In New York hat es heute abend ein kurzes Feuerwerk gegeben. Ich nehme an aus Anlass des französischen Nationalfeiertags, den Ostküsten-Amerikaner ziemlich chic finden. Sie nennen ihn Bastille Day. Es waren auf jeden Fall keine Knallkörper für Thierry Henry, dessen Wechsel in die amerikanische Major League Soccer bekannt gegeben wurde. Obwohl im übertragenene Sinne wurde zumindest einer abgefeuert. Rob Hughes hat ihn gezündet und für die New York Times auf die Schnelle ein ganz vorzügliches Porträt über den Mann geschrieben, den es schon seit langem hierher zog, der aber erst jetzt die Zeit gekommen sah und sich den New York Red Bulls anschließt. Man wünscht sich, jede Personalie von Belang würde mit soviel Wissen und Einfühlungsvermögen für die Besonderheit einer Sportlerpersönlichkeit geschrieben. Und nicht mit jenem Kikeriki, auf das sich die Zunft immer mehr zugute hält. Auch derjenige, der Henry schon kennt, sollte sich die Zeit nehmen für diesen Text, dessen Autor dem Franzosen zubilligt, dass er in den USA einen größeren Einfluss auf den Erfolg der Sportart haben wird als der als Fußballer nur eingeschränkt taugliche David Beckham.
Von all den Frisuren, mit denen David Beckham im Laufe der Jahre seinen Sinn für überkandidelten gestalterischen Wagemut angedeutet hat, wirkt die Kreation “Herbst/Winter 2009” am ausgetüfteltsten. Links und rechts in der Nähe der Schläfen hat der Rasierapparat Löcher hinterlassen, die so aussehen, als sei dem Coiffeur die Hand ausgerutscht. Und oben wippen Büschel in der Signalfarbe blond, die nach hinten kürzer werden und den Schopf in einer kolorierten breiten Strähne auslaufen lassen.
Man könnte das Ganze einen “angedeuteten Irokesen” nennen. Genauso wie man David Beckham einen unvollendeten Fußballspieler nennen könnte. Aber eher wir uns in dieser Skizze verlieren, lieber der Hinweis auf den jüngsten Beitrag über ihn in der aktuellen FAZ – aus Anlass der Niederlage von Los Angeles Galaxy gegen Real Salt Lake im MLS Cup. Beckham geht zunächst wieder nach Mailand. Der Köder dafür, dass er in die USA zurückkehrt: Er soll Besitzer des 20. zu gründeten Clubs in der Liga werden. Wir sind zur Zeit bei 15.
David Beckham hat zum ersten Mal im dritten Jahr in den USA das vollbracht, wofür man ihn eigentlich geholt hatte: Los Angeles Galaxy hat sich einen Platz in den Playoffs von Major League Soccer erarbeitet. Die anstehende Aufgabe ist die Auseinandersetzung mit dem Ortsrivalen Chivas USA. Beide Spiele finden im Home Depot Center in Carson statt, dem Heimstadion beider Mannschaften. Für die Playoffs qualifizieren sich acht der 15 Teams. Darunter befindet sich auch Seattle Sounders, die im ersten Jahr mit Kickern wie Kasey Keller im Tor und Freddie Ljungberg im Angriff gleich oben mitspielen konnte. Das Galaxy-Match beginnt in ein paar Minuten auf ESPN 2, während parallel die Rückkehr von Brett Favre nach Green Bay live in der NFL-Berichterstattung abgewickelt wird. Zappen ist angesagt.
Nachtrag: Beide Spiele waren nur halbspannend. Denn Galaxy verplemperte ziemlich schnell mit konzeptlosem Kick die Chance auf einen Sieg (Endstand 2:2, nächste Woche das Rückspiel). Und die Packers sahen nur eine Phase lang in der zweiten Hälfte so aus, als könnten sie Minnesota Angst einjagen. Am Ende deutlicher Sieg für die Vikings (38:26), bei denen nicht nur Favre ein Faktor ist. Die ganze Mannschaft ist stark.
Major League Soccer hat eingesehen, dass es keinen Sinn hat, die reguläre Saison weiterlaufen zu lassen, wenn WM ist. Abgesehen davon, dass amerikanische Spieler in Südafrika dabei sein werden (die Qualifikation vorausgesetzt), die in der Liga fehlen würden, ist da ein simpler Konkurrenzfaktor. Die Spiele werden live in den USA übertragen, wo sich mehr und mehr Fans dafür interessieren. Zu denen gehören auch die Fans der spanisch sprechenden Minderheit, die zum Kern der Anhängerschaft von MLS-Teams gehören. Nun fehlt irgendwann nur noch ein Schritt – und der wäre mehr als angebracht: die Umstellung der Saison von der jetzigen Sommerperiode auf einen Kalender, den der Rest der Welt beherzigt. Vermutlich wird das nicht so einfach sein, solange man noch auf Football-Stadien angewiesen ist. Aber auch in diesem Bereich macht die Liga Fortschritte. Red Bull Arena vor den Toren von New York mit einer Kapazität von 25.000 Zuschauern wird im kommenden Frühjahr fertig sein.
Heute wurde in Amerika eine Meldung aus dem amerikanischen Fußball in Umlauf gesetzt, die keinen nachrichtlichen Wert hat, die aber trotzdem einer nach dem anderen zitiert. David Beckham hat nämlich der BBC erzählt: "Ich das Recht, einen MLS-Club zu besitzen, worum ich mich kümmern werde, sobald ich nicht mehr spiele."
Die New York Times hat daraufhin ausgerechnet, dass das schon 2012 passieren könnte, wenn der Fünf-Jahres-Vertrag von Beckham mit Los Angeles Galaxy ausläuft. Und dann wurde spekuliert, wie denn wohl der Wille des englischen Fußballstars mit den Expansionsbemühungen von Major League Soccer zusammenpasst. Reporter Jack Bell (der vor Monaten von Jermaine Jones hören musste, dass er sich wichtige Sätze ausgedacht habe) malte sich aus den Zutaten einfach mal eine kleine Prognose zusammen. Derzufolge könnte Beckham den Zuschlag für eine Franchise in Montreal bekommen.
So what...
Dies sind die Informationen, auf denen diese "Nachricht" basiert: Eine anonyme Person, die angeblich etwas über die Pläne von Beckham weiß, ließ durchblicken, dass sich die Managementfirma des Fußballer für eine Partnerschaft mit dem Besitzer von Montreal Impact interessiert. Der wiederum verweigert die Aussage, wer ihm denn wohl eine Offerte gemacht hat. Die ach so berühmten Montreal Impact, die in der United Soccer League stecken, die mit MLS null sportliche und wirtschaftliche Verbindungen hat, aber immer mal wieder deren Clubs als funktionstaugliches Gefäß für die eigenen Ausdehnungsbemühungen benutzt und die dann umtopft. Ach, ja, und ebenso gut könnte zu den Red Bulls noch ein zweites Team in New York installiert werden. Aber auch das weiß keiner. Auch das wird man erst noch sehen.
Und was wäre schon so heiß, wenn es wirklich so käme? Mario Lemieux hat einen Club – die Pittsburgh Penguins. Michael Jordan hat einen Club – die Charlotte Bobcats. Und beide haben dabei kein goldenes Händchen bewiesen. Lemieux, siehe Stanley Cup, war allerdings erheblich erfolgreicher. Was an Sydney Crosby liegt (den die Penguins als damals schlechtester Club ohne Mühe draften konnten) und an den engen Grenzen der Salary Cap, die es dem Club ermöglichte, mit den besser ausgestatteten Teams beim Zugriff auf ältere Talente mitzuhalten.
Manches im professionellen Sport in den USA ist anders als im Rest der Welt. Was hauptsächlich damit zu tun hat, dass sich das Geschäft schon früh entwickelte – ab dem Ende des 19. Jahrhunderts und völlig unbeeindruckt von solchen Konzepten wie den Vereins- und Verbandsstrukturen der britisch beeinflussten Verhältnisse in Europa.
Das Resultat ist eine Mixtur, die man womöglich als exotisch bezeichnen würde: Clubs als Unternehmen, Ligen ohne Auf- und Abstieg, einflussreiche Spielergewerkschaften, das System von Farm Teams. Tatsächlich war dieses System und die profitorientierte Philosophie dahinter für Zeiten wie heute – mit dem Zufluss von riesigen Beträgen aus der Vermarktung und der Lizensierung von Sport und von Stadien (Stichwort: Namensrechte) weit besser ausgerüstet als die Europäer. Nichts allerdings ist perfekt. Auch nicht die Situation in den USA, wie man an solchen Hängepartien wie dem Bankrott der Phoenix Coyotes erkennen kann. Von der doppelten Ausbeutung der College-Athleten (durch die Universitäten und durch die Ligen, die darüber auf billige Weise an ihren Nachwuchs gelangen) wollen wir gar nicht erst reden. Das Thema würde alleine mehrere Spalten füllen.
Ein kurioses Beispiel für die Verzerrungen, die das amerikanische System produziert, kann man zur Zeit im Fußball studieren, wo es Major League Soccer gibt und eine Organisation mit dem Namen United Soccer League (USL). Die beiden haben nichts miteinander zu tun, wurden aber jetzt zumindest über ein Gerücht zusammengebracht. Demnach steht die USL, aus der die MLS zuletzt ihre Expansion-Teams rekrutierte, zum Verkauf. Und die MLS war angeblich an einem Erwerb interessiert. Eine solche Verschmelzung wäre aus vielen Gründen überfällig – sei es um ein Farm-Team-Konzept zu schaffen oder eine Aufstiegs-Abstiegs-Mechanik. Aber die wirtschaftlichen Realitäten werden das wohl verhindern. Eine der Konsequenzen: Die meisten guten US-Kicker werden auch weiterhin zumindest zeitweise in Europa spielen und dort fehlen, wo sie dringend gebraucht werden: beim Aufbau einer flächendeckenden Struktur, die am Ende Major League Soccer die Zuschauer bringt, die ihr jetzt noch immer fehlen, um wirklich ernst genommen zu werden.
Das Fußvolk der Spieler in Major League Soccer hat lange genug still gehalten und die Verzerrungen akzeptiert, die sich in der Gehaltslandschaft der Liga etabliert haben. Aber der alte Tarifvertrag läuft aus. Weshalb sich allmählich klare Fronten in einer Auseinandersetzung entwickeln, die in anderen Ligen (auch dank gerichtlicher Entscheidungen) längst geklärt waren. Die amerikanischen Kicker wollen Free Agency und garantierte Verträge haben. Das beste Druckmittel, das sie haben, ist gar nicht mal, mit einem Streik zu drohen. Das geht inzwischen viel eleganter, nachdem europäische Clubs erkannt haben, wie preisgünstig und ehrgeizig die jungen Amerikaner sind. Sollte MLS die Spieler im Rahmen eines Tarifstreits aussperren, wären sicher nicht mal Transferzahlungen fällig, um sich die Rechte der Kandidaten zu sichern.
Was am Ende bei einem Konflikt herauskommt, lässt sich schwer abschätzen. Es wäre keine Überraschung, wenn die Gewerkschaft zunächst einmal die Sache mit den garantierten Verträgen durchdrückt (etwas was zum Beispiel in der NBA und in Major League Baseball gibt, nicht jedoch in der NFL). Denn gegen einen solchen Fortschritt werden sich vermutlich die Clubeigentümer nicht sträuben, wenn sie sehen, dass sich auf dem internationalen Transfermarkt trotzdem gutes Geld mit den Spielern verdienen lässt (Kenny Cooper ging jetzt für rund eine Million Dollar zu TSV 1860 München, was knapp der Hälfte des Gehaltsbudgets der gesamten Mannschaft entspricht).
Kenny Coopers Wechsel vom FC Dallas zu 1860 München in die Zweite Bundesliga wird dem amerikanischen Nationalspieler hoffentlich mehr bringen als dem texanischen Club. Etwas mehr als eine Million Dollar soll die Ablöse betragen, schreibt der gewöhnlich gut unterrichtete Steven Goff von der Washington Post. Cooper wird am Montag in Bayern einfliegen, vom Arzt untersucht und soll dann seinen neuen Vertrag unterschreiben. Ab Dienstag soll er mittrainieren. Dallas hatte lange gezögert, ehe es den produktiven Stürmer ziehen ließ. Tatsächlich ist die aktuelle Major League Soccer Saison sowieso fast zu Ende, und für Dallas sind die Chancen auf die Playoffs nur noch minimal. Außerdem wäre der Kontrakt mit Cooper nach der kommenden Spielzeit im Herbst 2010 ohnehin ausgelaufen. Da nimmt man dann doch lieber das Geld aus Europa.
Die Haltung wirkt allerdings seltsam inkonsequent im Falle eines jungen Fußballers mit Torinstinkt, der in der MLS zum All-Star-Spieler ernannt wurde. Denn vor einem Jahr lagen sehr viel lukrativere Angebote auf dem Tisch – aus Cardiff und aus Rosenborg. Cooper hat in Dallas etwas mehr als 100.000 Dollar verdient. Der 24-jährige, der in der Nachwuchsförderung derung von Manchester United nicht weiterkam und deshalb 2006 zurück in seine amerikanische Heimat ging, wird sicher zum Aufgebot der USA bei der WM in Südafrika gehören.
Während die Gefühle zwischen den amerikanischen Fußballanhängern und David Beckham langsam abkühlen, weil der Tätowierte weder das Spiel von Los Angeles Galaxy verbessert hat noch sich an seine vielen Worte über sein angebliches Interesse an einem Konjunkturaufschwung für Fußball in den USA erinnern kann, bleiben die Briten beckhamfixiert. Jetzt hat man sogar bei der BBCversucht, den Effekt von Becks auf den Liga-Fußball in den Vereinigten Staaten zu ermessen. Und was lernen wir? Es würde für Major League Soccer auch ohne Beckham nach dem langen Winter demnächst wieder die Sonne scheinen. Beruhigend zu wissen....
Man bastelt übrigens noch immer mit AC Milan an einer Lösung herum, die dem Engländer gestattet, die Saison in Italien zu Ende zu spielen und erst dann wieder nach Kalifornien zurückzukehren. Demnächst wieder zuhause: Landon Donovan, der den Winter über bei Bayern München verbracht hat. Der ganze Komplex wurde soeben auch vom New-York-Times-Fußballblogger durchgekaut.
Mehr MLS-Stoff: Eine neuerliche Erweiterung der Liga soll dabei helfen, Wurzeln im Nordwesten zu schlagen. Seattle Sounders heißt der Club, der in einem handlichen Stadion spielen kann und nicht in dem dicken Ding der Seahawks antreten muss. Auf drei Spielern ruht das Auge der Öffentlichkeit: Heimkehrer Kasey Keller (Bild links) ist der prominenteste Amerikaner im Team. Dazu kommen der schwedische Mini-Beckham Freddie Ljungberg und der Franzose Sébastien Le Toux. Nicht zu unterschätzen: die Verpflichtung von Trainer Sigi Schmid, der in Columbus ohne Druck und ohne Not eine Meistermannschaft zurückließ. Schmid (Bild rechts) wanderte mit seinen Eltern als Kind von Tübingen nach Kalifornien aus und kann deshalb beim besten Willen nicht als deutsche Pflanze eingestuft werden. Seine Entwicklung zu einem Erfolgstrainer begann im Collegesport.
In alle Stille hat ESPN den Wert von Major League Soccer für die unmittelbare Zukunft des Senders dokumentiert: Das Spiel der Woche, das im Rahmen des vor zwei Jahren abgeschlossenen Fernsehvertrags mit der Liga als Plattform für die Popularisierung der Sportart angesehen wurde, gibt es nicht mehr. Mit einem Einschaltquotenschnitt von 0,2 (was einer Zahl von 253.000 Haushalten entspricht), kann man keine Werbepartner motivieren. Die höchste Quote kam bei einem der ersten Beckham-Spiele zustande, als 658.000 Haushalte reinzappten.
Beckham ist in mehr als einer Hinsicht ein Problem für die Liga. Durch seine Verpflchtung in Los Angeles stiegen Erwartungen, die nichts mit Fußball, aber sehr viel mit den Prinzipien von Public Relations zu tun haben. Vermutlich hätte sich das Bild aufgehellt, wenn Galaxy auch nur eine Spur von Leistungsplus gezeigt hätte. Tatsächlich verpasste die Mannschaft zweimal die Playoffs, was in der MLS bei so wenigen Clubs eine Kunst für sich ist.
Trotzdem muss man wohl vorsichtig sein und kann nicht einfach von einer Fehlkalulation sprechen (die damit beginnt, dass Amerikaner glauben, dass ein Fußballer, der einen ordentlichen Freistoß schießen kann, eine schlechte Mannschaft besser macht). Denn der Aufmerksamkeitswert, den der Wechsel von Madrid nach Kalifornien produziert hat, war sicher auch ein Faktor, um die Entwicklung der Liga und den Bau von kleineren Fußballstadien hinzubekommen. Ohne solche Arenen mit einem Fassungsvermögen zwischen 20.000 und 30.000 fehlt dem Profi-Fußball in den USA schlichtweg das Rückgrat, um die eigene Fanbasis auszubauen. Als Gast in riesigen, aber leeren Football-Stadien kann man nicht eine Spur von Stimmung erzeugen. Natürlich gibt es Leute, die sich beschweren, dass nun auch außerhalb von Philadelphia solch ein Stadion entsteht. Aber die Klage kommt von Leuten, die nichts von Fußball verstehen. Und von der besonderen Begeisterung für die Sportart schon gar nichts.
Die vorweihnachtliche Stille aus München in Sachen Landon Donovan kann vieles bedeuten. Dass man keine Eile hat, den Transfer verbindlich zu klären. Oder dass die Details zu vielfältig sind, um sie mit einem simplen Federstrich verbindlich abzuhandeln. Dieses ausführliche Spekulationsstück von einem der bestinformierten amerikanischen Fußball-Insider deutet an, dass vor allem Major League Soccer, aber vermutlich auch Los Angeles Galaxy verlegen von einem Bein aufs andere treten, weil sie nicht wissen, was ihnen der Verlust eines ihrer Vorzeigespielers wert ist. Der Text enthält zwei hübsche Randnotizen: Donovans Ehefrau Bianca Kajlich (im Bild oben rechts) ist im Moment noch ortsgebunden – als eine der Hauptdarstellerinnen in der Sitcom Rules of Engagement, der aber womöglich schon bald der Stecker herausgezogen wird. Und: David Beckham hat eine Klausel in seinem Fünf-Jahres-Vertrag mit Galaxy, der es ihm gestattet, schon nach Ende der kommenden Saison die Koffer zu packen. Nicht dass er Amerika wirklich fehlen würde, sollte er wieder von dannen ziehen. Aber es wäre ein weiterer Beleg dafür, dass MLS trotz einem enormen Einsatz (auch an Geld) einfach nicht vom Fleck kommt und noch mindestens zehn Jahre braucht, um sich auf ein Niveau im US-Sportgeschäft hochzuhangeln, wo man an das Wort Relevanz denkt.
Joshua Mayers schreibt den besten amerikanischen Fußball-Blog The Beautiful Game. Wir wollten wissen, was er von Landon Donovan und seinem Umzug zu Bayern München hält.
American Arena: Als Landon zum zweiten Mal aus Leverkusen in die USA zurückgekehrt ist, wurde er von vielen verspottet. Sie sahen in seiner Haltung einen Mangel an Durchhaltewillen. Er sagte in einem Interview: "Ich wollte mich nicht elend fühlen. Ich bin 23. Ich muss das nicht haben." Stimmt meine Einschätzung, was die Reaktion der Fans angeht? Und hat sich sein Image gewandelt?
Joshua Mayers: Ich denke, dass die Art und Weise wie Landon nach seinem Versagen in der Bundesliga dargestellt wurde, gerechtfertigt war. Es ist klar, dass er mental nicht ganz auf der Höhe war, um mit Widrigkeiten fertig zu werden. Er hatte die Kritik verdient. Seine Reaktion war die eines Teenagers. Da war es berechtigt, ihn entsprechend zu behandeln, bis er das Gegenteil beweist. Allerdings glaube ich wirklich, dass er reifer geworden ist und diesmal mit den Herausforderungen umgehen kann. Er ist Spielführer der amerikanischen Nationalmannschaft geworden und ein Botschafter für Major League Soccer. Ich glaube, diesmal passt alles viel organischer zusammen. Und seine Leistung wird das zeigen.
American Arena: Was du vermutlich nicht weißt: Landon spricht überraschend gut Deutsch. Das habe ich bei einem Interview mit ihm im Juni festgestellt, und es hat meine Einschätzung seiner Person auf einen Schlag verändert. Er spricht sehr gut Spanisch. Welchen Eindruck von ihm gewinnst du aus seinen englischen Interviews?
Joshua Mayers: Landon ist ein sehr ehrlicher Mensch. Ich lese aus seinen Interviews heraus, dass er unverfälscht und glaubwürdig ist. Das Zitat aus der ersten Frage spiegelt die Ehrlichkeit wider. Er sagt, was ihm durch den Kopf geht. Vermutlich in jeder Sprache.
American Arena: Wie beurteilst du ihn als Fußballspieler, sein technisches Können, seinen Blick fürs Spielgeschehen?
Joshua Mayers: Ich habe ihn als Spieler immer sehr verehrt. Manchmal schient es schwierig zu sein, die beste Position für ihn zu finden. Und er kämpft darum, einen großen Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Davon mal abgesehen wird er immer der Star in seiner Mannschaft sein, egal ob in der Liga oder in der Nationalmannschaft. Er musste immer alles machen. Ich glaube sein Leistungsvermögen wird sich deutlicher in einer Mannschaft mit überragenden Talenten und geringeren Erwartungen zeigen. Im Zusammenspiel mit Leuten wie Toni und Klose wird Donovan nach meinem Gefühl zu einem besseren Spieler.
American Arena: Wird man ihn in der MLS vermissen?
Joshua Mayers: Ich denke, man wird ihn der MLS ein bisschen vermissen. Wahre amerikanische Fußballfans allerdings wollen, dass sich die besten US-Spieler in Europa weiterentwickeln. Wir wissen, er ist ein großartiger Spieler und wollen erleben, dass er auf einem höheren Niveau Erfolg hat. Es ist zwar traurig, ein Toptalent gehen zu sehen, die meisten werden jedoch erkennen, dass dies besser für den amerikanischen Fußball ist.
American Arena: Millionen von jungen Amerikanern spielen Fußball, aber die besten Talente legen eine Einstellung an den Tag, die von dem im Rest der Welt abweicht. Was für ein Typus spielt in den USA eigentlich Fußball (und nicht Basketball oder Football)? Der intelligentere Typ? Jemand, der weniger streit- und rauflustig ist?
Joshua Mayers: Ich bin nicht sicher, ob ich eine genaue Einschätzung darüber abgeben kann, welche Jugendlichen sich für Fußball entscheiden. Ich denke, die Attraktivität der Sportart besteht darin, dass jeder mitmachen kann. Wenn ich raten soll, würde ich sagen: die Sportart zieht generell eher kleinere und aggressivere Kinder an.
Nachtrag: Das Fußball-Establishment stuft Donovans Erfolgsaussichten eher niedrig ein und sagt das auch klar und deutlich – bei ESPN. Hier der Schnipsel:
Jürgen Klinsmann sieht das anders und erklärt es ganz locker auf Englisch:
Wir empfehlen Fußball-Profis, die ihrer Karriere ein wenig mit Dopingmitteln nachhelfen wollen, sich vielleicht mal bei einem Team in Major League Soccer zu verdingen. Erstens wird man dort so gut wie nie erwischt. Und zweitens kommt man im Fall des Falles mit ziemlich milden Strafen davon. Das aktuelle Beispiel sind zwei Spieler von New York Red Bulls, die soeben von der Liga mit einer Sperre von zehn Spielen und einem Gehaltsabzug von 10 Prozent bestraft wurden. Natürlich wirft sich MLS angesichts der Nachrichtenlage in die Brust: Man habe die "strengsten Drogen-Regeln im professionellen Sport", sagte der Commissioner in einer Stellungnahme. Aber wieso ausgerechnet zwei Figuren in einer Mannschaft gleichzeitig mit demselben Stoff aufgefallen sind, mochte er dann doch nicht erklären. Wir wissen nur, dass der Club die Geschichte verbreitet, wonach sich die verbotenen Substanzen (darunter Boldenon), in einem Produkt befunden haben sollen, das man in den USA in Vitamingeschäften kaufen kann. Eine solche Version der Geschichte, die so klingt, als hätten sich Sportler aus Versehen gedopt, haben wir schon tausendmal gehört. Sie gehört zu der Verschleierungstaktik aus der Zeit vor BALCO und vor Heredia und vor den Spezial-Apotheken mit den Ärzten, die am Fließband Rezepte ausstellen, ohne die Athleten je gesehen zu haben.
In Barcelona hat man fußballmäßig längst verstanden: Man muss sich größeren Zielgruppen-Märkten außerhalb des eigenen Aktionsradius zuwenden, wenn man neue Einnahmequellen aufreißen will. Die Premiere League mit ihren superreichen Vorzeigeclubs macht es allen anderen schließlich deutlich vor. Aber auf diese Idee muss man erstmal kommen: Der FC will in den USA ein Fußball-Team auf die Beine stellen, um von dort aus den potenziellen Fans in Lateinamerika näher zu kommen. Zugegeben: Ihr Antrag konzentriert sich auf den Standort Miami, wo ein enormer spanischsprechender Ethnik-Mix zuhause ist (mit Einwanderern nicht nur aus Kuba und Mexico, sondern auch aus Nicaragua, Honduras und Kolumbien). Miami sei das "Tor zu Amerika" für die Menschen aus dem Süden des Kontinents, sagte Barcelonas Präsident Joan Laporta der New York Times.
Der Grund für diese eigenartige Erklärung: Barcelona ist bereit, zusammen mit einem bolivianischen Geschäftsmann 50 Millionen Dollar auszugeben, um sich in Major League Soccer einzukaufen. Die MLS hat momentan kein Team in Florida (nachdem vorherige Versuche wirtschaftlich gescheitert sind). Ob es dazu kommt, entscheiden die Granden der Liga in der nahen Zukunft. Bislang haben sie erstmal wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass man ihnen in Spanien Komplimente macht. "Wir glauben, dass Fußball in den Staaten erwachsen wird", sagte Laporta. “Wir wollen Teil davon sein."
Nicht so erwachsen übrigens, dass es Borussia Mönchengladbach gereizt hätte, zur Vorbereitung auf die laufende Saison nach Denver zu reisen und dort – wie verabredet – das Traingslager in der Höhe durchzuführen, was vielleicht jene müden roten Blutkörperchen in Schwung gebracht hätte, die jetzt Christian Ziege in der niederrheinischen Tiefebene auf Trab bringen will.
Seit Juni durfte man gespannt sein, wann und wo das Thema hochköchelt. Denn da erzählte Landon Donovan im Interview auf dem Trainingsgelände von Los Angeles Galaxy ganz freimütig, dass er mit einem Wechsel nach Europa liebäugelt. Derselbe Landon Donovan, der noch vor einer Weile aus Leverkusen abgehauen war und dabei so tat, als brauche er das nicht: den Bundesliga-Alltag, sich beweisen müssen und die Einsätze in der zweiten Mannschaft. Was an unserem Gespräch vor allem verblüffte, war sein formidables Deutsch (einen Soundbite findet man in diesem Beitrag für den Deutschlandfunk) nach so langer Abwesenheit.
Wir haben uns nur über den Alltag bei Galaxy unterhalten und nicht über seine Karrierepläne. Ich bin sicher, er hätte sich auch nicht so einfach in die Karten schauen lassen. Obwohl seine Situation ziemlich klar auf der Hand liegt: Er verdient weit weniger als sein Mannschaftskollege David Beckham und die anderen Ausländer, die ihm Rahmen der Ausnahmeregelung in die Liga geholt haben. Auf der anderen Seite, ist der Spielgestalter deutlich der beste Amerikaner in Major League Soccer und ein wichtiger Faktor in der Nationalmannschaft und damit auch sehr viel mehr Geld wert, als die 900.000 Dollar, die er im Moment ausgeschüttet bekommt.
Jürgen Klinsmann, dem man zutrauen darf, dass er das Potenzial von Donovan aus dem Blickwinkel seiner Zeit in Kalifornien beurteilen kann, wollte ihn nach München holen, wie die Washington Post als erste berichtet hat. Der Deal scheiterte an den Vorbehalten im Bayern-Vorstand, heißt es. Donovan gilt aufgrund seines Abgangs aus Leverkusen von einst als nicht attraktiv genug. Ihn leihweise nach Deutschland zurückzuholen, kam für die Verantwortlichen von Major League Soccer nicht in Frage, wo man jeden Spielertransfer abnickt. Die Liga hätte schon gerne eine fette Ablösesumme, wenn sie das Aushängeschild ziehen lässt.
Kommerziell kommt MLS inzwischen einigermaßen vom Fleck. Die Betreiber von neuen Expansion Teams müssen 40 Millionen Dollar in die Gemeinschaftskasse einzahlen. Das eigentliche Problem ist die Zwickmühle, dier sich daraus ergibt, dass gute Jungstars wie Josy Alitdore und Michael Bradley (jetzt in Mönchengladbach) ständig abwandern, weil sie zuhause nicht viel dazulernen können und man dafür Alt-Stars von Rang und Namen einkaufen muss, die einen fremden Pass haben. Hier ein Stimmungsbericht. Blick zurück: Das Stühlerücken neulich bei Galaxy
Irgendwo auf der Welt muss ein Schiedsgericht sitzen, dass den inszenierten Jubel von Fußballspielern bewertet und Noten verteilt. Oder weshalb entwickeln Torschützen gleich nach dem Treffer diesen Pseudo-Rausch, in dem merkwürdige und völlig sinnlose Tänze und Showeinlagen aufgeführt werden, die überdies auch noch das Spiel aufhalten? Weil die Schiedsrichter so gerne ganz langsam zum Mittelkreis stiefeln, um mal richtig zu verschnaufen und gelassen auf die Jungs zu warten, die sich an der Eckfahne gegenseitig abgefingert haben?
Wohl kaum. Es muss etwas mit der einladenden Omnipräsenz der Kameras in den Stadien zu tun haben und der Logik einer Bildregie, die immer mehr das Drumherum berücksichtigt (darunter auch sogenannte reaction shots, die das Publikum zeigen und die WAGs und die Trainer, die hilflos am Rand herumzappeln). Das wird vermutlich alles noch schlimmer, ehe es wieder besser wird.
Viel schlimmer als im Fall von Fabian Espindola von Real Salt Lake in Major League Soccer geht wahrscheinlich aber gar nicht mehr. Der Argentinier springt jedes Mal eine Radwende plus Salto rückwärts, nachdem er den Ball im gegnerischen Tor untergebracht hat. So wie auch am Samstag in Carson gegen Los Angeles Galaxy. Problem Nummer eins: Bei der Landung verstauchte er sich den rechten Knöchel schwer und muss mindestens vier Wochen aussetzen. Problem Nummer zwei: Das Tor wurde wegen Abseits nicht gegeben. Wie die Übung aussieht, wenn sie gelingt, kann man in diesem Video sehen (im Anschluss an ein reguläres Tor). Entscheidende Stelle: ab 22. Sekunde (via The Big Lead und The Beautiful Game, wo man etwas voreilig behauptet hat, dass sich Espindola das Bein gebrochen hat).
Major League Soccer hat in Toronto ganz deutlich Fuß gefasst. Nirgendwo in der Liga sind die Fans so animiert wie in der kanadischen Metropole. Ein schönes Beispiel neulich vom Heimspiel gegen Red Bull New York: eine Attacke mit Papierschlangen, die den ausführenden Schützen beim Eckstoß stört. Wenn das so weiter geht, kommt vielleicht sogar in den anderen Stadien Stimmung auf...
Puh, das ist so gerade noch mal gut gegangen. Am Samstag lief im Deutschlandfunk mein Beitrag über David Beckham und Los Angeles Galaxy, wo er aufgrund einiger andere aktueller Ereignisse eine Weile auf der Warmhalteplatte lag. Drei Tage später sind zwei der Gesprächspartner nicht mehr in ihren Ämtern: Team-Manager Alexi Lalas wurde hinauskomplimentiert. Trainer Ruud Gullit, in seiner erste Saison in der amerikanischen Fußball-Liga MLS, nannte nicht näher spezifizierte persönliche Gründe, weshalb er die Brocken hingeworfen hat. Die Saison hatte sportlich sehr löblich begonnen. Als ich Anfang Juni zwei Tage lang in Los Angeles beim Training war, stand die Mannschaft an der Tabellenspitze im Westen und spielte guten Angriffsfußball. Was dem Team seitdem zugestoßen ist, bleibt ein Mysterium.
Der Nachfolger für Gullit ist der ehemalige Nationalspieler Cobi Jones, der keinerlei Erfahrung im Amt des Cheftrainers hat. Spekulationen machen Sinn, wonach Galaxy und vor allem die Firma dahinter – Anschutz Entertainment Group – tief in die Tasche greifen wird, um einen renommierten Ausländer zu verpflichten. Natürlich haben vor allem die Spieler an der Formkrise Schuld und müssen nach Ansicht vonAEG-Manager Tim Leiweke sich auch mal selbst fragen, was das Problem sein könnte. Aber wie immer wird erst mal an der Spitze der Pyramide herumgehackt, ehe man etwas tiefer einsteigt. Der Telegraph in London will allerdings etwas von einer Spielerrevolte gehört haben.
Lalas ist der bekannteste Cheerleader von Major League Soccer, immer bereit mit einem lockeren Spruch die Erwartungen hochzuhypen. Das hat ihm schon in New York den Job gekostet, als er von den neuen Besitzern von Red Bull an den Gang getan wurde. In Los Angeles wirkte er wie der perfekte Zirkusdirektor für eine ambitionierte Organisation, die in den Anfangsjahren der Liga ziemlich erfolgreich war. Er hatte sicher auch nichts dagegen, dass man David Beckham aus Spanien holte und schon gar nichts gegen den Ringelpiez, der sich dadurch entspann. Aber Beckham war im ersten Jahr eher eine Last für den Laden als ein Gewinn, auch wenn sich das Experiment finanziell ziemlich positiv auswirkte. In dieser Saison sah es nach einem Leistungssprung aus. Aber das Hauptproblem, ein wackliger Torwart und eine schläfrige Verteidigung, wurde nicht gelöst.
Die interessanteste Neuigkeit aus meinem Gespräch mit Landon Donovan, der übrigens hervorragend Deutsch spricht: Er liebäugelt nach den Frusterfahrungen in Leverkusen durchaus wieder mit einem Gastspiel in Europa. Der Mann ist erst 26 Jahre alt und der beste Spieler der US-Nationalmannschaft.
Schwer zu sagen, ob das gut ist oder belanglos: Aber Thierry Henry scheint ein ganz heißer Aspirant für die amerikanische Fußballiga zu sein. Er ist mal wieder in New York (zu einem Spiel zwischen Red Bull und Barca) und wurde am Wochenende mit dem Ausspruch zitiert: "Ich weiß nicht warum, aber ich habe schon als Junge davon geträumt, eines Tages in de USA zu leben ... es könnte schon bald passieren." Die Faszination für New York scheint am stärksten, auch wenn sie sehr undifferenziert daher kommt. Er mag Städte und Gebäude, sagt er. Nun, ja. Gebäude hat diese Stadt. Und zwar viele und viele ziemlich hohe. Aber die Sache hat einen Haken: Der Vertrag des Franzosen läuft bis 2011. Der Mann ist nicht auf dem freien Markt, wie das bei David Beckham der Fall war. Woher das Geld kommen soll, um ihn aus dem Deal herauszueisen, weiß vermutlich nicht mal Bürgermeister Michael Bloomberg. Und der ist Milliardär.