Heute mal ein bisschen Bückware zu den Olympischen Winterspielen in Vancouver, die in den USA trotz des Fehlens vorher hinreichend hochgejubelter Sportler eine leise Euphorie auslösen. Wenn die eigenen Leute dauernd gewinnen, dann möchte man schließlich selbst irgendwann wissen, wer das ist: die Vonn, die Mancuso, der White und der Ohno. NBC arbeitet wie in den letzten Jahren auch: attraktive Wettbewerbe werden tagsüber einfach nicht gezeigt, sondern erst abends entkorkt. Und dort werden sie in ein Magazinformat eingegossen, das dem Regisseur erlaubt, geschickt von Austragungsort zu Austragungsort zu springen und dabei all den Plunder wegzulassen oder zu umschiffen, für den sich der amerikanische Fernsehzuschauer so gar nicht interessiert. Lieber wird ein Fünf-Minüter über die Ausbildung zur Royal Canadian Mounted Police eingestreut als eine Schilderung der Hintergründe der Ausbildung zum Goldmedaillengewinner, wie man sie in Deutschland praktiziert.
Natürlich gibt es Gründe, weshalb die besser gewordenen amerikanischen Bobfahrer und Rodler noch immer nicht ganz oben auf dem Treppchen landen. Aber statt sie kritisch unter die Lupe zu nehmen, reduzieren die Reporter an der Bande das Geschehen auf Gewicht, Kraft, Reaktionsschnelligkeit und den emotionalen Quark, der in der Sportberichterstattung den ganzen ungeklärten Rest erklären soll.
Was die Fernsehleute so gerne links liegen lassen, bleibt jedoch trotzdem ein Thema. Hier eine Auswahl an Geschichten:
• Die schlimmsten Spiele aller Zeiten? Eine Verteidigungsrede aus kanadischer Sicht mit ein paar Hinweisen zu Sachverhalten, die längst vergessen sind: So starben 1964 vor und bei den Spielen in Innsbruck zwei Athleten: ein Rodler und ein Skifahrer (der prallte beim Training gegen einen Baum neben der Strecke).
• Wie hat sich ein Bronzemedaillengewinner zu verhalten, solange er mit dem Bembel um den Hals herumspaziert? Nicht so. Meister Lago wurde deswegen nach Hause geschickt. Auf gut Amerikanisch nennt man das "risqué". Was bekanntlich ein französisches Wort ist. Und in diesem Zusammenhang mit "anzüglich" übersetzt werden darf, obwohl es meistens oft unter "schlüpfrig" läuft. Ja, und überhaupt....die frechen Snowboarder.
• Jaromir Jagr liebäugelt mit einer Rückkehr in die NHL. Er wäre nach dem ersten Eindruck in Vancouver eine Bereicherung. "Jungs, es ist nicht einfach, hier zu spielen", sagte er über den Alltag in der russischen Liga. "Man trainiert sehr viel härter als in der NHL. Manchmal spiele ich in zwei Linien. Sollte ich zurückkehren, werde ich ich vermutlich ein besserer Spieler sein als zu dem Zeitpunkt, als ich gegangen bin."
• Die personifizierte Langeweile: Frauen-Eishockey wird von zwei Mannschaften dominiert. Extrem dominiert. Dabei spielen die USA und Kanada auf einem sehr ansehnlichen Niveau und werden auch immer besser. Aber der Rest der Welt... Wann verschwindet die Sportart aus dem Programm?
• Wir hatten dann noch diesen Fall des niederländischen Eisschnellläufers Sven Kramer, der nach dem Gewinn der Goldmedaille über 5000 Meter die Interviewerin von NBC mit der Gegenfrage auskontert: "Sind Sie doof?" Das Original-Video der Szene ist inzwischen wieder aus den YouTube-Archiven getilgt. Dafür gibt es hier die Aufarbeitung des Themas im NL-Fernsehen – mit englischen Untertiteln.
• Ach, ja. Und dann waren da noch die großen Träume der Verantwortlichen aus dem Veranstalterland. Sie wollten die meisten Medaillen bei diesen Spielen abräumen. Sieht nicht gut aus.
Posts mit dem Label Fernsehinterview werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fernsehinterview werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
21. Februar 2010
16. August 2009
Vicks erstes Fernsehinterview
Michael Vick hat heute abend in der amerikanischen Magazinsendung 60 Minutes sein erstes Fernsehinterview gegeben. Das Timing für den Auftritt und die Auswahl der Sendung war sicher kein Zufall. Denn nachdem er vor ein paar Tagen einen Vertrag bei den Philadelphia Eagles unterschrieb, interessierte sich die Sportwelt dafür, wie er denn einer wie er nach zwei Jahren Gefängnis seine Läuterung dokumentiert. Er hat geweint, sagt er, hat erkannt, dass er Schuld auf sich geladen hatte, sagt er. Aber den Hassgefühlen vieler Amerikaner kann er trotz alle dem nicht entgehen. Der Medienblog Gawker verweist auf die Kommentare auf der CBS-Seite, auf der das Interview gepostet wurde und auf Twitter, wo viele Leute ihr krudes Gefühl artikulieren, dass Vick noch nicht genug bestraft worden ist.
Labels:
Fernsehinterview,
Football,
Gefängnis,
Michael Vick,
NFL
30. Oktober 2008
Marion Jones: Gold auch ohne Doping
Für Marion Jones begann das Leben nach dem Knast mit einem Auftritt im Fernsehen. Oprah Winfrey, die Königin des Seelen-Striptease-Nachmittagsprogramms hatte sie am Mittwoch zu Gast und ließ sich folgende Geschichte servieren: Jones glaubt, sie hätte in Sydney auch ohne Dopingmittel die Medaillen gewonnen. Klingt komisch, wenn man weiß, weshalb sie ins Gefängnis musste: Weil sie gelogen hatte.
Labels:
Doping,
Fernsehinterview,
Leichtathletik,
Marion Jones
17. März 2008
Ziemlich klamottig
Irgendwann muss in der NBA die alte, devote Haltung gegenüber den Vertretern des Fernsehens im Mülleimer gelandet sein. Der Grad an Respektlosigkeit ist unterschiedlich. Besonders, wenn es um TNT-Reporter Craig Sager geht, der den Eindruck erweckt, als er seine Garderobe im Fundus von alten Theatern zusammensucht. Aber der jüngste Fall von Lakers-Trainer Phil Jackson, der mitten in eine Antwort auf die Frage nach seinen taktischen Plänen ein Kompliment in Sachen Bekleidung einbaut. ESPN-Reporterin Michele Tafoya nahm es ohne mit der Wimper zu zucken. Löst das Reden über Klamotten demnächst jedes ernsthafte Gespräch über Basketball ab? Oder geht es schon gar nicht mehr um Basketball, sondern nur noch um Stil und schönen Schein?
Labels:
Basketball,
Fernsehinterview,
Kevin Garnett,
NBA,
Phil Jackson,
Steve Nash,
Videos
7. Januar 2008
Der heiße Stuhl bei CBS: Ganz kalt
Kaum war das zähe Hin und Her im Regen von San Diego zu Ende, wo sich mit den Chargers und den Tennessee Titans zwei Müselige*) und Beladene aneinander abrackerten, da warteten wir auf Roger Clemens. Und warteten und warteten. Die Sendung 60 Minutes hatte zuerst den Schlaumeier vor der Kamera, der Pakistan regiert. Das Interview war so zäh wie das Footballspiel. Sieger: Musharraf, weil er trotz aller Zangenbewegungen der Reporterin Lara Logan nie zugeben musste, dass er der Hauptverantwortliche für den Terrorismus auf der Welt ist (Förderer der Taliban in Afghanistan, als die noch regierten. Enabler der Zellen in Karatschi und im Grenzland, in dem sich Bin-Laden aufhält. Wächter über die Madrassas, die nicht lange fackeln und ihre Kinder zum Zündeln animieren.)
Dann hatten wir den ehemaligen Running Back der Bostoner Winter Hill Gang, der in seinem Leben wohl etwa 20 Menschen umgebracht hat, aber mit relativ wenig Gefängnis bestraft wurde, weil er sich als Zeuge der Anklage einspannen ließ. Reporter Steve Kroft war durchaus Willens, das Gute in diesem Menschen zu finden, und erst recht das Schlechte. Aber alles glitschte durch die Hände, weil John Martorano kein Dummkopf ist. So saß er da - ein Killer, wie er im Buche steht. Und irgendwie war das alles nur - zäh. Und breiig.
Dann kam endlich Roger Clemens und ließ sich von dem 89jährigen Reporter Mike Wallace befragen, weil der den Ruf des unbestechlichen, unerbittlichen Fragestellers hat. Wallace ist seit einer Weile quasi im Ruhestand und kennt Clemens von einem früheren Interview. Er war jedoch kein Gegner für einen Baseball-Spieler, der seit Jahren an seinem Image feilt und alles an sich abtropfen lässt, was man in seine Richtung schmettert. Das war - wie soll man sagen? - zäh. Dieser Versuch, jemanden mit den Zitaten aus dem Mitchell Report zu konfrontieren, die ihn belasten und ihn dann mit seinen Dementis davon kommen zu lassen. Die Redaktion hatte nichts an eigener Recherchenarbeit auf die Beine gestellt, um die Frage der Glaubwürdigkeit des Pitchers und des ihn belastenden Fitnesstrainers gründlich zu analysieren. Ein kleiner Hinweis auf die Anwürfe in Andy Pettites Richtung (die der bestätigt hatte) und die zeigen, dass Brian McNamee ganz bestimmt kein durchtriebener Lügner sein kann. Das war's. Wallace brachte dann noch solche Sachen auf wie Lügendetektortest (ohne zu erwähnen, dass die Doping-Lügnerin Marion Jones den ihren bestanden hatte). Und er bat Clemens zu schwören, dass er die Wahrheit sagt. Er sagte: "Ich schwöre." Das machen Kinder auf dem Schulhof. Das soll die investigative Macht des Fernsehens sein?
Was bleibt: Die Erkenntnis, dass die Leute, die bei 60 Minutes vorab die Themen lancieren, besser sind als die Produzenten und Reporter der Sendung. Die streuen jede Woche mit Erfolg eine Erwartungshaltung, die darin gipfelt, dass sich Millionen von Zuschauern das Programm anschauen. Kompliment. Das ist auch eine Kunst, wenn das Produkt nicht hält, was sich unsereins davon verspricht.
*) Wortschöpfung
Nachtrag: Roger Clemens hat am Sonntag Klage wegen übler Nachrede gegen seinen ehemaligen Fitnesstrainer eingereicht. Ob er zum Hearing im Kongress antritt, wo er unter Eid aussagen müsste, steht noch nicht fest. Eingeladen wurde er. Termin ist der 16. Januar. Der Kongress hat theoretisch die Macht, jemandem eine verbindliche Vorladung zu schicken, wenn er sich weigert. Aber so weit sind wir noch nicht.
Dann hatten wir den ehemaligen Running Back der Bostoner Winter Hill Gang, der in seinem Leben wohl etwa 20 Menschen umgebracht hat, aber mit relativ wenig Gefängnis bestraft wurde, weil er sich als Zeuge der Anklage einspannen ließ. Reporter Steve Kroft war durchaus Willens, das Gute in diesem Menschen zu finden, und erst recht das Schlechte. Aber alles glitschte durch die Hände, weil John Martorano kein Dummkopf ist. So saß er da - ein Killer, wie er im Buche steht. Und irgendwie war das alles nur - zäh. Und breiig.
Dann kam endlich Roger Clemens und ließ sich von dem 89jährigen Reporter Mike Wallace befragen, weil der den Ruf des unbestechlichen, unerbittlichen Fragestellers hat. Wallace ist seit einer Weile quasi im Ruhestand und kennt Clemens von einem früheren Interview. Er war jedoch kein Gegner für einen Baseball-Spieler, der seit Jahren an seinem Image feilt und alles an sich abtropfen lässt, was man in seine Richtung schmettert. Das war - wie soll man sagen? - zäh. Dieser Versuch, jemanden mit den Zitaten aus dem Mitchell Report zu konfrontieren, die ihn belasten und ihn dann mit seinen Dementis davon kommen zu lassen. Die Redaktion hatte nichts an eigener Recherchenarbeit auf die Beine gestellt, um die Frage der Glaubwürdigkeit des Pitchers und des ihn belastenden Fitnesstrainers gründlich zu analysieren. Ein kleiner Hinweis auf die Anwürfe in Andy Pettites Richtung (die der bestätigt hatte) und die zeigen, dass Brian McNamee ganz bestimmt kein durchtriebener Lügner sein kann. Das war's. Wallace brachte dann noch solche Sachen auf wie Lügendetektortest (ohne zu erwähnen, dass die Doping-Lügnerin Marion Jones den ihren bestanden hatte). Und er bat Clemens zu schwören, dass er die Wahrheit sagt. Er sagte: "Ich schwöre." Das machen Kinder auf dem Schulhof. Das soll die investigative Macht des Fernsehens sein?
Was bleibt: Die Erkenntnis, dass die Leute, die bei 60 Minutes vorab die Themen lancieren, besser sind als die Produzenten und Reporter der Sendung. Die streuen jede Woche mit Erfolg eine Erwartungshaltung, die darin gipfelt, dass sich Millionen von Zuschauern das Programm anschauen. Kompliment. Das ist auch eine Kunst, wenn das Produkt nicht hält, was sich unsereins davon verspricht.*) Wortschöpfung
Nachtrag: Roger Clemens hat am Sonntag Klage wegen übler Nachrede gegen seinen ehemaligen Fitnesstrainer eingereicht. Ob er zum Hearing im Kongress antritt, wo er unter Eid aussagen müsste, steht noch nicht fest. Eingeladen wurde er. Termin ist der 16. Januar. Der Kongress hat theoretisch die Macht, jemandem eine verbindliche Vorladung zu schicken, wenn er sich weigert. Aber so weit sind wir noch nicht.
Labels:
60 Minutes,
Baseball,
CBS,
Doping,
Fernsehinterview,
Roger Clemens
18. Februar 2007
Amaechis Buch: Eine erhellende Kritik
Die drakonische Maßnahme von Commissioner David Stern, Ex-All-Star Tim Hardaway von den Festivitäten in Las Vegas auszuschließen, hatte den erhofften Effekt. Das Thema "Schwule in der NBA" ist damit so gut wie völlig aus der Berichterstattung verschwunden. Das ist der Lauf der Dinge. Ehe die Angelegenheit aber völlig vom Radarschirm verschwindet, hier ein Zitat aus der Buchkritik des Online-Magazins Slate, das aus den Memoiren von John Amaechi eine bemerkenswerte Beobachtung herauszog, die das Ganze I-Love-this-Game-Gedöns der Liga als pure Inszenierung einstuft.
Vielleicht sollte dieses Fernsehinterview das Ganze abrunden: John Amaechi in der Sendung Real Time auf HBO mit Bill Maher, einem der am schärfsten denkenden politischen Komiker in den USA. Es gibt dem Thema nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Stimme. Und es ist bedeutend besser als das Video mit dem nackten Tim Hardaway in der Umkleidekabine zu zeigen, das Deadspin ausgegraben hat. Obwohl es unterstreicht eines der Statements, das Amaechi bei Real Time macht: angesichts des narzistischen Verhaltens so vieler NBA-Profis fragt sich mancher Homosexueller: Wer ist hier eigentlich schwul? (Video gefunden auf The Largest Mionority)
"Die interessanteste Enthüllung in Man in the Middle hat nichts mit Homosexualität zu tun. Der extrem isolierte Ameachi sagt, dass er mit anderen Spielern zumindest in einem Punkt übereinstimmt: Darin dass sie Sport als Mittel zum Zweck betrachten. Er schreibt, dass die Profis das Spiel aus vielen Gründen betreiben - Geld, Ruhm, Groupies, Selbstwertgefühl - aber dass nur sehr wenige Spieler Basketball lieben. 'Der Fan zuhause... will, dass wir das Spiel so lieben wie er', schreibt er. 'Wenn er wüsste, warum wir wirklich die Sportart betreiben, würde er sie vielleicht nicht mögen. Er würde vielleicht noch nicht mal zuschauen.'"Amaechi stellt in seine Buch keine Spekulationen darüber an, wer noch alles in der NBA schwul sein könnte. Er wagt nicht mal eine Behauptung über den Prozentsatz. Er war wohl immer ein sehr distanzierter Teilnehmer in einem Betrieb, zu dem er sich schon aus andere Gründen nicht sehr hingezogen fühlte. Slate-Autor Kevin Arnovitz:
"In Man in the Middle wirkt Amaechi wie ein Intellektueller - eine Kreatur, die der NBA fast so fremd ist wie ein Schwuler."
Vielleicht sollte dieses Fernsehinterview das Ganze abrunden: John Amaechi in der Sendung Real Time auf HBO mit Bill Maher, einem der am schärfsten denkenden politischen Komiker in den USA. Es gibt dem Thema nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Stimme. Und es ist bedeutend besser als das Video mit dem nackten Tim Hardaway in der Umkleidekabine zu zeigen, das Deadspin ausgegraben hat. Obwohl es unterstreicht eines der Statements, das Amaechi bei Real Time macht: angesichts des narzistischen Verhaltens so vieler NBA-Profis fragt sich mancher Homosexueller: Wer ist hier eigentlich schwul? (Video gefunden auf The Largest Mionority)
Labels:
Bill Maher,
Fernsehinterview,
Homosexuelle,
John Amaechi,
NBA
Abonnieren
Posts (Atom)