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10. September 2009

Was Caster Semenya alles fehlt

Eine Frau ohne Uterus und ohne Eierstöcke und eingewachsenen Hoden ist – eine Frau? DAS hier meldet der Daily Telegraph in Australien (via Deadspin) über die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya aus Südafrika:

"Untersuchungen, die während der Weltmeisterschaft in Berlin im letzten Monat durchgeführt wurden, wo Semenyas Geschlecht nach ihrem Sieg über 800 Meter das Thema einer aufgeheizten Debatte wurde, haben ergeben, dass sie ein Hermaphrodit ist. Jemand mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Semenya, 18, produziert das Dreifache an Testosteron, was eine "normale" Frau erzeugen würde. Nach Angaben einer Person, die in die Untersuchungen der IAAF involviert ist, ergaben unterschiedliche Prüfungen, dass sie in ihrem Bauchraum über Hoden verfügt, männliche Geschlechtsorgane, die Testosteron produzieren."

Der Verband wird sich schwer tun, den Fall auf eine kluge Weise zu lösen. Es gibt offensichtlich nicht mal klare Regeln wie etwa beim Doping, die festlegen könnten, wo die Grenze zu einem unfairen Vorteil für einen sogenannten Intersex-Athleten erreicht ist. Seit 2005 wurden wohl – meistens in aller Stille – acht Leichtathleten abgehandelt, vier von ihnen wurden vom Verband gebeten, ihre Karriere zu beenden.

Blick zurück: Mit Windeln wedeln

25. August 2009

Mit Windeln wedeln

Seit Tagen braut sich aus dem verletzten Stolz einer Nation und dem Unverständnis vieler Leute, die sich nur hin und wieder mit Sport beschäftigen, eine seltsame Aufwallung der Gefühle zusammen. Als sei eine junge 800-Meter-Läuferin mit einer tiefen Stimme, Barthaaren im Gesicht und einem maskulinen Körper tatsächlich eine Symbolfigur für eine verfehlte Auslegung der Regeln im Sport. Einmal mehr werden ausgerechnet die Kontrollmaßnahmen als übermächtige Eingriffe in die Privatsphäre diffamiert. Ohne dass auch nur jemand fragt: Was ist mit der Chancengleichheit? Warum nimmt niemand Partei für die anderen Teilnehmer des Endlaufs, die um den Lohn ihrer Arbeit gebracht wurden?

Man kann ja noch den Vater verstehen, der ihre Windeln gewechselt hat und der einem Bericht auf bild.de zufolge eine Geburtsurkunde vorweisen kann, auf der ihr Geschlecht mit "weiblich" angegeben wurde. Aber das Echo auf den Vorgang beim Deutschen Ärzteblatt ist schon bizarr. Die Untersuchung einer Sportlerin auf ihr Geschlecht leiste "einer Diskriminierung von Sportlern Vorschub", schrieb ein nicht genannter Autor, nachdem er sich ein paar Zeilen zuvor auf die Vorstellung eingetaktet hatte, die biologisch fundierte Einkreisung der Frage, ob jemand männlich oder weiblich sei, wäre "für den Sport unerheblich".

Mit der gleichen Begründung könnte man natürlich auch sagen: Dopingkontrollen diskriminieren. Auch sie haben etwas Entwürdigendes, wenn die Sportler vor den Augen des Kontrolleurs ihren Urin lassen müssen. Man könnte dann gleich noch weiter gehen und sagen: Auch Qualifikationsnormen diskriminieren. Gewichtsklassen und das Wiegen vorm Kampf diskriminieren. Auch die unterschiedlich guten Trainingsbedingungen diskriminieren. Warum baut die IAAF nicht in allen Ländern hervorragende Stadien und Anlagen, um den Wettbewerb zu entzerren? Auf diese Weise kommt man ziemlich schnell auf die schiefe Ebene hin zum Absurden.

Es gibt angesichts des aktuellen Fallbeispiels aber auch Beschwerden entlang einer feministischen Gedankenkette. So las ich bei Jens Weinreich den Kommentar der Kollegin Barbara Klimke von der Berliner Zeitung, deren Anmerkungen in dem Satz endeten: "Männer aber mussten sich nie in Frage stellen lassen." Das war ein Anwurf aus dem Gedankenkreis der alten Fairness-Debatte, die entstand, als Frauen sich gegen erhebliche Widerstände ihren Platz im gesellschaftlichen Alltag erkämpfen mussten.

Das Argument hätte sicher mehr Gewicht, wenn Frauen im Sport so wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch an den Wettbewerben der Männer teilnehmen würden. Aber solange sie – anders als bei den Ärzten und Anwälten, Lehrern und Journalisten – eine eigene Leistungskategorie für sich in Anspruch nehmen wollen, klingt das nicht gut. Sie wollen schlechteren Sport abliefern dürfen und wollen dafür mit eigenen Medaillen und Geldprämien gefeiert werden, aber Kriterien für diesen Sonderstatus nicht akzeptieren. Nach dieser Lesart wäre es also in Ordnung, wenn in Zukunft Männer an den Frauenwettbewerben teilnehmen und eine Aufklärung über ihr Geschlecht mit dem Hinweis verweigern, das verletze ihre Würde. Auch das wäre absurd.

Das Thema wäre nur halb so interessant, wenn sich nicht eine Denkart im Sport verselbständigt hätte, die aus der Zeit vor der Professionalisierung stammt. Damals konnte man noch auf den Gleichheitsgrundsatz pochen. Aber heute – im Zeitalter einer kompletten Kommerzialisierung – sollte man mit solchen Forderungen etwas vorsichtiger hantieren. Es ist eine simple Tatsache, dass Frauensport (abgesehen von den Einzelsportarten Tennis und Golf) alleine wirtschaftlich gar nicht überleben könnten. Sie werden von den Männern subventioniert, wie man bei der WBNA im Basketball unschwer nachvollziehen kann. Die erste Frauenfußball-Liga in den USA ging vor ein paar Jahren pleite, nachdem sie 50 Millionen Dollar Anfangskapital durch den Schornstein gejagt hatte. Dabei wurden die Spielerinnen keineswegs exorbitant bezahlt. Das Problem waren die fehlenden Zuschauer und die fehlenden Fernseheinnahmen und die fehlenden Sponsoren. Warum fehlten die? Weil sie sich nicht im gleichen Maße für Sport auf einem schlechteren Leistungsniveau interessieren wie für die Top-Kategorie.

Der Fall Semenya taugt deshalb eigentlich nur zu einem – zu einer redlichen Selbstbefragung: Ist man für den subentionierten Frauensport mit Leistungen zweiter Klasse, um auf diese Weise möglichst vielen Frauen eine Chance zu geben, sich zu exponieren? Oder ist man für den ehrlichen Sport, bei dem Frauen gegen die Männer antreten und dann auch nicht mehr befürchten müssen, dass man sich für ihren Chromosomensatz interessiert?

Wer für die erste Variante ist, sollte nicht über den Umgang mit Frau Semanya jammern, sondern lieber lesen, was die BBC heute berichtet: Es gab schon vor der WM Hinweise auf extreme Testosteron-Werte bei der Guten, die womöglich einen anderen Schluss nahelegen: einen stinknormalen Fall von Doping. Nicht zu unterschlagen: Der verantwortliche Trainer für die süddafrikanischen Frauenleichtathletik ist ein gewisser Dr. Ekkart Arbeit, der in der DDR für jene Form der Leistungsförderung verantwortlich war, deren Opfer noch heute unter den Folgen leiden.

Wer die zweite Variante will, muss sich übrigens nicht grämen. Es gibt eine Reihe von Sportarten, in denen Frauen den Männern Paroli bieten können.

24. Juli 2009

Weißwäscher mit Flecken auf der Weste

Nur ein Jahr nach dem Medaillenfestival in Peking hat die jamaikanische Leichtathletik jene Spuren der Leistungsmanipulationen offenbart, für die es schon immer Indizien gab, nur keine Beweise. Gleich fünf Dopingfälle hat das kanadische Labor identifiziert, das die Proben aus Kingston erhalten hatte, die bei den Meisterschaften von 50 Athleten genommen wurden. Die betroffenen Sportler wurden noch nicht benannt. Es soll sich um vier Männer und eine Frau handeln. Das gab ausgerechnet jener Mann öffentlich bekannt, der im vergangenen Jahr als Weißwäscher herumlief und jeden Verdacht ins Reich der Fabel verwies: Dr. Herb Elliott, ein Arzt. Die Öffentlichkeit hatte schon damals jeden Grund, diese frivole Haltung anzuzweifeln. Auch wegen solcher Geschichten. Wir sind auf die Namen der glorreichen Fünf gespannt.

25. Dezember 2008

Jingle Bells: Vanek, Mets und Lomong

Ein paar neue FAZ-Geschichten aus dem amerikanischen Sport, auf die ich gerne in eigener Sache hinweisen möchte:

1. Thomas Vanek von den Buffalo Sabres hat sich ins Scheinwerferlicht gespielt. Er ist der Topscorer der NHL.

2. Die Finanzkrise und der New Yorker Super-Schwindler Bernie L. Madoff, der zugegeben hat, 50 Milliarden Dollar verknallt zu haben, sorgen bei den New York Mets für Fragen nach dem wirtschaftlichen Fundament.

3. Für die Ausgabe vom 27. Dezember geplant: ein ausführliches Interview mit dem aus dem Sudan stammenden Mittelstreckler Lopez Lomong, der in Peking bei der Eröffnungsfeier die Flagge der USA getragen hatte.

30. Oktober 2008

Marion Jones: Gold auch ohne Doping

Für Marion Jones begann das Leben nach dem Knast mit einem Auftritt im Fernsehen. Oprah Winfrey, die Königin des Seelen-Striptease-Nachmittagsprogramms hatte sie am Mittwoch zu Gast und ließ sich folgende Geschichte servieren: Jones glaubt, sie hätte in Sydney auch ohne Dopingmittel die Medaillen gewonnen. Klingt komisch, wenn man weiß, weshalb sie ins Gefängnis musste: Weil sie gelogen hatte.

4. September 2008

Dopingmittel aus der Apotheke

...und dann war da noch diese Sache mit Sprintern aus Jamaika und dem Kraftstoff, dessen Verwendung so viel besser erklären würde, weshalb sie so schnell sind, als jede andere Theorie.

20. August 2008

Was tun bei hinreichendem Tatverdacht?

Die Reaktion von Tobias Unger auf den Erfolg von Usain Bolt bei den Leichtathletikwettbewerben in Peking hat etwas Erfrischendes: "Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert gar nichts. Ich muss mich allein hier bei Olympia an- und abmelden, für den Fall, dass wir eine Dopingkontrolle haben. Ich habe langsam keine Lust mehr.“ Das Erfrischende besteht darin, sich auszumalen, was eigentlich passieren würde, wenn noch mehr Sprinter die gleiche Empfindung beseelt und sie das tun, was saubere Sportler schon immer getan haben sollten: einfach den Wettkampf verweigern. Nicht frustriert nach Hause gehen und sich zurück ziehen vom Sport, sondern Organisieren, Demonstrieren, Boykottieren, Inkriminieren. Endlich mal Staatsanwälten erzählen, was sie wissen – über Lieferanten, Trainer, Substanzen.

Wäre das nicht mal eine ernsthafte Maßnahme angesichts der massiven Manipulationsversuche, über die es im Fall von Jamaika überhaupt keine Zweifel geben sollte? Schluss mit der Schimäre der sogenannten Unschuldsvermutung, sondern Auftakt für einen neuen Denkansatz, ausgeliehen aus der Strafprozessordnung: den Anfangsverdacht. Wenn nicht sogar den hinreichenden Tatverdacht.

Wäre das nicht mal etwas, um die routinierte Abwicklung von hochgehypten Sportereignissen und ihrem Rekordwahn aus dem Gleis zu werfen: Ein Boykott nicht aus sehr abstrakten politischen, sondern aus ganz sportlichen und eigennnützigen wirtschaftlichen sowie strafrechtlichen Erwägungen? Nicht mehr starten, wenn eindeutig fragwürdige Personen auflaufen und die Farce aus der Sicht des eigentlichen Opfers attackieren – aus der Sicht des betrugsgeschädigten Athleten? Nicht mehr als Staffage und Pappkamerad zur Verfügung stehen und nicht mehr das absurde Abhalten von Vorläufen und Zwischenläufen rechtfertigen, die keiner braucht, wenn der Gewinner doch sowieso schon feststeht.

Man fragt sich: Wo und unter welchen Umständen würde Bolt dann noch laufen? Würde er vielleicht so wie einst Jesse Owens gegen Pferde antreten? Oder würde er und seine Mitstreiter endlich die Wahrheit sagen? Tobias Unger, das wäre doch den Versuch wert, oder nicht?

19. August 2008

John Carlos – oder die Geschichte eines Interviews

Man trifft im Laufe der Jahre in den USA viele Athleten, weil man sich mit ihnen über ihre Karriere, ihre Ambitionen und ihre Einschätzung der Welt unterhalten möchte. Im Regelfall heißt das, man muss einen kleinen Parcours von Managern, Agenten, PR-Leuten im Umfeld durchlaufen, aber erhält am Ende sehr zuverlässig exakt das, was vereinbart wurde. Das erleichtert die Arbeit.

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn man jemanden wie John Carlos um einen Gesprächstermin bittet. Der Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele in Mexico City ist nicht Teil dieses Systems aus Geben und Nehmen, aus dem ein Großteil der Sportberichterstattung besteht. Der Mann, der zu einer Symbolfigur für Politik und Rassendiskriminierung wurde, als er und sein Mannschaftskollege Tommie Smith bei der Siegerehrung die geballte Faust zum Black-Power-Gruß in den Himmel reckten, braucht keine Publicity. Und die Geschichte über die Protestaktion damals hat er oft genug erzählt. Man kann ihn auch nicht damit beeindrucken, dass man bereit ist, sich auf den weiten Weg nach Palm Springs in Kalifornien zu machen, an seinen Wohnort, um ihn dort zu treffen. So wusste ich selbst einen Tag vor dem vereinbarten Termin nicht, ob es zu dem Gespräch kommt. Denn er war nicht zu erreichen, um das Vereinbarte zu bestätigen. Ich saß in San Diego, über 200 Kilometer weit weg, und befürchtete, dass der ganze Plan ins Wasser fallen würde. Einen Tag danach konnte ich ihn dann doch erreichen, und wir trafen eine neue Verabredung. Würde er kommen? Würde er mich sitzen lassen? Er kam, sogar etwas früher als besprochen, und schlenderte entspannt durch die Lobby des Hotels. "Dr. Carlos", wie er am Telefon betont hatte. Ein Mann von 63 Jahren mit weißen Haaren und weißem Hemd und weißer Hose, der sich als Gegenleistung nichts anderes erbeten hatte, als dass ich ihn zum Frühstück einlade. Wir haben uns eine Stunde unterhalten. Und er hat erklärt, weshalb er sich mit seinem Kollegen Tommie Smith zerstritten hat, dem er damals das Rennen und den Sieg geschenkt hat. Und weshalb er im Jahr 2008 einen Athleten-Boykott der Spiele in China ablehnte, obwohl er 1968 eine solche Initiative der schwarzen US-Sportler für notwendig ansah. Die Reise und das Warten hatten sich gelohnt.

Morgen abend stehen in Peking die 200 Meter auf dem Programm. Diesmal mit einem Läufer, der schon über die 100 Meter gezeigt hat, dass er die olympische Bühne vor allem nur für ein Anliegen nutzen will: zu einer Form der Selbstdarstellung, bei der man die Konkurrenz öffentlich vorführt und das Herz der Sponsoren und der eigenen Landsleute erfreut. Da ist es gut, sich daran zu erinnern, dass es auch schon mal andere Athleten gab. Die ausführliche Version des John-Carlos-Interviews wurde vor den Spielen in der FAZ veröffentlicht. Einen Radio-Beitrag zum Thema hat der Deutschlandfunk am Sonntag gesendet.

Übrigens: In der morgigen Ausgabe der FAZ wird ein Interview mit einem weiteren Teilnehmer des Endlaufs von 1968 zu lesen sein. Gesprächspartner: Jochen Eigenherr, der in Mexico City den Europarekord einstellte und als Zeitzeuge die Ereignisse von damals einordnet.


Mehr zum Thema: Ein Video mit dem Titel John Carlos Fist of Freedom gibt es hier. Und hier einen Trailer zum Dokumentarfilm Salute, den Matt Norman, der Neffe des Australiers Peter Norman, gedreht hat. Der belegte damals den zweiten Platz und trug bei der Siegerehrung ebenfalls einen Button der Menschenrechtsorganisation Olympic Project for Human Rights.

31. Juli 2008

Wer sich jetzt noch verpissen möchte....zu spät

Wir hatten zuletzt fast völlig vergessen, dass vor allem weibliche Sportler mancherorts eine klassische Methode perfektioniert haben, um nicht bei Dopingtests aufzufallen. Sie arbeiten mit fremder Leute Urin. Wie genau das funktioniert, wo doch die Fahnder dabei zuschauen, wenn die Athleten ihre Probe abgeben, steht nicht in diesem Artikel der New York Times. Dafür kann man dort lesen, wie man im Labor solche Manipulationen belegen kann. Dumm für die russischen Leichtathletinnen, die auf diese Weise dann doch noch erwischt wurden. Natürlich wird auch dieser Vorfall in erster Linie dazu ausgeschlachtet werden zu behaupten, die Dopingkontrollen seien gut genug, um die betrugsbereiten Sportler zu erwischen und abzuschrecken. Dabei sind sie vermutlich genauso wirksam wie die Radarkontrollen im Straßenverkehr. Die meisten, die sich nicht an die Bestimmungen halten, kommen ungeschoren durch.

2. Juni 2008

Mehr Glauben als je zuvor

Wir erhalten seit Jahren Stück für Stück durch die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden den Nachweis serviert, dass die amerikanische Leichtathletik konsequent jede Form von fairem Wettbewerb mit Hilfe von Doping unterwandert hat. Ihre Medaillen und Rekorde und die finanziellen Erträge, die damit verbunden waren, basieren auf chemischen Hilfsmitteln. Es waren nicht die Insider, die diese Epidemie aufdeckten, sondern Leute von draußen, die skeptisch waren und sich nicht von den Lügen der Täter beeindrucken ließen.

Am Samstag wurde in New York ein neuer Weltrekord über 100 Meter aufgestellt. Von einem Mann, der so gut wie keine offiziellen Rennen über die Strecke zu Buche stehen hat (er ist 200-Meter-Spezialist). Aber alles, was die Insider produzieren, sind solche Behauptungen:

“I think we can believe these performances more than ever before,” Wittenberg said. “I think there’s a higher level of fear among agents, coaches and athletes than before, and I think that is serving us well.”


An diesem Statement von Mary Wittenberg, die als Chefin des New York Road Runners Club unter anderem für den New York Marathon verantwortlich ist, fällt die seltsame Zuversicht auf. Sie vermag den Athleten "mehr als je zuvor zu glauben". Eine solche Ansicht aus Absurdistan bedeutet, dass man, nachdem man den Lügnern von einst schon immer geglaubt hat (und hinterher eines besseren belehrt wurde), den Aktiven von heute noch mehr glauben soll. Angeblich weil das gleiche Testsystem, das die alten Vergehen nicht aufspüren konnte, so viel besser ist als früher. Tatsächlich war das Testsystem noch nie gut genug, um Leute zu fangen, die vorsichtig und mit sehr viel Präzision den Ratschlägen ihrer Berater folgten. Gefangen wurden nur die Dummen. Die Schlauen schlüpften durch das Netz und werden es auch heute noch schaffen.

2. Januar 2008

Gatlin muss weiter aussitzen

Der amerikanische Sprinter Justin Gatlin wollte eigentlich noch in diesem Jahr wieder seine Spikes anziehen und in Peking seine Goldmedaille von Athen über 100 Meter verteidigen. Daraus wird nichts. Das von ihm angerufene Schiedsgericht reduzierte zwar seine ursprüngliche Sperre von acht auf vier Jahre. Aber das bedeutet, dass er erst 2010 wieder einsteigen kann. Dann ist er 27 Jahre alt. Und bis dahin muss er sich irgendwie finanziell über Wasser halten. Wie teuer es werden kann, wenn man in die Aufklärung von Dopingfällen verwickelt wird und angehalten wird, die Wahrheit zu sagen, muss gerade Gatlins ehemaliger Trainer Trevor Graham feststellen. Der wartet noch immer auf seinen Prozess wegen uneidlicher Falschaussage - ein Kollateralfall der BALCO-Ermittlungen. Aber Grund für die letzte Verzögerung waren seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Graham muss auf einen Pflichtverteidiger zurückgreifen, der sich erst noch in den Fall einarbeiten muss.

Mehr zum Entwicklungsstand in Sachen Gatlin, Graham, Marion Jones (wir warten auf das Strafmaß) und einen Namen, den wir bislang noch gar nicht auf dem Radarschirm hatten, findet man bei faz.net. Überschrift: "Ich bin meiner Chance beraubt worden". Der Text wird morgen in der Printausgabe erscheinen.
Blick zurück: Die Akte Marion Jones
Blick zurück: Justin Gatlin probierte es mit Football - vergeblich
Blick zurück: Trevor Graham angeklagt

4. Oktober 2007

Got steroids?

Lügen haben manchmal ziemlich lange Beine. Und führen dann doch noch ins Gefängnis. Wie lange Marion Jones für ihr spätes Doping-Geständnis sitzen muss, wird sich erst in den kommenden Wochen entscheiden. Am Freitag wird sie dem Vernehmen nach erst einmal offiziell vor einem Gericht in White Plains eingestehen, dass sie über die Einnahme von THG gelogen hat. Und dass sie auch in dem Scheckbetrügerprozess gegen ihren Ex-Lebensgefährten, ihren Ex-Agenten und ihren Ex-Trainer die Unwahrheit gesagt hat. Und dann wird irgendwann ein Richter entscheiden, wie hoch die Strafe ausfallen wird. Und das IOC wird ihr die olympischen Medaillen aberkennen. Und wir werden endlich den Mythos einer Athletin begraben, über den die Firma Nike zu den Spielen von Sydney den Spruch geklebt hatte: "Glaube = Realität". Wer da was gelaubt hat, wissen wir jetzt verbindlich. Denn wir kennen nun die ganze verlogene Realität.

Wie sie aussieht, hatten wir schon vorher geahnt und nannten sie deshalb hier:
"die hinreichend belastete Sprinterin Marion Jones" und zitierten hier vor einem Jahr den Sprinter Ato Bolton, der gesagt hatte: Es sei doch „jedem mit Verstand“ klar gewesen, daß Jones „im Grunde ihre ganze Laufbahn gedopt war“.

Nachtrag vom Freitag: Es kam wie von den Zeitungen prophezeit. Marion Jones traf in White Plains im Gerichtsgebäude ein, wo Fotografen und Fernsehkameras auf sie warteten. Der Rest wird sich in den nächsten Tagen entwickeln. Erstaunlich wie gering das Interesse in den Sportpublikationen in den USA an der Entwicklung ist. Während die großen Tageszeitungen das Thema ausführlich abgehandelt haben, betrachten es die Online-News-Portale offensichtlich eher als Petitesse. Kein Wunder, bei den vielen Kriminalfällen, in die Sportler in wachsendem Maße verwickelt sind. Dazu kommt: Leichtathletik ist tatsächlich eine Randsportart. Eine Extrem-Randsportart. Meinen Bericht in der FAZ vom Samstag gibt es online, wenn auch ohne die Nennung des Autorennamens.

Nachtrag vom Samstag: Ein weiterer Beitrag - für die Samstagausgabe des Züricher Tages-Anzeiger - wurde ebenfalls hochgeschaltet.

2. Oktober 2007

Zur Erinnerung an den "größten Leichtathleten des Jahrhunderts": Al Oerter

Wenn man sich aus reinem Zeitvertreib die Namen der Olympiasieger in der Leichathletik anschaut, wird man irgendwann automatisch in einer Spalte hängenbleiben: im Diskuswurf.
Der Name? Al Oerter, ein Mann, der viermal nacheinander bei den Spielen von Melbourne (1946), Rom (1960), Tokio (1964) und Mexico City (1968) auf den Tag genau in Form war, um jedes Mal die Goldmedaille zu gewinnen. Der amerikanische Hammerwerfer Harold Connolly nannte ihn "den größten Leichtathleten des Jahrhunderts" und beschrieb ihn so: "Um ihn herum herrscht bei einem Wettkampf eine Magie. Er ist vorher nervös. Er isst nicht gut und seine Hände zittern. Aber wenn der Wettkampf beginnt, kommt eine Ruhe über ihn. Die anderen Athleten sehen das, und es schüchtert sie ein. Sie beobachten ihn, und sie haben Angst, weil sie nicht wissen, was er bringen wird."

Oerter hat mal über die vier Erfolge gesagt: "Beim ersten Mal war ich wirklich jung, beim zweiten nicht sehr gut in Form, beim dritten sehr verletzt, beim vierten alt." Bei der Verletzung handelte es übrigens um eine schmerzhafte Sache im Brustbereich nach einem Sturz wenige Tage vor dem Wettkampf. Alfred "Al" Oerter, der im New Yorker Stadteil Queens aufwuchs, war ein Phänomen. Noch 1980 verpasste er nur um einen Platz eine Fahrkarte zu den Olympischen Spielen in Moskau (die dann von den USA boykottiert wurden). Er warf damals seine Karrierebestleistung von 69,46 Metern.

Der Nachfahre deutscher Einwanderer starb am Montag in Florida an Herzversagen. Er wurde 71 Jahre alt.

4. September 2007

O, sakra

Man möchte sich noch nachträglich bei den Sportlern entschuldigen, die in die unerträgliche japanische Schwüle fliegen mussten, um das zu erleben:
"Die zweitwichtigste Leichtathletikveranstaltung der Welt war nicht in der Lage, ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 36.000 Sitzen zu füllen, das in einer wohlhabenden Gegend einer Stadt mit fast 9 Millionen Einwohnern liegt, die hervorragende öffentliche Transportmittel besitzt."
(Christopher Clarey in der New York Times).
O, sakra.

Aber für einige war es das wert. Zum Beispiel für den Amerikaner David Payne, der kurzfristig nachnominiert wurde und von seinem Manager um 5.30 Uhr morgens zuhause in Virginia geweckt wurde, um ihn zu fragen, ob er denn den Trip überhaupt noch auf sich nehmen würde. Der 110-Meter-Hürden-Läufer stieg am Nachmittag in den Flieger, kam nach 13 Stunden Holzklasse am Dienstagabend in Japan an. Am Mittwoch gewann er seinen Vorlauf. Am Donnerstag qualifizierte er sich für den Endlauf. Am Freitag gewann er Bronze.

29. August 2007

Ein junger Hüpfer macht Karriere - vom Basketballer zum Hochsprung-Weltmeister


Er ist 23 Jahre alt und wollte eigentlich eine Karriere als Basketballer auf die langen Beine stellen. Deshalb verließ er die Bahamas und schrieb sich bei einer Universität im amerikanischen Bundesstaat Missouri ein, wo er seine Qualitäten beim Dunk demonstrierte. Aber er mochte das Trainingsprogramm und das Team nicht und ließ sich überreden, es mal mit Hochsprung zu versuchen. Bei seinem ersten Sprung im Januar des vergangenen Jahres - in Basketballschuhen - schaffte er 2,22 Meter. Jetzt wurde Donald Thomas in Osaka Weltmeister mit 2,35 Meter und dürfte noch ein paar Zentimeter drin haben. Seine Technik ist noch immer ziemlich ungeschliffen. Dieses Video zeigt ihn als Basketballer und seinen ersten Hochsprung. Ein erstaunliches Dokument, das womöglich anderen Basketballern zu denken geben wird. In der Leichtathletik kann man Millionen verdienen, wenn man gut ist.

27. August 2007

Der Sturzweltmeister

Es lebe der Sport. Er ist gesund und macht uns hart: Drei Österreicher sind nach Osaka geflogen, um bei der Leichtathletik-WM das Banner der Alpenrepublik hochzuhalten. Einer wird in die Heimat zurückkehren, ohne sich an das Ereignis zu erinnern: Günther Weidlinger. Der hatte bei einem Crash mit einer Hürde das Bewusstsein verloren. Hier die entscheidende Szene aus dem 3000-Meter-Hindernis-Rennen mit einem Kommentar, der schwer nach Schwedisch klingt.


Der Standard in Wien kletterte ins Archiv und hackte ruckzuck eine riesenlange Geschichte zusammen, die zeigt, dass Weidlinger, der mit Platzwunden davon kam, die genäht wurden, die Hindernisstrecke eher meiden sollte:
"Mit Unfällen hat Günther Weidlinger jedenfalls Erfahrung. So auch in der finalen WM-Vorbereitung am 28. Juli. Fünf Sekunden nach dem Start musste er mit einer blutenden Wunde am Knöchel, die ein Mitläufer ihm zugefügt hatte, aufgeben. Einige Male hat es ihn noch schlimmer erwischt. Am 17. Juni 2001 riss er sich bei einem Sturz beim Wassergraben die rechte Achillessehne und musste die WM in Edmonton sowie die Hallen-EM 2002 in Wien auslassen. Schon 1998 bei der WM in Budapest hatte er im Vorlauf vor einem Hindernis einen Rempler bekommen, war gestürzt und hatte sich Muskelfaserrisse im Knie und eine Gehirnerschütterung zugezogen. 2002 in München stieg ihm im Finale ein Konkurrent auf den Fuß, Weidlinger krachte in ein Hindernis und kämpfte sich als Zwölfter und Letzter ins Ziel. Diagnose: Teilabriss im Quadrizeps des linken Oberschenkels. 2003 war dann diesbezüglich ein einziges Desaster: Bei der Hallen-WM in Birmingham stolperte der HSZ-Soldat im Finale über 3000 Meter über einen Gegner und verletzte sich die linke Schulter. Auf der Gugl ging er mit einem Kreislaufkollaps zu Boden, den Lauf bei der WM in Paris beendete er ebenfalls vorzeitig nach einem Sturz.

13. August 2007

Das Bild, mit dem alles anfing

Ein kleine Leseempfehlung für alle, die die Sonntagausgabe der Frankfurter Allgemeinen verpasst haben: die Geschichte über eine attraktive Stabhochspringerin aus Kalifornien, die zuerst von Bloggern und dann von konventionellen Medien zu einem Erotiksymbol stilisiert wurde. Und zwar eines wider Willen. SpOn hatte sich schon vor Wochen zu Allison Stokke geäussert und den Rummel mitentfacht. Auf Analyse hatte man weitgehend verzichtet.. Das im Artikel angesprochene Video findet man hier. Die Webseite mit den vielen Fotos heißt www.allisonstokkepictures.com. Die FAZ hat auch das Foto, mit dem vor einem Jahr alles anfing, als weder die 18jährige Allison noch der Rest der Welt ahnte, was ihr bevorsteht. Der Text in der FAZ streift nicht alle Details der Entwicklung. So hat sie mittlerweile trotz ihres angeblichen Ansinnens, ihre plötzliche Berühmtheit nicht auszuschlachten, mehrere Interviews gegeben. Der Vater ist ein ziemlich erfolgreicher Anwalt. Der wird die Sache schon schaukeln. Von Opfer jedenfalls sollte nicht mehr die Rede sein.

25. Juni 2007

Marion Jones ist pleite

Marion Jones hat einst als alles überragende Figur der amerikanischen Leichtathletik sehr viel Geld verdient. Inzwischen ist sie offensichtlich pleite, während sie gleichzeitig einigen Leuten noch immer erhebliche Beträge schuldet. Nach Recherchen der Los Angeles Times hat die 31-jährige im Rahmen eines anhängigen Zivilgerichtsverfahrens erklärt, dass die Gesamtsumme ihrer flüssigen Mittel bei unter 2000 Dollar liegt. Im letzten Jahr nahm ihr danach sogar die Bank ihre Villa in Chapel Hill/North Carolina ab, nachdem sie die Hypothekenzahlungen schuldig geblieben war. Sie musste angeblich zwei weitere Häuser in North Carolina verkaufen, um ausstehende Rechnungen zu bezahlen und verlegt sich seitdem aufs Beten, wie sie dem Anwalt der Gegenseite im Streit mit Ex-Trainer Dan Pfaff um ausstehende Honorarzahlungen vonmehr als 200 000 Dollar erklärte. Der wollte herausfinden, wo denn die Millionen geblieben seien, die sie in den Jahren zuvor verdient hatte. “Das wüsste ich auch gerne”, sagte sie. “Rechnungen. Anwälte. Eine Menge unterschiedliche Dinge, um den Lebensstil aufrecht zu erhalten.”

Jones lebt inzwischen in Austin mit ihrem zweiten Ehemann, dem Sprinter Obadele Thompson aus Barbados, der in Sydney über 100 Meter die Bronzemedaille gewonnen hatte. Ob sie ihre sportliche Karriere fortsetzen wird, ist nicht bekannt.
Blick zurück: Jones ist verschwiegen

19. Juni 2007

Trainieren aus der Zelle

Morgen beginnen in Indianapolis die amerikanischen Leichtathletik-Meisterschaften. In der Vorschau für die FAZ musste ich jedoch vor allem über jemanden reden, der gar nicht da sein kann: den Trainer des favorisierten Sprinters Tyson Gay. Warum? Bitte selber lesen.

9. April 2007

Ex-Weltrekordler Tim Montgomery: Nach Doping-Sperre nun Gefängnis

Als ob das was Neues wäre: Hin und wieder spielt einem die Erinnerung einen Streich. Kein Wunder, wenn man die Zahl der seit dem letzten Juli hier abgehandelten Themen addiert. Erst dachte ich, die Such-Funktion der Blogger-Software schummelt und streikt, als im Zusammenhang mit dem Namen Tim Montgomery nichts von seiner Verwicklung in einen Scheckbetrugsring hoch kam. Dann habe ich beim Blick ins Archiv der FAZ gesehen: Die Geschichte lief bereits im Mai 2006, eine Weile, ehe American Arena auf Kiel ging. Aber da die Mühlen der Justiz langsam mahlen, dauerte es ein Jahr, bis sich wieder etwas Berichtenswertes tat. Here it is: Der ehemalige 100-Meter-Weltrekordler und ehemalige Lebensgefährte der Sprinterin Marion Jones (und Vater eines gemeinsamen Kindes) hat sich in der Angelegenheit für schuldig erklärt und darf mit einer Gefängnisstrafe von drei Jahren plus rechnen. Sein ehemaliger Trainer Steven Riddick - Bild links - (noch immer der Betreuer von Frau Jones), der ebenfalls in die Angelegenheit verwickelt ist, will lieber den Prozess riskieren, während insgesamt acht Mitangeklagte bereits ihre Teilschuld eingestanden haben. Der Prozess beginnt morgen in New York und wird voraussichtlich drei Wochen dauern. Der Betrugsring soll nach Informationen der Strafverfolgungsbehörden mehr als zehn Mitglieder gehabt haben, die danach ein Betrugsvolumen von über 5 Millionen Dollar zu verantworten haben. Marion Jones soll ebenfalls einen dieser dubiosen, nicht gedeckten Schecks eingelöst haben. Und zwar über einen Betrag von 25.000 Dollar. Die Ermittler sahen jedoch davon ab, ihr irgendwelchen kriminellen Motive nachzuweisen. So wird sie auch nicht als Zeugin erwartet.