16. Juli 2010

Handball in den USA: Ein Tor an der Wand

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Am morgigen Samstag findet in ein als Battle of Chicago bezeichnetes Freundschaftsländerspiel zwischen Deutschland und Polen im Handball statt. Die Veranstaltung gehört zur Strategie des US-Handballverbandes, die Sportart auf den Radarschirm zu schieben. Dahinter steckt vor allem ein Mann: ein rühriger deutscher Emigrant, der sich seit einer Weile darum bemüht, Amerikaner für ein Spiel zu interessieren, das sie überhaupt nicht kennen. Chicago wurde als Austragungsort auch deshalb gewählt, weil es neben einer ganz beachtlichen Gemeinde an polnisch-stämmigen Einwohnern (manche spotten, sie sei die zweitgrößte polnische Stadt nach Warschau), auch viele Menschen mit deutschen Wurzeln hat. Ich habe im letzten Herbst kurz vor der Entscheidung über die Vergabe der Olympischen Spiele 2016 – als unter anderem auch Chicago im Rennen war und von vielen als sicherer Sieger prognostiziert wurde – mit dem Präsidenten gesprochen und über ihn und seine Bemühungen in der FAZ geschrieben. Weil der Text hinter der Bezahlschranke des Archivs verschwunden ist, mache ich ihn mal hier zugänglich.

Am vergangenen Freitag ließ der Präsident des amerikanischen Handballverbandes durchblicken, dass er ziemlich gut vernetzt ist. “Barack Obama wird selbst da sein”, sagte er und nahm damit jene hochpolitische Nachricht um ein paar Tage vorweg, die erst am Anfang der Woche offiziell bekannt gegeben wurde: Der Mann aus dem Weißen Haus will seine ganze Autorität in die Waagschale werfen, damit der IOC-Kongress am 2. Oktober in Kopenhagen Sommerspiele 2016 an Chicago vergibt.

Den einen Präsident kennt die Welt und traut ihm zu, dass er in Dänemark mit seinem Charisma dafür sorgt, dass seine Heimatstadt den erhofften Zuschlag bekommt. An den Namen des anderen Präsidenten muss man sich erst noch gewöhnen. Er heißt Horst-Dieter Esch und hat eine vergleichsweise sehr viel schwierige Aufgabe übernommen: Er will eine Mannschaftssportart, die in den USA ein stiefmütterliches Dasein wie der Moderne Fünfkampf führt, mit aller Kraft ins Scheinwerferlicht schieben.

Esch ist 66 Jahre alt und ein Unternehmer, von dem man in den Vereinigten Staaten nur soviel weiß: dass er vor zwanzig Jahren ins Land kam und die New Yorker Model-Agentur Wilhelmina kaufte, die mittlerweile auch im Bereich Sport-Management aktiv ist und aufstrebende Golfer wie Sandra Gal aus Leichlingen und den berühmten Schwungdoktor David Leadbetter unter Vertrag hat.

Eine Vergabe der Spiele an Chicago würde dieses selbst gesteckte Ziel enorm erleichtern. Denn jedes Ausrichterland darf bei den Olympischen Spielen alle Mannschaftswettbewerbe mit einem Team besetzen und ist damit automatisch qualifiziert. “Für Handball wäre es schön”, sagt Esch, ehe er Obama folgte, um in Dänemark noch ein letztes bisschen Lobby-Arbeit zu betreiben. In jenem Land, in dem vor mehr als hundert Jahren ein Lehrer und Offizier die ersten Regeln für das Spiel aufgestellt hatte.

Networking auf allen Ebenen ist für den ehemaligen Torwart der Feldhandballmannschaft des TV Weingarten unweit des Bodensee das A und O. Denn obwohl das Spiel rein vordergründig dem Interesse der meisten Amerikanern am Sport entgegenkommt – es fallen viele Tore, die Sportler sind kräftig und gehen hart zur Sache – gibt es für die Sportart auf dem Weg zu mehr Publikum überall viele Hürden zu überwinden. Das geht schon mit der Nomenklatur los. In einem Land, in dem man eine Sportart Football nennt, obwohl sie hauptsächlich mit der Hand betrieben wird, sorgt der Begriff für Verwirrung. Denn so heißt offiziell ein einst sehr beliebtes Freizeitspiel mit einer Gummikugel in der Größe eines Tennisballs, das auf Asphaltflächen an den Hauswänden in den Großstädten zuhause ist und so ähnlich funktioniert wie Squash ohne Schläger. Das hatten einst irische Einwanderer mitgebracht.

Eschs Spiel, das in seinen letzten Feinheiten Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt wurde und in Europa seit dem Wechsel in die Halle Millionen begeistert, nennen die Amerikaner deshalb auch eher hilflos “Team Handball”. Der Begriffsunterschied ist markenmäßig nur schlecht vermittelbar. Doch das ist nur ein Teil der Crux. Probleme wie diese könnten vermutlich leicht überwunden werden, würde die Disziplin zunächst einmal überhaupt an Schulen und Colleges etabliert. Die Bildungseinrichtungen stellen nämlich das Rückgrat des organisierten Sportbetriebs in den USA: Sie haben die Spielstätten und Trainingsanlagen, die Trainer und das Geld, um Wettkämpfe auszutragen. Esch öffnete denn auch in den ersten Monaten seiner Amtszeit viele Türen an den Universitäten, um seinem Ziel näher zu kommen, 100.000 Nachwuchsspieler zu rekrutieren, die in den popularen Sportarten wie Football oder Basketball nicht zum Zuge kommen. “Das ist in krassem Gegensatz zu dem, was vorher da war. Vorher hatten wir nur die Miltärakademien in West Point und Colorado Springs.” Auch außerhalb der Collegewelt kam Bewegung ins Programm. “Als wir vor einem Jahr anfingen, hatten wir 23 Spielvereinigungen”, sagt Esch. “Heute haben wir 106.”

Verbandsintern musste der neue Mann allerdings als Außenseiter ohne entsprechende sportlichen Referenzen von Anfang an manches Sperrfeuer überwinden. Der Grund dafür waren nicht nur die Geschichte aus den achtziger Jahren von der sechseinhalbjährigen Gefängnisstrafe wegen Betrugs und Konkursverschleppung, sondern auch Ungereimtheiten im Zusammenhang mit einer Firma namens Wilhelmina Scouting Network, die ebenfalls vor Gericht ausgetragen wurden. Solche Druckstellen im biographischen Gewebe produzierten insbesondere im Internet-Forum “Team Handball News“ Verstörungen. Denn der US-Handballverband hat schlechte Erfahrungen mit seinen Managern gesammelt. Die Organisation ging vor Jahren bankrott und wurde vom amerikanischen NOK in Colorado Springs pro forma, aber ohne jeglichen Initiativgeist weitergeführt.

Mit der Ankunft von Esch, der das Büro des Verbandes an seinen Privatwohnsitz in Park City im Bundestaat Utah verlegte, wurde die Förderation wieder auf eigene Beine gestellt und hat ein Budget von rund einer Million Dollar pro Jahr. Um den Betrieb anzukurbeln, entstanden viele neue Initiativen. Dazu gehört die Partnerschaft mit den Clubs der Handball-Bundesliga, aber auch solche Werbe-Gimmicks wie eine Verlosung für neue Verbandsmitglieder, die kostenlose Flugtickets gewinnen können.

Die Basisarbeit geht weiter. Wozu unter anderem die Rekrutierung von willigen Werbepartnern und Spendern gehört. Das Fernziel ist eine Profiliga, um auf diese Weise auf den Radarschirm der sportinteressierten Öffentlichkeit zu gelangen. Junge Talente sammelt der Verband bei sogenannten Try-Outs in den Zentren der großen Städte ein, also dort, wo die amerikanische Basketballbegeisterung verankert ist. “Wir brauchen keine sensationellen Handballplätze”, sagt Esch, “wir brauchen nur ein gemaltes Tor an der Wand. Und damit kann man anfangen.”

Kommentare:

dogfood hat gesagt…

Gemäß dem Prinzip "Schuster bleib bei deinen Leisten", halte ich den Versuch Handball in den USA mit solchen Spielen populär zu machen, für hoffnungslos.

Bereits im Sommer 2009 hat der französische Verband die Handball-Final Four im Ligapokal in der American Airlines-Arena in Miami ausgetragen. Beim Finale verstreuten sich 1.500 Zuschauer in der 20.000 Zuschauer fassenden Arena. Das Ding ist ein derartiges Fiasko gewesen, dass der französische Ligapräsident abtreten musste. Eine geplante Neuausrichtung im Sommer 2010 im Madison Square Garden wurde abgeblasen.

300 Zuschauer beim Finale des "Big Apple International Team Handball Tournament", einem Turnier mit deutscher Beteiligung Anfang des Jahres.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Ich würde mich auch wundern, wenn das mehr ist als ein Strohfeuer. Ich nehme mal an, dass die Esch-Strategie auf mehreren Ebenen ansetzt. Gute Teams zu Gastspielen in die USA holen, ist sicher weniger etwas für die riesige Mehrheit der Ahnungslosen als mehr ein Angebot an die kleine Zahl der Aficionados. Esch setzt übrigens hauptsächlich darauf, die Colleges für Handball zu interessieren. Ähnlich wie im Fußball sehe ich vor allem Frauen als Stipendiums-Zielgruppe (Stichwort Title IX). Da Handball olympische Sportart ist, hat natürlich das USOC ein Interesse, dass irgendetwas aufgebaut wird. Der Verband war in den Vorjahren derart schlecht geführt, dass USOC zwischendurch die Zügel in die Hand nehmen musste. Natürlich war das keine Dauerlösung. Esch hat die Chuzpe und die Connections. Ob er Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.