15. November 2009

"Lust am eigenen Gefühlsrausch"

Es hat ein paar Tage gedauert, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass man diese Trauershow à la Prinzessin Diana nicht ohne Nachdenken über sich hinwegschwappen lassen kann. Denn was der Freitod von Robert Enke in Deutschland ausgelöst hat, war schlichtweg...echt ohne Worte. "Gefehlt hätte schließlich nur noch eine Fan-Meile mit Robert-Enke-Devotionalien und der Bau eines Mausoleums", schrieb Christian Paschwitz auf sport1.

Es hätte durchaus eine kluge Maßnahme gegeben, diese Stimmung zu kanalisieren und auf angemessene Proportionen zurechtzudengeln: Wenn man seitens des DFB die Erkenntnis gehabt hätte, dass es sinnvoller ist, das geplante Spiel gegen Chile nicht einfach abzusagen. Es wäre die adäquate Gelegenheit und der richtige Rahmen gewesen, taktvoll, ausführlich und angemessen das Leben des Ersatztorwarts der Nationalmannschaft zu würdigen. Aber stattdessen ließ man sich treiben und surfte auf der hochwabernden Grundstimmung und wurde dafür auch noch belohnt. Am Wochenende wurde dem Verband in einem Teil der Öffentlichkeit tatsächlich bescheinigt, er habe an sozialer Kompetenz gewonnen.

Ehrlich gesagt: Der Verband hat, angetrieben von populistischen Instinkten und in Ermangelung einer angemessenen Vorstellung von seinem Rangplatz in der Gesellschaft, schlichtweg versagt. "Manchmal aber kippt der öffentliche Diskurs in einen geistigen Nihilismus ab, der durchaus etwas Beängstigendes hat", merkte denn auch Burkhard Müller-Ulrich am Samstag im Deutschlandfunk an, der zu den ersten gehörte, die sich kritisch mit dem Thema beschäftigten. "Die schrille Trauerekstase um einen Fußballer, der sich das Leben nahm, ist dafür ein Beispiel. Der Medieneinsatz war fast so exorbitant wie derjenige am Tag zuvor zum Gedenken an den Mauerfall vor 20 Jahren." Dazu passt, was Richard Wagner in der FAZ schrieb: "Der Trauerfuror, der über das Land hereinbrach und den die Medien - dabei nicht nur der gefräßige Boulevard - durch immer ausführlichere Berichte anheizten, ist abstoßend. Als das Ganze heute mit einem vom Boulevard mit Gebrüll angekündigten Spektakel in Enkes Heimstadion in Hannover seinen Höhepunkt fand, wurde es endgültig zu etwas Unangemessenem, Maßlosem. Enkes Selbstmord wirkte auf einmal wie ein beliebiger Anlass für eine massenhafte Lust am eigenen Gefühlsrausch."

Es ist bemerkenswert, dass sich die Kritiker nicht von dem etwaigen Vorwurf der Pietätlosigkeit mundtot lassen machen, sondern ansprechen, auf welche Weise eine Woche lang sich eine Allianz aus Fußballverband, Medien und tausenden von sich irgendwie ratlos und betroffen fühlenden Menschen die Projektionsfläche aus Fußballplatz und Depression "die Funktionsweise unserer modernen Gesellschaft als Erregungsgemeinschaft" vorexerzierte (Müller-Ulrich) und mit Leergut anfüllte . Keiner rief: "Halt, ich will runter von dieser Achterbahn". Tagelang raste der Waggon durch alle Schleifen und über alle Holterdiepolter-Hügel und besorgte Deutschland die "Inszenierung des künstlichen Herzens". Auch das eine gute Beschreibung der losgelassenen Emotionen von dem bereits zitierten Burkhard Müller-Ulrich.

Ich nehme an, dass ein anderer Mensch als Theo Zwanziger und sein Umfeld an der Spitze des DFB die Unverhältnismäßigkeit dieser Entwicklung erkannt hätte und den traurigen Fußballspielern des deutschen Nationalmannschaftskaders Mitte der Woche auf einfühlsame Weise erklärt hätte, dass man einen Freund und Kollegen eher dadurch ehrt, in dem man nicht einfach inne hält mit dem Spiel, das einen miteinander verbunden hat, sondern in dem man es spielt. Vor tausenden von Zuschauern im Stadion und Millionen live am Fernsehapparat. Aber die Fußballführung hatte eine andere Agenda. Sie wollte wohl auf eine unterschwellige Weise drei Jahre nach der WM mal wieder klar machen, dass ihr Deutschlands liebste Puppenbühne gehört, auf der tausende von Profis und Millionen von Amateuren tanzen. Immerhin wissen wir nun wieder, warum sie uns fasziniert: Sie hat "keinen anderen Sinn als gemeinsame Ekstase".

Kommentare:

tumulder hat gesagt…

Danke! Du glaubst gar nicht wie befremdlich mir die Berichterstattung der letzten Tage vorkam.

tumulder hat gesagt…

Und auch so mancher Artikel in ansonsten gut zu lesenden Blogs.

probek hat gesagt…

Die Kritik an der Berichterstattung über Robert Enke (und die damit vermeindlich zwangsweise einhergehende Glorifizierung seiner Tat) setzte öffentlich sichtbar (zumindest für jeden, der mal in Social Netzworks oder Blogs guckte) unmittelbar und noch am Tag seines Todes ein (denkt doch an die Frau, die Zugführer, die anderen, die sich jetzt auch vor die Züge schmeißen werden, die Kinder in Afrika etc. etc.). Eine Show haben aber aus Enkes Tod höchstens diejenigen gemacht, die mit der Berichterstattung über solche Themen Geld verdienen bzw. Einschaltquoten oder Auflage steigern können. So weit, so schlecht – aber auch so erwartbar und ebenso erwartbar, wie die sofort einsetzende Kritik an jedweder Berichterstattung. Insofern ist die Anmerkung, Burkhard Müller-Ulrich gehöre (mit seinem am Samstag im DLF gesendeten Beitrag, also vier Tage nach dem Suizid Enkes) zu den ersten Kritikern, schlichtweg nicht haltbar. Es sei denn, man selektiert seine Informationen sehr, sehr subjektiv und meint Kritik im Rahmen eines öffenlich-rechtlichen Radiosenders, der aus Köln sendet und nicht WDR heißt.

Aber auch mit einer solchen Kritik an der „Hysterie des Pöbels“, um mal einen gängigen Begriff aus den letzten Tagen zu nehmen, lässt sich Geld verdienen oder zumindest Applaus einholen. Und aus einer selbstgefälligen Distanzierung und einer hinablassenden Haltung über einen Teil des Volkes in Trauer offenbar auch am Volkstrauertag.

Wenn ich lese: "auf angemessene Proportionen zurechtzudengeln", wird mir ein wenig schlecht. Das ganz offensichtlich vorhandene Bedürfnis vieler zu trauern, so irrational es manchem erscheinen mag, möchte ich nicht "zurückdengeln". Das Menschenbild, das hinter dieser Formulierung steht, lässt mich frösteln. Hinter der Vorgehensweise des DFB (die ja mit den Nationalspielern abgesprochen war) auch noch eine unterschwellige Agenda zu vermuten, mit anderen Worten also zu schreiben, die DFB-Führung hätte, trauernde Mannschaft hin oder her, bewusst den Tod von Robert Enke genutzt, um damit Propaganda in eigener Sache zu machen, ist einer Verschwörungstheorie würdig. Ähnliches habe ich allerdings auch schon lesen müssen, als der Moment, als Oliver Bierhoff während der Pressekonferenz die Fassung verlor, als inszeniert und unlauter empfunden wurde.

Noch eine letzte Anmerkung: Robert Enke war mitnichten „Ersatztorwart“ der Nationalmannschaft. Es gab und es gibt derzeit keine „Nummer Eins“ im deutschen Tor, das mit dem „Ersatz“ ist also schlichtweg falsch. Aber selbst wenn es so wäre: wäre sein Schicksal dann weniger Aufmerksamkeit wert?

Andre hat gesagt…

Ich kann mich da probek nur anschließen. Sicher kann man einiges, was sich in den letzten Tagen ereignet hat kritisch hinterfragen, etwa Umfang und Art der Medienberichterstattung oder auch die posthume Darstellung von Enke.
Nicht jedoch kann man meiner Meinung nach die Art und Weise zum Gegenstand der Diskussion machen, wie Personen aus dem direkten Umfeld darauf reagieren. Ich finde es ekelhaft anmaßend, hier den Spielern mal salopp und als Unbeteiligter zuzurufen, die mögen doch bitte mal ihr Freundschaftsspiel abreißen, können ja dann beim Torjubel Enkes Gesicht auf dem untergezogenen T-Shirt zeigen oder derlei Späßchen. Sicher wird dies nicht jeden Nationalspieler in seinen Grundfesten erschüttert haben, genauso wenig wie vermutlich jeder der am Trauerzug Teilnehmenden lediglich aufgrund aufrichtiger Trauer dabei war, aber ein Urteil über die Motive oder auch entsprechenden Handlungen verbietet sich einfach.
Ohne jetzt unnötig persönlich werden zu wollen, aber dein durch obige Unterstellungen (Absage = Populismus) zur Schau gestelltes Menschenbild, welches jedwede Aufrichtigkeit von vorne herein ausschließt und leugnet ist an Niveau mit Sicherheit nur von wenigen anderen Äußerungen der letzten Tage unterboten worden.

Frankfurter Löwe hat gesagt…

Ich schätze diesen Blog sehr und ich habe sehr viel Freude an den Ansichten über American Sports. Doch in diesem Fall bin ich diametral anderer Ansicht als der geschätzte Gastgeber. Nicht nur war die Absage des Länderspiels vollkommen richtig. Dem DFB vorzuwerfen, er wolle mit dieser Trauerfeier die Bedeutung des Fußballs nachhaltig darzustellen, finde ich geradezu empörend.

Man kann gewiss darüber streiten, ob die Sache nicht am Ende um einiges überhöht wurde. Ob eine Feier in diesem riesigem Stadion und mit Live-Übertragungen wirklich notwendig war. Wer will darüber befinden. Vielleicht doch die nächste Angehörige, nämlich Frau Enke. Es ist doch so. Enkes Tod und seine Umstände haben bei vielen einiges durcheinandergebracht. Er war ein Stück Hannover (als Nicht-Hannoveraner wüsste ich keine andere auch nur annähernd adäquate Idenitifikationsfigur). Den Ausschlag gegeben, dass man etwas Größeres machen muss (sollte) hat wohl die Trauerveranstaltung am Mittwoch, als ohne mediales Sperrfeuer 35000 Hannoveraner sich bei lausigem Wetter aufgemacht haben zu einem Trauermarsch.

Ich bin im übrigen auch ein bisschen enttäuscht über die Einseitigkeit, wie hier zitiert wurde. Immerhin hat in der Faz ein öffenbtlich ausgetragener Streit stattgefunden. Hier nur einseitig die Meinungen zu zitieren, die einem selbst in den Kram passen, haben Sie doch gar nicht nötig, Herr Kalwa.

Rob hat gesagt…

Am Anfang war ich überrascht, dass Teresa Enke kaum einen Tag nach dem Tod ihres Mannes zu einer Pressekonferenz geht. Schon allein, weil ich nicht sicher bin, ob ich das könnte. Hinterher war mir klar, dass sie die Chance gesucht hat, nie endenden Nachstellungen zu entgehen. Der weitere Verlauf, den man meinetwegen Inszenierung nennen kann, diente wohl demselben Zweck. Lieber einmal ein Bild mit starker Aussagekraft als, tja, eine Liveübertragung der Beerdigung.

Dass der DFB dabei eine treibende Rolle spielte kann ich nicht erkennen.

Belen hat gesagt…

Man bekommt viel davon mit, wenn man die ganze Zeit vorm Fernseher Chips frisst. Aber, das bißchen, was ich mitbekommen habe, fand ich angemessen.
Besser geht's immer, aber es wäre viel schlechter gewesen, wenn Deine Gedanken umgesetzt worden wären. Es ist schon ganz gut, dass das Spiel abgesagt wurde. Es geht hier um Menschen und nicht um Maschinen.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

@ probek: Von „Hysterie des Pöbels“ würde ich bei diesem Vorgang nicht reden. Beide Wörter halte ich für unangemessen und überzogen. Ich bin allerdings der Auffassung, dass das Verhalten von Menschen in einflussreichen Positionen (Verband, Medien) die allgemeine Stimmungslage sehr stark prägt und beeinflusst. "The medium is the message" gilt mehr denn je. Ob Werther-Effekt oder so harmlose Dinge wie Public Viewing und Lichterketten. Ich würde keinem Teilnehmer seine Ernsthaftigkeit absprechen. Aber dass er ganz alleine drauf gekommen wäre, darf man bezweifeln.

@ Andre: Ich fände es auch anmaßend, die Spieler darum zu bitten, ein Spiel "abzureißen". Aber darum wäre es gar nicht gegangen, sondern darum, diese Spieler davon zu überzeugen, dass man auf den Platz gehen und für Robert Enke spielen kann. Für seine Idee vom Fußball. Trauer und Betroffenheit bedeutet nicht zwangsläufig Lähmung und Starre. Ich war als Einwohner von Manhattan ganz direkt vom Anschlag am 11. September 2001 betroffen. Meine Reaktion war: Geld spenden, Blut spenden, etwas Sinnvolles machen und den Alltag zurückerobern, den man uns kaputt gemacht hatte. Ich habe damals gesagt: Eine solche Katastrophe hätte ich in keiner anderen Stadt erleben wollen, weil sich die meisten New Yorker in Krisen nicht in einen melancholischen Gefühlzustand fallen lassen, sondern anpacken. Auch (klinische) Depression bezwingt man nicht, in dem man sich ihr ausliefert, sondern in dem man die (meistens sehr wenige) Energie sammelt, Therapieansätze zu finden.

@ Belen. Ja, es geht um Menschen. Aber es geht auch um die Dimensionen eines alltäglichen Vorgangs. Menschen sterben und hinterlassen eine Lücke. Was fehlt, ist nicht zu ersetzen. Und doch geht es weiter. Für uns alle.

probek hat gesagt…

@Jürgen

Aber dass er ganz alleine drauf gekommen wäre, darf man bezweifeln.

Ach ja? Warum?

Von der „Hysterie des Pöbels“ hast du vielleicht nicht wörtlich geschrieben, das habe ich aber auch nicht gesagt. Andere haben das eher getan. Inhaltlich sehe ich aber kaum einen Unterschied zwischen deiner oder ähnlichen Positionen.

Mir fallen da immer noch eine Menge Fragen ein: Wer mag denn wem vorschreiben, wie er zu trauern hat -- und warum? Was ist gewonnen, wenn alle am Tag danach so tun, als wäre nichts passiert? Verhindert das angebliche oder mögliche Nachahmungssuizide? Verhindet das eine Diskussion über Depressionen im Berufsalltag?

Wem schadet es, wenn Massen trauern? Was ist so falsch daran, dass sich viele beim Tod Prominenter betroffen fühlen, warum ruft das offenbar zwangsweise Betroffenheitsbe- und -abwerter auf den Plan? Sinkt durch Massentrauer das Bruttosozialprodukt? Fehlen Produktionskräfte, weil alle arbeitsunfähig werden?

Muss man immer und überall funktionieren, darf man eben nicht „auch mal innehalten“, um Theo Zwanziger zu zitieren? Und welchen Anlass darf man dafür benutzen, um innezuhalten? Wer entscheidet, wer weiß den einzig richtigen Weg, wie man mit sowas umzugehen hat, wer will mit welchem Recht den „Eindengler“ spielen, der die Empfindungen der Masse kanalisiert -- und vor allem in welche Richtung?

Mich empört die Art und Weise, wie von dir und anderen vermittelt wird, ihr wüsstet genau, wie damit umzugehen sei. Oder anders gesagt: mich empört, wie die eigenen Maßstäbe mal eben für viele, viele andere gelten sollen. Ich sehe nicht, warum der eine Umgang mit solchen oder ähnlichen Todesfällen besser als ein anderer sein soll.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

@probek: Das finde ich jetzt aber sehr einfach. Du darfst alles mögliche in Frage stellen, sogar den Wissensstand solcher Fachbereiche wie Massenkommunikation und Massenpsychologie. Die Beschlagnahme des öffentlichen Lebens qua Betroffenheit und Trauer hingegen ist unangreifbar? Du darfst Dinge insinuieren, die ich gar nicht geschrieben habe, aber auf diesen Umstand hingewiesen erklären, dass du "kaum einen Unterschied" siehst? Ich aber muss erklären und begründen, warum ich andere Maßstäbe an öffentliches Verhalten anlege als die tausenden wenn nicht Millionen, die mit dem Strom schwimmen? Wenn das so ist, dann würdest du auf eine indirekte Weise nur den Verdacht bestätigen, den ich in den letzten Tagen hatte: Trauern muss so etwas sein wie der Kreuzbube im Skat. Gegen den bekommen alle anderen nie einen Stich.

probek hat gesagt…

Nö, ganz so einfach ist es doch nicht. Ich rede nicht von Frageverboten -- was ja auch lustig wäre, weil ich selbst dauernd Fragen bzw. Gegenfragen stelle. Selbstverständlich soll und darf man alles hinterfragen, alles andere wäre Tabuförderung und Zensur. Ich frage mich nur, was in diesem konkreten Fall an einer öffentlichen Trauer und Betroffenheit so schlimm bzw. verkehrt sein soll. Oder frage mich das angesichts der anderen, auch aufgezählten Beispiele. Passenderweise hat ja jeder, auch jede Gesellschaft, andere Idole und andere Trauerrituale. Welche sind gut, welche schlecht?

Wieder konkret: was ist so falsch an dieser spezielen Trauer rund um Robert Enke? „Beschlagnahme des öffentlichen Lebens“, nun ja. Ich weiß nicht. Aber selbst wenn es so wäre: mit was ist denn das öffentliche Leben sonst in Beschlag genommen? Mit wichtigeren Dingen? Sicher? Wo ist das Problem? Und ist dieses Beschlag nehmen nicht schon längst wieder vorbei? Siehst du bleibende Schäden durch die „Trauerekstase“?

Trauern muss so etwas sein wie der Kreuzbube im Skat. Gegen den bekommen alle anderen nie einen Stich.

Schönes Bild, nur: wer sind die einen, wer die anderen? Willst du andeuten, dass man Trauer nicht kritisieren darf? Da habe ich aber in den letzten Tagen anderes gelesen und gehört. Aber geht es hier denn ums Stich-Machen, ums Gewinnen in einem Spiel, um Rechthaberei oder Spitzfindigkeiten? Ist das Thema nicht zu schade für sowas?

Eins noch, wegen meines angeblichen Insinuierens. Bei Beschreibungen wie „tausende von sich irgendwie ratlos und betroffen fühlenden Menschen“ in „schriller Trauerekstase“ finde ich „Hysterie des Pöbels“ eine leicht zugespitzte, aber irgendwie auch ehrlichere Beschreibung des selben Phänomens. Wenn's aber was nützt: ich bestehe nicht auf den letztgenannten Begriff. Mir reichen auch die anderen für mein Frösteln.

tumulder hat gesagt…

Ich denke die Kritiker üben keine Kritik an der Trauer selbst, sondern an der Inszenierung dieser Trauer. Das ist ein feiner Unterschied. Wenn die Kritiker in den Handlungen des DFB eine gewisse Selbstdarstellung entdecken, kann man dies nicht so leicht von der Hand weisen. Ich erinnere an Zwanzigers Rede während der Trauerfeier. Wie oft fiel in ihr das Wort Fußball? Wem möchte man da zum Vorwurf machen, wenn er darin nichts anderes als die Selbstinszenierung des größten Sportverbandes der Welt sieht? Ich möchte hier niemanden von Hannover 96, keinen einzigen Enke Fan, keinen einzigen Angehörigen für die Größe der Trauerfeierlichkeiten kritisieren und schon gar niemanden falsche Trauer unterstellen. Und dies machen auch die von Jürgen zitierten Beiträge in keinem Maße. Was die letzten Tage in den Medien abgegangen ist, all die Küchenpsychologie, die Sensationsgier, die Veröffentlichung der Intimität, die spielbergsche Scheinbetroffenheit des Boulevards und leider auch des öffentlichen rechtlichen Fernsehens, hätte vielleicht nicht verhindert werden können, aber bestimmt auf ein auch für die Trauernden erträgliches Maß gedämpft werden können. Ich hatte nicht den Eindruck, daß irgendjemand in Frankfurt daran Interesse gehabt hätte. Stattdessen wurde die Sprachlosigkeit, die Trauer in jede Kamera posaunt, wo doch vielleicht mal Zurückhaltung angebracht gewesen wäre.

Was die Kritik an diesen Umstand mit einer Herabwürdigung der Trauernden selbst zu tun hat. Wie man aus dieser meiner Meinung nach berechtigten Kritik herauslesen kann, daß über den Pöbel herablassend geurteilt würde, das erschließt sich mir allerdings nicht. Ich wüßte auch nicht wie die nun entfachte Diskussion um die Krankheit Depression auch nur einen an ihr Erkrankten helfen könnte. Außer daß man feststellen kann, daß auch Sportler nicht vor ihr gefeit sind. Aber das ist eigentlich schon lange kein Geheimnis mehr. Mir ist leider die Quelle entfallen, aber man darf sich schon fragen, wo die Unterstützung seitens des Fußballverbandes war, als Jürgen Klinsmann, Mirko Slomka und noch andere junge Trainer den Mannschaftspsychologen etablieren wollten? Welch ein Zynismus, wenn sich der oberste DFBler ausgerechnet jetzt für die Enttabuisierung einer psychiatrischen Erkrankung einsetzt, die gerade im Vorfeld durch einen solchen Ansprechpartner schon in den Jugendmannschaften verhindert werden kann.

Eva Herold hat gesagt…

Von "Spocht" habe ich keine Ahnung, von Depressionen hingegen eine ganze Menge, und so fand ich es sehr mutig von der Frau des Sportlers, dessen Name mir erst seit seinem Freitod geläufig ist, an die Öffentlichkeit zu gehen: Enke, der so berühmt und erfolgreich war, litt an Depressionen? Ich hoffe, der mediale Tumult um diese Information hilft all jenen Kranken, die ihr Leiden immer noch verstecken, um nicht als "Weicheier" abqualifiziert zu werden.