16. Juli 2007

Von Manipulateuren und Magiern

Jeder manipuliert im Sport den Sport auf seine Weise. Das kann harmlos sein und irgendwie auch unterhaltsam wie der Umzug der Familie Beckham nach Los Angeles. Besonders wenn es so durchsichtig und karnevalsmäßig praktiziert wird wie in der amerikanischen Soccer League. Was manipuliert wird, ist die Erwartungshaltung von Sportfans und die Neugier von Zuschauern, die sich nur am Rand für Fußball interessieren (wenn überhaupt). Das erhoffte Resultat der Manipulation ist - im Fall der Anschutz Entertainment Group und der Los Angeles Galaxy, wo man das auch jedem offen erzählen würde - der Wertzuwachs von Immobilien (in diesem Fall der riesigen Stadionanlage in Carson, die 150 Millionen Dollar Baukosten verschlang und hohe Betriebskosten verursacht). Ob Beckham und Galaxy dabei Major-League-Soccer-Meister werden, ist den Anschutz-Leuten ziemlich egal.

Die Vorgehensweise entspricht der Methode, die man in Los Angeles bereits hinreichend bei der Produktion und Vermarktung von Filmen ausgetestet hat. Sie funktioniert für die Filmindustrie, weil sich in diesem Rahmen niemand über die Illusionen und Realitätsstörungen einer sehenswerten Leinwandproduktion wundert. Gutes Kino, das weiß und akzeptiert jeder als Prämisse, ist eine Übung in Fantasie. Sehr viel Fantasie. Man denke nur an das Geschäftsmodell der Universal Studio Tour. Da wird der zahlende Besucher in Trambahnen durch eine Kulisse gefahren, von der behauptet wird, man habe sie bei spektakulären Hollywood-Produktionen benutzt. Tatsächlich wurde ein Großteil der Bauten eigens für die Besichtigungsrundfahrten gebaut - mit all den staunenswerten technischen Finessen und Überraschungen, die eine Tour erst interessant machen.

Die meisten Manipulationsversuche im Sport zielen nicht auf Effekthascherei und den Kampf um Aufmerksamkeit. Bei denen geht es den handelnden Personen darum, die Realität umzubauen und die Resultate zu beeinflussen. Das ist weit weniger harmlos, als die Täter wahr haben wollen. Denn entscheidend für den Erfolg der Manipulation ist, dass die Sportverantwortlichen und die Öffentlichkeit den Eingriff nicht erkennen. Transparenz würde die wahren Absichten des einzelnen Manipulateurs (oder einer ganzen Gruppe von Manipulaturen) als regelwidrig enthüllen. Als Äquivalenzbetrieb im Rest des gesellschaftlichen Alltags fallen einem solche Institutionen wie die Mafia ein. Oder Anrufratesendungen im deutschen Fernsehen, bei denen spielsüchtige Menschen um ihr Geld gebracht werden, während man ihnen vorgaukelt, sie hätten eine reelle Chance darauf, einen beachtlichen Preis zu gewinnen.

Die Beckhams und ihre Berater und ihre Handlanger erschüttern im Unterschied dazu zumindest nicht das Urvertrauen von Millionen in die Idee eines sportlichen Wettbewerbs, dessen größter Reiz darin besteht, dass sein Ausgang ungewiss ist. Die ähneln darin eher besseren Magiern, die bei ihren Auftritten den Zuschauern vordergründig eine animierte Show bieten, um sie am Ende doch noch an der Nase herumzuführen und mit der ungelösten, aber spannenden Frage nach Hause zu schicken: Wie hat er (oder auch sie) das nur hinbekommen? Wir betrachten den Manipulateur David Beckham und seine Gattin deshalb bis auf weiteres genauso wie den Rest des amerikanischen Sportgeschehens: als eine andere - und ebenso harmlose - Version von diesem Mitschnitt einer verblüffenden Showeinlage von Ursula Martinez bei einem Komiker- und Kabarettistenfestival in Montreal. Es lohnt sich übrigens, sich ein bisschen ausführlicher mit der Arbeit der Engländerin zu beschäftigen. Sie parodiert mit ihrem radikal exhibitionistischen Stil mit viel Erfolg all das, was in dem gerade angebrochenen Jahrtausend mehr denn je die Menschen mehr denn beschäftigen wird: "die Obsession mit sich selbst, Identität und die Kunst des Auftritts". Würde Ursula Martinez so viel Geld mit ihrer Arbeit verdienen wie die Beckhams, wäre alles im Lot. Aber das bleibt pure Fantasie. Und mit purer Fantasie kommt man nirgendwo weiter. Nicht mal in Hollywood.

Kommentare:

Harris hat gesagt…

Vielleicht hat diese Youtube Video wenig mit diesem Beitrag zu tun aber ich denke, es koennte fuer Sie interessant sein. Bryant Gumbel ist bisher "the lone voice in the wilderness" und es tut gut sowas zu hoeren.
http://www.youtube.com/watch?v=MEJ8m_MDaYU

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Danke für den Hinweis. Ich finde es sehr gut, wenn hier Zusatzgedanken und -informationen wie diese zu laufenden Themen angefügt werden. Selbst dann, wenn ich hier jemand exklusiv an die Amerikaner wendet und ihre Ignoranz kritisiert.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Korrektur: ...wenn sich hier jemand exklusiv...