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15. August 2009

Dirk sagt "Nein, danke"

Dirk Nowitzki wird bei der Europameisterschaft nicht für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Das hat er am Freitag offiziell bekannt gegeben. Die Interessen seines Arbeitgebers gehen vor. Mark Cuban hat in diesem Sommer neue Leute verpflichtet und braucht einen ausgeruhten Starspieler. Nicht einen ausgepumpten wie im vergangenen olympischen Jahr. Die Hoffnung, dass sie auf Chris Kaman zurückgreifen können, wollen die Verantwortlichen des Basketballbundes noch nicht aufgeben. Ob der sich aber noch daran erinnert, wie man ihm vor einem Jahr im Supersondereilverfahren den deutschen Pass zukommen liess?

7. Juli 2008

Wortmann mal nicht am Stück, sondern ganz fein geschnitten

Die ersten 5 Minuten des neuen Wortmann-Œuvres sind draußen. Diesmal nicht im Kino und nicht für Geld, sondern als Klickfänger bei bild.de. Weshalb man sich eine Kritik ersparen kann. Zu dieser Arbeit kann sich schließlich jeder selbst in Nullkommanichts eine Meinung bilden. Nur so viel vorab: Der extrem einfallsreiche Titel Sommermärchen 2008 verrät schon, wie zukunftsweisend die Klebearbeit ausgefallen ist. Und das Ende des ersten Teils (zwei weitere werden folgen) macht so richtig neugierig auf die Fortsetzungen. Es klingt mit einem Satz aus dem Off aus, der wohl insgeheim das enorme Engagement des Produzenten preis gibt. "Mehr ist dazu nicht zu sagen", lautet er. Das sehen wir auch so.
Blick zurück: Wortmann und ein Herz, das erblüht

30. Juni 2008

Kunst und Katharsis

Am Tag danach hat in Deutschland eine Bestandsaufnahme stattgefunden, die angesichts der Geschwindigkeit, mit der diese Texte entstehen müssen, schlichtweg erstaunlich ist. Vor allem, wenn man die Gravitas berücksichtigt, die sich bei solchen Gelegenheiten einschleicht. Das muss man sich mal vorstellen: Da hat die liebste Mannschaft der Nation ein Match mit dem knappsten aller Ergebnisse mit 0:1 verloren. Und schon setzt es Analysen, die so tun, als sei Zeit für Katharsis.

Das Verlangen ist immer das Gleiche. Es entspringt dem Impuls einer enttäuschten Kritikergemeinde, die sich gewöhnlich sehr sachverständig und wohlwollend mit dem Fußball im Großen und im Kleinen beschäftigt. Aber nach den wochenlangen sorgenvollen Blicken über den Zaun am Rand des Mannschaftslagers im Tessin und dem permanenten Lugen durch die Ritzen dieses inszenierten Schweigens, bei dem jede Pressekonferenz und jedes Round-Table-Gespräch absolut nichts Neues produziert, mag der Kritiker nicht länger zurückhalten mit den Vorbehalten. Denn er weiß es und hat es schon immer gewusst, dass diese Niederlage symptomatisch und wegweisend zugleich war: "Die Probleme sind fundamentaler." (Ralf Köttker in der WELT). Vermutlich gibt es da nämlich mehr als jene "inneren Widersprüche und sportlichen Defizite" im Team, die Philip Selldorf (Süddeutsche Zeitung) erspäht hat. Mehr als den Irrglauben im Führungskader der Auswahl, wonach "Spiele schon allein aufgrund spielerischer und taktischer Klasse" gewonnen werden können (Michael Horeni in der FAZ). Es muss da noch irgendwo unter dem Rasen von Wien eine tiefe Wahrheit über die deutsche Mannschaft geben. Und die muss ausgebuddelt werden.

Nennen wir es den deutschen Reflex. Auch so eine Tugend wie die anderen, die im Rest der Welt gerne sterotyp den Nachkommen der Germanen zugesprochen werden. Und zwar Reflex im doppelten Sinne – als Nervenimpuls und als Ableitung von "Reflexion". In dem vorliegenden Fall gehören dazu Betrachtungen über Handlungsbedarf, allerlei Beschwerden, der Gestus des Analytischen und bei manchen auch das Insinuieren (etwa von massiven internen Meinungsunterschieden, die niemals als positiv bewertet werden. Meinungsunterschiede sind nach einer landläufigen Basisannahme professioneller Kritiker einfach Gift. Dialektik? Nein, danke.).

Wer vergessen hat, was Heinrich von Kleist mal in diesem Zusammenhang geschrieben hat, dem sei es noch einmal in Erinnerung gerufen: "Wir sehen, daß in dem Maße, als in der organischen Welt die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie immer strahlender und herrschender hervortritt." Der Umkehrschluss ist in diesem Zusammenhang noch reizvoller: Je mehr man bei der Betrachtung des Showgeschäfts aufs Nachdenken und auf Bespiegelungen verfällt, desto mehr verliert man den Blick für die Aufführung selbst.

Bei der Darbietung der deutschen Fußballer am Sonntag in Wien wäre dann doch wohl als allererstes mal festzuhalten, dass die Männer in Weiß-Schwarz wirklich nur Statisten waren. Mit anderen Worten: Sich mit ihnen zu beschäftigen und ihre mimischen Darbietungen zu charakterisieren oder auch noch gar zu interpretieren, wäre mithin so aussagestark wie die Kritik einer Aufführung der Verdi-Oper Nabucco, die sich hauptsächlich dem Gefangenenchor und seinen Mitgliedern widmet. In einem solchen Ensemble machen auch ganz ordentliche Sänger mit, aber um eine Analogie zu benutzen, die dem dogfood von allesaussersport abgeluchst ist: Im Chor landen jene, "die nicht die Werkzeuge und die Spielintelligenz" haben, "die im Spiel sich stellenden Probleme zu lösen": ein Solo hier, ein verdammt hohes C dort, eine Theatralik, die überzeugt, Timing, Einvernehmen mit dem Dirigenten des Orchesters etc.

Vielleicht klingt das komisch. Aber sollte man sich an einem solchen Tag nicht zuerst und überhaupt nur mit den wirklichen Stars auf der Bühne beschäftigen? Und herausfiltern, wo bei denen die Musik spielt und mit welchem Singsang die arbeiten? Auf der Suche nach deutschsprachigen Beiträgen, die sich vor und nach dem Finale mit dem spanischen Kunstwerk beschäftigen haben, konnte man tatsächlich so einiges lernen (Vielleicht kapieren es die nächste deutsche Nationalmannschaft und der DFB und der Jogi noch rechtzeitig vor der kommenden WM, vielleicht auch nicht):

"Tatsächlich ist Spaniens Kurzpassfußball allenfalls auf den ersten, oberflächlichen Blick selbstverliebt. In Wirklichkeit wissen sie ihn taktisch exzellent einzusetzen....Keine Elf bei der EM ließ weniger Torchancen zu...." Ronald Reng in der Financial Times

"Wir haben diesen Kader seit vielen Jahren verfolgt... Fàbregas machte als U17-Spieler bei einer unserer Endrunden erstmals auf sich aufmerksam. Wir haben verfolgt, wie die spanische Mannschaft den letzten U17-Wettbewerb in der Türkei gewonnen hat und es war eine der besten Leistungen, die ich je von einer Jugendmannschaft gesehen habe. Die Spanier werden weiterhin versuchen, die nächste Generation weiterzuentwickeln.....Man muss den Spanischen Fußballverband loben. Sie haben mit viel Arbeit und Einsatz die Spieler weiterentwickelt. Gestern Abend haben sie an ihrer Philosophie festgehalten, sie haben nicht versucht, etwas zu ändern. Sie sind nicht besonders groß gewachsen, deshalb muss man schnell, intelligent und technisch begabt sein.... Ihre Spielweise ist fantastisch kreativ. Es geht dabei um technische Qualitäten, Ballbesitz, brillante Kombinationen, und die Fähigkeit, selbst unter enormen Druck den Ball behaupten." Andy Roxburgh, Technischer Direktor der UEFA.

"Sie beherrschen unterschiedliche Formen des Angriffspiels. Als Konter-Kombinierer sind sie zu überfallartigen Angriffen genauso in der Lage wie zu geduldigen Passfolgen, bis ein Loch in der gegnerischen Abwehr gefunden ist. Ja, die Mannschaft von Aragonés kann sogar das schnelle und langsame Spiel in einem Angriffszug miteinander verbinden, den frühen Pass und den ganz späten." Christoph Biermann auf SpOn.

"Wir sind die Besten!“ tönt das Sportblatt Marca. „Klar schaffen wir das!“, heißt es bei As, Unterzeile: „Spanien erhebt den Fußball in den Rang der Schönen Künste.“ Dort also wollen sie hin, ins Museum, in die Kulturgeschichte. Ein höheres Ziel hatte noch niemand." Paul Ingendaay, FAZ.

28. Juni 2008

Quoten hoch dank Euro

Der Hinweis auf diesen Post kam von Kommentator sunny2k1 bei allesaussersport, verdient aber vielleicht noch mehr Beachtung. Denn die Essenz lautet: die Live-Übertragungen von der Fußball-Europameisterschaft in den USA waren ihren Einsatz wert. Alle Begegnungen gingen bei ESPN und seinen unterschiedlichen Kanälen über den Sender, zwei (inklusive des Finales am Sonntag bei der Network-Schwester ABC.

Warum ist das wichtig?

Erstens, weil die treibenden Kräfte bei ESPN International, die sich seit Jahren sachte, aber sicher in den europäischen Markt vortasten, ihren Bossen bei Disney dokumentieren können, dass Fußball funkt, selbst wenn keine amerikanische Mannschaft mitmacht. Die Quoten sind auch deshalb nicht von Pappe, weil man sie nachmittags an Werktagen einfahren konnte und weil man an einem Tag sogar die Golf-Konkurrenz geschlagen hat.

Zweitens, weil auch dieser Zyklus (nach der Arbeit während der WM vor zwei Jahren) gezeigt hat, dass man sich in der Beschäftigung mit Fußball endgültig von dem Bild eines imaginären Zuschauers gelöst hat, der nichts von Fußball versteht. Auch wenn Co-Kommentator Andy Gray im Studio in Bristol in Connecticut saß, gab er einen sachverständigen Eindruck. Der Schotte, an dessen ausgeprägten Akzent sich Amerikaner gewöhnen mussten und der sonst in England die Premiere League mitüberträgt, repräsentiert einen neuen Standard für USA-Fernsehen. Das kam an und fiel auf.

Drittens, so etwas stärkt die Hand von ESPN, sollten sie ernsthaft um die Fernsehrechte der Premier League mitbieten. Und erst recht, falls sie sie bekommen und die Spiele in den USA ausstrahlen (mal abgesehen davon, was sie in Europa mit den Rechten anstellen würden, ob sie die weiterreichen oder eigene Kanäle aufbauen oder existierende Läden wie DSF aufkaufen). Wie sich die Begeisterung der Amerikaner für Fußball entfachen lässt, konnte man im letzten Jahr mit dem Auftauchen von David Beckham sehen. Der Hollywood-Paparazzi-Lärm rund um seinen Wechsel ist zwar inzwischen abgeflaut. Aber LA Galaxy hat noch immer zuhause die Bude voll. Die Mannschaft spielt besser und wird in den Playoffs sicher wieder mehr Leute neugierig machen. Bilder aus der Premier League (wie jetzt schon aus der Champions League), erhöhen das qualitative Angebot im Fernsehen für jene Amerikaner, die Fußball mit Sachverstand verfolgen (davon gibt es immer mehr) und legt den Schalter endgültig um – weg von der dümmlichen Theorie, dass man auf dem Niveau eines Peripher-Zuschauers arbeiten muss.

Viertens: Im nächsten Jahr gibt es eine Neuauflage der Frauen-Profiliga. Das hat direkt überhaupt nichts mit der EM zu tun, aber indirekt eine Menge. Frauen sind in den USA das Reservoir schlechthin für das Interesse an der Sportart. Denn die amerikanischen Frauen spielen im sportlichen Weltmaßstab eine Rolle und verfügen über hervorragenden Nachwuchs.

Trotzdem ist die Resonanz von der EM ein wenig durchwachsen. Man schaue sich nur mal den Erfolgs-Blog The Big Lead und seine Prognose für die Viertelfinalbegegnungen an: Da lag man so daneben wie schon gar nicht mehr danebener geht. Vier Spiele und vier falsche Vorhersagen spricht nicht für Kompetenz.

3. Juni 2008

Wo das Herz von Sönke Wortmann erblüht

Über die Dächer von Berlin fegt bisweilen schon mal der Wind. Aber von dort oben sieht man mehr: den Alex, den Sönke und den Dunst. Man sieht auch mehr, weil man auf einem solchen Dach natürlich viel mehr Platz hat, um gleich zwei Kameras einzusetzen (oder waren es sogar drei?) und hektisch hin- und her zu schneiden, wie das diese Stil-Epigonen vom KDD - Kriminaldauerdienst so gerne machen, weil im Drehbuch eher wenig Dialog und Action vorgegeben sind.

Aber reden wir von dem Sönke, dem Chefideologen des deutschen Fußballgemütszustands, Wunder-Tüte und Märchen-Onkel in einem. Denn den zu interviewen, einfach mal nach Strich und Faden zu interviewen, das hat etwas – über den Dächern von Berlin. Etwas Erhellendes hat es. Das ist zum Beispiel gut für das Üben von Umgangsformen. So wechseln die Gesprächspartner charmant zwischen dem vertrauten "Du" und einem sehr viel förmerlicheren "Sie", ohne auch nur den Anflug von Begründung. Vielleicht hätten Sie das auch gerne rausgeschnitten. Aber was wäre dann noch von dem Video übriggeblieben?

Denn wir lernen tatsächlich noch mehr: dass nämlich die Welt, weil sie groß ist, und dass Europa, weil es etwas kleiner ist, einen proportionalen Einfluss auf die Intensität unserer Empfindungen haben. Deshalb kann es nicht alle zwei Jahr ein Sommermärchen geben. "Der Film hieß zwar so", sagt Sönke Wortmann und streicht sich oft und sanft durch die unbändigen Haare, die der Wind so penetrant zersaust, "aber es hat natürlich ein Lebensgefühl ausgedrückt. Ich glaube nicht, dass das jetzt wiederkommen kann – in dem Maße – weil es ja nicht in Deutschland stattfindet, sondern in Österreich und der Schweiz. Es ist keine Weltmeisterschaft, sondern nur eine Europameisterschaft. Was auch schön ist, aber ist doch halt 'ne Nummer kleiner. Und das sind dann die großen Unterschiede."

Man spürt es: Dass dieses Lebensgefühl nicht wiederkommen kann, ist eine traurige Erkenntnis. Noch trauriger allerdings, weil es der Sönke sagt, der ja von nichts anderem lebt als von den wiederkommenden Lebensgefühlen. Man macht sich Sorgen um so einen. Auf was soll sich der jetzt freuen? Allen Ernstes auf solch ein Projekt, wie das, das er mit Lesern der Bild am Sonntag produziert? Vielleicht freut er sich schon ein bisschen: "Welche Videos würden Ihr Herz erquicken und erblühen lassen?" fragt der Reporter, der wohl innerlich hofft, dass ein Erblühen des Wortmann-Herzens noch ein weiteres Märchen oder gar ein Wunder produziert, ehe es irgenwann mangels neuer Themendüngung verwelkt. "Der Fantasie freien Lauf lassen, wäre mal 'ne Empfehlung", sagt der Sönke und schaut dem Reporter so nett in die Augen, dass die beiden – Du, Sie, whatever – wissen: über Dinge von einer solchen Tragweite kann sich der Genie-Darsteller so früh noch nicht verbindlich äußern.

2. Juni 2008

Welcome to Cliché Island

Es ist Euro-Zeit. Und da packen selbst die fußball-affinsten unter den Amerikanern ihre alten Klischees aus, um ihre gar nicht so abwegigen sportlichen Einschätzungen so bunt wie möglich wirken zu lassen. Zum Beispiel der Blog That's On Point über Mannschaften in der Vorrunde:

Österreich: "This is a team that's going to have to relive World War II and the Anschluss when it players its cruel older brother Germany in the final group game on June 16."

Polen: "Maybe the only thing missing from this match will be a couple Panzer tanks, though they might be useful for security. If you know anything about the year 1939, the Poles have a serious ax to grind with Germany. (FYI, German forward Lucas Podolski and Miroslav Klose are both essentially Polish with Polish parents.)"

Schweden: "This Sweden side really is like IKEA furniture. You think you're getting a bargain, you think you're getting something good, but don't be misled."

Schweiz: "All you need to know about the Swiss? They're exceedingly boring and their fans are lame. If they score more than twice it might be a surprise."

Der Blog 200percent war ebenfalls ungeheuer kreativ und kam auf diese Bezeichnung für Gruppe B: "The Group Of Schnitzel (I just thought that up, in case you were wondering)."

Nein, wir haben uns nicht darüber gewundert. Sondern uns an einen amerikanischen Cartoonisten erinnert, der aus Klischees sehr viel Feinsinniges herausgezogen hat: B. Kliban, ein Genie. Leider tot.
Mehr von Kliban gibt es hier und hier und hier.

8. Dezember 2006

Europameisterschaft komplett auf US-Bildschirmen

Der Appetit des amerikanischen Sportsenders auf ESPN auf Fußball nimmt zu. Das zeigt der Vertrag, der soeben mit der UEFA abgeschlossen wurde. Danach überträgt ESPN (zusammen mit der Fernsehmutter ABC) im nächsten Jahr (Korrektur: im übernächsten Jahr) alle 31 Spieler der Europameisterschaft live aus der Schweiz und in Österreich. "Wir sehen, dass die Attraktivität von Fußball in Amerika wächst", sagte Russell Wolff gegenüber AP, der für das internationale Geschäft des Spartenkabelanbieters zuständig ist, "besonders bei Übertragungen zu ungewöhnlichen Uhrzeiten, wenn es keine Konkurrenz von anderen amerikanischen Sportarten gibt." Zum Programm gehört inzwischen auch die Champions League, deren Finale im letzten Jahr eine für US-Verhältnisse erkleckliche Zahl von Zuschauern hatte: rund eine halbe Million.