28. August 2007

"Aufjaulen an der Ampel"

Man macht sich von so weit weg nur schwer ein Bild von einer Sache wie dem Bloggerwesen in Deutschland. Aber neugierig ist man trotzdem. Auf die Geräusche, die da erzeugt werden. Auf die kleinen Blubberblasen, die signalisieren: Schau mal rein. Die Wellen im Wasser, die anschwappen, wenn der Stefan Niggemeier und der Don Alphonso und ein paar andere mal richtig zeigen, was sie können. Und auf die ganze Entwicklung einer Medienevolution, die scheinbar im Kriechtempo daher kommt und dann auch noch von ein paar typischen deutschen Schwierigkeiten gebremst wird. Die Erwartungen und Ansprüche der Geistesarbeiter, die an ihren Computern sitzen und schreiben: grenzenlos hoch. Die Bremsklötze der um ihre Pfründe fürchtenden Festangestellten in den Medienpalästen der Republik: riesig und schwer. Die Rechtsverhältnisse angesichts der massiven Abmahnbereitschaft arbeitsloser Advokate: unsicher bis gefährlich.

Und so versiegt dann ganz langsam die Kraft und Energie der Pioniere. Auch wenn jeder für sein Weh und Ach vermutlich andere Gründe nennt. Der Dirk Olbertz von blogscout.de etwa, der das führende Messintrument der deutschen Blogosphäre betrieben hatte, stellt den Dienst ein. Don Dahlmann, der seit fünf Jahren rastlos seinen Teil zum Geschehen beigesteuert hat, klingt müde. Und dann meint auch noch Don Alphonso von der Blogbar, von dem man sich als dem Chefideologen der Bewegung gerne immer wieder osmotisch beraten lässt:
"Die deutsche Blogosphäre ist wie ein Muscle Car mit SO einem fetten Turbo medial sichtbarer Blogger der positiven Selbsteinschätzung auf der Kühlerhaube, einem gigantischen Motor von zigtausenden Mikromedien und so wenig Stoff im Tank, dass es allenfalls zum Aufjaulen an der Ampel reicht."
Das klingt nicht nach gut. Klingt nicht mal nach Besserung. Klingt so, als ob am Ende eines Sommers ohne die Stimmungsbrause Fußballweltmeisterschaft alle ein wenig verschwitzt und ratlos unterm Kastanienbaum am Rand des Biergartens stehen und nicht wissen, ob sie hineingehen sollen und mit den anspruchslosen Normalbürgern um die Wette saufen und den hellen Tag vergessen oder nach Hause gehen und sich weiter abrackern.

Man versteht das Gefühl irgendwie. Vor allem wenn es jene beschleicht, die sich in erster Linie als Medienkriker begreifen und als Kulturskeptiker, die wohl heimlich gehofft haben, dass sie übers Internet ein größeres Publikum finden können für ihre gepflegten Betrachtungen als durch ein Traktat im Buchformat, herausgegeben im Selbstverlag. Die aber, weil sie aus Berührungsangst vor jedem Menschen mit Kapital und Eifer zurückschrecken, natürlich nie über den Standard einer Plastiktonne hinauskommen, wie sie unverdrossene Londoner am Speaker's Corner am Hyde Park besteigen. Die wissen bereits, dass da draußen die Stadt mit einem Millionenpublikum tobt, aber das sich nur Touristen für sie interessieren. Viele Blogger müssen das wohl erst noch lernen.

Dabei ist die Antwort auf die Fragen - Wie findet man Zuspruch? Und wie erarbeitet man sich Relevanz? Wie kommt man aus dem Speaker's Corner weg und findet Gehör? - ziemlich einfach (einfacher jeden Fall als die praktische Umsetzung). Indem man Dinge publiziert, die von den anderen ignoriert werden. Noch besser: Man liefert Material, an dem die anderen irgendwann nicht mehr vorbeikommen werden. Am besten: Es ist von einer entlarvenden, aufklärerischen Qualität. Entlarvend und aufklärerisch allerdings nicht wie eine akademische oder politische Betrachtung, sondern im Sinne von Informationsbeschaffung und Recherche.

Für diese Arbeitsweise gibt es keine verbindliche Bauanleitung und keinen Kursus auf der Journalistenschule. Jeder ist seiner Recherche Schmied. Man kann wie Wallraf vorgehen oder sich einen ganzen Ameisenhügel aus Zubringern zusammenbasteln. Man kann alle Register aus Bild und Ton und Links und Trackbacks und was weiß ich noch alles ziehen. Oder man kann mit dem scharfen Geist eines Meister Kisch Texte verfassen, in denen das drinsteht, was gesagt werden muss. Man kann auch mal nach Amerika schauen und sich darüber informieren, wie die Blogger das hier mit einem Vorsprung von gefühlten zweieinhalb Jahren handhaben. Aber nicht vergessen: die USA sind kein Paradies. Im Gegenteil. Aber es ist ein Land, in dem man nicht gleich müde wird, wenn es mal gerade nicht so gut läuft.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wenn man die Zeit hätte, gerne... Don Dahlmann könnte evtl. auch deshalb so müde klingen, weil er berufsmäßig gerade sehr eingespannt ist. Wenn dem so ist, möchte ich den Finger heben und schreien "Ich auch, ich auch!"

Zum zweiten: der Vergleich mit den USA hinkt. Ich höre immer wieder aus der US-Ecke (nicht nur von dir) strammen Optimismus das man aus Blogs was machen könnte. Ich glaube das "ihr" die Situation in einer zu rosaroten Brille seht und die Größe der deutschen Leserschaft und die Einnahmemöglichkeiten (z.B. via Werbung) überschätzt.

Lassen wir jetzt die 3-4 Deutschen aus, die sich als angebliche Profiblogger vorallem deswegen durch das Leben fressen können, weil sie es geschafft haben irgendwelche Konzerne oder Behörden von der Wichtigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Die Leute leben von ihren PowerPoint-Präsentationen die sie auf ihrer Tour zeigen, aber nicht vom Bloggen.

BILDblog (und deren Werbespot) güldet als Ausnahmeerscheinung nicht, aber selbst da: weder Blog noch Spot wären ohne Idealismus und Tagesjob nicht möglich.

Fragt man die Leute die an der Schnittstelle Medien/Werbung/Blogs sitzen, gibt der deutsche Markt alleine auf Basis von Bannerwerbung oder Sponsoring Profibloggertum in Deutschland nicht her.

Wer sowas wie Deadspin werden will, muss alles auf eine Karte setzen und sich für 6-12 Monate komplett aus seinem Job ausklinken und von Erspartem leben um eventuell dann soviel aufgerissen zu haben, dass er dann danach vom Bloggen leben kann. Erfolgschancen: extrem gering. Aber dafür alle Brücken zum alten Job abgerissen. Sowas macht man nur aus purer Verzweiflung oder weil man sich den Luxus erlauben kann.

Paul Niemeyer hat gesagt…

Wie findet man Zuspruch?
- Durch Kompetenz und Qualität. Auf Dauer setzen beide sich durch. Ausnahmen wie blogscout :( bestätigen die Regel.


Und wie erarbeitet man sich Relevanz?
- Durch exklusive Inhalte ("Projekt Nische"). Die großen Themen, die in den großen Medien vor- und durchgekaut werden, sind letztlich uninteressant für Blogs.


Wie kommt man aus dem Speaker's Corner weg und findet Gehör?
- Indem man sich mit ähnlichen Blogs vernetzt (Gastbeiträge, Kommentare etc.). An erster Steller steht mMn, Gehör bei anderen Bloggern zu finden, die Leser kommen dann von selbst.

Anonym hat gesagt…

Man kann auch mal nach Amerika schauen und sich darüber informieren, wie die Blogger das hier mit einem Vorsprung von gefühlten zweieinhalb Jahren handhaben.

der vergleich hinkt nicht nur, er stolpert!
während wir in good old germany mit medien versorgt sind, die auch unbequeme wahrheiten ans licht rücken, ist dies in den USA wohl nicht immer der fall! oder hat jemand in den mainstream-presseerzeugnissen, sei es TV oder zeitung, frühzeitig etwas kritisches, hinterfragendes über z.b. den irak-krieg bemerkt?

in deutschland liest keiner blogs, weil sie keiner wirklich braucht! es gibt genug unabhängige, kritische berichterstattung.

wie wir blogger nun mehr leser bekommen? indem wir weiter so schreiben, als ginge es uns nicht um den erfolg, sondern ums schreiben aus purer lust daran. wenn's einer list, schön. wenn nicht, the heck with it...

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Ich habe nicht gesagt: Macht es wie die Amerikaner. Und auch nicht: Alles läuft in die falsche Richtung. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass die Pioniere, an denen man sich ausrichten und aufrichten kann, einen neuen emotionalen Aggregatzustand signalisieren: Sie wirken müde. Ich bin sicher, dass andere/neue Blogger mit Frischkraft und Ideen existieren, die das Format weiterbringen. Und die brauchen ganz bestimmt nicht meine Ratschläge.
@ dogfood: Deadspin wäre sicher auch nicht dort, wo sie sind, wenn sie nicht das Kind eines Unternehmers wären, der eine ganze Blogfamilie auf die Beine gestellt hat. Und wenn Will Leitch nicht diesen extremen Bilderstürmerdrang hätte. Mehrere Blogs aus einem Haus (wie bei Gawker Media) wäre für Deutschland bestimmt ein Modell. Das andere ist der Typus von Blog mit mehreren Zulieferern, wie ihn die Politszene entwickelt hat.
@ Paul Niemeyer: Wir sind da gar nicht auseinander. Viele Wege führen nach Rom - für denjenigen jedenfalls, der nicht unterwegs stecken bleibt (was ich wirklich in den meisten Fällen sehr schade fände). Ich wünsche mir viele Initiativen, nicht weniger. Und ich wünsche mir, dass sie Erfolg haben.
@ duck: Ich bin mir nicht so sicher, was die Qualität deutscher Medienprodukte angeht. Das scheint eine gängige Einschätzung zu sein, aber lässt sich mit dem Irak-Krieg kaum belegen. Denk mal an Großbritannien, wo mehr als die Hälfte der Wähler gegen die Beteiligung des Landes an diesem zurechtgelogenen miitärischen Abenteuer waren und von den Medien nicht ignoriert wurden. Und trotzdem hat Blair gemacht, was er wollte. Der Hauptgrund für den Erfolg von neuen Medienformaten in den USA ist, dass dies eine Gesellschaft ist, in der Menschen gerne und viel kommunizieren. Man betrachtet relevante Informationen nicht als Wissensgut und Privateigentum, sondern als Treibsatz für wichtige (gesellschaftliche und wirtschaftliche) Prozesse und Entwicklungen. In einem solchen Land entstehen je nach Stand der Technologie immer wieder neue Plattformen. Natürlich auch weil sich Leute davon monetären Gewinn versprechen. Deutschland ist dagegen eher kommunikationsfaul und träge, was sich im gesellschaftlichen Alltag hinter einer Fassade aus schlauen Diskussionsrunden ausbreitet. Die wenigsten Journalisten (schon gar nicht die am Drücker) sind wirklich neugierig und offen, sondern arbeiten in Schablonen eines Wissenskosmos, der nach guter alter Sitte folgendermaßen beschrieben werden kann: Das haben wir noch sie gemacht...Das haben wir schon immer so gemacht...Da kann ja jeder kommen...
Da bleibt so manche Nische unbesetzt.

Jürgen Kalwa hat gesagt…

...das haben wir noch nie so gemacht...