30. Oktober 2009

Wenn Dummheit bestraft wird

Es ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen, worüber sich Kerry J. Byrne eigentlich beschwert. Da listet er zuerst in einem ellenlangen Artikel eine Reihe von statistischen Auffälligkeiten auf, die allesamt einen eindeutigen Trend bestätigen: Dass die 32 Clubs der National Football League in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zerfallen und dass die oft geäußerte Behauptung der Liga-Führung, man habe Ausgewogenheit ("parity") und Chancengleichheit in der NFL pure Propaganda ist. Und dann beschließt er diesen Beitrag mit der Feststellung, dass das gegenwärtige Regularium mit seinen strengen Salary-Cap-Regeln, den nicht garantierten Verträgen und einer ernormen Mobilität unter den Trainern und Spielern diesen Effekt hat: "Die NFL hat ein System geschaffen, das gut gemanagte Teams belohnt und schlecht gemanagte Teams bestraft. Die Colts, Patriots und Steelers verfeinern weiterhin jahrein, jahraus und eine erfolgreiche Saison nach der anderen dieses System. Die Browns, Lions und Teams (wie zuletzt) die Redskins machen Fehler bei ihren verzweifelten Entscheidungen abseits vom Spiefeld, die dafür sorgen, dass sie auf dem Platz nicht mithalten können."

Was genau ist daran so verwerflich, dass Dummheit für Misserfolg sorgt und Intelligenz für Super-Bowl-Siege? Nun Mr. Byrne sagt es uns: Früher hätten auch die schlecht geführten Clubs zwischendurch eine Chance gehabt, wenn sie kurzfristig viel Geld in die Mannschaft pumpten. Geld sei "der große Gleichmacher".

Wenn man so etwas unter der Rubrikenüberschrift Cold Hard Football Facts auf der Seite von Sports Illustrated liest, runzelt man erst mal die Stirn. Das Blatt, in dem einst Dr. Z. für die Auswertung der harten Fakten zuständig war und Peter King jeden Stein (und seinen schwergewichtigen Korpus) in Bewegung setzt, um den Lesern erhellende Informationen zu liefern, ist jetzt auch eine Anlaufstelle für Dummschwätzer?

Zunächst ist die Beobachtung, dass Denver, New England, Indianapolis und Pittsburgh in den letzten Jahren die NFL dominiert haben, nicht von der Hand zu weisen. Wobei wir aus New England wissen, dass man das geschafft hat, obwohl man ständig gute Spieler und Trainer ziehen lassen musste. Es ist auch richtig, dass Mannschaften wie Denver, Indianapolis und New Orleans in diesem Jahr ein Kunststück fertig gebracht haben, das es noch nicht gab. Drei Mannschaften, die nach sieben Spieltagen ungeschlagen sind.

Wer New Orleans sagt, sollte allerdings vielleicht auch erwähnen, dass diese Mannschaft einst weder mit viel Geld noch mit guten Worten irgendetwas Bemerkenswertes auf die Beine stellen konnte. Sie war das, was die Lions heute sind: abgrundtief schlecht. In sofern kam hier parity zum Tragen. Auch die Arizona Cardinals, die im Februar zum ersten Mal den Super Bowl erreichen konnten, waren früher einfach nur eine Fußmatte für die anderen Clubs. Zur Zeit muss man mit ihnen rechnen.

Erstes Fazit: Wer parity nur an einer Handvoll von Teams misst, die Super Bowls gewinnen, hat keinen Blick fürs große Ganze.

Zweitens: Wer die Tatsache ignoriert, dass die NFL mit 32 Mannschaften, aber nur 16 Spieltagen einen hochgradig manipulierten Spielplan hat, der versteht nicht das kleine Einmaleins der Tabelle. Gute Mannschaften haben nicht nur Erfolg, weil sie gut gemanagt werden, sondern, weil sie im Schnitt leichtere Gegner haben. Pittsburgh trägt vier Spiele pro Saison gegen die Cleveland Browns und die Cinicinnati Bengals aus. Das waren zuletzt Spaziergänge. New England hat im Osten der AFC mit Buffalo und Miami und den Jets zu tun. Auch das waren Aufbauprogramme und keine Leistungstests.

Drittens: Eine Liga mit 32 Teams und mithin 1600 Footballprofis kann nicht auf ewige Zeiten davon ausgehen, dass sie genug gute Spieler anlocken kann. Die Expansion der Liga hat zwangsläufig für eine Ausdünnung der Leistungsdecke gesorgt. Die NHL konnte das gleiche Problem mit dem Import von hochtalentierten Eishockeyspielern aus Europa kompensieren. Auch die NBA vertritt eine Politik der offenen Tür. Major League Baseball holt sich mittlerweile einen erheblichen Teil des Nachwuchs aus der Karibik und lockte gute Japaner an. Welches Reservoir hat die NFL? Den Collegesport in den USA. Trainer und Scouts, die in einer solchen Landschaft die Spieler mit Potenzial und Lernbereitschaft erspähen, erarbeiten sich selbstverständlich auf diese Weise sehr viel leichter ein Fundament für Erfolg. Die Leute mit Tomaten auf den Augen werden als das entlarvt, was sie sind: blind.

Was sollte daran falsch sein?

Kommentare:

Herrmann hat gesagt…

Gute ellenlange Antwort auf einen ellenlangen Artikel. (Der Beitrag ist übrigens ein crosspost von der - normalerweise - ganz hervorragenden Seite coldhardfootballfacts.com http://www.coldhardfootballfacts.com/index.php, darum erscheint er bei SI auch unter der Rubrik CHFF)

Richtig ist sicherlich die Feststellung, daß es ziemlicher Unsinn ist, zu beklagen, daß schlecht gemanagte Teams schlecht spielen.

Völlig falsch ist auch die Behauptung, daß es keine parity mehr gäbe. Es sei denn, Byrne möchte, daß jedes Team genau 8 Spiele gewinnt und 8 Spiele verliert. Langfristig gesehen steht völlig außer Frage, daß parity ganz realiter vorhanden und mitnichten ein Mythos ist.

Ich habe nur zwei Einwände gegen die Argumentationen in Fazit eins und in Fazit zwei.

[quote]Erstes Fazit: Wer parity nur an einer Handvoll von Teams misst, die Super Bowls gewinnen, hat keinen Blick fürs große Ganze.[/quote]

Richtig. Aber genau das macht Byrne ja nicht. Von seinen sechs "Zeichen" lauten die ersten fünf: The frightening pace of blowouts; Last-second thrills and chills are hard to find; The horrifying divide in the standings; The gruesome dispariy on the scoreboard und The bloodbath on the stat sheets. Sie allerdings führen neben den Saints nur ein Beispiel für parity an: die Cardinals, weil sie letztes Jahr im Super Bowl waren.

Herrmann hat gesagt…

Und zum zweiten Fazit: [quote] Wer die Tatsache ignoriert, dass die NFL mit 32 Mannschaften, aber nur 16 Spieltagen einen hochgradig manipulierten Spielplan hat, der versteht nicht das kleine Einmaleins der Tabelle. Gute Mannschaften haben nicht nur Erfolg, weil sie gut gemanagt werden, sondern, weil sie im Schnitt leichtere Gegner haben. Pittsburgh trägt vier Spiele pro Saison gegen die Cleveland Browns und die Cinicinnati Bengals aus. Das waren zuletzt Spaziergänge. New England hat im Osten der AFC mit Buffalo und Miami und den Jets zu tun. Auch das waren Aufbauprogramme und keine Leistungstests.[/quote]

Das ist schlichtweg falsch. Ein Divisional-Playoff-Game gewinnt man nicht, weil man in der regular season zweimal gegen Cleveland spielt.

Gute Mannschaften haben auch nicht im "Schnitt" leichtere Gegner. Wie kommen sie denn darauf? Kurzfristig mag es vielleicht manchmal so scheinen; aber diese Behauptung ist falsch, eben weil es über mehrere Jahre gesehen parity gibt. Dazu nur einige Beispiele:

Die Saints haben dieses Jahr 7 Spiele gegen Teams, die in der letzten Saison in den playoffs waren. Dazu noch gegen New England. Nur drei ihrer Gegner haben in der letzten Saison mehr Spiele verloren als gewonnen (Buffalo 7-9, Detroit 0-16 und St. Louis 2-14). Das sind leichtere Gegner?

Miami hat nach nur einem Sieg 2007 im letzten Jahr die AFC East gewonnen. Parity, anyone? Belohnung dafür: 7 Spiele gegen playoff-Teams. Unter ihren Gegner die so hochgelobten Saints, Colts, Steelers und zweimal die Patriots. Leichtere Gegner?

Die Patriots haben letztes Jahr mit 11 Siegen die playoffs verpaßt. Dabei hätten sie nur einen Sieg gegen das "Aufbauprogramm" New York Jets gebraucht oder gegen die Miami "kein Leistungstest" Dolphins. Dafür dürfen die Patriots in dieser Saison gegen ebenjene ungeschlagenen Broncos, Colts und Saints antreten. Leichtere Gegner?

Die Kansas City Chiefs, seit Jahren ganz tief unten, spielen in dieser Saison nur gegen 5 Teams, die letztes Jahr mehr Spiele gewonnen, als verloren haben. Das sind leichtere Gegner!

Eine gute Mannschaft ist nicht gut, weil sie gegen schlechte Mannschaften spielt; sondern weil sie gegen gute Mannschaften gewinnt!

Und was meinen Sie mit "manipulierter Spielplan". Daß hört sich irgendwie nach Konspiration an. Das Gegenteil ist richtig: die Steelers spielen jedes Jahr genau zweimal gegen die Browns - unabhängig davon, ob eine Mannschaft zur Zeit "gut" oder "schlecht" ist. Diese Spiele stehen fest, jedes Jahr, komme was wolle. Neben den 6 Spielen gegen Mannschaften aus der eigenen Division eine Mannschaft gegen alle Teams aus einer Division derselben conference und gegen alle Teams einer Division aus der anderen conference. So spielen die Pittsburgh und Cleveland (AFC North) dieses Jahr gegen die AFC West (Chiefs, Chargers, Raiders, Broncos) und gegen die NFC North (Packers, Vikings, Lions, Bears). Nächstes Jahr dann gegen die AFC South und gegen die NFC West. Undsoweiter, immer abwechselnd, die Rotation steht jetzt schon bis 2015 fest.

Damit sind 14 der 16 regular-season games schon fest vergeben. Ganz ohne Manipulation. Wenn man dabei "durchschnittlich" gegen öfter gegen schlechte Mannschaften spielt, ist das purer Zufall.

Nur zwei der 16 Spiele werden jedes Jahr flexibel vergeben. Nämlich gegen die beiden Mannschaften aus den Divisionen der eigenen Conference, die in ihrer Division, den gleichen Platz belegt haben, wie man selbst. Ausgenommen die Division, gegen die man soweiso schon spielt. (Hört sich kompliziert an und besser kann ich das leider nicht formulieren.) Als Beispiel die Steelers. Die Steelers haben letztes Jahr ihre Division, die AFC North gewonnen, darum spielen sie dieses Jahr gegen die Sieger der AFC South (Tennessee) und AFC East (Miami). Gegen den Sieger der AFC West (San Diego) spielen sie ja eh schon. Genauso die Browns: sie spielen gegen den letzten der AFC South (Jacksonville) und den letzten der AFC East (Buffalo). Das ist keine Manipulation, sondern parity.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Wenn man im Rahmen der regulären Saison nur gegen zwölf der 31 anderen NFL-Teams spielt, dann ist so gut wie jeder statistischer Vergleich der Mannschaften absurd. Vielleicht klingt das Wort Manipulation dann etwas harsch. Denn natürlich versucht die Liga den besseren Mannschaften schwerere Aufgaben in den Weg zu legen (wegen der parity). Aber am Ende wäre nur eine Lösung wirklich hilfreich, um zu bestimmen, ob das System Ungleichheiten schafft oder nicht: mehr Spiele.

Das wird sich allerdings kaum umsetzen lassen. Der Versuch, die Saison weiter zu verlängern, dürfte irgendwo an Grenzen stoßen. Genauso wie der vermutlich wachsende körperliche Verschleiß der Spieler.

Rein sportlich habe ich übrigens an dem, wie die NFL zur Zeit ihr System fährt, nichts auszusetzen. 16 Spiele? Kein Problem. 12 Playoff-Teams? Diti. Die Spannung, dieauf diese Weise entsteht, ist hoch und einer der Gründe, weshalb die Liga so viele Zuschauer hat.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

...dito...

Herrmann hat gesagt…

Bis auf die zwei Einwände halte ich Ihre Replik auch für völlig richtig und berechtigt. Was nur in dem Beitrag für mich nicht ganz rübergekommen ist, ist daß sie an dem System der Spielpläne nichts auszusetzen habe. Danke für die Klarstellung!

Mit besten Grüßen, Herrmann