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6. April 2008

Blogger leben gefährlich

Heute auf der Titelseite der New York Times: eine Geschichte über Blogger, die neuerdings wie die Fliegen sterben. Oder sagen wir: Wie ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen, die sich selbst nicht genug schonen. Diese Bloggerei in den USA, mit der ein paar Leute inzwischen durchaus ernstzunehmende Beträge verdienen, bringt völlig neue Probleme für Leute, die sich selbst nicht gut genug einschätzen können. Wer die Sache zu ernst und zu wichtig nimmt (und sich dabei extrem selbst ausbeutet), verliert irgendwann den Bezug zu einer existenziellen Erfahrung, die jeder Mensch mit der Fähigkeit zum Nachdenken eigentlich haben sollte: Immer nur Output geht nicht. Und das Lesen von anderen Webseiten ist kein Input, der das ersetzen könnte, was man körperlich und geistig braucht, um zu leben, sondern es ist eine riesige Menge Stoff, den man mit Vorsicht genießen sollte.

10. November 2007

Zum Tod von Norman Mailer

Worüber denkt die Welt wohl heute lauter nach? Dass eine Assistentin von Linda Stein gestanden hat, dass sie ihre Arbeitgeberin im Affekt erschlagen hat? Dass Norman Mailer gestorben ist? Dass der Mann, der mal Chef der New Yorker Polizei war und beinahe der erste Chef der nach dem 11. September begründeten amerikanischen Mega-Sicherheitsbehörde mit dem komischen Namen Homeland Security geworden wäre, vermutlich ins Gefängnis muss? Oder über den Autoren-Streik in der Film- und Fernsehbranche, der das Land demnächst noch stärker bewegen wird, wenn man sich an den Wiederholungen leid gesehen hat und es aus der Produktionspipeline für die Kinos nur noch tröpfelt? Oder doch über die fallenden Aktienkurse, die eine gewisse Nervösität offenbaren, die man in den USA so gerne wegwischen würde?

Das ist kein Samstag nach dem Geschmack eines Sportbloggers, der sich gerne auf die anstehenden Ereignisse aus der NFL und der NBA einlassen möchte. Obwohl man beim Nachdenken über Mailer und seine gigantische Schreibleistung natürlich unweigerlich bei seinen Texten über das Boxen landet. Oder zumindest - für Eilige - bei einem Interview wie diesem, das vor ein paar Jahren entstand und mit einem kleinen Foto dekoriert wurde, das Mailer beim Sparring zeigt. Mailer hat nie wieder ein besseres Buch geschrieben als Die Nackten und die Toten (obwohl er viele geschrieben hat). Er war als Reporter und Essayist einfach stärker, klarer, massiver und sprach da eine so deutliche Sprache. Was sich unter anderem in seiner Einschätzung vom Boxen widerspiegelt:
"Es ist einer gegen einen. Boxen hat deshalb viel mit Schach und Football zu tun. Über einem Schachspiel zwischen zwei guten Spielern hängt die Erniedrigung des Verlierens. Diese Erniedrigung ist beim Boxen sogar noch größer...Es ist fast wie ein ganz bestimmter Mut des Blutes, der sehr tief sitzt. Das fasziniert uns am Boxen. Es ist die Seite am Boxen, die von Leuten nicht verstanden wird, die sagen: 'Ich hasse Boxen. Es ist so brutal.' Es ist das Ausmaß an Intelligenz und Disziplin und Zurückhaltung, das dabei mitspielt. Deshalb betrachte ich Boxen als gesellschaftliches Gut und nicht als gesellschaftliche Krankheit."
Blick zurück: Ein Mord, der einem nahe geht

14. August 2007

Sterben wie die Fliegen: Wrestler leben gefährlich

Wie so viele Seuchen verbreitete sich auch diese eher still und heimlich. Mittlerweile stehen die Signale auf Alarm: Besonders nachdem soeben in Tampa der nächste Muskelmann, der als sogenannter Wrestler sein Geld verdient hat, aus bislang noch nicht geklärten Gründen einfach gestorben ist. Brian Adams, genannt Crush, wurde mal gerade 44. Er hatte vor vier Jahren die Arbeit im Ring aufgeben müssen, nachdem er sich eine Wirbelsäulenverletzung zugezogen hatte. Adams gehört zu insgesamt fast 100 Toten aus der Wrestling-Szene seit 1985, die nicht das Rentenalter erreicht haben. Solch dramatischen Zahlen gibt es in keinem anderen Zweig der Unterhaltungsindustrie. Ein paar Fälle hat USA Today mal vor ein paar Jahren zusammengestellt, die einen klaren Trend zeigen: Missbrauch von Anabolika, Schmerztabletten und anderen Drogen holen die Kraftmenschen irgendwann ein. Das spektakulärste Ereignis war unlängst der Doppelmord des Kanadiers Chris Benoit, der im Juni in seinem Haus in Georgia zuerst seine Frau und seinen siebenjährigen Sohn umbrachte und anschließend sich selbst. Die jüngste Nachricht zu diesem Thema: Die Polizei ermittelt bei Benoits Arzt, der offensichtlich Rezepte en masse verschrieben hat.

Inzwischen scheint sich wenigstens der amerikanische Kongress für das Thema zu interessieren, nachdem sich die Betreiber der Veranstaltungsserien nicht um solche Dinge kümmern und schlechte Schlagzeilen nur als geschäftsschädigend abtun. Der wichtigste Kasper im Hintergrund ist Vince McMahon, über den man hier eine lange und kritische Abhandlung finden kann. Er wurde leider vor ein paar Jahren trotz eigenen Anabolika-Missbrauchs frei gesprochen. Wenn die Geschworenen damals etwas härter zugepackt hätten, wäre der Spuk vermutlich schon lange vorbei. Das Schicksal droht der Show-Disziplin ohnehin. Auf dem Vormarsch in den USA: Mixed Martial Arts (mehr darüber bei einer anderen Gelegenheit).

14. Mai 2007

Der Glaube an die Kraft der Gene, Folge XY: Diesmal Bode Miller

Der weit verbreitete journalistische Kotau vor den Söhnen und Töchtern berühmter Sportler ist hier bei anderer Gelegenheit schon mal aufgegriffen worden. Einen ähnlichen Fall hatten wir vor ein paar Tagen: Da ging es um Dale Earnhardt jr. und sein geschäftlichen Ambitionen. Die vielen Moritaten über das Famlienleben von Proto-Sportlern und dieser fast schon nazimäßige Glaube an die Kraft der Gene, die uns zwei Jahrtausende Aristokratie beschert haben und nur mit viel Feuer und Flamme seitens unserer bürgerlichen und proletarischen Vorfahren in ihre Latifundien exiliert wurden, kann man noch übertreffen. Heute in der New York Times: Die Geschichte über einen Vetter von Bode Miller, der am Wochenende einen Polizisten erschossen hat und anschließend von einem Passanten mit der Waffe des Polizisten erschossen wurde. Der Tatort: Easton in New Hampshire, wo Miller und sein Cousin namens Liko Kenney aufgewachsen sind. Die verwandtschaftliche Beziehung: über die Mutter, deren Clan vor zwei Generationen in diesen abgelegenen herben Teil Amerikas gezogen ist und deren Angehörige offensichtlich eine antiautoritäre Einstellung gemein haben. Hat nicht auch Bode Miller so etwas Aufsässiges? Hat er sich nicht gerade offiziell aus dem US-Skiverband verabschiedet, weil er deren Auflagen nicht akzeptieren kann? Kommt man da nicht ins Grübeln?

Gewiss, aber erstens vor allem über die Menge an Platz, die die Zeitung diesem für amerikanische Fälle ziemlich alltäglichen Kriminalfall widmet. Und zweitens wegen der Chuzpe, die Familiengeschichte in einen Topf zu werfen: Auf Englisch heißt das dann: "the family’s outlaw mystique". Übrigens in der ganzen Geschichte kein Wort darüber, ob die beiden Burschen überhaupt ein näheres Verhältnis zueinander hatten (so etwas steht zumindest bei AP, wo man herausgefunden hat, dass Bode schon mal eine Kaution für Vetter Liko hinterlegt hat). Nur dieses Zitat von einem Onkel der beiden: "Bode hat seine Wut sehr nett ins Skifahren kanalisiert. Liko hat das nicht gehabt. Er konnte mit seiner Wut nicht umgehen." Und dann noch dieses Nugget: "Nicht weit von der tötlichen Szenerie befindet sich das Haus, in dem Miller im Schatten des Cannon Mountain aufwuchs." Grandiose Recherchenleistung: Wir stellen per Zitat eine beliebig erklärbare und interpretierbare inhaltliche Beziehung her und legen noch eine geographische Achse nach. Wenn so was in der BILD-Zeitung stehen würde, wäre das einen Eintrag im BILdblog wert. Es steht aber in der New York Times. The paper of record. Dort geht man eben auch gerne hochhackig übern Boulevard und wackelt mit dem Arsch.

Die beiden Fotos von Liko Kenney und dem erschossenen Polizisten stammen von der Webseite der örtlichen Fernsehstation WHDH.

P.S. Dieser Beitrag enthält acht Links. Ein absoluter American-Arena-Rekord.