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22. Juli 2009

Die (vermeintliche) Macht der Baseball-Liga

Hier ist – als Einstieg zu einem längeren Exkurs – erst mal eine aktuelle Information für Medien- und Urheberrechtsspezialisten, die sich für die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten interessieren (zugegeben: vermutlich eine Kleinstgruppe): Major League Baseball hat Viacom gezwungen, aus einem in den Internetarchiven geparkten Clip der Daily Show mit Jon Stewart den jammervollen Pitch von Präsident Obama beim All-Star-Spiel herauszuschneiden. Viacom ist die Fernsehfirma, der der Comedy Channel und die Sendung gehört, die inzwischen als das vertrauenswürdigste Nachrichten-Programm Amerikas eingestuft wird. Was ist das Problem? Die Rechte an den Aufnahmen gehören der Liga, die nichts dagegen hatte, dass im Rahmen der sogenannten Fair-Use-Klausel des amerikanischen Urheberrechts gleich nach dem Ereignis im Fernsehen ungefragt Ausschnitte gezeigt und kommentiert wurden. Aber dass diese Ausschnitte nun online als Kopie der Sendung ad infinitum zu sehen sein würden, das ging der Liga gegen den Strich. Viacom reagierte vorsichtshalber und schnitt die fragliche Stelle aus dem Archivstück heraus. Wie die Geschichte weiter geht, weiß noch keiner. Sollte sie vor einem Gericht landen, darf man gespannt sein, wie ein Urteil aussieht. Es wäre allerdings kurios, wenn die Argumentation der Baseball-Leute durchdringen würde. Das würde auf andere Medien, sagen wir mal Bücher, übertragen heißen: die Erstauflage darf Zitate aus anderen Werken enthalten, aber alle weiteren Auflagen nicht, denn damit verdient der Verlag und der Autor Geld, das er dem Rechteinhaber des Orginalmaterials vorenthält.

Ohne an dieser Stelle allzuweit auszuholen: Das wäre absurd und würde die Rolle der durch eine Reihe von höchstrichterlichen Urteilen untermauerten Rechtsdoktrin völlig aushöhlen. Eine Sichtweise, die es unter anderem ermöglicht, dass in den USA zu Zwecken der Parodie keine Genehmigung vom Urheberrechtsinhaber des parodierten Materials eingeholt werden muss. Aber nichts am und im Rechtswesen lässt sich vorher genau vorhersagen.

Mir fällt in solchen Momenten meistens der Rechtsstreit um die Videos vom deutschen Amateuerfußball ein. Da haben zwei Instanzen in Deutschland auf der Basis des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb mit einem Federstrich das Urheberrecht ausgehebelt. Das Verfahren geht nun in die dritte Instanz – vor den Bundesgerichtshof. Oliver Fritsch vom Indirekten Freistoß und Triebfeder hinter den Hartplatzhelden hat heute getwittert, dass die Anwälte diesmal wohl eine etwas andere Stoßrichtung haben. Sie wollen offensichtlich weniger die Frage zuspitzen, wer denn eigentlich in einer freien Gesellschaft das Recht an den entstehenden und entstandenen Bildern hat. Diesem Argument, das auf der Basis des Urheberrechts eindeutig für die Ersteller der Videos spricht und das durch seine Formulierungen klar macht, dass Sport keine urheberrechtlich geschütze Leistung ist, hatten die beiden ersten Instanzen eine eiskalte Schulter gezeigt. Vielleicht wäre es deshalb wirklich wirksamer, die Gegenseite – den Württembergischen Fußballverband – dazu zu zwingen, endlich mal zu beweisen, dass sie überhaupt sind, was sie immer behaupten: ein Veranstalter von Fußballspielen. Genauso wie sie mal beweisen sollten, dass sie so etwas wie ein Gewerbebetrieb sind und nicht ein steuerfreier, vom Staat alimentierter Verein, der sich eine Geschäftstätigkeit anmaßt, zu der er gar nicht befugt ist.

Zur Interpretation des Veranstalter-Begriffs im Sport ist die folgende Passage aus dem Buch von Matthias Laier mit dem Titel Die Berichterstattung über Sportereignisse ganz nützlich. "Nach dem BGH erbringen die Vereine die wesentliche wirtschaftliche Leistung" und "die wesentliche organisatorische Leistung", liege "beim Heimverein". Falls der Verband für sich einen eigenen Leistungs- und Abgeltungsanspruch in die Waagschale werfen will, reicht es nicht, "bloße Koordinierungsaufgaben" wie die "Erstellung des Spielplans" erbracht zu haben. Wobei sich diese Abwägung ausschließlich auf den Profisport bezog. Das fiel beim OLG in Stuttgart nicht ins Gewicht. Der Senat schien von seiner persönlichen, "aus eigener aus Stadionbesuchen, Massenmedien und Presse gewonnener Kenntnis" (siehe Absatz 117) so sehr beeindruckt, dass er den Unterschied zwischen Amateurfußball und Profifußball und die gewerblichen Kriterien desselben sowie der Funktion eines Verbandes einfach unter den Tisch fegte. Der Unterschied sei "nicht prinzipieller sondern nur gradueller Natur", meinten die Richter. Offensichtlich hatten sie sich nicht die Mühe gemacht, die Satzung des Verbandes zu lesen und sie mit dem entspechenden Grundlagenpapier der Deutschen Fußball-Liga zu vergleichen. Die DFL ist eine GmbH. Der WFV ist ein der Gemeinnützigkeit verpflichteter steuerbefreiter Verein, der nicht mal in seiner Satzung den Anspruch formuliert, dass ihm irgendetwas an den Spielen gehört.

Mir sind bei den letzten Recherchen zum Thema ein paar andere kluge Gedanken aufgefallen, die sich in einem Rechtsgutachten mit dem Titel Leistungsschutzrecht für Sportveranstalter?“ von Professor Dr. Reto M. Hilty und Dr. Frauke Henning-Bodewig finden und die sich unter anderem mit den Auswirkungen der vor ein paar Jahren vorgenommene Reformierung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb auf die Rechtssprechung in diesem Bereich befassen. Ich empfehle Menschen mit Sinn für juristische Fragen dieses Papier. Es ist durch die Bank erhellend. Zwei Zitate sollten aufhorchen lassen:

Seite 41: "Die wirtschaftliche Auswertung der im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen erbrachten Leistungen fällt in den Schutzbereich des Rechts am Gewerbebetrieb. Vorausgesetzt wird jedoch weiter ein unmittelbarer und betriebsbezogener Eingriff. Die ungenehmigte Ausnutzung der wirtschaftlichen Leistungen der Sportveranstalter müsste sich also gegen dessen „Betrieb“ richten."
Den "Betrieb" des Amateurfußballs in Baden-Württemberg haben die Hartplatzhelden zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Im Gegenteil: Der Verband konnte sogar ohne Störung einen eigenen Vertrag mit einer Firma über die Verwertung von Videos im Internet auf die Beine stellen.

Seite 47: "Aus dem geänderten Verständnis des UWG 2004 folgt daher, dass ein Schutz der Leistungen des Sportveranstalters auf der Grundlage der Generalklausel nur in ganz besonders gelagerten Ausnahmefällen in Betracht kommen wird. Investitionen als solche in eine Sportveranstaltung sind daher de lege lata nicht schutzfähig. Dies gilt auch, wenn sie zu konkreten Ergebnissen wie die Erstellung von Spielplänen etc. geführt haben."

Und so sei aus diesem Anlass noch mal dran erinnert (auch wenn die Materie kompliziert ist und die Beschäftigung damit ziemlich mühsam): Solidarität mit den Hartplatzhelden ist mehr als eine Attitüde. Es geht bei der Entscheidung in Karlsruhe um mehr als nur um Fußball. Es geht um den Bestand des Urheberrechts, der Gewerbefreiheit und der Meinungsfreiheit.

11. Juli 2009

Yahoo hält ESPN in Schach

Manche Völker hören dieser Tage laute und vernehmliche Signale. Zum Beispiel die Leute von Sparty and Friends, wo man sich sehr aufmerksam mit der Arbeitsleistung der Sportreporter der Internetplattformen Yahoo und ESPN beschäftigt. Das Kriterium, das dort für eine Analyse zu Grunde gelegt wird, ist nicht Intelligenz, Schreibstil oder die Attitüde gegenüber Sport und Stars. Es sind die guten alten Journalisten-Tugenden Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit. Das sind übrigens zwei Eigenschaften, die in der Hetze des Medienalltags stets im Konflikt zueinander stehen. Wer schneller sein will als die Konkurrenz, wird bei der Genauigkeit der Information rasch mal fünf gerade sein lassen, weil er sich nicht die Zeit nimmt, das Gehörte von mehreren Quellen bestätigen zu lassen. Wer Wert auf akkurates Berichten legt und nicht verlacht werden will, weil er zu früh am Abzug war, landet im Rennen um die Breaking-News-Ehre schnell auf dem zweiten Platz.

Im Internet, dieser rasanten Infoschleuder, verdient der rasende Reporter meistens trotzdem mehr an Lorbeeren. Denn da draußen wartet eine große hungrige Masse am Computer, inzwischen längst auf den Nachrichtenempfang über Feeds und ähnliche Automatismen eingestellt. Wer da zuerst kommt, erhält mehr Clicks. Wer mehr Clicks bekommt, gewinnt bei der Werbekundschaft.

ESPN war da bislang aufgrund seiner Struktur einfach immer im Vorteil. Der Sender kann sich aufgrund seiner ertragreichen zahlreichen anderen Plattformen – Fernsehen, Radio, Magazin – ein Heer von Zuträgern leisten, die fast alle von der gleichen Scoop-Mentalität beseelt sind. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren fleißig profilierte Schreiber und sogar Blogger von draußen eingekauft und dabei immer wieder signalisiert: Wir sind groß und mächtig und wir wollen das auch bleiben. Auf der Strecke geblieben bei diesen aggressiven Manövern ist die Konkurrenz von Sports Illustrated, die einst den Goldstandard im Sportjournalismus darstellte – und zwar vor allem, weil sie nicht auf das schnelle Geschäft setzte, sondern auf das ausführliche und nachdenkliche Programm. Die Marke Sports Illustrated ist so gut wie verbrannt, trotz zahlreicher Ankäufe von guten Journalisten. Aus dem Magazin wurde nie eine Anlaufadresse im Internet, was angesichts der enormen Aktivtität im Hause Disney langsam zu einem richtigen Problem geworden sein dürfte.

Bei Yahoo hat man dagegen keine Stunde geschlafen, sondern an einem Anspruch gebastelt, der angesichts der schwachen Stellung gegenüber dem Google-News-Konkurrenten geradezu erstaunlich ist. Die Logik war simpel: Als schlichter Aggregator à la Google kann man sich im Sport nicht profilieren. Da braucht man eigene Arbeitsbienen, eigenständige Themensetzung und muss denn auch oft genug vor allen anderen die Nachricht haben – exklusiv. Die durch diese Überlegungen entstandene Konstruktion reicht nicht, um den standhaften Erfolg zu erklären. Bei Sparty deutete ein Kommentator an, was auch wichtig ist: Leser nicht zu nerven und zu überfordern. Das Angebot muss übersichtlich serviert werden. Und es bringt nicht viel, jedem Nachrichtenpups ein Video einzuspielen, das der Nutzer erst mal abstellen muss, wenn er genervt ist. Die Fantasy-Sports-Komponente kommt dazu. Yahoo gilt hier als führend. Bei der hier verlinkten Messung aus dem Mai dieses Jahres steht zwar ESPN ganz oben, aber wenn man die frei nachfolgenden Yahoo-Werte zusammenrechnet, kann man erkennen, wer stärker ist.

ESPN hat bestimmt nicht die Absicht, die Hände in den Schoß zu legen. So wurde neulich ein regionales Konzept angeschoben, um ähnlich wie eine Tageszeitung mit ihrem Lokalteil eine Dienstleistungsebene einzuziehen, die neue Nutzer ansprechen könnte.

2. Juni 2009

Musst du gucken

Die Mutterfirma hinter dem Fernsehsender NBC heißt Universal und ist ein Multi im Mediengeschäft. Multis arbeiten manchmal auch an kleinen Dingen. Wie dieser Entwicklung, die noch im Beta-Stadium steckt: Ziemlich gute Sportfotos in handlichen Galerien. Die eigentliche Entdeckung: Es geht mehr um die olympischen Sportarten und weniger um die Disziplinen und Ereignisse, die bei ABC, ESPN, CBS und FOX abgehandelt werden. Anders als die typischen Klickstrecken der deutschen Zeitungsseiten, kann man sich auch über kleine Thumbnails fortbewegen. Hier ein Link zu einem Beispiel vom Zehnkampf am Wochenende in Götzis.

27. April 2009

Eine gute halbe Stunde

Den meisten werden die Namen dieser Zeitungen und deren Webseiten nicht viel sagen. Selbst wenn man in den USA lebt, hat man als Durchschnittsmedienverbraucher nie den ganzen Markt im Blick. Trotzdem sollte man vielleicht man diese Nachricht durchflöhen. Es ist eine Aufstellung der 30 Top-News-Seiten in den Vereinigten Staaten und eine Auflistung einer zentralen Verhaltensweise ihrer Leser: Wieviel Zeit verbringen die täglich bei diesen Infoangeboten? Dabei lässt sich feststellen, dass das Interesse der Leute fast überall zurückgegangen ist. Was vermutlich mit dem Wahlkampf im Jahr 2008 zu tun hat, der Millionen von Menschen absorbiert hat und auch die Einschaltquoten im Kabelnewsfernsehen nach oben trieb. Trotzdem bleibt eine faszinierende Zahl: Rund 30 Minuten verbringt der Nutzer der New York Times jeden Tag auf deren Seiten. Das heißt, das die Leute hier nicht nur schnelle Infos abgreifen, sondern sich einlesen. Das heißt aber auch, dass das Unternehmen Wege finden wird, sich für diese Dienstleistung anständig honorieren zu lassen. Was aber aus den 4-Minuten-Eiern wird, die sich ebenfalls auf der Liste befinden? Die müssen sich vermutlich mehr anstrengen (via The Big Lead)

14. April 2009

ESPN: Die ersten Lokalseiten sind da

Nach der Ausdehnung in die Breite hat die Disney-Tochter ESPN die Buddelei in die Tiefe begonnen. Die erste lokale Newsseite im Internet ist da. Schauplatz Chicago. Woraus sich folgende Gedanken ableiten lassen: Es ist ein Experiment, das nicht unter dem Brennglas der New Yorker Medien stattfinden soll. Es bedient eine Stadt, in der die Printmedien ächzen. Die Chicago Tribune leidet unter dem schuldenbelasteten Aufkauf des Mutterkonzerns und ist nicht mal in der Lage, im gegenwärtigen wirtschaftlichen Klima einen Käufer mit tiefen Taschen für die Chicago Cubs zu finden. Die Sun-Times hat andere Sorgen. Stichwort: Conrad Black. Das Projekt zielt auf einen lokalen Markt ab, der groß genug ist und mit zahllosen Sportclubs gesegnet. Die Medienlandschaft hat obendrein traditionell sehr gute Schreiber hervorgebracht (Nein, nicht du, Jay Mariotti, und nicht du, Sam Smith). Prognose: In ein paar Monaten wird ESPN das Konzept hinreichend getestet und herausgefunden haben, wo die Werbeeinnahmen herkommen. Dann werden andere Märkte attackiert.

Die Vorgehensweise ist übrigens mehr als konsequent. Denn auch der national übers Fernsehen materiell bestens finanzierte Sport ist am Ende nichts anderes als eine regional verwurzelte Angelegenheit. Dort gibt es weniger Prestige zu holen, aber viele loyale Verbraucher (und die Anzeigenkundschaft, die sich ganz konkret an dieses Publikum wenden möchte).

22. März 2009

Geht auf die Galle

Kai Pahl von allesaussersport, der unter dem Namen dogfood bloggt, hat notgedrungen seinen Laden schließen müssen, weil ihm die Ärzte dringend eine Operation an der Galle nahegelegt haben. Von den Untersuchungen im Krankenhaus hat er noch fleißig Twitter-Meldungen abgesetzt. Die bislang letzte von gestern lautete: "In den nächsten Minuten geht es unters Messer. Good-Bye Samstag, Gold-bye Galle." Nun warten wir auf die nächste – hoffentlich gute – Nachricht. Und das nicht nur, weil damit die Aussicht auf eine schnelle Gesundung verbunden ist. Wenn Kai nicht bloggt, fehlt im deutschen Medienwald eine wichtige Stimme. Das betrifft zuerst einmal die pure Qualität seiner Arbeit, aber ebenso die enormen Quantitäten, die er fast täglich bewältigt. So wickelte er zuletzt ein riesiges Pensum zum College-Basketball ab, für das sich in Deutschland eine erstaunliche Menge an Sportkonsumenten interessieren.

Eine solche Leistung nötigt mir jedes Mal sehr viel Bewunderung ab, weil ich abschätzen kann, wieviel Wissen und Energie man braucht, um so etwas auf die Beine zu stellen. In der Kommentarspalte von allesaussersport hat sich aber zuletzt eine Diskussion entwickelt, die den Eindruck erzeugt, dass selbst intensive Leser des Blogs kaum zu schätzen wissen, was ihnen da mit steter Regelmäßigkeit serviert wird. Kostenlos serviert wird, wohlgemerkt. Da wurden lautstark und in einem seltsam kessen Ton Bemühungen von anderen Informationsdienstleistern schlecht gemacht, nur weil sie womöglich eines Tages durch ihre Arbeit ein bisschen Geld verdienen könnten.

Das Internet verdirbt demnach nicht nur die Preise, sondern womöglich auch die Sitten. Der Anspruch, den eine lautstarke Gruppe von Konsumenten vor sich her trägt: dass sie nur lupenreine Idealisten unterstützen wollen. Der Rest wird als "kommerziell" eingestuft und geschmäht.

Mich erinnert diese Haltung an Debatten aus der Zeit, als die ersten Stadtillustrierten aufkamen und einigermaßen Auflagen erzielten. Es ist die elende Diskussion aus dem Umfeld der taz, deren Mitarbeiter sich für die gute Sache jahrelang extrem selbst ausgebeutet haben. Damals wurde von den Lesern am Ende zwar dann doch der jeweilige Copy-Preis bezahlt (was blieb den Usern auch anders übrig, wenn sie die Infos haben wollten?). Aber das Gegrummel über Anzeigenpreise und angebliche und tatsächliche Profite war nicht zu überhören. Und die Leute, die mit viel Engagement und so manchem Risiko die Blätter auf die Beine gestellt hatten und Arbeitsplätze für junge Journalisten und andere Kreative schufen, befanden sich in einem ständigen Rechtfertigungsnotstand. Man nahm ihnen übel, dass sie mit ihren Projekten Geld verdienen wollten.

Die Crux an der Sache ist gar nicht mal, dass es Menschen mit hohen Ansprüchen an den Rest der Welt gibt (hoffentlich lösen sie den auch immer ein, wenn sie selbst an der Reihe sind). Sondern dass da viel zu vieles durcheinander geht. So gehört zu den beliebten unterschwelligen Schmähworten der Begriff des "Geschäftsmodells". Das klingt gut, führt aber im Fall der Medien auf eine völlig falsche Fährte. Medien sind nicht von ungefähr Teil des Grundrechtskonzepts in der Verfassung und werden nicht von ungefähr in eigenen Gesetzen (Pressegesetze, Telemediengesetz, nicht zu vergessen das Urheberrecht) besonders definiert und gesellschaftlich eingeordnet. Sie sind nämlich zuerst einmal überhaupt kein Geschäft, weil Information (und Meinung), genauso wie Wasser und Luft, zu den unerlässlichen Lebensmitteln gehört. Wer an der Arbeit der Medien zuerst einmal nur den wirtschaftlichen Aspekt sieht und nicht deren Aufgabe und Rolle im gesellschaftlichen Kräftespiel, ist ganz bestimmt kein Idealist, sondern entweder ein rettungsloser Zyniker oder ein Wirrkopf.

Kai Pahl, der für seine imposante Bloggerarbeit keinen Pfennig bekommt, war übrigens angesichts des Niveaus der Kommentare zu diesem Thema reichlich ungehalten, was nicht nur an dem Zustand seiner Galle gelegen haben kann. Er deutete an, dass er angesichts solcher Meinungen in einer Situation, in dem womöglich er selbst wegen der von ihm publizierten Informationen oder Ansichten von Machtkartell-Typen aus Verbänden oder Industrie juristisch unter Druck käme, seinen Blog einfach schließen würde. In den nächsten Tagen haben seine Leser Zeit, sich schon mal auszumalen, was ihnen fehlt, wenn es allesaussersport nicht mehr gibt.

29. November 2008

Ein Nachschlagewerk für besondere Fälle: Dickipedia

Schon seit einer Weile wird diese Enzykloparodie von fleißigen und inspirierten Schreibern gefüllt, aber dass sie auch jede Menge Sportler abhandelt, war mir nicht aufgefallen. Deshalb mit Verspätung erst heute der Hinweis auf Dickipedia und Einträge über Lance Armstrong, Kobe Bryant, Brett Favre und andere. Viel Vergnügen beim Lesen. Betrieben wird die Veranstaltung von den Machern der politisch angehauchten Humorseite 236.com, die sich von einer Slangbedeutung des Wortes dick inspirieren ließen (und vom strengen Layout von Wikipedia). Das Wort lässt sich nicht sehr elegant übersetzen. Schlappschwanz entspräche sicher von der Sprachebene her und ist adäquat abwertend, trifft es aber nicht. Arsch wäre sicher treffender. Frauen sind denn auch trotz fehlendem Genital übrigens – zumindest theoretisch – von der Kategorie nicht ausgeschlossen.

3. August 2008

Konturen im Smog

Im Ringen mit der Olympischen Idee, eine Karikatur, die das Markenzeichen von Olympia aufs Wesentliche reduziert: Entworfen von Beau Bo D'Or/ www.bbdo.co.uk/blog/archives/540

Das richtig Harte an der Tour, die der Deutsche Olympische Sportbund vor einer Weile mit dem Saftblog praktizierte, bestand aus der Vorgehensweise. Da wurde ein ganz kleiner Fisch im großen Teich von einem riesigen Hai attackiert und schamlos in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht. Der Overkill bestand in dem willkürlich angesetzten Streitwert von 150.000 Euro. Es gab eine Solidaritätsaktion und eine gütliche Einigung. So weit so gütlich?

Wohl kaum. Vor allem, wenn man weiß, was der Blogger getan hatte: sich die fünf Ringe auszuleihen, um seine Gedanken zum Thema Sport zu illustrieren. Man hätte dem Blogger vermutlich mit einem netten Brief die weitere Verwendung des geschützten Markenzeichens ganz locker ausreden können. Aber der DOSB hat andere Sorgen als nett und freundlich zu sein. Woher soll denn sonst das viele Sponsoren-Geld kommen, wenn man nicht die Leute einschüchtert, die für eine Nutzung keinen Cent bezahlen wollen? Und abgesehen davon: Es gibt ein Sonder-Gesetz, das den Anspruch zementiert. Aus den Versuchen von neulich das Gesetz abzuschaffen, ist nichts geworden.

In den USA stellt das amerikanische NOK den Leuten nicht minder nach, wenn die Rechtsabteilung – recherchemäßig sehr einfach über das Internet – Verstöße gegen das Markenrecht findet. Hier dreht es sich seltener mal um die fünf Ringe als vielmehr um die Verwendung des Wortes Olympics. Das finden viele Menschen griffig und eindeutig genug, um es im Rahmen von Veranstaltungen aller Art einzusetzen. Zu Unrecht, wie ein höchstrichterliches Urteil zum Thema Gay Olympic Games aus dem Jahr 1987 verbindlich erklärte. Olympics ist ein schützenswertes Spezifikum. Das kann sich nicht einfach jeder unter den Nagel reißen oder verballhornen (Olympigs, Bibleympics). Der Unterschied: Der Brief vom Anwalt ist im amerikanischen Rechtsalltag so etwas wie eine Gelbe Karte im Fußball. Nur wer die ignoriert, muss mit verschärften Forderungen rechnen.

Was da allerdings jenseits der Sprachkultur geschützt werden soll, wird in Peking gerade prima vorgeführt. Die Partner der Veranstaltung: ein Unterdrückungsregime, das als neue Wirtschaftsmacht glänzen will, Fernsehsender, die den Sport als hübsche (legale) Droge einsetzen, um im Milliarden-Maßstab die Werbeflächen der Bewusstseinsindustrie zu verhökern, und die Funktionäre, die das alles willig und brav organisieren. Das kommt kompakt und stromlinienmäßig rüber. Es ist ein fertiges Produkt. Das perfekteste Produkt der Leistungsfabrik "Globalisierung", die auch nachwievor den Konsumenten nicht als Gesprächspartner für gesellschaftliche und andere Fragen betrachtet, sondern als passiven Verbraucher irgendwelcher Sinnesreize.

Das soll so weitergehen? Nach 112 Jahren Endlosschleife, die ohnehin ein ziemlich langer Zeitraum für eine Phantasievorstellung waren, die in einer anderen Epoche entstanden war - in der Zeit vor Kino, vor Fernsehen, vor Videospielen, vor Doping, vor Nike und Adidas und McDonald's und Visa und vor dem Markenrecht?

Man sollte sich nicht wundern, wenn die über hundert Jahre vonstatten gegangene Aushöhlung und Umdeutung der alten Idee, die in diesen Tagen im Smog von Peking als perfekte Vision brutal klar ihre Konturen zeigt, ungewollte Konsequenzen haben wird. Man kann erste Spuren eines Rezeptionswandels in den USA erkennen, wo ein erstaunliches Desinteresse an der Veranstaltung herrscht. Und das ausgerechnet in dem Land, das über den Fernsehsender NBC den größten Teil der TV-Lizenzen bezahlt, ohne die die Mammutveranstaltung nicht durchzuführen wäre.

Der Sender ist bestens präpariert und wird tausende von Stunden live auf mehreren Kanälen und im Internet zeigen. Er hat dafür gesorgt, dass die Schwimmer ihre Endläufe morgens austragen, damit die Zuschauer in den Vereinigten Staaten die Wettbewerbe als Highlights im Abendprogramm serviert werden können. Er geriert sich rechtsmächtig als Monopolist der alten Schule und verhindert mit aller Kraft, dass etwa Webseiten von US-Fachverbänden und deren Booster eigenes Videomaterial mit Interviews von Olympia-Qualifikanten online stellen können.

In dem Bedürfnis nach absoluter Exklusivität und Abschottung und Kanalisierung des kostbarsten Gutes – den bewegten Bildern – steckt jedoch genau das Problem: Wer nicht teilen kann, kann auch nicht mitteilen. Und wer nicht mitteilen kann, verhindert auf Dauer jedwede freudige Erwartung oder gar Euphorie.

Da sollte es gar nicht mehr so lange dauern, bis die Herren der Ringe von einem neuen Gefühl beseelt sein werden: von der Freude darüber, wenn sich nette Blogger überhaupt noch die Mühe machen, sich mit dem Thema Olympia zu beschäftigen. Das Leben geht schließlich weiter. Ob mit Jacques Rogge oder Thomas Bach oder ohne.

Andere Stimmen und Infos zu diesen Spielen (sehr zu empfehlen): allesaussersport, Jens Weinreich, faz.net.

Die NBC Online Arbeit sollte man sich auch mal zu Gemüte führen. Vor allem, wenn man die Infrastruktur einer solchen außerordentlich komplexen Präsentation studieren will. Das Angebot geht nicht nur thematisch in Breite (wo liest man schon ein Interview mit der 16jährigen, die es in die US-Mannschaft im Modernen Fünfkampf geschafft hat), sondern auch in eine regionale Tiefe. Wer seine amerikanische Postleitzahl eingibt und den örtlichen NBC-Sender benennt, bekommt Informationen über Olympia-Teilnehmer aus der jeweiligen Region. Alles wird mit viel Werbung garniert und mit Rubrikenzeilen, die entweder als Markenzeichen registriert sind (®) oder bereits angemeldet (™). Zur Qualität der Darbietungen demnächst ein bisschen mehr.

Nachtrag: Zum Thema wo und wie überall auf der Welt das Interesse an den Olympischen Spielen zurückgeht, sollte man sich dieses Radiointerview im Deutschlandfunk vom Sonntag gönnen. Der Experte: Stephan Schröder von Sport+Markt, einem führenden Sportbusinessberatungsunternehmen in Köln.

10. Mai 2008

Heumacher vom Rechtsausleger: Das Urteil gegen die Hartplatzhelden

Die schlechte Nachricht: Die Hartplatzhelden haben den Prozess, den der Württembergische Fußballverband gegen sie angestrengt hat, verloren. Die gute Nachricht: Die Hartplatzhelden lassen sich nicht von einem Urteil in der ersten Instanz einschüchtern. Sie werden Berufung einlegen. Vielleicht stoppt ja die nächste Instanz den Irrsinn einer solch absurden Rechtsauslegung. Bislang fehlt die Begründung für das Urteil aus Stuttgart. Deshalb kann man auch noch nicht abschätzen, welche Schöpfungshöhe die kreative Leistung des Gerichts besitzt. Demnächst mehr. Hier der Beitrag von dieser Stelle aus, der begründet weshalb der Verband aufgrund seiner eigenen Satzung gar nicht das Recht hat, sich kommerzielle Rechte zuzusprechen: Weil sie als Geschäftemacher unter anderem gegen den Gemeinnützigkeitsgrundsatz verstoßen, dem sich der Verband verpflichtet hat. Ganz zu schweigen davon, dass er die Rechte gar nicht besitzt.

29. Januar 2008

Online-Sportmedien in den USA: Investitionen zahlen sich aus

Hier ist mal wieder eine Zahl, die Verantwortlichen in Verlagen, Fernsehanstalten und anderen ambitionierten Schaltstellen altehrwürdiger, eingerosteter Medienpipelines wach machen könnte: Sportseiten im Internet haben im Jahr 2007 in den USA einen Werbeumsatz von mehr als 500 Millionen Dollar erzielt. Die Projektion von hier und heute aus lautet: Das wird sich in den kommenden vier Jahren verdoppeln. Warum es das tut, ist leicht zu verstehen. Die Medienverbraucher vor allem in der so begehrten Zielgruppe 25 bis 49, Untergruppe männlich, schalten ein. Und zwar im großen Stil. Dafür wie man sie einfängt, gibt es viele Ansätze. Vier sind in den Vereinigten Staaten besonders weit voraus: yahoo!, ESPN, AOL und Fox. Die eigentliche Überraschung bislang ist der Erfolg von yahoo! sagt dieser Artikel aus dem Wirtschaftsmagazin Fast Company. Dort sind mittlerweile 50 richtig gute Leute, darunter hervorragende Autoren, fest unter Vertrag. Der Arbeitsbereich Blogs wurde soeben von Jamie Mottram übernommen, der vorher bei AOL das Fanhouse aufgebaut hatte.

Man darf sich bis auf weiteres ausmalen, dass sich in Deutschland niemand mit Einfluss und Visionen für solche Entwicklungen interessiert. Man braucht sich nur die jüngsten Debatten um Jessens Video-Blog und die ekligen Kommentare anzuschauen, die er sich eingefangen hat. Die Debatten (nicht die ekligen Kommentare) wirken tatsächlich so, als gäbe es aus Sicht des Medien-Establishments derzeit nur eine vordringliche Aufgabe: Kontrollmechanismen und Sperrgitter einzurichten, um die ungelenkte und forsche Masse der Leser zu bremsen, die sich online ihre Wege bahnt und breit trampelt. So als wäre am Internet und an seinen neuen Informationsvermittlungsentwicklungen vor allem eines falsch: Dass es nicht von einer großen Koalition der Bildungsbürger, Kulturhoheits- und Bedenkenträger zu einer Schablone der Langeweile und Deformation degradiert werden kann. Dass es nicht in diesen prototypischen Bahnhofskiosk verwandelt werden kann, dem Sinnbild des deutschen Medienelends: Er bietet viel Buntes. Aber sucht man nach Substanz, findet man nichts, was einen interessiert.

Dabei: Wenn man sich wirklich mal mit den USA beschäftigt, wird man erkennen, dass sich auch Internet kommerziell erfolgreiche Konzepte durchsetzen werden, die idealistischeren Anbietern das Publikum abjagen werden. Und der werbetreibenden Industrie das Geld. Mit anderen Worten: Auch die die ungelenkte und forsche Masse aus dem Internet lässt sich lenken. Dazu braucht man aber Leute, die erstmal begreifen, was online passiert. Und die nicht denken, es handele sich dabei um eine Kopie des Gedruckten.

12. Januar 2008

"Ein saunetter Kerl"

Es gab schon mal den einen oder anderen Anlass, sich mit der Frage zu beschäftigen, weshalb die Zeiten für gedruckte Sportinformationen so schlecht sind (und sicher auch nie mehr besser werden). Aber da unsereins nicht direkt mit den Leuten redet, die auf dem Geld sitzen, Geld übrigens, ohne das man keine Medienzukunft gestalten kann, bleibt einem keine andere Chance, als sich auf diesem Weg immer mal wieder mit Hinweisen und Informationen zu Wort zu melden. Vielleicht liest es jemand....

Konkreter Auslöser ist diese Übersicht samt Kommentierung der letzten comscore-Liste auf The Big Lead, wo man ganz offensichtlich davon träumt, eines Tages einen Platz unter den ersten zehn Sport-Seiten zu belegen, aber bis dahin erst mal nur die erfolgreichere Konkurrenz gewissenhaft ausleuchtet. Man kann darüber reden, wie genau die Zahlen wirklich sind, die da ermittelt werden. Man darf sich wundern, wieso eine eingeführte Marke wie Sports Illustrated hinter den anderen herhechelt. Man darf allerdings kaum noch eine solche Momentaufnahme einfach zur Seite schieben und so tun, als habe man in Deutschland mit alledem nichts zu tun. Nicht wenn man weiß, dass yahoo bereits mitmischt. Dass ESPN Europa auf dem Zettel hat. Dass AOL und Sports Illustrated aus einem Haus kommen (Time Warner), womit bewiesen ist, dass eine Zielgruppendiversifikation unter einem Dach durchaus Sinn macht.

Ob es 25 Millionen unique visitors im Monat sind (und 200 Millionen Clicks total) oder auch nur 5 Millionen: Die Relevanz und die Reichweitenkomponente des Informationskanals Internet stellt inzwischen sogar das Fernsehen als extrem teuren Werbeträger in Frage - nicht nur die Printmedien, die immer als das einzige Opfer der Entwicklung angesehen werden. Vor allem zeigen sie die Kompatibilität und die Parallelität von ligaeigenem Content (siehe der Erfolg der Seiten der NFL, von Major League Baseball und NBA) und die kritische Aufarbeitung dessen, was sie symbolisieren, bei der Konkurrenz.

Warum das alles in Deutschland vorläufig keine kompetenten Nachahmer findet? Weil sich kein Pionier nach vorne traut. Weil die meisten Journalisten die neuen Formate ignorieren oder schlimmer - ausführlich vor ihnen warnen. Weil die großen deutschen Sportausrüster und andere potenzielle Sponsoren längst nicht mehr den nationalen Markt im Auge haben, sondern hauptsächlich nach draußen auf die internationalen Märkte schielen. Weil die auf Fußball fixierte Monokultur von wenigen Figuren dominiert wird und die Bundesliga erst dann wirklich wach werden wird, wenn die Champions League ihr das Wasser abgraben wird. Und weil da eine Generation von Fan-Schreibern heranwächst und sich auf den existierenden Plattformen ausmehrt, von denen erstmal keine Hilfe zu erwarten ist. Die berichten von ihren Begegnungen mit Topsportlern, als sei ihnen der Heiland erschienen. Textprobe von spox, dem neuen Entwicklungsprojekt aus dem Hause Premiere: "Nach dem Spiel gings direkt in die Sabres-Kabine, wo ich gemuetlich mit Jochen Hecht plaudern konnte. Wirklich ein saunetter Kerl!....Nachdem Jochen weg war,plauderte ich noch ein bisschen mit Thomas Vanek.Der Oesterreicher freut sich besonders auf das Spiel im Freien gegen die Penguins am Neujahrstag." Solche Informationen sollen Leute bewegen, sich im Internet zu bedienen?

3. Januar 2008

Das Millionengrab Fünfte Liga

Ebbsfleet United sollte schon bald jedem im kicker-Leser-Land und darüberhinaus zum Begriff werden. Ebbsfleet United? Ja. Oder wenn nicht, dann wenigstens dieser Name: myfootballclub.co.uk, eine Webadresse für mittlerweile 26.000 Fußballanhänger, die den Gegenwert von rund 70 Dollar bezahlt haben, um ein echtes Team in der unteren Etage des englischen Ligaalltags zu erwerben.

An dem Projekt ist vieles bemerkenswert. Nicht zuletzt, dass 1.500 Anteilseigner in den USA sitzen, wie das Wall Street Journal gestern berichtete. Aber vor allem, dass diese Schar in Zukunft mit Hilfe von Online-Abstimmungen aus der Ferne das Schicksal des Clubs bestimmen will. Das ist nicht nur neu. Das ist auf eine faszinierende Weise nichts anderes als die Urform des Vereinskonzepts mit seinen Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen. Wenn auch mit einem etwas anderen Dreh. Denn die Urdemokratie der Aktionäre wird so weit gehen, über die Anschaffung von Spielern (und logischerweise auch den Rauswurf) abzustimmen. Wahrscheinlich wird auch die jeweilige Aufstellung einem Votum unterworfen. Das nennt man Micro-Management. Und da sträuben sich jedem graduierten und nicht graduierten Absolventen der Betriebswirtschaft die Haare. Oder sie kichern leise. Was vermutlich die Reaktion der Leser des Journals ist, dem besten Wirtschaftsblatt weltweit.

Reporter Max Colchester hat viele interessante Details ausgegraben, die einem die Dimension der Unternehmung verdeutlichen: Der Club aus der Grafschaft Kent, der 2005 komplett auf "professional" umgestellt wurde, frisst pro Jahr umgerechnet rund 3 Millionen Dollar auf. Davon gehen zwischen 600.000 und 800.000 für Spielergehälter drauf. Wenn man aber nur 1.000 Zuschauer pro Spiel auf die Beine bekommt und kaum Sponsorenhilfe, dann rutscht man damit unweigerlich ins Minus. Anders gesagt: In einer solchen Konstellation ist es auch egal, wer bestimmt, welche Kicker eingekauft werden und wer spielt. Das Projekt kann wirtschaftlich gar nicht funktionieren.

Die Geldinfusion der Webinvestorengruppe wird bei umgerechnet rund 1,1 Millionen Dollar liegen, wie der Daily Telegraph berichtet, der ebenfalls Mini-Mitaktionär bei der Webaktion ist. Wenn nicht in Ebbsfleet, das regional unter anderem gegen Teams aus Oxford und Cambridge spielt, dann woanders. In Kent, derzeit Platz 9 in der Blue Square Premier Division, was die fünfte Klasse im englischen Spielbetrieb ist, träumt man derweil noch vom Aufstieg in die League 2, die nach den merkwürdigen euphemistischen Gebräuchen der Engländer nur die vierte Liga darstellt.

Nur eines allerdings ist wirklich sicher: Dass demnächst der Eurostar auf dem Weg zwischen London und Paris auf dem neuen Bahnhof in Ebbsfleet hält. Das Zugunternehmen ist der Sponsor des Clubs.

18. September 2007

New York Times schafft Online-Gebühren ab

Die New York Times, eine der besten Tageszeitungen der Welt und das Leitmedium der Amerikaner, hat ihren Versuch aufgegeben, Online-Nutzern jährliche Abogebühren für einen Teil der Inhalte auf der Webseite und Texte im elektronischen Archiv abzuknöpfen. Der Verlag will die Einnahmen über das Anzeigengeschäft verdienen. Besonders weitreichend: die Freigabe des Archivmaterials. Man darf davon ausgehen, dass dieser Schritt von anderen Medienhäusern als Modellfall eingestuft wird. Die einzige Zeitung, die mit Subskription im Netz profitabel wirtschaftet, ist das Wall Street Journal. Die wechselte soeben ihren Besitzer. Der neue Eigentümer Rupert Murdoch hat Andeutungen gemacht, die darauf schließen lassen, dass auch er das Konzept trotz des Erfolgs aufbrechen wird.

22. August 2007

Smells Like Quantensprung

Frage: Kommt jetzt der erste wirklich innovative Quantensprung, um die eindimensionale Online-Sportberichterstattung der Portale aufzubrechen? Antwort: Wahrscheinlich am Ende vor allem eine Frage des Geldes und der Ausdauer der beteiligten Personen. Das erste digitale Kuchenbrett zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Das Projekt nennt sich spox (via Spielfeldrand).

Das beste an der Neuigkeit ist die Tatsache, dass spox ganz locker demonstriert, warum man angesichts eines entwickelten Verbraucherverhaltens und vieler neuer technischer Möglichkeiten neue Printprodukte zum Thema Sport gar nicht mehr starten sollte (oder wenn nur in einem konsequent durchdachten Medienmix, wie ihn ESPN vorexerziert). Mehr über die Pleiten von neulich und was es dazu zu sagen gab, kann man hier nachlesen.

5. April 2007

Live vom Masters im Internet - ein erster Eindruck

Nach einer kurzen Testsitzung vor dem kleinen Bildschirm auf der Seite masters.org, dem offiziellen Mitteilungsorgan, des Turniers in Augusta, hier eine kleine Warnung: "Live from Amen Corner" ist wirklich das - man konzentriert sich auf die Löcher 11, 12, und 13. Der Ton kommt immer durch. Die bewegten Bilder bisweilen nicht. Den Golfball kann man nicht erkennen (außer bei Nahaufnahmen vom Putten), weil die Monitorfläche so klein ist. Gut: Man schneidet rasch von Schauplatz zu Schauplatz und gibt der Internetkundschaft einen akzeptablen Eindruck vom Geschehen. Im Grunde hat es den erwünschten Effekt: Es macht neugierig auf die Fernsehübertragung.

17. November 2006

Anwaltslobby hat gewonnen. Zieht euch warm an

Man kommt vom Standort New York aus nicht umhin, sich die Rechtsrahmenentwicklung für die deutsche Bloggerwelt mit immer mehr Sorge anzuschauen. Es sieht ganz so aus, als ob abmahnwütige und klagelustige, unterbeschäftigte Anwälte hervorragende Kontakte zu den Parlamentariern besitzen, sonst würden nicht derartige Gesetze entstehen wie dieses. (via Nachspiel)

Es ist völlig egal, wie es heißt und aus wessen Zuständigkeit heraus es entstanden sein mag. Es geht bei dieser Entwicklung eindeutig darum, eine Ausprägung der Medien von unten zu verhindern oder wenigstens so stark zu reglementieren, dass sie extrem behindert wird. Es ist schön und gut, was da dankenswerter Weise vom Kollegen Simon Möller so zusammengefasst wird: "Wer im Internet Texte, Videos oder Audio-Dateien anbietet, muss sich nach denselben Vorschriften richten, die auch für professionelle Online-Medien gelten – egal, ob er nun ein großes News-Portal betreibt oder ein kleines Blog". Dagegen spricht erstmal gar nichts. Analogien gibt es zu Hauf - man denke nur an die durch Gesetze und eine lange Rechtssprechungsgeschichte juristisch feingetunte Welt des Straßenverkehrs, an der vom Lastwagen bis zum Fußgänger alles mögliche teilnimmt und wo die wilden Radfahrer die größten Freibriefe für sich in Anspruch nehmen.

Man muss aber als Fußgänger nicht erst einen juristischen Lehrgang machen oder eine Kanzlei auf Monatspauschalbasis anheuern, um klar zu kommen, und darf damit rechnen, dass man allenfalls in einem klar belegten Schadensfall als Verursacher herangezogen wird. Vor allem mit einer Keule muss man nicht rechnen: mit der Keule der Abmahnungen.

Das Internet entspricht auf mannigfache Weise dem Straßenverkehr. Das betrifft schon mal die Tatsache, dass es sich hier um eine Verkehrsform handelt - nämlich die der Kommunikation. Es gibt breite Straßen und Schleichwege, dicke Transporter und Flaniermeilen, langsame und noch langsamere Maschinen und ein heilloses Durcheinander der Richtungen und Interessen, wofür es einen gewissen Regelbedarf gibt. Es braucht vielleicht Einbahnstraßenschilder und Halteverbotszonen und andere Paralleleinrichtungen, die der Orientierung dienen können.

Aber alles andere geht über den echten Bedarf hinaus und bedeutet einen obrigkeitsstaatlichen Missgriff auf die Freiheiten von Bürgern, die eine bessere Demokratie und eine größere Vielfalt an Ansichten und Äußerungsmöglichkeiten dringend benötigen. Die alte Medienwelt mit den teuren Produktionsmitteln (Print, Rundfunk, Fernsehen) ist eine gigantische Maschine, die ständig nichts anderes versucht, als die Vielfalt zu vernichten (oder eine Scheinvielfalt wie bei den Frauenzeitschriften oder den Unterhaltungsprogrammen des kommerziellen Fernsehens zu produzieren, die wiederum den gleichen Effekt hat).

Wer sich nicht jetzt zu wehren beginnt, dem wird über kurz oder lang seine per Verfassung geschützte Garantie weggenommen. Das passiert nicht über einen Frontalangriff mit Hilfe von Gesetzen, sondern durch die Hintertür - bei den Niederlagen im Kampf um Anwaltsgebühren und Strafbefehle, einstweilige Verfügungen und ähnliche Killer.

Der einzige Trost: Dank der globalen Konstellation des Internets sind manche Dinge nur bis zu einem gewissen Grad durchsetzbar.