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5. Juli 2010

Meine Fresse

Aus der Serie "Wenn die andern feiern" kommt heute das Video der von der Begeisterung über ein einziges Tor. Die Hauptdarsteller: zwei völlig übermannte spanische Kommentatoren, die sich über das 1:0 von Villa gegen Paraguay nicht mehr einkriegen können. Einer von denen ist der gute José Antonio Camacho Alfaro, der einst bei Real Madrid als Verteidiger spielte und nach dem Ende der Karriere als Trainer viele Jobs inne hatte. Zu den Stationen gehörten die spanische Nationalmannschaft und irgendwann auch wiederum Real Madrid. Camacho arbeitet in Südafrika als Fernsehkommentator für den spanischen Sender Telecinco. Und das ganz sicher ohne Gefahrenzulage.

31. Januar 2010

"Das Elend der Gladiatoren"

Ein kurzer Programmhinweis in eigener Sache. Am Montag gleich nach den Tagesthemen im Ersten gibt es auf WDR 3 wie jeden Montag die Sendung sport inside (Sendebeginn 22.45 Uhr) – wie meistens mit drei Beiträgen. Diesmal allerdings mit einer Novität: mit einem Film aus meiner Werkstatt. Titel: Das Elend der Gladiatoren.

In dem fast zehn Minuten langen Film geht um die Spätfolgen, mit denen ehemalige amerikanische Football-Profis zu kämpfen haben – ein Thema, auf das ich durch den Dokumentarfilm Blood Equity zum ersten Mal aufmerksam wurde, das inzwischen aber ziemliche Kreise gezogen hat. Kein Wunder. Es geht um rund 13.000 Ehemalige, für deren durch den Football verursachten Probleme sich weder die Liga noch – sehr viel tragischer – die Spielergewerkschaft verantwortlich fühlen. Viele Veteranen werden nicht nur körperlich von der Knochenmühle verschlissen. Eine beachtliche Zahl entwickelt als Folge von allzuvielen Gehirnerschütterungen früh Demens und Alzheimer-Krankheit (eine Studie spricht von sechs Prozent). Wer medizinische Hilfe oder gar Pflege braucht, braucht auch Geld. Denn vom amerikanischen Krankenversicherungssystem werden solche Menschen ignoriert.

Der Beitrag dokumentiert – eine Woche vor dem Super Bowl, der von der ARD live übertragen wird – den Stand der Dinge sowie den langsamen Umdenkprozess, zu dem beachtlicher Druck aus dem amerikanischen Kongress beigetragen hat. Der Film entstand im Laufe des Januar und wurde in der letzten Woche beim WDR in Dortmund fertiggestellt. Mehr Informationen gibt es hier.

Aufgrund der Arbeit an dem Projekt kam das Bloggen zuletzt ziemlich kurz. Vorsatz: Das soll nicht so bleiben. Ab heute gibt es wieder frischen Lesestoff.

17. Oktober 2009

Tyson entschuldigt sich bei Holyfield

Es ist keine aufregende Episode in der Geschichte einer brutalen Sportart. Aber irgendwie trotzdem bemerkenswert. Denn dass sich Frauen als Friedensstifter einmischen und ihr Millionenpublikum mit solchen Szenen abfüllen, hat es noch nicht gegeben. Also dann: Mike Tyson entschuldigt sich bei Evander Holyfield in der Talk-Show von Oprah Winfrey. Wir erinnern uns: Tyson hatte vor vielen Jahren Holyfield im Ring ein Stück vom Ohr abgebissen.

Ich habe mich eine Weile danach mit dem Ringrichter des Kampfs in Las Vegas unterhalten. Hier Auszüge aus dem Interview mit Mills Lane, der nach seinem Rücktritt als aktiver Kampfrichter eine erfolgreiche Gerichtssendung mit dem Titel Judge Mills Lane hatte:

Haben Sie jemals gedacht, Sie wuerden sich eines Tages mitten in einer Kontroverse befinden, über die die ganze Welt spricht?

MILLS LANE: Nein. Aber du spielst im Leben die Karten, die ausgeteilt worden sind, und machst das beste daraus.

Sie sind damals kurzfristig nominiert worden, nachdem das Tyson-Lager einen Ihrer jüngeren Kollegen abgelehnt hat.

MILLS LANE: Ja. Er hat verzichtet, weil er nicht wollte, dass er im Mittelpunkt steht.

Vermutlich eine gute Idee...

MILLS LANE: Er wäre in einer schwierigen Situation gewesen.

Zum Glück stand mit Ihnen einer der besten Ringrichter in Amerika zur Verfügung.

MILLS LANE: Ich halte mich nicht für den besten, aber ich gehöre sicher zu den Top-Leuten. Und ich war körperlich und mental in Form.

Haben Sie eine Ahnung, weshalb Boxer im Ring durchdrehen?

MILLS LANE: Nein. Aber in meiner aktiven Zeit habe ich erlebt, wie es einem ergehen kann, wenn man einen Kopfstoß abbekommt und die Augen zuschwellen. Es tut weh.

Tyson war die rechte Augenbraue aufgeplatzt. Er behauptete hinterher, Holyfield habe ihn bewusst verletzt. Wie haben Sie den Kampf gesehen?

MILLS LANE: Es ging ziemlich rauh zu. Aber der Kopfstoß war meiner Meinung nach unabsichtlich. So etwas passiert bei Leuten mit dem Box-Stil von Tyson und Holyfield andauernd.

Was sagen Sie zu Tysons Rechtfertigung?

MILLS LANE: Nur soviel: Nach solch einem Kampf kommt der wahre Charakter eines Menschen sehr schnell ans Tageslicht.

Haben Sie mal mit ihm über den Vorfall geredet?

MILLS LANE: Nein. Als Ringrichter hält man so viel Abstand wie möglich von den Boxern und ihrem Umfeld.

Ein Boxer wie Tyson fasziniert die Zuschauer. Weshalb eigentlich?

MILLS LANE: Boxen ist das Grundmodell für jede Form von Auseinandersetzung. Einer gegen einen. Faust um Faust. Es entspricht einem Grundverständnis im Menschen.

Aber ohne den dritten Mann im Ring geht es nicht.

MILLS LANE: Absolut. Jemand muss dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden und die Integrität des sportlichen Zweikampfs gewahrt bleibt. Ohne den Ringrichter wäre das Ganze nur eine Wirtshausschlägerei.

Post scriptum: Mills Lane erlitt 2002 einen Gehirnschlag und kann seitdem kaum sprechen.

16. August 2009

Olympic Network: Rückzieher der Amerikaner

Der NOK-Chef der Vereinigten Staaten hat in Berlin im Gespräch mit IOC-Chef Jacques Rogge einen taktischen Rückzieher gemacht. Das wird aus einer E-Mail deutlich, die soeben kurioserweise vom Chicagoer Bewerbungskomitee herausgegeben und an die Journalisten im Verteiler verschickt wurde. Man wolle nichts ohne die Zustimmung der IOC machen, versicherte Larry Probst, der Vorsitzende des NOK.

Der Streit dreht sich um eine Initiative der Amerikaner, in den USA zusammen mit dem Kabelanbieter Comcast einen eigenen Sportfernsehkanal zu eröffnen, der Olympic Network heißen soll. Als das Projekt vor einem Monat bekannt wurde, gab es nicht nur Widerspruch von NBC, dem Sender, der seit vielen Jahren für extrem viel Geld die amerikanischen Übertragungsrechte von den Olympischen Spielen besitzt. Auch beim IOC meldeten sich die Beschwerdeführer, die darauf aufmerksam machten, dass ein NOK (egal welches) aus eigener Kraft und im Alleingang so gut wie gar nichts darf, sobald die Markenrechte des IOC betroffen sind.

Die Angelegenheit wäre für sich genommen nur halb so interessant, wenn da nicht diese anhaltende Kontroverse um die Verteilung der Sponsoren und Fernsehlizenzen wäre, die den Amerikanern einen überproportional relativ hohen Anteil zubilligt (Begründung: aus den USA kommt auch überproportional mehr Geld in den großen Topf). Die anderen NOKs wollen mehr. Das USOC will nichts abgeben. Verkompliziert wird die Angelegenheit noch dadurch, dass sich Chicago um die Austragung der Sommerspiele 2016 bemüht und jedweder Gegenwind die Kandidatur gefährdet, Die Entscheidung wird im Oktober in Kopenhagen getroffen.

Hinweis in eigener Sache: Mehr zum Hintergrund der Entwicklungen und der Idee eines eigenen Fernsehkanals in einem Radiobeitrag, den ich im Juli für den Deutschlandfunk produziert habe.

30. Juli 2009

Olympisch fern sehen

In fast jedem größeren Land der Welt gehört es zum Alltag der Eliten, sich aufmerksam und pomadig im Spiegel zu betrachten und genussvoll um den eigenen Bauchnabel zu kreisen, um auf diese Weise zu erforschen, wie der Rest der Menschheit wohl so ticken könnte. Die Innensicht der Außensicht der Innensicht.

In Deutschland stand dieser Reflex zwar jahrzehntelang offiziell auf der schwarzen Liste, weil dadurch die unfrohe Erinnerung an das na(r)zis(s)tische Debakel wach gerufen wurde. Aber ausgerottet wurde er nicht. Er tobte sich nur – gut kaschiert – in anderen Segmenten des gesellschaftlichen Alltags aus.


Im Sport zum Beispiel, wo man sich mit einer Fußballnationalmannschaft identifizieren kann, die tradionell zu den besten der Welt gehört und die Mythologie mit dem “Wunder von Bern” bereichert hat. Wo man bei Olympischen Spielen seit den denkwürdigen Tagen von Berlin 1936 im Medaillenspiegel zwar nicht mehr mit den Übermächten wie den USA, Russland (vorher UdSSR) und neuerdings China Schritt halten kann, aber sich notgedrungen auch an Disziplinen begeistert wie Synchron-Turmspringen oder Dressurreiten.


Der Faszinationsmechanismus funktioniert vermutlich so ähnlich wie bei den Modeweinen, die immer etwa fünf Jahre lang brauchen, bis sogar die Frau an der Kasse im Supermarkt weiß, welche Sorte man trinken muss, um als Kenner zu gelten. Nach weiteren fünf Jahren haben sich alle den immer gleichen Geschmack leidgetrunken. Im Sport haben wir uns auf diese Weise eine Zeitlang an Tennis besoffen. Und dann an Skispringen. Radrennfahrer waren auch mal penetrant populär. Dieser Tage erreicht die Abwärtsbewegung in der Geschmackskurve gerade solche Kuriositäten wie Boxen und Biathlon. Nicht schlimm: Die Triathleten stehen bereit. Snowboarder könnten Lücken schließen.


Die Beispiele zeigen, dass Spitzensport jenseits der etablierten großen Ligen in wenigen Mannschaftssportarten weltweit trendabhängig ist und von der Hand in den Mund lebt. Das Fernsehen leistet einen erheblichen Teil in der besinnungslosen Verwertungs- und Verwurstungskette: Es schüttet Geld in die Maschine und erzeugt Aufmerksamkeit. Dieser Mechanismus ist mitverantwortlich für die Bereitschaft von Athleten zum Doping und zum Betrug und für den Zynismus der Hintermänner, die ein idealtypisches Bild von einem sauberen Sport auf die Fahnen geheftet haben, das sich naiven Sponsoren aus der Industrie verkaufen lässt, die die Medienpräsenz von Sport als Vehikel für ihre eigenen Geschäfte nutzen.


Da ist es nachgerade absurd, dass ausgerechnet die Gebührenzahler des öffentlich-rechtlichen Fernsehens solche Netzwerke mit ihrem Geld füttern. Genauso wie die Tatsache, dass das nach eigener Einschätzung so anspruchsvolle öffentlich-rechtliche Fernsehen keine Distanz zum Thema Sport herstellen kann, sondern sich lieber als Transmissionsriemen von Interessen einspannen lässt, die in einem effektiv unkontrollierbaren, immer häufiger auf Pump in Milliardengrößenordnungen basierenden, grenzenüberschreitenden Kartell das Unterhaltungsbedürfnis der Massen bedienen.


Aber weil es an der notwendigen Distanz fehlt, darf man sich über das Lamento nicht wundern, das Bernd Gäbler in seiner neuesten Kolumne bei stern.de aufgreift (siehe Das Schachem um die Olympiarechte). Da beklagen sich Vertreter des Gebührenfernsehens doch tatsächlich darüber, dass das IOC ihnen nicht mehr einfach für vergleichsweise kleines Geld die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2014 und 2016 überlässt. Die Olympiabosse hatten nämlich das Lizenzpaket, das sonst immer geschlossen an die European Broadcasting Union (EBU) ging, einem Makler in die Hand gedrückt, der mit jedem einzelnen Land Verträge abschließen darf und nun hofft, dass die ARD, das ZDF und die BBC im Wettbewerb mit Privatsendern wie SAT1, RTL oder Sky mehr bieten als sie bisher gezahlt haben.


Was bei den Beschwerden stets untergeht, ist die Frage: Wer leidet eigentlich wirklich darunter, sollten die öffentlich-rechtlichen Sender dabei den Kürzeren ziehen? Die Sportler, die in den Glanzsportarten hinreichend Geld verdienen und in Deutschland obendrein in einem beachtlichen Umfang vom Steuerzahler als Soldaten oder Polizisten alimentiert werden? Oder vielleicht die Zuschauer, die womöglich nicht mehr wochenlang von morgens bis abends zäh dahinzappelnde Veranstaltungen mit Athleten aus 200 Ländern geboten bekommen, die keiner kennt (die Athleten nicht und auch nicht die Länder)? Die Modernen Fünfkämpfer und andere Exoten, die sowieso niemand wahr nimmt? Oder leidet am Ende doch nur das Selbstverständnis der Programmverantwortlichen, die nicht von alten Gewohnheiten lassen können? Wozu in Deutschland die absurde Sondersituation gehört, dass man nicht ein Team, sondern gleich zwei komplette Reporter-, Redakteur- und Technik-Teams an die Veranstaltungsorte schickt – von ARD und ZDF.


Was hat das mit dem eingangs erwähnten Bauchnabel zu tun, um den in Deutschland bei solchen Themen gekreist wird? Das Betrachten desselben füttert ein falsches Selbstwertgefühl und fördert Verzerrungen in der Einschätzung der wahren Verhältnisse. Nur so lässt sich die Warnung von ARD-Programmdirektor Volker Herres erklären (zitiert nach Gäbler): “Sollte es zu einem Verlust der Fernsehrechte an den Olympischen Spielen kommen, würde dies zahlreiche, vor allem kleinere Sportarten, entwerten. Wir würden unser Engagement zwischen den Spielen für jede Einzelsportart überprüfen.” Da fragt man sich: Warum so lange warten? Warum wird nicht bereits jetzt überprüft? Oder anders: Warum wurde es nicht schon vor Jahren getan?


Dass es dem IOC um viel Geld geht, ist spätestens seit 1984 klar, als die Spiele von Los Angeles erstmals in der Geschichte der Spiele enorme Überschüsse erwirtschafteten. Dass Superstars die Plattform bevölkern dürfen, um Publikum neugierig zu machen, wurde 1992 etabliert, als das Dream-Team der USA den Rest der Welt mit attraktiven Basketball an die Wand spielte. Die Veränderungsprozesse gehen weiter. Wozu gehört, dass inzwischen das ganze antiquierte olympische Sammelsurium aus Kanu und Judo, Segeln und Tontaubenschießen nur noch dann als medienrelevant wahrgenommen wird, wenn es Event-Charakter bekommt. Auch das ist nicht neu. An dem Rad haben die Öffentlich-Rechtlichen doch gerade in Deutschland bis zum Erbrechen selber gedreht –mit den Klitschkos und anderen Import-Boxern aus Ländern, in denen die ARD und das ZDF von niemandem empfangen werden. Wenn das Gebührenfernsehen eine Chance auf Neubesinnung im Umgang mit Sport hätte, dann jetzt. Jetzt, da ihm vom IOC die kalte Schulter gezeigt wird. Dazu müsste man aber den Kopf nach oben bringen und nach vorne schauen. Am besten in die Zeit nach 2016. Wenn die Olympischen Spiele unter der Last des eigenen Größenwahns zusammenfallen.

(Dieser Text ist gleichzeitig bei carta.info erschienen, dem Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie, der in Berlin produziert wird und vor ein paar Wochen mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Redaktion & Autorschaft ausgezeichnet wurde.)

16. April 2009

Madden macht Schluss

Eine Ära der Livesportberichterstattung in den USA geht zu Ende. Mit 73 Jahren will Football-Fachmann John Maden das Mikrofon aus der Hand legen und sich zur Ruhe setzen. Der groß gewachsene, voluminöse Herr mit der tiefen voluminösen Stimme und einem Sinn für eine sachliche Beschreibung des Geschehens war einst im Gespann mit Pat Summerall unterwegs gewesen und war mit ihm zusammen zu Fox gewechselt, als Murdoch erstmals Geld für NFL-Rechte ausgab und mit einem Kompetenz-Problem kämpfte. Als Summerall, ein ehemaliger NFL-Kicker und später reiner Play-by-Play-Spezialist, aufhörte, ging er zu Monday Night Football, wo er auf Al Michaels traf. Beide zusammen gingen zu NBC, als MNF zu ESPN wanderte und der Network-Sender das Sonntagabendspiel bekam. Maddens Name dürfte eine nachwachsenden Generation noch lange verfolgen. Das Videospiel, das Electronic Arts unter seinem Namen vermarktet, ist die Nummer eins in dem Marktsegment. Madden war einst als Profispieler Tackle und machte sich als NFL-Coach einen Namen, als er mit den Oakland Raiders 1976 den Super Bowl gewann. Seine Siegesquote kann man sich heute, in einer sehr viel ausgeglicheneren Liga, kaum noch vorstellen: 76,3 Prozent. Maddens Flugangst hielt ihn übrigens nicht davon ab, seine Jobs wahrzunehmen. Als Fernsehmann leistete er sich einen eigenen Bus, mit dem er kreuz und quer durch die USA von Termin zu Termin gondelte.

Maddens Stil, der sich als Werbebotschafter für Geld jedwedes Produkt anpries, bot sich für Paroedien an. Hier ein Sketch bei MadTV:

Die Sache mit dem Bus hat NBC in einem Werbespot hübsch verarbeitet: Jerome Bettis, einst bei den Pittsburgh Steelers, heute Fernsehkommentator und mit dem Spitznamen "The Bus" ausgestattet, soll Maddens Reisemobil fahren. Natürlich verfährt er sich.

25. März 2009

Schwarz vor den Augen

...und dann war da noch die Verantwortliche für Volleyball von der University of Southern California, die am Strand in Panama City in Florida plötzlich während eines Live-Fernsehinterviews bewusstlos wurde und umfiel. Zur Zeit ist Spring Break in Amerika. Und Panama City gehört traditionell zu den Hochburgen, in denen extrem getrunken und extrem lange gefeiert wird. Ob dass der Grund war, haben die Fernsehleute nicht ermittelt. So sind sie eben: In Winnenden stürmen sie eine ganze Stadt auf der Suche nach Informationen, die es nicht gibt. Aber wenn jemand neben ihnen umkippt, schalten sie weg. Das muss so sein wie bei Leuten, die nicht hinschauen können, wenn ihnen jemand eine Spritze in die Vene sticht, aber im Kino nicht nahe genug an der Leinwand sitzen können, wenn geballert und gemordet wird.

(via Deadspin)

29. Dezember 2008

Der Klingelbeutel: Wo sich die Balken biegen

• Ein paar Jahre, nachdem die NBA und die NFL ihren eigenen Fernsehkanal an den Start gebracht haben, kommt MLB Network. Ab dem 1. Januar. Und angeblich in 50 Millionen amerikanischen Haushalten. 1. Januar? Seit wann ist das ein wichtiger Termin im Baseball-Kalender?

• EPO und Anabolika im Boxen, was kaum jemand bestreiten würde, aber gerne unter den Teppich gekehrt wird. Diesmal fliegen wahrscheinlich sogar die Fetzen. Victor Conte, der einst als BALCO-Betreiber die erste und beste Adresse für dopende Sportler aus allen Disziplinen war, muss sich diesmal gegenüber Shane Mosley wehren. Vor Gericht.

• Wind im Winter produziert kuriose Bilder aus der Welt des Sports. Das Foto der Woche entstand in Buffalo, wo sich die Goalposts verbogen. Zuviel Wind.

10. Dezember 2008

Neue Dimension

Vor einem Jahr gab es die Premiere, über die dann kaum jemand reden wollte. In diesem Jahr ist zumindest USA Today bereit, das Thema ein wenig bekannter zu machen: Die NBA und 3D. Live-Sport hat schon immer den Technik-Entwicklern in den Medien einen guten Vorwand gegeben, um Geld zu bitten und ihre Ideen umzusetzen. Fernsehen damals bei Hitlers Olympia wäre nur ein Beispiel. Die Wettbewerbe von Mexico City 1968 brachten Farbe. Nachdem nun der Weg Richtung High Definition vorgezeichnet ist und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis jeder Videoamateur in HD dreht, schneidet und den Krempel auf DVD ausspuckt, braucht man ein neues Ziel. Das Bild in drei Dimensionen wird wohl dieses Ziel werden. Die Geräte-Hersteller werden sich freuen. Wie wird denn auch anders spätestens in 15 Jahren der Bedarf für neue TV-Geräte geweckt, wenn alle riesige Flachbildschirme haben? Aber Vorsicht: Schon vor 25 Jahren haben Menschen über Holografie geschwärmt. Und was ist draus geworden? Nicht alles, was man realisieren kann, setzt sich am Ende auch durch.

27. Oktober 2008

Von Toten und Tuten keine Ahnung

In einem Augenblick extremer Umnachtung hat eine Football-Sideline-Reporterin von Fox am Sonntag den neuen Head Coach der San Francisco 49ers vor seinem ersten Spiel gefragt, wie denn das Telefonat mit seinem Mentor Bill Walsh gelaufen sei. Ein Gespräch, dass er doch sicher sofort geführt habe, als er den Job übertragen bekam. Die Frage und die Antwort gingen nie über den Sender, weil jemand in der Regie den großen Schnitzer bemerkte: Die Trainerlegende Walsh ist vor einem Jahr gestorben. Aber sideline hottie Danyelle Sargent verstand überhaupt nicht, was man ihr in den Ohrknopf trompetete: "Was habe ich gemacht? Was war falsch?"

Die Episode lief am Ende trotzdem in New York, weil das fragliche Material über Satellit routinemäßig an alle Lokalfernsehstationen gegangen war. Den Moderator, der vermutlich die Duftnote "mysogyn" trägt, hatte der Lapsus mächtig amüsiert. Was den Top-Typen von Fox wiederum natürlich extrem ärgerte. Vor allem, weil der Schnipsel auf diese Weise zwischendurch auch noch bei YouTube zu sehen war. Über das Hauptproblem ärgert man sich wohl nur hinter verschlossenen Türen: die Neigung der Sender, gutaussehende Frauen von der Straße aufzulesen, sie mit einem Mikrofon zu bewaffnen und den Trainern und Spielern irgendwelche Soundbites zu entlocken. Die Verantwortlichen könnten das ändern. Aber welche Männer wollen überhaupt diesen undankbaren Job?

Nachtrag: Der Videoschnipsel ist wieder aufgetaucht (via The Big Lead). Und er zeigt, dass der Moderator ein Riesenschnösel ist. Er sagt: Wir wollen nicht auf der Frau herumhacken, ehe er auf die Fehler hinweist und sie korrigiert. Warum wurde etwas gezeigt, das andernfalls überhaupt nicht im Fernsehen zu sehen gewesen wäre?

14. September 2008

Doppelgänger for Vice President

Selbst als Michael Phelps bei seinem Auftritt bei Saturday Night Live gestern abend etwas besser war, war er grauenvoll. Aber das muss er mit sich, seiner Mutter und seinem Agenten ausmachen. Und auch nur dann, falls er weiterhin glaubt, aus ihm ließe sich auch nur ein Tropfen schauspielerisches Talent herausquetschen. In jedem seiner nassen Handtücher steckt mehr Humor.

Trotzdem war die Sendung keine Katastrophe. Denn einen Tag später reden alle über den Auftritt von Tina Fey als Sarah Palin. Palin ist die Frau, die der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain für den Posten ds Vizepräsidenten ausgewählt hat, weil er mit diesem Schachzug hofft, die Wahlen im November zu gewinnen. Fey war lange Zeit Autorin der NBC-Comedy-Show und spielte einen Nachrichtensprecher im Traditions-Sketch Weekend Update. Wer Palin sah, als sie vor zwei Wochen zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit in den USA präsentiert wurde, dachte unweigerlich an Fey. Vor allem wegen der Brille. Fey spielt mittlerweile in der Comedy-Serie 30 Rock eine Hauptrolle und kümmert sich nebenbei um ihre Film-Karriere.

Etwas Besseres als diese aktuelle Konstellation konnte ihr allerdings gar nicht passieren. Zumal sie die Gouverneurin aus Alaska bis hin zu diesem nordlichternen dümmlich angestrengten Akzent (nicht unähnlich der Manierismen in Minnesota, die wir im Film Fargo erstmals nachdrücklich serviert bekamen; wenn auch nicht in der Deutsch synchronisierten Version) auf den Punkt zu parodieren versteht. Musst du gucken (Die Figur, die Amy Poehler parodiert, ist Hillary Clinton. Die Ähnlichkeit ist sehr viel weniger überzeugend, aber in diesem Fall auch nicht so wichtig. In ihrer Rolle funktioniert sie sowieso nur als Stichwortgeberin):





Mehr zu Palin gab es bereits hier.
Nachtrag: NBC hat die meisten konventionellen Wege gesperrt, das Video anzuschauen. Bei Hulu, wo sehr viele Sketche von Saturday Night Live laufen (mit vogeschnallter Werbung), gibt es allerdings den kompletten Auftritt.

2. September 2008

Gut abgekocht

Zufällig efunden und für ziemlich gut befunden: Wie man mehrere deutsche Pappnasen per Parodie in einem Aufwasch gut abkocht:

23. August 2008

Phelps und Hitler damals in München...

Für manche Leute passt einfach zu jeder Geschichte ein Hinweis auf Adolf Hitler:

Hier mehr Hintergrund-Informationen.

10. August 2008

Der Klingelbeutel: Wasser. Marsch

• Hillary Clinton hat mal ein Buch geschrieben, das von der These zehrte, dass man ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen. Jetzt erscheint ein Buch über die Aufzucht von erfolgreichen Sportlern. Und siehe da: Es sieht ganz so aus, als ob ein ganzes Dorf bei der Arbeit nur stören wurde. Man braucht vor allem Eltern und Trainer. Und im Fall von Michael Phelps noch jede Menge Chlor.

NBC hat bei der zeitversetzten Übertragung der Eröffnungsfeier in Peking mehr als 30 Millionen Zuschauer bei der Stange gehalten, mehr als in Sydney und Athen. Die Werbekunden sind happy.

• Journalisten aus anderen Ländern sehen die Spiele durch eine besonders schöne Brille: Sie begeistern sich an den Darbietungen ihrer Landsleute in der Arena. Das gilt für die Chinesen beim Turnen. Und für die Briten beim Schwimmen und die Spanier beim Radrennen. Die letzte Beobachtung stammt von Jens Weinreich, der seit Tagen in Peking über viele Kanäle das Geschehen beschreibt: in den Zeitungen das Nachrichtliche, in seinem Blog die Erlebniswelt des reisenden Journalisten im fremden Land. Der Blog ist bester Lesestoff für alle, die nicht glauben wollen, dass sie im Fernsehen ein ausreichend informatives Bild der Spiele geboten bekommen. Und sicher auch für Verlagsmanager, die wissen wollen, wie die Zukunft des Journalismus im Internet aussehen wird.

• Argentinien gegen Australien im Fußball hatte hohen Unterhaltungswert. Vor allem so lange wie Riquelme, Messi und Co. das Tor down under nicht fanden (Stichwort Schadenfreude, Daumendrücken für den Außenseiter etc.). Das entscheidende 1:0 von Ezequial Lavezzi kurz vor Schluss war allerdings ein Genuss – eine spontan ersonnene flinke Kombination vor und im Strafraum mit einem Querpass, einem zarten langen Lupfer von einer Flanke und einem donnernden Flachschuss aus zwölf Metern. Die Amerikaner hatten das Match live im Fernsehen auf einem der drei Kanäle, die heute zeitweise parallell eingespannt wurden. Die Sache mit Messi und seinem Arbeitgeber Barcelona wird übrigens noch ein kleines Nachbeben haben. Der Reuters-Blog weiß mehr.

8. August 2008

Am Nasenring durch die Manege

Ah, schöne neue Welt des verwalteten, exklusiven Senderechts. Während sich der Rest der Erdbevölkerung entweder interessiert oder grimmig oder auch nur ganz ambivalent die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking anschaut, warten wir in den USA auf den heutigen Abend. NBC hat zwar Reporter vor Ort, darunter die Pappnasen, die jeden Morgen (unserer Zeit) stundenlang die Today Show moderieren. Die reden live und vor ausgewähltem Pekinger Hintergrund über alles mögliche, aber zu zeigen haben sie nichts.

Warum ist das bizarr? Weil nach jedem Unglück an einer Kohlengrube in West Virginia oder Utah stundenlang auf allen News-Kanälen Reporter vor Ort vor der Kamera stehen und jedes bisschen Information, jedes Gerücht, jede Menschenseele, die sich entäußern möchte, über die Sender jagen. Und zwar stundenlang, unterbrochen von Werbung und Interviews mit zugeschalteten Experten. Jede Polizeiverfolgung auf der Autobahn in Los Angeles wird aus dem Hubschrauber ausgedehnt live gezeigt. Bei O. J. Simpsons Fahrt damals wären sich die Helikopter fast gegenseitig ins Gehege gekommen. Beim Tsunami im Indischen Ozean haben sich alle überschlagen, Amateur-Videos aufzutreiben, um das Unglück so schnell und so illustrativ wie möglich nachzeichnen zu können. Bei jedem Krieg der Amerikaner sind die Reporter dabei, ob eingebettet oder solo. Sie liefern Bilder, Eindrücke, O-Töne. Sie liefern das Abbild von Ereignissen.

Auf diese Weise ist die Medien-Arbeitsphilosophie der digitalen Welt entstanden: schneller, lauter, permanenter und zwar auf mindestens drei Kanälen (CNN, MSNBC, Fox News) gleichzeitig. Oder wie im Fall der rauchenden und wenig später kollabierenden World Trade Center Türme im September 2001 in New York auf mindestens zehn Kanälen. Natürlich hat diese Informationskultur längst den Medienverbraucher geprägt. Der weiß inzwischen ganz genau: Was wirklich wichtig ist, läuft auf allen Kanälen, gleichzeitig und wird mit einer besonderen Darstellungsenergie präsentiert. Auf diese Weise wurde Amerika darüber informiert, dass die Regierung die armseligen Menschen im überfluteten New Orleans ignoriert hatte. Die Reporter und ihre Kameras waren da. Die Hilfsorganisationen waren sonstwo.

Was hat das mit den Olympischen Spielen zu tun? Ganz einfach. Die sind dabei, sich angesichts einer veränderten Medienlandschaft zumindest in den USA ihr eigenes Grab zu schaufeln. Es mag zwar rechnerisch und wirtschaftlich für NBC noch immer aufgehen, dem IOC 800 Millionen Dollar zu überweisen, um exklusiv senden zu können. Aber NBC wird auf diese Weise und trotz der aktuellen Strategie, auf vielen Kabelkanälen des Konzerns Live-Bilder auszustrahlen, nicht mehr dem Anspruch der Veranstaltung gerecht, etwas Besonderes zu sein. Das kommt davon, wenn man andere Sender aussperrt und ihnen nicht gestattet, das Ereignis mit hochzuhypen.

Ein Beispiel: Als Football-Quarterback Brett Favre vor ein paar Tagen durch die Lande tingelte und niemand wusste, bei welchem Club er landen würde, hatte ESPN eine ganze Handvoll von Leuten im Einsatz. Foxsports schaffte den Scoop: Favre zu den New York Jets. Natürlich war der Aufwand trotzdem gerechtfertigt, denn die ganze gossip-verwöhnte Sportnation USA wollte diese Soap Opera genüsslich auflecken. Live-Bilder von der Ankunft des Favre-Flugzeugs in New York wurden bei MSNBC als "Breaking News" ausgetrahlt. MSNBC ist ein News-Kanal im NBC-Verbund. Ja, auch der spielte mit bei diesem Spiel. So absurd es sein mag: Favre ist unter News-Gesichtspunkten betrachtet wichtiger als die kompletten Olympischen Spiele. Letzter Beleg für diese These: Was machte Comedy Central in der Daily Show? Es beschäftigt sich mit dem Overkill im Fall Favre, nicht mit Olympia.

Selbst die PGA Championship in Bloomfield Township bekommt im Fernsehen (auch dank des Golf Channel) mehr Aufmerksamkeit als die Olympische Spiele. All das absorbiert Neugier und Interesse und wird ganz bestimmt nicht von der Arbeit der Zeitungen und ihren Korrespondenten aufgewogen. Die wirken vor dieser medialen Kulisse bestenfalls wie die unentwegten Artisten und Dompteure mit ihren Tieren, die der Zirkus immer vorschickt und durch die Straßen der Stadt laufen lässt, ehe er sein Zelt aufbaut. Natürlich werden in den kommenden Wochen ein paar Millionen in den USA die Olympischen Spiele im Fernsehen einschalten. Aber die werden nichts spüren von der behaupteten Magie und dem angeblichen Geist der Spiele, auch wenn sie von den Programmmachern von NBC am Nasenring durch die Manege geführt und mit der Vorstellung gefüttert werden, dass Jacques Rogges Festival ein Spektakel von Belang sein soll. Es mögen ja 10.000 Sportler in Peking sein und 25.000 Journalisten und 2 Millionen Sicherheitskräfte. Aber diese Dimension kann man heutzutage nur dann vermitteln. wenn man die geballte Macht der Bilder inszeniert, mit Hubschraubern, Zuschaltungen von Reportern über News-Kanäle und dem ständigen Geräusch aus der Gerüchtekammer von ESPN und seinen fleißigen Rechercheuren. Das Monopol ist tot. Nur der Termin für seine Beerdigung steht noch nicht fest.

2. August 2008

Anatomie eines Nummerngirls: Die Erin-Andrews-Geschichte

Das amerikanische Fernsehen ist eine Heimstatt vieler kleiner, unterdrückter Wünsche. Das sorgt für phantastische Resultate wie den Sitcom-Klassiker Seinfeld, aber auch für ganz viel Schrott. Wovon man sich in Deutschland leicht übezeugen kann. Es wird ja noch immer auf Teufel komm raus in den USA Material angekauft und ausgestrahlt. Im amerikanischen Sportfernsehen, das wie in der Steinzeit des Mediums noch immer fast alles live sendet, dealt man natürlich auch in Wünschen. Die hatten aber aufgrund des Themas meistens nur sehr beschränkt mit den großen Geschmacksverstärkern des Konserven-Fernsehens zu tun: mit Erotik und Gewalt (und mit Humor, dem dritten Gleis des gescripteten Film- und TV-Geschäfts). Die Spannung von Sport, das Ungewisse, die Athletik schien Faszination genug.

Das heißt nicht, dass es immer so weiter geht. Erotik, zum Beispiel, lässt sich schließlich trotzdem ganz gut hineinzwängen in das Paket, hauptsächlich, in dem man eine junge, gut aussehende Frau nach der anderen in eine Rolle hineinhievt, für die es auf Deutsch noch gar kein richtiges Wort gibt. Man nennt sie sideline reporter. Die Männer, die sich in dieser Nische des Berichterstattungswesen einen Namen machen konnten – wie ein gewisser Jim Grey – sahen in dem Job noch eine regelrechte Aufgabe: einen Dialog aus Soundbites zu produzieren, den ein Hauch von kritischem, hinterfragenden Denken umweht. Solche Leute kommen jedoch oft eher misanthropisch rüber. Zumal die Sender bekanntlich die teuren Rechte an den Sportveranstaltungen nicht kaufen, um die Zuschauer mit allzuvielen Zwischentönen und dem Konzept einer neutralen journalistischen Darstellungsweise zu verwirren. Cheerleader machen sich da viel besser.

Und so erleben wir schon eine Weile das Phänomen der sidelinehotties, personifiziert durch Erin Andrews, eine Blondine mit langen wallenden Haaren und einer angenehmen Stimme, die sich bei ESPN innerhalb weniger Jahre aus den Katakomben des College-Sports hochgearbeitet hat. Sie ist die Speerspitze der Bewegung. Vorzeigestück und vorläufige Nummer eins in der eye-candy-Abteilung des US-Sportfernsehens.

Anfänglich hatten nur die Sportblogger und ihre Kundschaft ihre Augen auf die Frau geworfen und 2007 fast schon eine Hysterie ausgelöst, die an jene Zeit erinnert, als sich pubertierende Jungs noch in der Unterwäsche-Abteilung des Otto-Katalogs die Anregungen für ihre feuchten Träume holen mussten. Die Erin-Andrews-Anatomie in Bildern: hier und hier und hier die schlüpfrige Reaktion von Zuschauern per Plakat bei einem Match: "Erin Andrews loves the hardwood". Ein Basketballtrainer in Tennesse konnte irgendwann nicht mehr seine Hände bei sich behalten und produzierte diesen Auftritt, der bei YouTube die Runde machte. Prognose: Es wird nicht mehr lange dauern, und Leute werden Sportübertragungen anschauen, um Erin Andrews zu sehen. Nicht wegen des Sports.

Auf dem Weg zu diesem Ziel ereignete sich letzte Woche eine Begebenheit, die hauptsächlich die Blogger und ihre Kundschaft in Aufregung versetzte. Ein gestandener Sportjournalist namens Mike Nadel hatte beschrieben, was er in der Umkleidekabine der Chicago Cubs gesehen hatte: Erin Andrews bei der Arbeit, in einem attraktiven Sommerkleid mit Ausschnitt und hohem Saum, hochhackigen Schuhen und mit einer offenherzigen Kontaktfreudigkeit im Umgang mit Spielern, die ältere glatzköpfige Reporter nicht hinbekommen. Nadel kann man nur dafür bewundern, dass er sich das Thema nicht entgehen ließ, nachdem Cubs-Manager Lou Pinella einen Spruch für die Ewigkeit abgelassen hatte, als er Andrews sah: “Hey, hey, hey! Look at this! Are you doing a baseball game today or a modeling assignment?” Denn das Erscheinungsbild der Fernsehfrau inmitten von Sportreportern in ihren verwaschenen T-Shirts und Polohemden, in Shorts, wie sie Kinder anziehen ist, kein Testament für guten Geschmack und Stil. Anders gesagt: Es fällt nicht schwer, sich von der am schlechtesten angezogenen Berufsgruppe in der Welt amerikanischer Bürojobs (den Sportschreibern) auffällig abzusetzen. Da kann man es wohl auf den ersten Sitz nicht einer Frau ankreiden, die fürs Fernsehen arbeitet und die Wert aufs Erscheinungsbild legt, dass sie sich geschmackvoller und ausgewählter anzieht als die dickbäuchigen Kerle aus dem Printbereich. Weshalb sollte sie Klamotten tragen, in denen sie aussieht wie ein Hobo auf der Durchreise?

Wie Nadel angezogen war, wissen wir nicht. Dazu hat er nichts erwähnt. Aber darum sollte es am Ende auch wohl gar nicht gehen. Weshalb sich sein E-Mail-Interview mit Deadspin, in dem seinen Blickwinkel ziemlich gut darlegt, auch mit anderen Dingen beschäftigt. Darunter auch mit solchen, die in seinem Text nicht angeklungen waren: zum Beispiel den Nummerngirl-Charakter einer Frau, die nichts Bemerkenswertes leistet, um Zuschauern das Spiel wirklich näher zu bringen, aber so tut, als habe sie eine journalistische Mission. "Maybe we are supposed to totally dismiss the journalism aspect of it and look at it strictly as entertainment - as if she were the card girl at a boxing match. Maybe that's what Disney/ESPN wants. That's a sad commentary in its own right."

Und dann fügte er noch etwas Bemerkenswertes hinzu: Dass Figuren wie Erin Andrews und ihre Haltung zum Beruf vermutlich anderen Frauen in der Branche das Leben schwerer machen, weil sie die Standards verschieben. Vor allem wenn Aussehen und Flirtfähigkeit bei der Besetzung der Stellen von sideline reporters die eigentliche Frage überschatten: Was leisten sie denn? Nun, sie leisten ihren Teil, um ihren Bekanntheitsgrad als TV-Personality zu steigern. Erin Andrews hat inzwischen reagiert. Was hat sie zu sagen?

Über die Spieler, die sie als attraktives Sexobjekt betrachten: “If anything, I think these guys look at me like a little sister or one of the guys. … I don’t look at myself as a sex object. I’ve never carried myself in that way." Über ihren Wert als Reporter: “I’m no dummy. I’m conscious that every day I have to prove myself. Being a woman, I thought at some point we were all past this. I’m not going to change. I can’t change. ESPN puts me on the best games not because of the way I look, but because they trust me."

Nein, sie ist nicht blöd. Aber sie redet am Thema vorbei. Tatsächlich weiß sie ganz genau, dass ihr Aussehen der entscheidende Faktor für ihren Erfolg ist. Sonst hätte sie nicht in der Vergangenheit diesen Satz zu Protokoll gegeben: "I know there’s only a certain time frame you have. I’m just waiting until the next big thing walks in. I’m sure she will, and she’ll be younger and hotter and everybody will freak out. And I’ll be like, “Wait a second, I thought I was a goddess!”

Hier eine Frau, die zeigt, wohin die Reise geht, wenn die Fernsehsender vor allem Leute auf Sportler ansetzen, die in Fuck-Me-Klamotten ihren Job versehen: Ines Sainz aus Mexiko (Sender: Azteca) beim Super Bowl.

28. Juni 2008

Quoten hoch dank Euro

Der Hinweis auf diesen Post kam von Kommentator sunny2k1 bei allesaussersport, verdient aber vielleicht noch mehr Beachtung. Denn die Essenz lautet: die Live-Übertragungen von der Fußball-Europameisterschaft in den USA waren ihren Einsatz wert. Alle Begegnungen gingen bei ESPN und seinen unterschiedlichen Kanälen über den Sender, zwei (inklusive des Finales am Sonntag bei der Network-Schwester ABC.

Warum ist das wichtig?

Erstens, weil die treibenden Kräfte bei ESPN International, die sich seit Jahren sachte, aber sicher in den europäischen Markt vortasten, ihren Bossen bei Disney dokumentieren können, dass Fußball funkt, selbst wenn keine amerikanische Mannschaft mitmacht. Die Quoten sind auch deshalb nicht von Pappe, weil man sie nachmittags an Werktagen einfahren konnte und weil man an einem Tag sogar die Golf-Konkurrenz geschlagen hat.

Zweitens, weil auch dieser Zyklus (nach der Arbeit während der WM vor zwei Jahren) gezeigt hat, dass man sich in der Beschäftigung mit Fußball endgültig von dem Bild eines imaginären Zuschauers gelöst hat, der nichts von Fußball versteht. Auch wenn Co-Kommentator Andy Gray im Studio in Bristol in Connecticut saß, gab er einen sachverständigen Eindruck. Der Schotte, an dessen ausgeprägten Akzent sich Amerikaner gewöhnen mussten und der sonst in England die Premiere League mitüberträgt, repräsentiert einen neuen Standard für USA-Fernsehen. Das kam an und fiel auf.

Drittens, so etwas stärkt die Hand von ESPN, sollten sie ernsthaft um die Fernsehrechte der Premier League mitbieten. Und erst recht, falls sie sie bekommen und die Spiele in den USA ausstrahlen (mal abgesehen davon, was sie in Europa mit den Rechten anstellen würden, ob sie die weiterreichen oder eigene Kanäle aufbauen oder existierende Läden wie DSF aufkaufen). Wie sich die Begeisterung der Amerikaner für Fußball entfachen lässt, konnte man im letzten Jahr mit dem Auftauchen von David Beckham sehen. Der Hollywood-Paparazzi-Lärm rund um seinen Wechsel ist zwar inzwischen abgeflaut. Aber LA Galaxy hat noch immer zuhause die Bude voll. Die Mannschaft spielt besser und wird in den Playoffs sicher wieder mehr Leute neugierig machen. Bilder aus der Premier League (wie jetzt schon aus der Champions League), erhöhen das qualitative Angebot im Fernsehen für jene Amerikaner, die Fußball mit Sachverstand verfolgen (davon gibt es immer mehr) und legt den Schalter endgültig um – weg von der dümmlichen Theorie, dass man auf dem Niveau eines Peripher-Zuschauers arbeiten muss.

Viertens: Im nächsten Jahr gibt es eine Neuauflage der Frauen-Profiliga. Das hat direkt überhaupt nichts mit der EM zu tun, aber indirekt eine Menge. Frauen sind in den USA das Reservoir schlechthin für das Interesse an der Sportart. Denn die amerikanischen Frauen spielen im sportlichen Weltmaßstab eine Rolle und verfügen über hervorragenden Nachwuchs.

Trotzdem ist die Resonanz von der EM ein wenig durchwachsen. Man schaue sich nur mal den Erfolgs-Blog The Big Lead und seine Prognose für die Viertelfinalbegegnungen an: Da lag man so daneben wie schon gar nicht mehr danebener geht. Vier Spiele und vier falsche Vorhersagen spricht nicht für Kompetenz.

23. Mai 2008

Mr. Jordan hat den Blues

Der amerikanische Journalist Pat Jordan ist ein guter Schreiber. Wenn auch einer, der zunehmend mit den Macken der Zunft hadert. Was nicht nur an seinem Alter liegen kann. Eher schon an seinen Idealvorstellungen von einer Welt, in der Magazinautoren viel Geld dafür bekamen, relativ wenig zu schreiben, und bei ihren Ausflügen in den Alltag des Profisports viel Zeit zugestanden und alle Spesen erstattet bekamen. Das funktionierte solange wie Magazine wie Sports Illustrated mit ihren langen Porträts das Image von Athleten nachhaltig geprägt haben und stark und unabhängig auftraten und sich Autoren suchten, die Lesestoff ablieferten, dem man anderswo nicht finden konnte.

In Deutschland hat man dieses Paradies nur ein paar Jahre gehabt. Damals, als das Monatsmagazin Sports existierte und seinen Lesern eine ungewöhnliche Wundertüte aus Reportagefotografie und abgelegeneren Themen servierte. Es war wirtschaftlich nie tragfähig und wanderte irgendwann auf den Zeitschriftenfriedhof. In den USA hingegen enstand im Magazinsektor eine ganze Ära, die obendrein noch ein anderes Medium belebte: Sportswriting in Buchform - die Idolisierung von Athleten zu kulturellen Meilenstein durch das gedruckte Wort.

Aus der Halbdistanz konnte man so etwas einfach nur bewundern. Genauso wie man es bedauert, wenn es sich überlebt und nur noch ein paar sentimentale Gedanken abwirft, die der besagte und begabte Pat Jordan jetzt in Slate abgeliefert hat. Sein Fazit: das Fernsehen hat die Athleten zu einer Art von Hollywood-Stars gemacht, weil es einerseits die extrem hohen Gehälter finanziert und andererseits durch seine Quickie-Interview-Kultur die Aktiven in dem Gefühl bestärkt: Es gibt nur ein relevantes Medium. Die vielen Jungs von der Print-Karawane sind nur Schmeißfliegen oder Kamele. Ihrer Kunst misst niemand mehr einen besonderen Wert zu.

Mal abgesehen von der Sentimentalität, die solche Entwicklungen bei jenen auslösen, die sich gerne daran erinnern, dass alles mal viel schöner und besser war: Jordan hat mit seinem Blues ungewollt eine Erklärung dafür geliefert, weshalb Sportblogs so populär sind. Tatsächlich hat das geschriebene (vormals gedruckte) Wort nämlich überhaupt nicht seine Bedeutung im Kontext des Medienalltags verloren. Es kommt einfach ohne direkten Zugang zu den nicht mehr zugänglichen Sportlern daher. Es entsteht in den Köpfen der Leute, die sich ihren Teil denken, wenn sie Fernsehübertragungen und Nachrichten verfolgen. Und es hält sich nicht auf mit dem Problem, dass man Spiele live in der Arena sehen muss, wo sie doch im Fernsehen viel informativer abgehandelt werden. Es ist auch keine ausgiebige, langwierige, analytische Betrachtungshaltung mehr, die sich darum bemüht, eine ohnehin nur beschränkte Zahl von Archetypen des Sports so hautnah wie möglich zu beschreiben (Archetypen wie den Sieger, den Verlierer, den Aufsteiger, den Comeback-Meister, den Durchgeknallten, den Philosophen oder den Clown). Sondern es handelt sich um spontane, improvisierte, vergnügte, inspirierte Einmischung. Eine, die sich im optimalen Fall schamlos und rücksichtslos über diese Einschränkungen hinwegsetzt, über die ein Mann wie Pat Jordan zu Recht klagt: Dass man nicht mehr an die Stars herankommt (wie früher). Und dass sie einem wenn überhaupt, nur wenig Zeit schenken.

Zu diesem Thema wird es sicher immer mal wieder etwas zu Schreiben geben. Für heute sollte der Hinweis auf den Jordan-Text genügen (via The Big Lead). Über Jordan kann man natürlich auch etwas lesen, nämlich hier.

14. März 2008

Unfreiwilliger Salto

Niemand weiß, wie riskant und mühsam die Arbeit von kanadischen Fernsehreportern wirklich ist. Meistens ist Winter. Viele Leute schauen US-Programme - also nicht zu. Und jedes Mal, wenn man nach Quebec zum Termin muss, darf man auch noch sein Französisch auspacken. Und dieser Alltag wird dann noch von Mutproben unterbrochen, die auf die Knochen gehen. Und zwar live. Und dann lädt das Ganze auch noch jemand ins Internet. Yikes.

7. Februar 2008

Canale Grande - ganz großes Kino

ESPN ist der selbst ernannte World Wide Leader in Sports, aber wirkt oft genug wie der Canale Grande mit dem Geruch venezianischer Abwässer. Wenn man erlebt, was hin und wieder über den Bildschirm geht, kann man sich ausmalen, welche Kämpfe hinter den Kulissen ablaufen müssen. Dieses Beispiel zeigt, welches geistige Format Sean Salisbury besitzt, der ehemalige NFL-Quarterback, der aus der Tiefe seines Brustkorbs viel heiße Luft hochpumpt und laut ausatmet. Salisbury soll übrigens mal sein Geschlechtsteil mit dem Mobilelefon fotografiert haben und dann einen Teil der weiblichen Belegschaft des Senders mit dem Bild zu beeindrucken versucht haben. Der Mann auf der rechten Seite ist John Clayton, wahrlich keine Fernsehschönheit, aber ein fleißiger Rechercheur und ehemaliger Printjournalist, der vermutlich doppelt so viel im Hirn hat wie Salisbury. Die Debatte dreht sich um Jeremy Shockey den lautmauligen Tight End der New York Giants, der vor Wochen mit einem Wadenbeinbruch ausfiel und beim Super Bowl auf der Tribüne saß. Das Schimpfwort an die Adresse von Clayton - crypt keeper - sollte man vielleicht noch erklären. Es spielt an eine Figur aus der Fernsehserie Geschichten aus der Gruft an.