30. Dezember 2006

Zeit zum Lesen: Geschichten mit dem Siegel "Erste Sahne"

Bevor wir hier nostalgisch werden (es ist Jahresende und da kommen einem alle möglichen Dinge in den Sinn) und zu irgendwelchen Reminiszenzen an das vor langer Zeit verblichene Magazin namens Sports anheben: Es gibt sie immer noch, die Medienoutlets, die feine Lesegeschichten publizieren. Nur nicht in Deutschland, wo man vermutlich nirgendwo eine Reportage über einen Sportler in Auftrag geben würde, der vor 15 Jahren zu den größten Talenten gehörte, aber dann im dunklen Tann verschwand. Oder einen Schriftsteller bitten würde, sein Porträt eines der besten Tennisspieler aller Zeiten zu schreiben.

Zum Glück entstehen solche Texte aber immer noch in den USA, wo man eine Tradition im Sportjournalismus pflegt, in der sich Nachdenken, Beobachten, Recherchieren und stilvoll Schreiben zu einem eigenen Genre vermischt haben, das man sportswriting nennt. Seit geraumer Zeit widmet der Buchverlag Houghton Mifflin diesem Genre einen alljährlichen Sammelband, der jeweils von einem anderen prominenten Autoren zusammengestellt wird. Man kann die Bücher bei amazon finden. Obwohl: die Liste scheint nicht komplett.

Wer weniger Interesse oder weniger Zeit hat, sich auf diesem Wege einzulesen, sollte mal auf folgende Website der Online-Ausgabe des Wall Street Journal klicken. Die Überschrift - The Best Sports Columns of 2006 - ist irreführend. Tatsächlich haben die beiden Kollegen aus einer ganzen Reihe unterschiedlicher Texte ausgewählt. Sehr gut ausgewählt, muss man sagen. Besonders die Geschichte von Wayne Coffey in der New York Daily News über den ehemaligen Pitcher Brien Taylor ragt heraus. Wenn man sie liest, erfährt man nicht nur ein ordentliches Stück über die amerikanische Gesellschaft (um Baseball geht es nur am Rande) und über das Leben in einem armseligen Teil von North Carolina, wo Hautfarbe noch immer ein wichtiger Faktor für Erfolg und Misserfolg sind, sondern auch über die Melancholie, die um Spitzensport herum mitschwingt und die von den hektischen Berichten im Fernsehen und in den Tageszeitungen ständig und beharrlich konsequent weggefegt wird. Es würde mich wundern, wenn dieser Text nicht im nächsten Sammelband von Houghton Mifflin auftaucht.

Aber das ändert nichts an der Frage: Weshalb werden solche Geschichten nicht rund um den deutschen Sport entdeckt, geschrieben und publiziert? Ich habe schon oft über eine Antwort nachgedacht. Im Moment fällt mir nur eine Gegenfrage ein: Vielleicht weil sie niemand lesen will? Dass es die Geschichten nicht gibt, soll mir keiner erzählen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Obwohl ich noch ein Kind war, kann ich mich ganz gut an die Sports erinnern. Ich könnte sogar einige Ausgaben rumliegen haben.

Ob das Bedürfnis nach dieser Art des Sportjournalismus vorhanden ist, weiß ich nicht - ich würde mich danach verzehren. Von daher werde ich mir deinen Link im neuen Jahr, mit ein bißchen mehr Zeit im Rücken, mal in Ruhe anschauen.

Generell ist es wohl so, dass es der qualitative Sportjournalismus in Deutschland schwer hat. Das ist zwar ein oft vorgetragenes Lamento, aber unwahrer wird es dadurch auch nicht. Von den Marktschreiern im Fernsehen (die oft immer noch meilenweit vom englischsprachigen Standard entfernt sind), über den unsäglichen Boulevardjournalismus hin zum teilweise guten Qualitätsjournalismus.

Der leidet aber auch unter einigen Unwägbarkeiten. Die Sportseiten, auch der Qualitätszeitungen, sind oft vollgestopft mit Agenturmeldungen und vor allem Fußballberichten. Die guten Artikel haben es da oft schwer. Aber auch diese guten Artikel arbeiten sich oft an den selben Sportarten und Helden der Deutschen ab. Dazu werden sie oft von den selben Journalist/innen geschrieben, die schon für die anderen drei großen Zeitungen schreiben.

Besser klappt es da bei Rund und 11freunde, aber den beiden fehlt es oft an der Raffinesse. Die Portraits und Interviews sind gut, wiederholen sich aber häufig in Aufmachung und Thematik.

Die Art von Artikel, die du in deinem Eintrag beschreibst, kommen auf jeden Fall so gut wie gar nicht vor. Ich kann mich an kaum ein Beispiel erinnern, obwohl ich viel lese. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass Sport hier immer noch zu sehr als Wettkampf gesehen wird und seine Protagonisten nicht als genau so interessante Menschen wie du und ich, sondern als Angestellte, die ihre Pflicht zu erfüllen haben. Die Bereitschaft ein Spiel oder Wettkampf als Event zu sehen, der dem Kino oder der Kunst in nichts nachstehen muss, ist irgendwie nicht vorhanden.

Aber nur so wäre es möglich die einzelnen Mitwirkenden so zu porträtieren, wie es in der Literatur, im Film oder anderen Teilen des Journalismus getan wird. Im Endeffekt zählt hier die Leistung selbst und nicht das wie , warum oder woher. Aber ich will mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, den ich trage ja auch nichts positives zur Veränderung dieses Zustandes bei. Gerade deswegen genieße ich aber deinen und einige andere Blogs sehr. Ein schönen Rutsch dir und deinen Lesern.







Generell ist es wohl so, dass es der qualitative Sportjournalismus in Deutschland generell schwer hat. Von den Marktschreiern im Fernsehen, die bis auf wenige Ausnahmen noch immer im Nebel rumstochern, über den unseglichen Boulevardjournalismus hin zum teilweise guten Qualitätsjournalismus.

Besagter Qualitätsjournalismus arbeitet sich aber oft an den momentanen Lieblingshelden der Deutschen ab (von Ballack bis Ullrich), aber nur selten so, dass man mal ohho sagt.

Oft fehlt die Raffinesse oder das was du die melancholie nennst. Die Sportseiten, auch der Qualitätszeitungen, sind dazu oft mit Agenturmeldungen zugestopft, so dass man die auch vorhandenen Perlen leicht übersehen kann.

Anonym hat gesagt…

Die unteren drei Abschnitte gehören irgendwie nicht dazu, hatte oben noch mal neu angesetzt. Von daher einfach ignorieren, oder noch besser löschen...

jkalwa hat gesagt…

Ich möchte nicht selektiv an Kommentaren herumbasteln und habe ihn lieber gelassen, wie er ist. Danke für die ausführlichen Anmerkungen.
Mir fallen eine Reihe von Gründen ein, weshalb die Landschaft so bedauernswert langweilig ist. Sie alle sind für sich genommen vermutlich nicht ausschlaggebend, aber in der Kombination höchst wirkungsvoll:
1. Die Manie der Interviews, die zu 80 Prozent auf niedrigestem geistigem Niveau stattfinden, fast nie kontrovers sind, aber gedruckt werden, weil man zeigen will: Wir waren da, wir waren dran.
2. Keine Bereitschaft, Geld auszugeben. Gute Arbeit ist im Regelfall teurer als Pfusch. Das weiß jeder Handwerker. Wenn man aber als Qualitätsmaßstab nur solche Produkte wie die Texte der Agenturen, den Unsinn des Boulevards und sich sich selbst hat, fällt der Mangel an Qualität nur selten auf. Also entwickelt man nicht das Gefühl, dass man mehr tun muss und mehr Geld ausgegeben, um das Manko zu beheben.
3. Der Kotau vor dem Fernsehen. Fast alle Sportarten, die im Printbereich gut abgedeckt werden, haben TV-Präsenz. Das andere Medium gibt den schreibenden Kollegen die Legitimation, um zu schreiben. Und was schreiben sie am liebsten? Geschichten, die von ihrem Gestus her immer so tun, als würden sie dort einhaken, wo die Fernsehübertragungen aufhören. Tatsächlich scheinen viele Leser das zu mögen: Die Abrundung des Fernsehgeschehend am nächsten Tag in der Zeitung. Wenn es anders wäre, würden sie uns das sagen.
4. Herdentrieb und Stromlinienverhalten in den Medien. Wenn die Krönung einer Karriere im Journalismus die Festanstellung bei einem reputierlichen Blatt ist, dann entscheiden andere Kriterien über das persönliche Fortkommen als die Vorliebe für das Erzählen von Geschichten und der Sinn für hochwertige Arbeit. Für das Fortkommen UND das Festhalten an dem Stuhl, auf dem man sitzt. Wenn man sich anschaut, wie gering die Mobilität unter den Journalisten in Deutschland ist, sollte man sich über den Mangel an Mobilität im schöpferischen Umgang mit dem Stoff nicht wundern.
Nachbemerkung: Ein Blog wie dieser kann und wird an der Gesamtlage nichts ändern. Was Blogs auf die Dauer leisten können, wird sich zeigen. Was sie meiner Meinung nach auf jeden Fall sein können, ist eine wirkungsvolle Plattform für neue Köpfe, neue Denke und neue Formen. Für Dinge, die im etablierten Medienalltag sonst einfach nur ignoriert würden.