11. Juli 2008

Packers oder Steelers oder was?

Nachdem wir demnächst bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen auf die Zielgerade einbiegen, ist es nur verständlich, dass die beiden Kandidaten die eine oder andere Anleihe beim Sport probieren. Sportbegriffe haben die Politikersprache schon vor langer Zeit infiltriert. Jetzt kommt die nächste Phase: Kandidaten, die ein intimes Verständnis für die jeweilige Sportart und sogar regelrechtes Interesse heucheln.

Das kann natürlich in die Hose gehen, besonders wenn mit jenseits der 70 schon Gedächtnislücken hat, die so groß wie Scheunentore sind. Wie John McCain. Der erzählte neulich in Pittsburgh eine Anekdote aus der schweren Zeit seiner Gefangenschaft im von den Amerikanern spöttisch genannten Hanoi Hilton während des Vietnam-Kriegs, wo er gefoltert wurde. Wenn sie auch ganz anders klang als die Version, die er einst in seinen Memoiren zu Papier gebracht hatte. In dem Buch hatte er erzählt, dass er, ein Marine-Pilot, den man in der Luft über Nord-Vietnam abgeschossen hatte, im Verhör Angriffsspieler der Green Bay Packers heruntergespult habe, als man ihn zwingen wollte, die Namen der Kollegen aus seiner Schwadron zu verraten. Anno 2008 wurde daraus plötzlich eine Liebeserklärung an die Pittsburgh Steelers und deren Verteidigungsreihe und erzwang eine peinliche Richtigstellung.

Der Republikaner McCain kann sich an vieles nicht erinnern, auch nicht an sein Votum im Senat, wonach er zwar dafür war, Medikamente wie Viagra für Männer als verschreibungspflichtig einzustufen, aber nicht Kontrazeptiva für Frauen, obwohl die sehr oft unter rein therapeutischen Vorzeichen verordnet werden. Die selektive Wahrnehmung der Welt ist für diesen Politikertypus nichts Neues und wird sich voraussichtlich noch bei weiblichen Wählern herumsprechen. Zumal McCain dafür ist, die Entscheidungsfreiheit von schwangeren Frauen in der Frage von Abtreibungen zu beenden. Bei diesem Thema hält es der Senator aus Arizona mit dem Papst.

Aber wir waren beim Sport und wollen deshalb noch ein Gerücht vermelden, wonach McCains formidabler Gegner Barack Obama einen Teil der Spendenmillionen, die er für seinen Wahlkampf ausgeben wird, einem Rennwagen-Team in der NASCAR-Serie um den Sprint Cup in den Rachen werfen will. Sports Illustrated vermeldet, dass er zunächst nur bei einem Rennen das Auto mit der Nummer 49 bepflastern will. Vorausgesetzt der Toyota mit Ken Schrader am Steuer qualifiziert sich. Vielleicht werden daraus auch mehrere Werbeauftritte. Die Idee ist nicht neu, aber sicher ihr Geld wert. Denn ein solcher Ausflug eines demokratischen Wahlkämpfers in eine feindliche Hochburg (sowohl die Betreiber als auch die Rednecks auf den Zuschauerrängen und den benachbarten Campingplätzen haben ein anderes Weltbild als Obama) wird sehr viel an Medienecho produzieren. Und es hilft auch noch dem Gegner: Die Eigentümer von Wagen Nummer 49 sind laut SI zwei "stramme Republikaner".

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Glauben Sie eigentlich wirklich, dass die Leser eines Sport-Blogs ständig mit Ihren politischen Ansichten konfrontiert werden wollen?

Dass man nach 40 Jahren vielleicht mal was verwechselt, so unglaublich erscheint das doch eigentlich nicht, oder?

Und das Anbiedern an die Wähler durch das Heucheln von Interesse am Sport ist wahrlich nicht McCain vorbehalten. Nur ein Beispiel: Nehmen Sie John Kerry, den letzten Präsidentschaftsbewerber der Demokraten (der Ihnen damit ja politisch genehm sein dürfte): Geriert sich als großer Redsox-Fan, behauptet bei Spielen gewesen zu sein, die er garnicht gesehen hat. Und als größter Klopper: Kann die beiden größten Stars seines "Lieblingsclubs" nicht unterscheiden!

http://slate.msn.com/id/2107251/

DAS ist ein Heuchler!

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Danke für den Hinweis zu der Slate-Geschichte. Ich empfehle jedem, sich die Zeit zu nehmen und sie bis zum Schluss zu lesen. Tatsächlich handelt es sich um einen Beitrag, der gerade das Gegenteil dokumentiert: Nicht dass Kerry ein Heuchler ist, sondern dass er von der republikanischen Politmaschine mit Hilfe von ein paar hübschen Handgriffen zu einem solchen abgestempelt wurde.

Anonym hat gesagt…

Wohl dem, der ein so klar gegliedertes Weltbild hat, bei dem Gut und Böse so schön sortiert sind!