins Netz hinausposaunen, die von Zockern, die auf den Ausgang von Tennisspielen Geld setzen, ausgewertet werden können. Andy Roddick war nicht zufrieden. Das sei "lahm", sagte er.

Stichwort Twitter: Die Resonanz auf die Veröffentlichung von allesaussersport in der Angelegenheit JAKO vs. Trainer Baade ist beeindruckend. Nicht nur, was die Quantität angeht. Nachdem der Twitter-Traffic dem Sportartikler aus dem Schwäbischen den ersten Platz der Rangliste bescherte und tonnenweise Empörung dazu und Blogger zahlreiche Beiträge schrieben, gingen auch erste Profi-Medien auf das Thema ein. SpOn und Handelsblatt beschäftigten sich ausführlich und sachlich vor allem mit einer Dimension der Geschichte: Der fehlenden Medienkompetenz auf Seiten des Unternehmens, das bis zur Stunde noch keine offizielle Stellungnahme formuliert hat.

Was durchschimmert: Es scheint eine Einigung zwischen beiden Seiten in Sicht. Zu einem weitergehenden Aspekt des aktuellen Falles – dem Abmahn-Wahn und seinen Risiken für den Meinungsstreit – habe ich bei CARTA einen Beitrag gepostet. In dem Text findet sich auch ein Querverweis zu einem Post von Jens Weinreich auf seinem Blog. Er hat dort eine Abrechnung der Spendenaktion vorgelegt, die ihm half, sich gegen den Feldzug des DFB zu wehren. Die wichtigste Zahl: 17.000 Euro. Soviel kosteten nur die Anwälte im Streit mit jemandem, der larmoyant von sich behauptet hatte, er sei kein Prozesshansel. Weinreich, der obendrein Zeit- und Verdienstausfall hatte, aber dafür nicht in die Spendenkasse griff, will den Überschuss an eine neue Organisation freiberuflicher Journalisten weitergeben – an die Freischreiber. Die Berufsgruppe, die von den existierenden Standesorganisationen nicht hinreichend unterstützt wird, kann jeden Support gut gebrauchen.

Die aktuelle Übersicht über das Echo in Sachen JAKO vs. Trainer Baade findet man übrigens bei probek, der vor kurzem ein informelles Netzwerk von deutschen Sportbloggern angeschoben hatte.

1. April 2009

Zum neuen Quartal: Bulletin aus HH

Beste Nachricht des Tages? Nein, nicht dass Mario Gomez zumindest die Gegner dazu zwingt, Eigentore zu fabrizieren. Dies hier: dogfood (Kai Pahl) hat ein ausführliches Bulletin durchgegeben, das zum ersten Mal etwas genauer beschreibt, was ihn neulich so rasch ins Krankenhaus gebracht hat und weshalb das keine kleine Operation war. Wie schon vermutet: Statt mit dem unaufdringlichen laparoskopischen Besteckkasten wurde der Patient nach alter Sitte behandelt. 20 Zentimeter Schnitt, mein lieber Herr Gesangverein. Sich von einem solchen Eingriff wieder aufzurappeln, ist nicht einfach und braucht Zeit. Der Mann wird vermutlich sogar demnächst Sport treiben müssen. Den Blog dazu malen wir uns schon mal aus. Er könnte heißen: aag (allesaussergalle).

25. März 2009

Der Klingelbeutel: Schluck aus der Pulle

• Der Schlüsselbeinbruch von Lance Armstrong, den er sich am Montag bei einem Sturz in Spanien zugezogen hatte, ist etwas komplizierter als zunächst diagnostiziert und muss operiert werden. Trotzdem will der Amerikaner den Giro fahren.

• Kai Pahl von allesaussersport twittert schon wieder mit einer Energiestufe, als wäre ihm im Krankenhaus in Hamburg ziemlich langweilig. Der Mann, der unter dem Aliasnamen dogfood bloggt, hat zwar bisher nur angedeutet, wie massiv der Eingriff war, dem er sich unterziehen musste. Aber aus den Andeutungen lässt sich schlussfolgern, dass es keine simple laparoskopische Operation gewesen ist, wie sie bei schlichteren Gallenproblemen vorgenommen wird. Der Mann, dessen Blog-Motto lautet "Gepinkelt wird nur in der Halbzeit", hat im Hospital eine neue Erfahrung gesammelt. Gepinkelt wird da nach Operationen vor allem im Bett – in eine sogenannte Urin-Ente. Und zwar auch dann, wenn plötzlich Besucher ins Zimmer kommen. Abgesehen von solchen Situationen: Weiterhin gute Besserung von dieser Stelle aus.

• Die Parallele, die Klaus Höltzenbein in der Süddeutschen Zeitung zwischen den Problemen im Profisport und denen in der Finanzindustrie skizziert hat ("...beide Geschäftsmodelle wucherten über viele Jahre hinweg nahezu unkontrolliert: das Modell der Banker, das niemand mehr verstand, und das der Sportfürsten, die das obskure Privileg genossen, sich untereinander kontrollieren zu dürfen - ohne Furcht vor Prüfung von außen"), hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Vielleicht nicht sofort, denn Wall Street und seine Satelliten weltweit absorbieren momentan ein erhebliches Maß an Energie und Aufmerksamkeit (und Geld). Aber möglichst bald. Vermutlich befindet sich der Sport in einem weit schlimmeren Zustand als AIG und Konsorten, deren Fehlleistungen allmählich immer klarer werden (ich habe just zu dem Thema einen Beitrag für das Magazin FELDHommes geschrieben, das in ein paar Tagen an die Kioske kommen wird). Denn es mangelt an einem Minimum an Aufsicht. Pleitegeier sind bereits im Anflug. Hübsch die Nachricht aus Arizona von den Phoenix Coyotes, die (noch) in der NHL spielen. Da gibt man inzwischen auf die kurioseste Art und Weise Eintrittskarten ab. Zum Beispiel an Leute, die eine Flasche Wodka kaufen.

• Japan hat das Länderturnier namens World Baseball Classic gewonnen, das ein paar Trends andeutete: Kuba hat nachgelassen. Und die Niederlande sind in der Lage, eine Mannschaft wie die aus der Baseball-Hochburg Dominikanische Republik zu schlagen. Sogar zweimal. Über die amerikanische Mannschaft muss man nicht viele Worte verlieren. So kurz vor Beginn der Saison in der MLB nimmt kaum jemand den Wettbewerb ernst. Nicht die guten Spieler. Und auch nicht das Publikum. Ja, wenn A-Roid gespielt hätte....

• Witali Klitschko hat sich mit seinem Sieg vom Wochenende wieder in den USA ins Gespräch gebracht. Das müde Box-Business braucht dringend Buzz. Aber eine solche Diskussion wird solche Geräusche wohl nicht provozieren.

22. März 2009

Geht auf die Galle

Kai Pahl von allesaussersport, der unter dem Namen dogfood bloggt, hat notgedrungen seinen Laden schließen müssen, weil ihm die Ärzte dringend eine Operation an der Galle nahegelegt haben. Von den Untersuchungen im Krankenhaus hat er noch fleißig Twitter-Meldungen abgesetzt. Die bislang letzte von gestern lautete: "In den nächsten Minuten geht es unters Messer. Good-Bye Samstag, Gold-bye Galle." Nun warten wir auf die nächste – hoffentlich gute – Nachricht. Und das nicht nur, weil damit die Aussicht auf eine schnelle Gesundung verbunden ist. Wenn Kai nicht bloggt, fehlt im deutschen Medienwald eine wichtige Stimme. Das betrifft zuerst einmal die pure Qualität seiner Arbeit, aber ebenso die enormen Quantitäten, die er fast täglich bewältigt. So wickelte er zuletzt ein riesiges Pensum zum College-Basketball ab, für das sich in Deutschland eine erstaunliche Menge an Sportkonsumenten interessieren.

Eine solche Leistung nötigt mir jedes Mal sehr viel Bewunderung ab, weil ich abschätzen kann, wieviel Wissen und Energie man braucht, um so etwas auf die Beine zu stellen. In der Kommentarspalte von allesaussersport hat sich aber zuletzt eine Diskussion entwickelt, die den Eindruck erzeugt, dass selbst intensive Leser des Blogs kaum zu schätzen wissen, was ihnen da mit steter Regelmäßigkeit serviert wird. Kostenlos serviert wird, wohlgemerkt. Da wurden lautstark und in einem seltsam kessen Ton Bemühungen von anderen Informationsdienstleistern schlecht gemacht, nur weil sie womöglich eines Tages durch ihre Arbeit ein bisschen Geld verdienen könnten.

Das Internet verdirbt demnach nicht nur die Preise, sondern womöglich auch die Sitten. Der Anspruch, den eine lautstarke Gruppe von Konsumenten vor sich her trägt: dass sie nur lupenreine Idealisten unterstützen wollen. Der Rest wird als "kommerziell" eingestuft und geschmäht.

Mich erinnert diese Haltung an Debatten aus der Zeit, als die ersten Stadtillustrierten aufkamen und einigermaßen Auflagen erzielten. Es ist die elende Diskussion aus dem Umfeld der taz, deren Mitarbeiter sich für die gute Sache jahrelang extrem selbst ausgebeutet haben. Damals wurde von den Lesern am Ende zwar dann doch der jeweilige Copy-Preis bezahlt (was blieb den Usern auch anders übrig, wenn sie die Infos haben wollten?). Aber das Gegrummel über Anzeigenpreise und angebliche und tatsächliche Profite war nicht zu überhören. Und die Leute, die mit viel Engagement und so manchem Risiko die Blätter auf die Beine gestellt hatten und Arbeitsplätze für junge Journalisten und andere Kreative schufen, befanden sich in einem ständigen Rechtfertigungsnotstand. Man nahm ihnen übel, dass sie mit ihren Projekten Geld verdienen wollten.

Die Crux an der Sache ist gar nicht mal, dass es Menschen mit hohen Ansprüchen an den Rest der Welt gibt (hoffentlich lösen sie den auch immer ein, wenn sie selbst an der Reihe sind). Sondern dass da viel zu vieles durcheinander geht. So gehört zu den beliebten unterschwelligen Schmähworten der Begriff des "Geschäftsmodells". Das klingt gut, führt aber im Fall der Medien auf eine völlig falsche Fährte. Medien sind nicht von ungefähr Teil des Grundrechtskonzepts in der Verfassung und werden nicht von ungefähr in eigenen Gesetzen (Pressegesetze, Telemediengesetz, nicht zu vergessen das Urheberrecht) besonders definiert und gesellschaftlich eingeordnet. Sie sind nämlich zuerst einmal überhaupt kein Geschäft, weil Information (und Meinung), genauso wie Wasser und Luft, zu den unerlässlichen Lebensmitteln gehört. Wer an der Arbeit der Medien zuerst einmal nur den wirtschaftlichen Aspekt sieht und nicht deren Aufgabe und Rolle im gesellschaftlichen Kräftespiel, ist ganz bestimmt kein Idealist, sondern entweder ein rettungsloser Zyniker oder ein Wirrkopf.

Kai Pahl, der für seine imposante Bloggerarbeit keinen Pfennig bekommt, war übrigens angesichts des Niveaus der Kommentare zu diesem Thema reichlich ungehalten, was nicht nur an dem Zustand seiner Galle gelegen haben kann. Er deutete an, dass er angesichts solcher Meinungen in einer Situation, in dem womöglich er selbst wegen der von ihm publizierten Informationen oder Ansichten von Machtkartell-Typen aus Verbänden oder Industrie juristisch unter Druck käme, seinen Blog einfach schließen würde. In den nächsten Tagen haben seine Leser Zeit, sich schon mal auszumalen, was ihnen fehlt, wenn es allesaussersport nicht mehr gibt.